Der kleine Erziehungsratgeber III

Zur literarischen Zwangssozialisation als Instrument frühkindlicher Berufsorientierung unter besonderer Berücksichtigung geschwisterlicher Rangordnung

Das Foto zeigt drei Jugendliche, die dicht nebeneinander unter einem beigefarbenen Pavillon sitzen und jeweils ein aufgeschlagenes Buch vor sich halten. Die Bücher verdecken ihre Gesichter fast vollständig.

Links hält eine Person mit rötlich-braunen Haaren und einem dunklen Minnie-Mouse-Pullover das Buch „Leadership by Game of Thrones“ hoch. Auf dem Einband sind mehrere Figuren aus der Fernsehserie abgebildet.

In der Mitte sitzt ein Jugendlicher im grauen Kapuzenpullover mit angezogenen, weit auseinandergewinkelten Knien. Er hält das knallrote Kinderbuch „Die schlimmsten Kinder der Welt“ von David Walliams vor sich. Auf der Rückseite steht in großen Buchstaben: „Bitte, bitte, bitte, tausend und ein weiteres Mal bitte: LEST DIESES BUCH BLOSS NICHT!“ Besonders auffällig ist seine Handhaltung: Er streckt demonstrativ den Mittelfinger vor dem Buch nach oben. Über dem Buchrand sind seine gesenkten Augen und seine tief gerunzelte Stirn zu sehen.

Rechts sitzt ein weiteres Kind in grauer Kleidung mit neongrünen Akzenten. Er hält das weiß-graue Sachbuch „Grundformen der Angst“ von Fritz Riemann hoch, das sein Gesicht vollständig verdeckt.

Im Hintergrund ist eine Hauswand aus Bruchsteinen zu sehen.


Aus bildungswissenschaftlicher Perspektive verwässert wohl nichts so sehr das berufliche Potential von angehenden Erwachsenen, wie die völlig überholte Vorstellung, Kinder sollten freiwillig lesen. Diese Auffassung ist nach neuesten Erkenntnissen der Forschung kaum haltbar.

Lesen ist keine Freizeitbeschäftigung.
Lesen ist eine präventive Arbeitsmarktmaßnahme.

Das vorliegende Bild dokumentiert hier die erfolgreiche Implementierung eines familieninternen, altersheterogenen Literaturzwangprogramms mit bemerkenswerter berufsbiografischer Aussagekraft.

Drei Kinder wurden mit Lektüre ausgestattet und befinden sich in einem Zustand weitgehender äußerlicher Bewegungslosigkeit. Dieser Umstand allein darf ja schon als pädagogischer Erfolg gewertet werden: Kinder soll man sehen, aber am besten nicht hören. In Bewegung sind sie Erwachsenen in weiten Teilen unzumutbar.

Wir richten unseren Blick auf die individuelle Literaturauswahl:

Die Kriegerin, in diesem Haushalt das mittlere Kind der Geschwisterhierarchie, beschäftigt sich mit dem Fachwerk „Leadership by Game of Thrones“.
Aus berufsorientierender Perspektive ist diese Wahl außerordentlich vielversprechend. Während andere Jugendliche mühsam Sozialkompetenzen erwerben, setzt sich die Kriegerin bereits mit hochentwickelten Verfahren strategischen Machterhalts, politischer Intrigenbildung und der nachhaltigen Entfernung innerbetrieblicher Konkurrenz auseinander.

Das Werk bereitet damit hervorragend auf eine Tätigkeit im gehobenen Management vor. Insbesondere die in Westeros bewährten Führungsinstrumente – Drohung, Erpressung, Bündnisbruch, rohe Gewalt und gelegentliche Hinrichtungen – besitzen ein beachtliches Transferpotential für mordende moderne Unternehmensführung.

Die Position als mittleres Kind verstärkt diese Prognose erheblich. Mittlere Geschwisterkinder entwickeln häufig ein besonderes Gespür für Machtverhältnisse, da sie weder über das historische Erstgeburtsrecht noch über die institutionalisierte Schutzbedürftigkeit des Letztgeborenen verfügen. Sie müssen ihre Interessen folglich strategisch unter Anwendung von verfügbaren Mitteln durchsetzen. „Der Zweck heiligt die Mittel“ ist ein Satz, den man häufig von mittleren Geschwisterkindern hört.

Im Zentrum befindet sich der Kobold, das in diesem Haushalt zurzeit älteste Kind.
Seine Thronfolgerposition findet durch die Positionierung in der Mitte eine äußerliche Entsprechung. Er ist das Zentrum, um das sich alles dreht. Er übernimmt nach dem Auszug der älteren Geschwister nun die traditionelle Rolle des erstgeborenen Kindes inklusive Beanspruchung aller damit einhergehenden Rechte.

Er liest „Die schlimmsten Kinder der Welt“ und hält dabei demonstrativ den Mittelfinger empor. Diese Kombination ist entwicklungsdiagnostisch von besonderem Interesse.

Das Buch ermöglicht zunächst eine literaturgestützte Selbstverortung innerhalb devianzorientierter Vergleichsgruppen. Das Kind beschäftigt sich mit gesellschaftlich unerwünschtem Verhalten und erhält hierdurch Gelegenheit, das eigene Handlungsspektrum kritisch zu reflektieren. Die zeitgleich gezeigte Handgeste lässt vermuten, dass dieser Reflexionsprozess bereits zu einem individuellen Ergebnis geführt hat: Der Kobold hat die gesellschaftliche Norm erkannt, sie verstanden und entschieden, sich ihr nicht zu beugen.

Hier offenbart sich eine bemerkenswert frühe Form der nonverbalen institutionellen Opposition bei fortbestehender Bildungsbeteiligung.

Anders als bei gewöhnlicher Schulverweigerung wird hier die Lektüre keineswegs abgelehnt, vielmehr gelingt es dem Kind, die elterlich geforderte Bildungsleistung zu erbringen und gleichzeitig seine Haltung gegenüber dem zugrundeliegenden Erziehungssystem unmissverständlich mitzuteilen.

Wir erkennen hier bereits erhebliches berufliches Potential:
Insbesondere Tätigkeiten als Gewerkschaftsführer, Betriebsratsvorsitzender, Oppositionspolitiker oder Sprecher einer unzufriedenen Berufsgruppe erscheinen naheliegend. Auch eine spätere Karriere im Bereich diplomatischer Kommunikation kann nicht ausgeschlossen werden, wenngleich dafür eine geringfügige Anpassung des gestischen Vokabulars erforderlich scheint.

Rechts im Bild befindet sich das Nesthäkchen der Familie.
Es liest „Grundformen der Angst“ von Fritz Riemann.

Während seine älteren Geschwister sich mit Macht und gesellschaftlicher Regelabweichung auseinandersetzen, beschäftigt sich der Butz mit den psychischen Grundlagen menschlicher Existenz.

Diese Wahl lässt eine ausgesprochen anspruchsvolle Berufsprognose zu. Der Butz dürfte zum Leidwesen seiner Mitmenschen später entweder Psychotherapeut, forensischer Psychiater oder Leiter einer internationalen Kriseninterventionseinrichtung werden.

