Ausgewählter Beitrag
Dabei hat sich innerhalb relativ kurzer Zeit weniger die sexuelle Praxis verändert als die Sprache, mit der sie beschrieben wird. Die heutige Sexualkultur verfügt über ein hochdifferenziertes Vokabular für Vorlieben, Rollen, Dynamiken und Praktiken.
Diese Begriffe erfüllen ohne Frage wichtige Funktionen: Sie ermöglichen Verständigung, erleichtern Kommunikation und schaffen Zugehörigkeit. Gleichzeitig verändern sie aber unsere Wahrnehmung. Was einen Namen besitzt, wird kognitiv greifbar. Und wer diesen Namen verwendet, erscheint mit der dazugehörigen Erfahrung vertraut. Genau daraus entsteht ein paradoxer Fehlschluss: Wir verwechseln die Fähigkeit, eine Erfahrung zu kategorisieren, mit der Fähigkeit, sie zu machen.
Menschen, deren sexuelle Sozialisation nur ein oder zwei Jahrzehnte früher stattfand, haben ihre Sexualität häufig unter anderen kommunikativen Bedingungen entwickelt. Sie konnten mit Macht, Hingabe, Kontrolle, Fesselung, Fantasie oder Grenzerfahrungen experimentieren, ohne dafür jemals ein festes Vokabular zu benötigen. Eine Praxis musste keine Kategorie sein und eine Vorliebe nicht gleich Identität werden.
Sie konnte schlicht etwas sein, das zwei Menschen miteinander entdeckten und mochten. Wer heute für dieselbe Erfahrung einen präzisen Begriff kennt, besitzt deshalb nicht zwangsläufig mehr sexuelle Erfahrung – sondern zunächst einmal nur mehr begriffliche Ordnung.
Zusätzlich überschätzen Menschen, wie selbstverständlich die eigenen Denk- und Ausdrucksformen auch für andere sein müssten. Wer gelernt hat, Sexualität über Labels zu strukturieren, nimmt diese Struktur leicht als Normalität wahr. Verwendet ein anderer Mensch die entsprechenden Begriffe nicht, erscheint ihm deshalb nicht nur dessen Sprache fremd, sondern dessen Erfahrungswelt vermeintlich kleiner. Aus sie nennt es nicht so wird unbewusst sie kennt es nicht. Ich frage oft und gerne nach Bedeutung von Begriffen und bin mitunter erstaunt, dass sie für etwas existieren, das ich seit Jahrzehnten im Alltag praktiziere, ohne jemals einen Grund gesehen zu haben, sie außerhalb meiner Beziehung benennen zu müssen. Ich besitze für einen Großteil meines Sexuallebens keine öffentlich lesbare sexuelle Sprache, wozu auch?
Erfahrung muss sich nicht in Begriffen organisieren. Manchmal ist gerade das Gegenteil der Fall: Was längst selbstverständlich geworden ist, muss nicht mehr benannt werden. Die Zuschreibung Vanilla sagt deshalb häufig erstaunlich wenig über die Sexualität der bezeichneten Menschen aus.
Sie beschreibt vielmehr die Wahrnehmungsschwäche eines unreflektieren Beobachters, der fehlende Informationen selten konsequent als Nichtwissen behandelt, sondern Wissenslücken mit dem füllt, was plausibel erscheint.
Kati 03.08.2026, 18.00
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