Was als kurzweiliger Besuch bei der großen Tochter mit der kleinen Tochter und dem kleinen Sohn geplant war, entwickelte sich für mich schnell zu einem ausgewachsenen Dilemma.
Ich war dort als Mutter meiner erwachsenen Tochter und als Oma ihres Kindes.
Gleichzeitig hatte ich meine eigenen Kinder dabei und plötzlich jonglierte ich Bedürfnisse auf drei verschiedenen Beziehungsebenen (vier, wenn man den Schwiegersohn mit einrechnet), die jeweils etwas anderes von mir verlangten.
Ich will meine große Tochter besuchen, sie hören, sehen und unterstützen, ohne mich gleichzeitig in ihr Muttersein einzumischen.
Ich will Zeit mit meinem Enkel verbringen und mich auf unser Kennenlernen einlassen.
Gleichzeitig blieb ich Mutter meiner eigenen Kinder, die in dieser speziellen Situation einen großen Berg eigener Bedürfnisse hatten und Probleme, sich an die Gegebenheiten ohne wirklichen Rückzugsort bei furchtbarer Hitze und in einer Umgebung mit ausschließlichem Fokus auf ein Baby anzupassen.
Meine kleine Tochter fuhr ihre erste lange Autobahnstrecke und saß freiwillig fast 5 Stunden hinterm Steuer ihres Autos, eine wahre Meisterleistung an Konzentration und Fokus und wurde dann in eine Umgebung geworfen, die auch noch ein hohes Maß an Sozialkompetenz erfordert.
Mein kleiner Sohn war zu Tode gelangweilt, hatte Hunger, Durst, müde, Pipi, kalt (bzw. zu heiß) und konnte weder auf bekannte Regulationsstrategien noch Komfortessen zurückgreifen und hing ebenfalls in der Luft, denn eigentlich wollte er die große Schwester besuchen, die er so sehr vermisst und nicht das Baby, das nun ihre ungeteilte Aufmerksamkeit forderte.
Wir kamen an und alles, was er wollte, war: Nach Hause.
Mir war zu heiß, ich hatte keine Rückzugsmöglichkeit, ich hatte extreme Schmerzen und Kreislaufprobleme, war völlig übermüdet und voller Adrenalin, eine lange anspruchsvolle Autobahnfahrt als Beifahrer begleitet zu haben.
Ich war froh, als wir am Montagabend alle im Bett waren bzw. die Tochter auf der Terrasse schlafen wollte, unter freiem Himmel geht es ihr gut.
Auch der zweite Tag war ziemlich anstrengend - ich hatte allen Beteiligten zur Wahl gestellt, wieder nach Hause fahren zu können, aber sie wollten ‘durchhalten‘ und ich verstehe das so gut. Wenn da etwas ist, man man liebt, die Umstände aber einfach schwer zu ertragen sind, dann hat es manchmal mehr von aushalten als von genießen.
Der Tag war schwierig. Richtig schwierig. Bis spät abends.
Es hat mich dabei fast verrückt gemacht, diese unterschiedlichen Anforderungen an mich nicht miteinander vereinbaren zu können.
Ich kann nicht einfach aufhören, Mutter zu sein, während ich Oma bin und andersherum. Und ich kann die Begegnung mit meinem Enkel nicht vollständig erleben, wenn ein großer Teil meiner Aufmerksamkeit bei meinen eigenen Kindern liegt.
Keines dieser ganzen Bedürfnisse, die an mich herangetragen wurden, war falsch, das Problem war vielmehr, dass Bindung Aufmerksamkeit braucht und Aufmerksamkeit eine sehr begrenzte Ressource ist.
Wir sind heute Nachmittag zurückgefahren und die Tochter hat einen Unfall auf der Autobahn verursacht. Niemand kam zu Schaden, nur das Auto ist lädiert, aber mir sitzt der Schock tief in den Knochen. Ich habe sie reguliert, so dass sie das Lenkrad vernünftig festgehalten hat und nicht in den Parallelverkehr lenkte, ich hab sie ruhig durch die Situation gebracht, hab Butz durch die Panik begleitet und das für uns alle gut gelöst. Wir konnten nach einer Stunde weiterfahren, sie hat sich wieder hinters Lenkrad gesetzt und auch wenn wir lange gebraucht haben, hat sie die verbleibende Zeit genutzt, um sich selber davon zu überzeugen, dass nichts passiert und dass ein Fahrfehler nicht bedeutet, dass sie kein Auto fahren kann.
In all dieser Zeit habe ich gegen meine eigene Panik gekämpft, gegen die gefühlte Hilflosigkeit, gegen den Impuls, sie nicht mehr fahren zu lassen und alles was ich wollte, war einfach nur, nach Hause zu kommen und selber endlich einmal gesehen und aufgefangen zu werden.
Ich möchte in irgendeiner Beziehung meines Lebens mal nicht gebraucht werden, sondern einfach nur gemeint sein.
Und als Fazit dieses Besuchs bleibt mir nur die Erkenntnis, dass Liebe sich vermehren kann, ungeteilte Aufmerksamkeit jedoch nicht.
Und manchmal bedeutet das Finden einer neuen Rolle vielleicht auch, sich bewusst Räume zu schaffen, in denen man sie überhaupt ungestört erleben kann. Dass das so nicht möglich ist, sehe ich inzwischen deutlich.