Als jüngstes Kind befindet er sich in der beneidenswerten Position, die familären Machtkämpfe der älteren Geschwister über Jahre hinweg beobachten zu können ohne deren Entstehung mitverantworten zu müssen. Das schafft ideale Voraussetzungen für eine eher distanzierte klinische Betrachtungsweise.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass konsequenter Lesezwang in der Kindheit keineswegs die Individualität des Kindes unterdrückt, im Gegenteil: Es bringt sie in bemerkenswerter Deutlichkeit zum Vorschein.

Die Kriegerin wird herrschen.
Der Kobold wird rebellieren.
Der Butz wird diagnostizieren.

Und die Eltern können nur hoffen, dass nicht ausgerechnet diese drei Kinder eines Tages beschließen, ein gemeinsames Unternehmen zu gründen.

Dunkelzeit

Die Nacht des Winteranfangs ist vorüber.

Wir sind aus dem goldenen Oktober ins Winterhalbjahr gerutscht und der heutige Tag macht dem November bereits alle Ehre.

Es wird nicht richtig hell, es ist nicht richtig dunkel. Es ist trüb und selbst die golden leuchtenden Blätter der großen Hainbuche vor dem Haus hängen leb- und farblos am Baum.

Alles steht still.

Ich bin gut durch die Nacht gekommen. Mit unerwarteter Begleitung. Ich habe geträumt. Vom Leben. Von der Liebe. Von Küssen und Versprechen und Helligkeit, die den heutigen Tag Lügen strafen möchte.

Und doch habe ich Angst.

Ich weiß, dass das Grau mich nicht in den Abgrund reißt. Ab morgen wird das Licht hier einziehen, wie jedes Jahr. Schon einige Wochen macht der Mann mir mein Licht im Erdgeschoss an, damit ich morgens nicht in die Dunkelheit hinabsteige. Und ab morgen kommt unter dem Deckmäntelchen der Weihnachtsdekoration Licht um Licht hinzu, bis wir es alle heil in die Julnacht geschafft haben.

Es ist die anspruchsvollste Zeit des ganzen Jahres. Ich begleite das Dunkle, das noch so wenig zuverlässige Schilde gegen das Schwarz in der eigenen Seele besitzt, dass ich ihr zeitweise meine leihen muss. Ich sehe, wie sie strauchelt. Wie das Feuer in ihrem Inneren flackert, dieses Wesen aus Energie und Schaffensdrang an Antrieb verliert und nach sich selbst tastend im Grau herumirrt.

Ich habe nun schon so viele Jahre Erfahrung in dieser Begleitung und hoffe immer wieder inständig, dass es uns nicht zurückreißt in die Zeit, die auch heute in der Erinnerung noch unerträglich scheint. Ich weiß nicht, wie wir es hindurch geschafft haben. Sie und ich.

Wir haben uns aneinander geklammert.

Sie hat viele Wunden geschlagen, die mir auch heute noch weh tun. Und ich habe mein Bestes getan, diese Wunden nie als Angriff sondern immer nur als Verteidigung zu sehen, aber ja, da sind sie.

Ich erinnere mich an den absoluten Tiefpunkt – wie wir uns beide weinend gegenüberstanden und ich sie aus tiefster Seele mit aller Verzweiflung aus Leibeskräften anbrüllte, dass ich ihr Recht darauf, ihr Leben zu beenden, bis zu meinem letzten Atemzug verteidigen werde, aber dass es mir Herz und Seele zerreißen wird, sie gehen lassen zu müssen und dass ich keine Ahnung habe, wie ich jemals ohne sie leben soll.

Dankbar.

Dafür, dass ich an Samhain für sie keine Kerze ins Fenster stellen musste.
Dafür, dass ich sie hier bei mir habe.

Noch 50 Nächte bis zur Julnacht.
Wir schaffen das.

Alltag in Azeroth

Vom harten Los eines durchschnittlichen Helden in Azeroth.

Wer glaubt, das Leben eines Helden in Azeroth bestünde aus epischen Schlachten, sagenumwobenen Schätzen und grenzenloser Freiheit, die Welt zu erkunden, hat offensichtlich noch nie auf eigene Kosten seine Rüstung repariert.

Bereits um 5 Uhr morgens beginnt in Sonnenfels der erbarmungslose Überlebenskampf.

Seit es Housing gibt, darf der Held wenigstens in seiner eigenen Hütte statt im Gasthaus mit all den anderen Champions der Horde übernachten, aber 5 Uhr ist 5 Uhr. Während die Allianz noch friedlich schläft, kämpft unsere Hauptfigur mit seinem ersten Endgegner: Der eigenen Rüstung. Die sitzt dank täglicher Festmahlzeiten etwas strammer, aber was nicht passt, wird eben passend geatmet.

Anschließend erfolgt die tägliche Begrüßung durch das Haus- und Reittier. Anders als handelsübliche Hunde verfügt dieses über Flügel, mehrere hundert Zähne und eine ausgesprochen mangelhafte Speichelkontrolle.

Danach ruft auch schon die Arbeit.

Unser Held schlägt die Angriffe der Leere schon längst nicht mehr aus moralischer Überzeugung zurück sondern aufgrund ihrer attraktiven Vergütung. Er sammelt Blumen, beutet Bodenschätze aus, erschlägt überdimensionierte Lebewesen und verkauft hinterher all sein Zeug an den Meistbietenden im Auktionshaus.

Abends beginnt endlich die wohlverdiente Freizeit.
Man trifft seine Freunde, betritt gefährliche Dungeons und … stirbt. Was andernorts als katastrophaler Betriebsausflug gelten würde, nennt die Jagdgesellschaft einen gelungenen Gildenabend.

Natürlich darf das gesellige Beisammensein in der Arkantine nicht fehlen. Dort wird geredet, gefeiert, getrunken, gelacht und die mühsam erwirtschaftete Tagesleistung innerhalb kürzester Zeit wieder ausgegeben.

Unser Held endet dort, wo er morgens startete: Pleite.

Um zwei Uhr nachts kehrt er noch heim, deckt liebevoll seinen Drachen zu und morgen geht das Ganze von vorne los.

Denn ob in Azeroth oder anderswo: Man arbeitet den ganzen Tag, gibt abends sein Geld mit Freunden aus und fragt sich anschließend, wo es geblieben ist.

Wenigstens darf man in Azeroth gelegentlich einen Weltboss erschlagen.

Verlorene Jahre

Es ist Mai 2005, ich bin gerade zu meiner besten Freundin Kim in den Kurzurlaub gefahren. Nur meine Tochter und ich. Sie hat einen Sohn, der nur etwas jünger ist als meine Tochter und ist schwanger mit ihrem zweiten Kind.

Wir verbringen eine absolut schöne Zeit miteinander.

Als ich einige Tage später wiederkomme, ist der Exmann mal wieder im Haus. Wir sind schon längst von Tisch und Bett getrennt aber müssen noch im selben Haus leben, es geht gerade finanziell nicht anders. Meistens übernachtet er eh „in der Firma“, das ist zumindest das, was er erzählt. Es ist mir meistens egal, Wahrheit war noch nie sein Steckenpferd.

Ich gehe ihm aus dem Weg und gehe in mein Arbeitszimmer.
Mein Computer ist weg.

Ich stelle ihn zur Rede.
Mit unerschütterlicher Arroganz und Selbstherrlichkeit eröffnet er mir, er hat ihm einen Kumpel für 50 € „verkauft“, dafür hat er sich Zigaretten geholt, ansonsten wäre er blank gewesen.

Ich denke gerade wieder viel an diesen Computer. Auf diesem Computer war alles, was ich jemals geschrieben hatte. Meine Tagebücher, meine Bilder, meine Dokumente. Das Buch, das ich angefangen habe zu schreiben, als ich 15 war. So etwas wie BackUps hatte ich damals nicht.

Ich weiß bis heute nicht, ob er diese Sachen vorher gelöscht hat. Ob ein fremder Mensch sie gelesen hat oder den Computer platt gemacht hat. Ich weiß es nicht.

Ich weiß aber, dass dort unfassbar Kostbares aus meinem Leben drauf gespeichert war, das nun unwiederbringlich verloren war.

Und jetzt gerade, im Rahmen dieses Archivs hier, trauere ich doppelt darum.

Der Rätselhafte

Ich dachte zunächst, es sei gar kein Einkaufszettel. Auf dem Zettel, achtlos weggeworfen auf einem Supermarktparkplatz, stand lediglich

Hotel Hofmark
Thermen in Bad Birnbach

Ich habe das selbstverständlich gegoogelt. Vom Supermarktparkplatz bis zum Hotel Hofmark in Bad Birnbach sind es exakt 627 Kilometer.

Das Hotel Hofmark scheint ein Vier-Sterne-Hotel in Bayern zu sein, das auf seiner Homepage mit einer Bademantelgang wirbt.

Vor meinem inneren Auge ziehen also marodierende Rentner in Bademänteln durch Bad Birnbach, bis mir beim weiteren Studium der Seite klar wird, dass es nicht die Bademantelgang ist, sondern der Bademantelgang und einen Zugang vom Hotel zur Rottaltherme bezeichnet.

So weit, so enttäuschend. Ich hätte den Zettel um Haaresbreite nur in den Müll befördert, ohne ihn umzudrehen, doch im letzten Moment habe ich bemerkt, dass er noch eine Rückseite hat. Ein Einkaufszettel!

An Menschen, die Urlaub in über 600km Entfernung in einem Kurort erwägen und Thermen zu schätzen wissen, hat man natürlich eine gewisse Erwartungshaltung. Zum Beispiel, dass sie wissen, wie man Champignons schreibt. Aber gut.

Die Rückseite:

Champignaus
Wurst
Tomaten
Brat
Sahne
Buttermilch

Ich weiß nicht, in wessen kulinarischer Welt das zusammenpasst, aber das angefangene Brat macht mich fertig: BratWAS? Und vor allem: Was verwirft man im Schreiben innerhalb der ersten vier Buchstaben so konsequent, dass man es nicht mal zuende schreibt, sondern einfach durchstreicht?

Kein Grundnahrungsmittel auf der Liste, nichts.
Ich bleibe ratlos zurück.

Angst

Es gibt Kinder, die lässt man mit schwererem Herzen in die Welt hinaus.

Nicht, weil sie weniger könnten oder man ihnen weniger zutrauen würde, sondern weil man nach zwei Jahrzehnten Begleitung sehr genau weiß, wie hoch der Preis ist, den sie für all das zahlen müssen, das anderen Menschen zufliegt.

Weil man erlebt hat, dass Rückschläge nicht einfach nur kleine Stolpersteine sind, sondern zu großen unverrückbaren Felsen werden, die das eigene Selbst und dessen Bild zu einem unbewegbaren Häufchen Mutlosigkeit zusammenquetschen, das lange brauchen wird, um sich davon zu erholen und neu Anlauf zu nehmen.

Und all dieses Wissen darf trotzdem nie zur Maxime meiner Handlung werden. Im Gegenteil. Meine Angst gehört mir. Nur mir. Sie ist nichts, was meine Kinder tragen dürfen.

Also blicke ich auf den Weg, der schon zurückgelegt wurde. Auf all die Momente, in denen ich als Mutter innerlich verzweifelt bin, ob dieser Mensch, an den ich so vorbehaltlos glaube, für den sich die Welt aber immer einen Ticken zu schnell dreht, wieder einen Preis würde zahlen müssen, den er kaum aufbringen kann.

Ich sehe, wieviel alles kostet. Ich sehe, wie sorgfältig dieses Kind alles ausbrütet, wo seine Geschwister fröhlich juchzend ins Abenteuer springen. Wie lange die Verpuppung dauert, wo um ihn herum gefühlt jeder andere schon die gesamte Transformation durchlaufen ist.

Und ich kenne den Moment, in dem er springt.

Und dann kommt die Angst. Meine Angst. Nicht seine.
Denn er hat in der Deckung seiner Verpuppung diese Ängste schon längst bewegt, hat in einem langwierigen Prozess bereits alle Fürs und Widers durchgekaut und ist zu einem Schluss gekommen, den er mir erst mitteilt, wenn er schon in Bewegung ist.

Und dann kann ich nur noch innehalten. Atmen. Hoffen.

Glauben.

An dieses wunderbare Kind, diesen jungen Mann, der immer ein bisschen Gewicht zu viel im Rucksack hat, um wirklich frei laufen und springen zu können und es dann irgendwann trotzdem tut.

Extrawurst [2026]

Wir werden unmittelbar an den Ort des Geschehens gebracht.
Vereinssitzung eines dörflichen Tennisclubs.

Es soll ein neuer Grill angeschafft werden, die Sitzung wird um ein Haar völlig unspektakulär beendet, da steht die zugezogene Großstädterin auf und schlägt vor, einen zweiten Grill für Muslime anzuschaffen. Also für den einen Muslim, der sich im Club befindet. Für „den Türken“, der eigentlich gebürtiger Deutscher ist und ab diesem Punkt nimmt das Drama seinen Lauf.

Vorneweg: Ich habe selten einen Film gesehen, bei dem so viel geredet wird. Im Grunde genommen kann man den Film auch hören, denn Dialog ist hier kein notwendiges Nebengeräusch für Handlung, sondern Handlung selber. Allerdings würde einem dann hier auch wieder ein allen voran mimisch großartiger Christoph Maria Herbst als hochgradig korrekt erscheinen wollender vegetarischer linker atheistischer liberaler Großstädter entgehen und das will man ja auch nicht.

Die erste Stunde vergeht wie im Flug. Es ist ein wahres Fest den Darstellern zuzuhören, wie sie die ihnen zugewiesenen Rollen immer weiter auflösen bis schließlich niemand mehr dem Klischee entspricht, das er so verzweifelt versucht, nicht zu sein.

Wir werden also von einem schnellen intellektuellen Schlagabtausch mitgerissen, in dem die Beteiligten so vehement darauf bestehen, selber vollkommen vorurteilsfrei zu sein, dass sie immer mehr Vorurteile bemühen müssen, um ihre eigene Vorurteilsfreiheit zu beweisen. In diesem Rahmen demontiert Sprache ihren eigenen Inhalt so konsequent selbst, dass man erfreulich aufmerksam bleiben muss, um die Widersprüche zwischen dem Gesagten, dem Gemeinten und dem Offenbarten zu erkennen.

Was ich besonders mag: In Extrawurst wird niemandem die komfortable Position der moralisch überlegenen Hauptfigur übergeben, im Gegenteil. Jeder kämpft innerhalb der Verteidigung seiner eigenen Toleranz mit wahlweise Eitelkeiten, Widersprüchen, Empfindlichkeiten und großen blinden Flecken in der eigenen Weltoffenheit.

Parallel dazu geht es auch um die berühmte Goldwaage als Instrument der Gesprächsführung. Über weite Strecken kann man im Film sehr gut nachvollziehen, was die Figuren „eigentlich“ sagen wollen und trotzdem berechtigt kritisieren, dass wir inzwischen in einer Welt leben, in der wir die sprachliche Diversität besitzen, uns präzise ausdrücken zu können. Eine gute Absicht macht eine unglückliche Formulierung mit Wohlwollen vielleicht verständlich. Sie macht sie darum aber nicht unangreifbar.

Umgekehrt beweist eine unglückliche Formulierung alleine noch keinen Rassismus, Vorurteile oder schlechte Absicht, doch die Grenze zur Frage, wieviel Mühe und Weiterbildung wir einander beim Formulieren unserer Anliegen eigentlich schulden, bleibt fließend. Die Goldwaage darf kein Instrument werden, das man ausschließlich an die Worte der Anderen anlegt.

Was ich ebenfalls bemerkenswert finde ist die Umsetzung des Themas frühkindliche rassistische bzw. vorurteilsbehaftete Prägung. Es ist ein Unterschied, ob ein Mensch eine Überzeugung theoretisch intellektuell entwickelt hat oder ob er diese Überzeugung bereits so tief verinnerlicht hat, dass sie auch unter emotionaler Belastung sein Handeln bestimmt.

So lange ein Thema noch entspannt und ohne persönliche Beteiligung diskutiert wird, kann jeder Mensch vollkommen aufrichtig weltoffen, tolerant und vorurteilsbewusst argumentieren, keine Frage. Aber sobald Kränkung, Scham, Wut, oder das Gefühl, persönlich angegriffen zu werden, hinzu kommen, reduziert sich diese Fähigkeit.

Die Bereitschaft zu differenzierter Betrachtung nimmt ab, das ist evolutionsbiologisch völlig nachvollziehbar, die Krone der ethisch erhabenen Zivilisation kommt hierbei jedoch bedenklich ins Rutschen.

Unter emotionalem Druck greift der Mensch gerne auf vertraute Deutungsmuster zurück. Das können auch rassistische Stereotype sein, die auf einer bewussten Ebene eigentlich längst abgelegt wurden. Das heißt nicht, dass alle Reflexion Lüge war, nur, dass sie unter Belastung noch nicht tragfähig ist. Vielmehr zeigt sich die tatsächliche Tiefe einer Überzeugung weniger daran, wie überzeugend jemand sie in einem ruhigen Gespräch vertreten kann, sondern eher daran, was von ihr übrig bleibt, wenn er wütend ist, brüskiert wird oder sich gedemütigt fühlt.

Zurück zum Grill.

Erol, der unfreiwillig zum Grund des moralisch unanfechtbaren Aktionismus‘ in Form der Forderung nach einem zweiten Grill geworden ist, möchte diesen Grill eigentlich gar nicht. Er ist der einzige Mensch, den dieses Thema betrifft und er lehnt diese „Extrawurst“ zunächst ruhig und besonnen ab.

Das Thema ist aber damit nicht erledigt.

Stattdessen verschiebt sich das Ziel.

Es geht plötzlich nicht mehr darum, dass dieser Mensch etwas bekommt, was er bruacht oder möchte – es geht darum, dass die anderen etwas fordern können, was sie selbst für moralisch richtig und unangreifbar halten. Erols Ablehnung wird nicht als selbstbestimmte Entscheidung anerkannt, sondern als Störung des moralisch „richtigen“ Vorhabens behandelt – damit bügeln gerade die Personen, die für Toleranz, Respekt und Gleichberechtigung eintreten, seine Selbstbestimmung unter dem Deckmäntelchen moralischer Überlegenheit einfach ab.

Die gute Absicht wird zur Legitimation, sich über alles und jeden hinwegzusetzen, der den eigenen Zielen nicht mehr dient.

Vielleicht ist das auch das Fazit. Moral an sich ist kein unabänderlicher Ist-Zustand. Moral muss erkämpft, überprüft und verteidigt werden.

Auch und gerade gegen sich selber.

Herr Winkler

Ich wählte die Nummer.

Es ist 2004. Vor einem Jahr hatte ich auf unschöne Weise, bei der ein Gerichtsvollzieher eine entscheidende Rolle gespielt hatte, herausgefunden, dass mein damaliger Mann meine gesamten Ersparnisse, meine Notreserve, mein Firmenkonto und mein Elterngeld veruntreut hatte und ich war seitdem eigentlich durchgehend damit beschäftigt, irgendetwas zu tun, um mein Kind, meine Tiere und mich durch die Tage zu bringen.

Ich würde auswärts arbeiten müssen. Meine Selbständigkeit hatte ich aufgegeben, ich war froh, dass ich das, was er angerichtet hatte, irgendwie wieder gerade biegen konnte. Aber ich hatte ganz allumfassend keine Lust mehr. Dieser Mann log und betrog und klaute und sabotierte alles, was ich aufbauen wollte. Die Ehe war schon lange keine mehr, aber ich hatte noch keinen Weg gefunden, wie ich würde gehen können.

Meine Tochter war gerade mal 2 Jahre alt. Es zerriss mir das Herz, sie in Betreuung geben zu müssen, damit ich arbeiten gehen konnte. Ich schob die Zettel mit Nummern von Tagesmüttern, die ich vom Jugendamt bekommen hatte, beiseite und wählte die Nummer, die ich in der Zeitung gefunden hatte.

„WINKLER!!!“

Ich zuckte zusammen. Ein Mann brüllte mir mit tiefer und dröhnender Stimme ins Ohr. Ich war müde. Und erschöpft. Ich sagte meinen Namen und dass ich auf die Zeitungsanzeige hin anrufen würde, ich suchte Arbeit. „SIE KÖNNEN SICH MORGEN FRÜH UM 8 UHR VORSTELLEN!“ Er brüllte mir noch eine Adresse ins Ohr und legte dann auf.

Friss oder stirb. Ich kannte den Arbeitsmarkt.
Ich blickte auf meine zweijährige Tochter und hatte keine Ahnung, wie ich das hinbekommen sollte. Ich hatte niemanden für die Betreuung. Ich würde sie mitnehmen müssen. Es war ja nur ein Vorstellungsgespräch, sagte ich mir. Es würde irgendwie gehen müssen.

Am nächsten Morgen scheuchte ich mein Kind auf eine sehr frühe Hunderunde und machte uns dann fertig. Um 7:50 Uhr standen wir vor einem großen Einfamilienhaus, das gut und gerne auch für drei Familien reichen würde. Es war gigantisch. Ich hatte meine Tochter auf dem Arm und suchte nach einem Klingelschild.

Ich war so hochkonzentriert, dass ich die Frauen, die die ganze Zeit an mir vorbeiliefen, erst spät bemerkte. Sie gingen alle an der Seite des Hauses entlang und verschwanden dahinter. Hm.

Vielleicht?

Ich setzte mich in Bewegung. Ich ging am Haus vorbei, meine Tochter klammerte sich müde und skeptisch an mich und ich machte beruhigende Geräusche. Als ich um die Ecke bog, war das erste, das ich sah, gigantische grauglänzende Stahltüren. Im „Garten“ hinter dem Haus stand ein Kühlhaus von den Maßen eines Überseecontainers und ich starrte, wie Frauen die großen Hebel drückten, hineingingen und mit Kisten von Gemüse wieder herauskamen. Wie Ameisen reihten sie sich aneinander, ruhig, miteinander redend, aber extem effizient. Alle trugen weiße Schürzen, Haarhauben, Handschuhe, Mundschutz. Und sie gingen mit dem Gemüse unter einer hohen Pergola, die über und über mit Blauregen bewachsen war, wieder ins Haus. Eine Art Kellereingang, aber mit großen Doppeltüren. Alles gefliest.

„WER STEHT DENN DA RUM? ES GIBT GENUG ZU TUN?!?“ Ich zuckte zusammen und meine Tochter quietschte erschrocken auf. Als ich mich umdrehte, kam gerade ein unfassbar runder großer Mann um die Hausecke gebogen. Glatze, fusselige, feine hellblondgrau abstehende Haare an den Seiten, die aussahen, als würden sie einem Gibbonäffchen gehören. Hosenträger über dem viel zu engen Hemd, das über Bauch und Brust gefährlich auseinanderklaffte und unweigerlich fragte ich mich, wieviel Bewegung diese Knöpfe wohl noch aushalten würden. Sein ebenfalls kugeliger Unterleib steckte in einer Cordhose, die von den Hosenträgern oben gehalten wurde und er wurde von bemerkenswert dünnen Beinchen erstaunlich schnell durch den Garten getragen.

Er schüttelte mir nicht die Hand. Er mache ein Geräusch wie ich es mache, wenn mir der Hund folgen soll und ich setzte mich in Bewegung. Ich wich den Ameisenkolonnen aus weißbeschürzten Frauen aus, während ich im Slalom versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Er verschwand im Haus. Unterwegs brüllte er jeder Frau Anweisungen zu, immer begleitet von einem tösenden „HOPP HOPP!“.

Er stoppte in einer Art Kleiderkammer. Hier hingen Jacken und lagen Taschen wild herum. Er wühlte bereits an einem Schürzenständer herum. „DIE SOLLTE PASSEN! SO GANZ DÜNN SIND SIE JA NICHT!“ Er hängte mir eine schwere Gummischürze um, die mir bis an die Schienbeine reichte und wickelte mich und meine Tochter darin ein, während er hektisch die Bänder einmal in meinem Rücken kreuzte und dann vorne zuband. Mein Kind saß immer noch auf meiner Hüfte und starrte diesen polternden runden Riesen an. „HANDSCHUHE!“ Im selben Augenblick stülpte er meiner Tochter ein Haarnetz über ihre blonden Locken und setzte ihr einen viel zu großen Mundschutz vor die Augen und knotete ihn hinter ihrem Kopf fest. Sie geriet kurz in Panik, ich zog den Mundschutz von ihren Augen und wurde kurzerhand derselben Prozedur unterzogen. „HANDSCHUHE“ brüllte es in mein Ohr und ich fand das erste Mal seit unserer Begegnung meine Stimme wieder. „Ich. Ähm. Also ich bin nur für ein Vorstell…“

„HOPP HOPP!“

Er war schon wieder draußen. Ich stolperte in der schweren Gummischürze, in der meine Tochter nun fest mit mir verknotet saß hinter ihm her, hatte ein paar Gummihandschuhe in der Hand und versuchte, Schritt zu halten.

„DAS IST BETTINA! WENN DU FRAGEN HAST, GEH ZU BETTINA!“

Bettina verarbeitete gerade an einer riesigen Arbeitsbank Salat in einer Geschwindigkeit, in der ich in meinem ganzen Leben noch nie jemanden hab arbeiten sehen. Sie und die anderen Ameisen hielten lange scharfe Messer in den Hände und bewegten sich so synchron, schnell und präzise, dass mir schwindelig wurde. Ich wusste jetzt schon, dass ich hier nicht arbeiten wollen würde. Das war definitiv nichts für mich.

„HOPP HOPP!!!“ brüllte Herr Winkler und ich hoppste ein Stück nach vorne. „HIER IST DIE KÜCHE, HIER SIND DIE GERÄTE! HIER SIND DIE WAAGEN! HIER KOMMST DU NUR HIN, WENN DU RICHTIG GUT BIST!“

Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt immer noch keine Ahnung, was hier eigentlich gemacht wurde. Oder wofür. Aber es schien mir auch wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für Fragen zu sein.

Herr Winkler baute sich wie ein brüllender Mond vor mir auf.

„ICH BEZAHLE GUT UND PÜNKTLICH! ICH ERWARTE DEINE HÖCHSTLEISTUNG, SONST FLIEGST DU. HIER WIRD NICHT GEKLAUT. WIR MACHEN KEINE PAUSEN. WENN DU ANFANGEN WILLST, MUSST DU ZWEI TAGE DURCHHALTEN. WENN DU DANN NICHT WEINST ODER AUFGIBST, BEKOMMST DU EINEN VERTRAG. VERSTANDEN? DU KANNST MORGEN WIEDERKOMMEN!“

Ich starrte ihn an. Es ist ja nicht so, dass ich groß eine Wahl gehabt hätte. Ich nickte.

„STEFANIE!!“ Eine der kleinen Ameisen aus der Küche apparierte sofort vor uns. „BEANTWORTE IHRE FRAGEN! FÜNF MINUTEN! UND DIE HÄNGST DU HINTEN DRAN!“

Er verschwand weiter hinten im Haus. Ich stand da mit schief sitzender Haarhaube, außer Puste und meinem Kind auf dem Arm vor Stefanie und mir fiel keine einzige Frage ein. Also starrte ich sie an.

Sie blickte auf meine Tochter. „Bist du allein mit ihr?“
Ich nickte. Es war einfacher, als jetzt irgendetwas erklären zu müssen. Und im Grunde war ich das ja auch. Wir hatten nur uns beide.

„Wenn du dich anstrengst und durchhältst, bekommst du ab und zu was extra. Hier bleiben nur die Besten und die ganz Harten. Es ist nicht leicht. Wir dürfen nachmittags das mit nach Hause nehmen, was nicht ausgeliefert wurde. Das reicht, um dich und ein Kind zu ernähren, wenn du nicht viele Ansprüche stellst. Kartoffeln, Karotten, Brokkoli, Zwiebeln, Sellerei, Mais, alles frisch, alles kochfertig.“

„STEFANIE!!“

„Ich muss weitermachen. Vielleicht sehn wir uns ja.“

Ich nickte. Welche Wahl hatte ich schon.

48 [Vom Überleben, Leben und Sterben. Und von der Liebe.]

48 also.

Das ist schon eine ganz beachtliche Leistung für jemanden, der seinen ersten Selbstmordversuch hinter sich hatte, bevor seine Lebenszahl zweistellig wurde.

Gestorben bin ich irgendwo auf halber Strecke trotzdem. Gleich zweimal hintereinander, ich pflege, die Dinge gründlich zu machen. Da ich währenddessen auf einem OP-Tisch lag und einen Teil meines eigenen Herzens in die Welt entlassen habe, wäre es damals aber auch egal gewesen. Ich hatte das Kostbarste ja schon erschaffen. Ich. Unfassbar.

Rückblickend wäre mir ohne die erfolgreiche Reanimation dennoch einiges entgangen.

Ich hätte nicht erlebt, wie allumfassend ich mich aus den Fesseln von Gewalt und Missbrauch würde befreien können. Was Liebe ist. Echte Liebe. Wie kompromisslos ich einen kleinen Menschen würde lieben können, den das Universum mir anvertraut hat. Mir. Und wie gnadenlos ich all das Destruktive beendet habe, was bis dahin Teil meines Lebens war.

Ich hätte den Mann nicht kennengelernt. Den Menschen, der mir ermöglicht hat, innerlich zur Ruhe zu kommen. Der mir Freiheit, Sicherheit, Frieden und ein Zuhause geschenkt hat.

Ich hätte die vier Lieben meines Lebens nicht begleiten können. Und Gott, was hätte ich verpasst. Zu sehen, wie sich aus diesen so ersehnten Babys neugierige Kinder und schlussendlich wunderschöne selbstwirksame Erwachsene entfalten. Wie ihre Verpuppungen immer neue Versionen ihrer Selbst hervorbringen, die ich kennen- und immer wieder neu lieben lernen darf.

Ich hätte meinen Seelenhund nicht getroffen, der mich nun schon 10 Jahre begleitet und mit unbeirrbarem Blick aus seinen bernsteinfarbenen Augen in der Gegenwart hält, wannimmer die Dunkelheit mich zu verschlingen droht.

Ich hätte das Enkelbaby nicht getroffen. Dieses perfekte Geschöpf – aus einer Eizelle entstanden, die seine Mutter bereits im Körper trug, während sie noch unter meinem Herzen lebte. Niemand kann mir erzählen, dass das Leben keine Wunder für uns bereithielte.

Und schlussendlich hätte ich sehr allumfassend verpasst, mich selbst zu finden. Es ist noch gar nicht so viele Jahre her, dass ich begonnen habe, mich losgelöst von all meinen Mechanismen und Programmierungen mal zu fragen, wie dieses „glücklich und frei“ für mich persönlich eigentlich aussieht.

Was ich eigentlich wirklich brauche, um am Ende sagen zu können: Ja. Das war mein Leben und es war gut.

Und die Antwort war so überraschend wie deutlich: Erstaunlich wenig.

Ein paar Jahre dürfen es gerne noch sein, aber bis ans Maximum gelebt und geliebt?

Ja. Das habe ich.

Vermessenheit

Ich würde es der Tochter und dem Schwiegersohn so gerne ersparen.

Den Kampf, den kenne ich. Nur zu gut. Die Auseinandersetzung mit denen, die einen Anspruch ableiten, den sie gar nicht besitzen. Die so lange auf Familie pochen, bis aus einem Wort, das Verbundenheit ausdrücken sollte, nur noch Verpflichtung wird.

Man sollte meinen, sie wüssten doch noch, wie es war. Es ist doch kaum 25 Jahre her, als sie selber ihr erstes Kind in Armen hielten, völlig überfordert in eine neue und unbekannte Rolle hineinwachsend, unsicher, übermüdet, sich ständig fragend, ob man es schaffen wird, dieses kostbare kleine Geschöpf am Leben zu halten und dabei selbst nicht verrückt zu werden.

Aber sie haben vergessen. Und so zerren und ziehen und fordern und wüten sie in diesen zarten Banden herum, getrieben von ihrer eigenen Egozentrik und Bedürftigkeit, über ein neues Leben verfügen zu wollen, das ihnen nicht mal gehört.

Dabei verlieren sie die jungen Eltern so grundlegend aus dem Blick, dass jede Bemerkung wie ein Todesstoß gesetzt wird, die Bindung zu Kind und Schwiegerkind herabsetzend, die nur noch dafür da zu sein scheinen, das geliebte Enkelkind zur Verfügung zu stellen, wie es den Großeltern am besten in den Kram passt.

Wie kann man so sein?

Sprachlos.

Freiwillig

Ich feiere meinen Geburtstag seit Jahren zuverlässig mit meinen liebsten Menschen im Spiel.

Wir wohnen alle zu verstreut, um einfach mal kurz zusammensitzen zu können, also sammeln wir unsere Avatare in Azeroth und verbringen dort unsere Abende miteinander.

Und am Montag habe ich Geburtstag.

Ich werde wie jedes Jahr meinen Geburtstag abends in Azeroth feiern. Und ich werde dieses Jahr das erste Mal dafür keine Werbetrommel rühren. Die Leute wissen inzwischen, wann ich Geburtstag habe. Sie wissen, dass ich abends da bin. Sie wissen, dass es mir viel bedeutet, wenn sie vorbeischauen. Ich habe meine Gefühle klar kommuniziert. Konstant. Lange Jahre.

Ich weiß auch, dass es manchmal schwer ist, sich sozialen Zwängen zu entziehen, aber jemand, der sich verpflichtet fühlt, zu erscheinen, obwohl er sonst schon längst nicht mehr da ist, der hat nicht verstanden, worum es geht. Also bleibe ich still und das ist mir dieses Jahr sehr schwer gefallen, denn es haben sich viele zurückgezogen. Denn ich mag diese Menschen sehr sehr gerne.

Aber sie treffen eigene Entscheidungen und können sich grundlegend entscheiden, ob sie Kontakt zu mir haben wollen oder nicht. Wer sich zurückzieht, wird Gründe haben. Ich laufe niemandem hinterher, so schmerzhaft der ein oder andere Verlust für mich auch ist.

