Zur präzivilisatorischen Kompetenzrekonstruktion im Rahmen kindlicher Überlebensbildung
Die moderne Kindheit leidet unter einem bislang nur unzureichend erforschten Problem: Sie funktioniert zu zuverlässig.
Eine der folgenreichsten Fehlannahmen spätmoderner Erziehung besteht in der Überzeugung, Kinder müssten vor allem sicher, behütet und emotional validiert aufwachsen. Diese Vorstellung mag auf den ersten Blick menschlich erscheinen, verkennt jedoch in bemerkenswerter Weise die anthropologische Grundtatsache, dass das Überleben unserer Spezies über Jahrtausende hinweg gerade nicht dadurch gesichert wurde, dass man vor dem Verzehr von Pilzen deren Rezensionen im Internet nachlesen konnte.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Vermittlung sogenannter Survivalskills eine kaum zu überschätzende Bedeutung. Gemeint sind damit nicht jene weichgespülten Varianten gegenwärtiger Erlebnispädagogik, bei denen ein Kind unter Aufsicht ein Stockbrot über ein pädagogisch abgesichertes Feuer hält und anschließend eine Urkunde mit der Aufschrift „Waldentdecker“ erhält. Gemeint ist vielmehr die ernsthafte Heranführung an präzivilisatorische Kernkompetenzen: Ressourcenbewertung, Nahrungsbeschaffung, Dominanzklärung, Gruppenorganisation und improvisiertes Krisenmanagement.
Das vorliegende Setting darf insofern als mustergültig gelten.
Im Zentrum des Geschehens befindet sich ein Kaninchen auf einem Grill, flankiert von zwei Hunden, die dem Vorgang in einer Mischung aus professionellem Interesse und existenzieller Anteilnahme beiwohnen. Zugleich wird das Tier von einer Person gewürzt, während eine weitere Person im Hintergrund an einen Baum gebunden ist und offenbar von einer kleineren Person mit einem Stock sozialpädagogisch adressiert wird. