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Potential als Illusion

Never date potential heißt es, aber ich bin der Überzeugung, dass es fast unmöglich ist, in der Phase des Kennenlernens und Werbens den echten Charakter eines Menschen zu sehen, wenn man sich nicht schon vorher kannte oder freundschaftlich verbunden war. 
In der Zeit des umeinander Werbens investieren Menschen unfassbar viel Energie, Fokus, Zeit, Aufmerksamkeit und allem voraus: Selbstkontrolle. Man sieht in einem Menschen nie wieder so deutlich sein Potential wie in der Zeit, in der er wirbt. Wir sehen ihre besten Seiten und nichts davon ist falsch, denn die Anlagen sind ja da. Sie setzen sich bewusst mit den Bedürfnissen ihres Gegenübers auseinander und sind bereit, eingefahrene Wege zu verlassen, um echte Verbindung herzustellen. 

In dieser Phase decken wir erfahrungsgemäß auch alle Varianten von Liebessprache ab, selbst die, die wir im Alltag dann stark vernachlässigen. 
Psychologisch gesehen handelt es sich um einen Zustand erhöhter Motivation, ohne dass dieses Verhalten bereits dauerhafter Bestandteil von Persönlichkeit geworden ist. 
Wir lassen uns nur allzu gerne davon blenden. 
Sobald Beziehung ihren Ausnahmezustand verlassen hat und Normalität Einzug hält, übernehmen Routinen, Stress, alte Mechanismen und unreflektierte Verhaltensweisen wieder die Führung. Das Potential, das bis dahin sichtbar war, ist noch vorhanden, aber es erfährt keine Entsprechung im Alltag. 

Meistens ist es dann schon zu spät: Man ist verliebt und man hat ja am eigenen Leib erfahren, zu was dieser Partner in der Lage ist oder sein könnte, also verliebt man sich ein zweites Mal - in die Illusion, es würde sich etwas ändern. Man vergisst zu leicht, dass Menschen sich selten ändern wollen. 

Und so ist Enttäuschung unvermeidbar. 
Man misst seinen Partner an dem Standard, den er selber gesetzt hat, weil wir glauben, dass er dauerhaft so sein könnte. Potential ist aber nur eine Möglichkeit, keine Eigenschaft. Wer aufgrund der Werbungsphase unbewusst die Fähigkeiten, die Intelligenz, die emotionale Reife, die der Partner im hormonellen Ausnahmezustand gezeigt hat, als bereits vorhandene Charaktereigenschaft im Alltag voraussetzt, verstrickt sich schnell in Erwartungen, die der Andere gar nicht erfüllen kann, weil er noch kein Werkzeug besitzt, diese Möglichkeiten in sein tatsächliches Verhalten zu integrieren. 
Das führt gezwungenermaßen zu Enttäuschung, Überforderung und Konflikten. Der Partner fühlt sich durchgehend überfordert und missverstanden, weil von ihm etwas verlangt wird, wozu ihm noch die Selbstreflexion, emotionale Regulation oder grundlegende Bereitschaft zu Veränderung fehlen. 

Menschen entwickeln sich nicht allein dadurch, dass jemand ihr Potential erkennt.
Erst wenn ein Mensch bereit ist, Verantwortung für Entwicklung übernehmen zu wollen, statt nur auf Druck von außen zu reagieren - wenn er willens ist, kontinuierlich an sich zu arbeiten und neue Verhaltensweisen zu verinnerlichen, wird aus der außergewöhnlichen Version seiner selbst stabile Realität. 

Die wenigsten von uns kommen dorthin.

Kati 26.07.2026, 18.00

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Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.

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