Und manches hat vielleicht auch einfach seine Zeit.

Also blicke ich in den Kalendereintrag „Gildenereignis“ und sehe die Namen, die so lieb und vertraut sind, dass ich genau weiß:

Die, auf die es ankommt, die sind da.

Immer.

Der existenziell Erschütterte

Laternenfest

Protokoll Feste

Laternen?

Lichterketten?

Teelichter LED?

Dienstag Laternen

Wir sehen schon am unterstrichenen ersten Wort, dass es sich hier eher um einen Themenkomplex als um einen klassischen Einkaufszettel handelt. Was folgt, sind weniger kaufbare Dinge als vielmehr orientierungslose Hilferufe auf der Suche nach verbindlichen Antworten im Dschungel des urbanen SanktMartin-Brauchtums oder wie wir modernerweise sagen: Laternenfest.

Immerhin die Laternen sind schon besorgt, wie mir scheint, das Wort ist zu meiner Erleichterung durchgestrichen.
Protokoll Feste wirft mich auf unangenehme Weise in meine Zeit als KindergartenElternbeirat zurück und ich vermute beim Einkaufszettelschreiber eine ähnlich undankbare Position, die mir durch den gesamten Zettelaufbau gestützt wird. Hängen wir Lichterketten auf? Fragezeichen! Die Frage beantwortet dir niemand ohne eine weitere Sitzung oder ohne Abstimmung, am Ende musst du es ohnehin wieder alleine entscheiden.

Nächste Frage, die du dir wieder selber beantworten (und dann alles drum herum organisieren musst): Nehmen wir LED Teelichter oder kommt irgendjemand wieder auf die absurde Idee, man müsse „wie früher“ Kinder, die gerade einmal wissen, wie sie alleine in eine Matschhose steigen, an einem gar nicht so langen Holzstab eine dünne und sehr gut brennbare Papierlaterne, die unter Mitwirkung von reichlich gesundheitlich unbedenklichem Klebstoff und Hilfe einer bedenklich unterkoffeinierten Mutter bei einem „BASTELNACHMITTAG“ auf zu kleinen Stühlen zusammengekleistert wurde, offenes Feuer durch unwegsames Gelände tragen lassen?

Ich kann die Gedankenspirale bis hierhin fühlen.

Ein paar atemlose Erinnerungen später geht es weiter: Lichterketten?
Vermutlich für die Deko. Denn nicht nur, dass man in eisiger Kälte Anfang November zu einer Zeit, in der Kindergartenkinder normalerweise längst schlafen müssen, auf einem Hof steht, wo 20-50 müde und aufgeregte Kinder mit ihren Laternen herumfuchteln, dabei schräg und falsch eingeübte Lieder kreischen und man dann durch die Nachbarschaft zieht, wohl wissend, dass man das Kind nach wenigen Metern sowieso tragen muss, nein – im Anschluss wird noch geselliges Beisammensein organisiert! Meistens mit Suppe, Glühwein für die entnervten Eltern, Kinderpunsch für die übermüdeten Kinder und dem Klassiker: warmen Würstchen in Brötchen. Der Geruch warmen Wurstwassers gehört zu meinen klarsten Novembererinnerungen der letzten zwei Jahrzehnte.

Eigentlich gehört hier noch die Martinsbrezel auf die Liste, aber sie schließt mit einem geradezu erschöpften und resignierten Dienstag Laternen ohne eigenes Satzzeichen, was hier schon sehr traurig anmutet.

Ich fühle dich, kleiner Einkaufszettel, ich fühle dich.

Geschrieben? Ich tippe auf Mutter mit Kindergartenkind (vermutlich das erste Kind, danach ist man so schlau, sich nicht mehr in den Elternbeirat wählen zu lassen, außer man übernimmt halt wie ich gleich den ganzen Förderverein und ist auf JAHRZEHNTE an dieses Amt gefesselt, aber ich schweife ab), leicht überfordert bis genervt von ihrer Umgebung, Laternen im Allgemeinen, Sankt Martin im Besonderen und die eigenen Lebensentscheidungen aktiv infrage stellend.


3,4k rio

Es gibt ihn.
Und es gibt die schlechten Spieler.

Er ist der Alptraum aller Gruppen, die ihren Schlüsselstein anmelden. Irgendwann kommt der ultimative Gott in Spielerform, der sich als DD mit dem Text „3,4k rio Main“ anmeldet.

Und jeder weiß, was man bekommt, wenn man diesen Persönlichkeitstypus in die Gruppe einlädt: Einen Spieler mit einem Selbstbewusstsein, das längst jene Dimensionen erreicht hat, in denen Selbstreflexion aus Platzgründen nicht mehr stattfinden kann.

Dabei ist das Problem nicht die durchaus zu bewundernde Professionalität und Leistungsfähigkeit, sondern die Ansicht, daraus seinen Wert als Mensch abzuleiten. Wer weniger Schaden verursacht, ist nicht einfach spielerisch unterlegen, sondern offensichtlich charakterlich prinzipiell schon mal ungeeignet, an dieser Art von Content teilzunehmen.

Er selber ist natürlich unangreifbar. Er beherrschte die Mechaniken der aktuellen Saison selbstverständlich schon, bevor das Spiel überhaupt existierte. Indem sämtliche Fehler im key ausschließlich den Mitspielern zugeschrieben werden, bleibt das eigene Selbstbild unangreifbar. Ein verlorener Schlüsselstein ist somit niemals persönliches Versagen, sondern lediglich der bedauerliche Beweis für die Unfähigkeit der übrigen Warcraft-Bevölkerung.

Am Ende steht ein Mensch, dessen Selbstwert nahezu vollständig an Leistung, Überlegenheit und soziale Rangordnung gebunden ist. Zusammenarbeit wird nicht als wechselseitiger Prozess verstanden, sondern als Privileg, das der Protagonist großzügig gewährt.

Der Könner bin ich, das Problem, das ist deins.

Eine vollständige Persönlichkeitsbeschreibung in neun Worten.

Der kleine Erziehungsratgeber II

Zwei Kinder stehen einander gegenüber in einem Garten, ihre Gesichter sind nicht zu sehen. Das linke Kind hält eine elektrische Heckenschere, das rechte eine rote Kettensäge. Zwischen ihnen ragt eine Axt mit blauem Kopf und gelbem Stiel vom Boden in die Luft. Das Kind, das die Axt hält, liegt hinter dem Grünzeug am Boden und ist nicht zu sehen. Die drei Werkzeuge kreuzen sich über einem üppig bewachsenen Blumenbeet mit grünen Blättern, Tulpen und gelben Narzissen. Im Hintergrund steht ein Holzzaun aus senkrechten Brettern. Das Bild ist aus niedriger Perspektive aufgenommen, beinahe auf Höhe der Blumen.

Zur neurodivergenzsensiblen naturnahen Werkzeugsozialisation unter besonderer Berücksichtigung unterschiedlicher Begabungsprofile im geschwisterlichen Arbeitsverbund

Eine der bedenklichsten Entwicklungen gegenwärtiger Erziehung besteht in der zunehmenden Entfremdung des Kindes von produktiver körperlicher Arbeit.

