Es gibt ein Schmuckstück, das kurz vor meiner Geburt aus dem Gold unserer Vorfahren für mich neu geschmiedet wurde, damit ich es an meinem 18. Geburtstag erhalte. Traditionell wird dieses Gold an das Kind weitergegeben, das die Linie fortführt. In meinem Fall gab es keine große Wahl, denn ich bin die Letzte; die Blutlinien so vieler Menschen enden bei mir. Alle Geschwister meiner Eltern und Großeltern sind unfruchtbar, früh gestorben oder haben ihre Kinder an Kriege, Krankheiten, Unfälle oder Zwischenfälle verloren.
Als ich zum ersten Mal schwanger wurde, habe ich es in seinem Versteck gelassen. Ich wollte es nicht neu schmieden lassen, es passte nicht. Auch in der darauffolgenden Schwangerschaft passte es nicht. In der Schwangerschaft mit der Kriegerin, viele Jahre später, als ich meinen Traum von ihr träumte, wie sie heute tatsächlich aussieht und ich ihren Namen wusste, da habe ich es an ihrem Hals gesehen. Ich hab es trotzdem in der Form gelassen, die für mich gemacht wurde. Mich berührt es. Die Gravur, die meinen 18. Geburtstag nennt. Ich wollte es nicht einschmelzen lassen. Es liegt seit so vielen Jahren an seinem Platz. In drei Monaten wird die Kriegerin 18 Jahre alt. Und etwas, das fast zwei Jahrzehnte keinen einzigen Gedanken wert war, erscheint plötzlich wieder in meinen Träumen. Ich weiß, dass sie es bekommen muss. Das war mir erst umso unverständlicher, weil bereits zwei meiner Kinder schon seit Jahren volljährig sind. Eines hat bereits die nächste Generation geboren und der Gedanke, dass es dort landet, ist eine romantische Vorstellung. Sie ist aber falsch. Ich denke an all die Geschichten, die meine Kindheit durchzogen, an all die Legenden, an die Namen unserer Vorfahren und dass es nie einfach dem erstgeborenen Kind übergeben wurde, sondern immer dem, das den Erzählungen am engsten verbunden war.
Meine große Tochter ist mein heller Spiegel. Alles Gute in mir findet sich um ein Vielfaches multipliziert in ihr wieder. So zielstrebig, emotional, in sich ruhend, der Welt verbunden. Wach und aufmerksam, aber nie der dunklen Seite zugewandt.
Mein großer Sohn ist etwas ganz Eigenes. Er wendet sich von Tradition und Überlieferungen ab und findet in seinem Tempo seinen ganz eigenen Weg.
Mein kleiner Sohn lebt in einer wiederum völlig anderen Welt aus Wissenschaft und Erkenntnis und Vernunft und Pragmatismus.
Die Kriegerin ist mein dunkler Spiegel. Sie trägt all das Potential in sich, mit dem ich mein Leben lang kämpfen musste. Segen und Fluch von Hochbegabung. Sie war seelisch bereits an den dunkelsten Orten und wir haben lange Jahre nicht gewusst, ob sie wieder ans Licht kommen würde. Sie ist das Dunkle. Rote Wut, schwarzer Hass. Sie ist die Verzweiflung, an eine Welt gekettet, in der ihre Fähigkeiten, ihr Potential, ihre Moral- und Wertvorstellungen nichts wert sind, weil die Menschheit schlecht ist. Weil das Gute immer verraten wird und Menschen schwach sind.
So dunkel ihre Seele ist, so hell wird ihre Flamme lodern, wenn sie sie entdeckt. Denn sie ist auch die Liebe. Sie ist die Leidenschaft. Das Feuer. Sie ist der Sturm, der alles hinwegfegt, was sich ihm in den Weg stellt. Bereit, für all jene einzustehen und zu kämpfen, die unter ihrem Schutz stehen. Sie sieht das noch nicht, aber ich kann es sehen. Konnte es immer schon.
Und darum weiß ich mit absoluter Sicherheit, dass unter meine Gravur die ihre gehört.
Nicht als Erstgeborene, nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil dieses Schmuckstück, seine Geschichte, seine Kraft - und dieser Teil meines Herzens - nur ihr gehören.