Abläufe

Es ist 1998.

Es war anstrengender als ich dachte.

Das Telefon hatte ich schnell im Griff, auch wenn Anita und Natascha mich jedes Mal skeptisch ansahen, wenn ich nicht hineinstöhnte, sondern mich ordentlich meldete.

Anita und Natascha unterhielten sich auch in meiner Gegenwart in polnisch. Das wurde recht schnell zu einem Hintergrundrauschen, das ich ganz angenehm fand. Ich war ohnehin damit beschäftigt, einen Drucker, einen Locher und einen Aktenordner zu suchen, weil DEM Peter seine handschriftliche Loseblattsammlung auf dem Schreibtisch eine Vollkatastrophe war.

Dann klingelte es. An der Tür diesmal. Anita blickte mich erwartungsvoll an. Anscheinend war das meine Aufgabe? „Du gehst hin und begrüßt ihn und dann darf er sich eine Frau aussuchen.“ Zeitgleich mit dem Klingeln kamen 3 weitere Frauen in Reizwäsche ins Zimmer geschlendert, die sich auf dem Ledersofa drappierten und anscheinend nicht wissen wollten, wer ich bin. Es klingelte erneut. Ich war überfordert. Natascha knurrte in meine Richtung: „Tür. Gehst du.“

Und ich ging.

Kunde. Es ist ein Kunde, ich bin freundlich und professionell, ich kann das.

Es klingelte ein weiteres Mal. Ich reiße also die Haustür auf und starre einen völlig durchschnittlichen Mann an, der mich ebenfalls anstarrt. „HALLO!“, sage ich zu laut und zu hektisch und er fokussiert mich wie ein Rehkitz im Scheinwerferlicht.

Er scheint sehr offensichtlich zu überlegen, ob er sich einfach umdrehen und wegrennen sollte. Ich starre weiter. Was sagt man zu einem Freier? KUNDE, skandiert meine innere Betriebsaufsicht sofort und ich trete einen Schritt zurück und öffne die Tür. Ich zwinge mir ein Lächeln aufs Gesicht. „Kommen Sie doch herein!“

Er scheint sich ganz und gar nicht sicher zu sein, ob er hereinkommen möchte und bleibt lieber stehen und starrt weiter. Ein Räuspern. „Ich… habe angerufen? Ich hab das noch nie gemacht.“

Na super. Dann haben wir ja beiden unseren ersten Tag im Puff. Ich verfluche mich, meine Schnapsidee, den Peter und diese Situation im Allgemeinen.

Aber gut, irgendwie muss ich ihn ja zu den ganzen Frauen kriegen, die da im Wohnbüro sitzen und sich vermutlich fragen, was zur Hölle so lange dauert. Also ziehe ich ihn halb herein und schließe die Tür hinter ihm. Er zuckt zusammen. Fantastisch.

„SO!“, sage ich laut und in einem Tonfall, der ihn erneut zusammenzucken lässt. „DANN WOLLN WIR MAL!“

Ach du meine Güte. Daran würde ich noch arbeiten müssen. Ich schiebe ihn ins Wohnbüro und er läuft knallrot an. 5 halbnackte Frauen lächeln verführerisch und kommen auf ihn zu. Inzwischen möchte auch ich davonlaufen. Anita blickt mich auffordernd an. Ich stottere herum. „Äh. Ja. Also ich hole Ihnen mal was zu trinken und Sie machen es sich gemütlich und suchen sich was Schönes aus!“

Irgs. Ausbaufähig. Anita guckt etwas entsetzt, widmet sich dann aber dem Mann. Der sieht maximal überfordert aus. Natascha hat sich auf seinen Schoß gesetzt und leckt ihm das Ohr ab. Ich möchte ihn retten. Mich stößt die Szenerie im selben Maße ab wie sie mich fasziniert.

Eine halbe Stunde und ein sehr deutliches Feedback in meine Richtung von Anita später kommt der Mann mit der rothaarigen Frau, die er sich ausgesucht hat, wieder herein. Ich straffe die Schultern und erkundige mich, ob alles zu seiner Zufriedenheit gelaufen ist. Er lächelt selig und ich begleite ihn zur Haustür, wünsche ihm noch einen schönen Tag und erkläre ihm, dass er jederzeit willkommen sei.

Ich lehne mich von innen an die Tür, als die Rothaarige zur mir kommt. Sie drückt mir beiläufig einen beunruhigend schleimigen Riesendildo in die Hand und sagt: „Du kannst das Zimmer dann wieder fertig machen. Ich bin übrigens Claudia.“

Ich starre auf das Ding in meiner Hand, schlucke ein paar Mal trocken und frage: „Kann das in die Spülmaschine?“

Claudia dreht sich noch mal um, wirft ihre langen roten Haare zurück und ihre nackten Brüste wackeln, während sie aus vollem Halse lacht.

„Willkommen im Team!“