Während frühere Generationen ab dem Kindergartenalter eigenständig Brennholz sammelten, Nutztiere versorgten und gelegentlich den elterlichen Hof gegen einfallende Soldaten verteidigten, beschränkt sich die moderne Entwicklungsförderung auf das Sortieren bunter Holzklötze, das Erschaffen von jahreszeitlich passender Fensterdekoration und die zentrale Frage, ob sich das Kind bei alledem auch ausreichend gesehen fühlt.

Die Folgen sind verheerend.

Immer mehr Heranwachsende erreichen die Pubertät, ohne jemals schweres Arbeitsgerät in der Hand gehalten zu haben.

Das vorliegende Bild dokumentiert daher ein erfrischend konsequentes Gegenmodel im Versuchsaufbau neurodivergenzsensibler altersheterogener Werkzeugexposition im Rahmen familiärer Sebstwirksamkeitsförderung.

Wir sehen drei Kinder, die mit unterschiedlichen Schneidwerkzeugen ausgerüstet und anschließend weitestgehend sich selbst überlassen wurden. Die Arbeitsgeräte korrelieren hier in geradezu mustergültiger Weise mit individuellen kognitiven Voraussetzungen.

Links im Bild sehen wir den ältesten Sohn. Er hält eine Heckenschere. Eine pädagogisch nahezu geniale Entscheidung. Die Heckenschere besitzt die Eigenschaft, innerhalb kürzester Zeit eine außerordentlich hohe Anzahl mechanischer Schneidbewegungen auszuführen, die jedoch seitens des arbeitenden Kindes keinerlei feinmotorische Einzelentscheidung über jeden Schnitt erfordern.

Sie überträgt gewissermaßen die motorische Unruhe ihres Bedieners auf ein technisches System und transformiert diese in eine gesellschaftlich akzeptierte Form produktiver Aktivität. Besonders bei Aufmerksamkeitsdefizitstörungen versuchen herkömmliche Förderkonzepte immer noch, das Kind zum Stillsitzen anzuhalten, hier eröffnet die Heckenschere einen revolutionären Perspektivwechsel:
Nicht das Kind muss still werden – die Umwelt muss sich mitbewegen!

Für den Kobold ergibt sich daraus zugleich eine klare soziale Funktion: Er übernimmt die Regulierung des familiären Außenraums. Was übersteht, wird korrigiert, unerwünschtes Wachstum wird zuverlässig unterbunden – hier ist naheliegend, eine frühe Vorbereitung auf leitende Verwaltungsfunktionen zu vermuten.

Rechts im Bild befindet sich die Kriegerin, das in dieser Geschwisterkonstellation mittlere Kind. Ihr wurde eine Kettensäge zugewiesen.

Während die Heckenschere lediglich korrigiert, trifft die Kettensäge Grundsatzentscheidungen. Hier geht es nicht länger um kosmetische Anpassungen bestehender Strukturen, sondern um deren vollständige Beseitigung. Die Bedienung verlangt antizipatorisches Denken, räumliche Vorstellungskraft und die Fähigkeit, irreversible Entscheidungen unter Bedingungen unmittelbarer Konsequenz zu treffen.

Wir sprechen hier von exekutiver Hochleistungsplanung unter Bedingungen potenzieller Strukturauflösung.

Gerade für mittlere Geschwisterkinder ist diese Erfahrung entwicklungspsychologisch bedeutsam. Zwischen dem Autoritätsanspruch der älteren Geschwister und der vermeintlichen Schutzbedürftigkeit des jüngsten Kindes geraten ihre Bedürfnisse häufig ins Hintertreffen.

Die Übergabe einer Kettensäge beendet derartige Hierarchiediskussionen auf bemerkenswert effiziente Weise. Wer über das leistungsstärkste motorisierte Schneidgerät verfügt, muss seine Bedeutung innerhalb des Familiensystems nur noch selten verbal erläutern.

Von herausragendem wissenschaftlichem Interesse ist jedoch der am Boden liegende Butz, das neurodiverse und hochbegabte jüngste Kind.

Während seine älteren Geschwister aufrecht stehen und hochentwickelte technische Geräte bedienen, liegt er am Boden und hält eine geradezu archaisch anmutende Axt empor.

Die Axt repräsentiert das kulturhistorische Fundament menschlicher Werkzeugnutzung. Während seine älteren Geschwister auf komplexe technische Systeme angewiesen sind, genügt dem intellektuell überlegenen Jüngsten ein Stiel mit einer Metallklinge, um vollkommen neue Anwendungsmöglichkeiten zu erschließen.

Seine horizontale Position dokumentiert dabei die charakteristische Bereitschaft, gesellschaftlich etablierte Grundannahmen kritisch zu hinterfragen. Es handelt sich hier keinesfalls um Faulheit oder Bequemlichkeit, wie der unwissende Beobachter vielleicht zunächst fälschlicherweise mutmaßen könnte. Wir begegnen hier einer kognitiven Entkopplung von konventionellen Arbeitspositionen, die in der Begabungsforschung bislang sträflich vernachlässigt wurde.

Seine Positionierung am Boden liegend schafft gleichzeitig ein anspruchsvolles Lernfeld für seine Geschwister. Hier wird Rücksichtnahme unter erhöhter Konsequenzdichte geschult.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass dieses Erziehungsmodell den herkömmlichen Ansätzen deutlich überlegen ist.

Es berücksichtigt Alter, Neurodivergenz, Hochintelligenz, Geschwisterhierarchie, handwerkliche Kompetenz und autonome Entscheidungsfindung in einem einzigen, bemerkenswert materialeffizienten Lernsetting.

Der Älteste reguliert – die Heckenschere kanalisiert.
Die Mittlere analysiert – die Kettensäge strukturiert.
Der Jüngste revolutioniert – die Axt dekonstruiert.

Eine eindrucksvollere Demonstration von Selbstwirksamkeit, Geschwistervertrauen und begabungsgerechter Verantwortungsübertragung ist wissenschaftlich kaum vorstellbar.

Morpheus vs. Merowinger

Es ist meine absolute Lieblingsszene aus allen Matrixfilmen.

Der Merowinger, pure Laszivität, Lust an Sprache, Inhalt und Form. Er spricht mit einer an Anstößigkeit grenzenden Lebendigkeit, bleibt dabei außerhalb jeder Berechnung, er ist das Spiel.
Das macht ihn so verführerisch.

Morpheus. Morpheus ist zu Fels gewordene Überzeugung.
Es gibt nur falsch und richtig.
Das macht ihn so verführerisch.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Morpheus ohne jede Regung, ohne Grautöne, ohne jeglichen Zweifel mehr verkündet als behauptet:

Everything begins with choice.

Der Merowinger zögert ebenfalls nicht in seinem Widerspruch:

No, wrong. Choice is an illusion created between those with power and those without.

Und beide haben Recht.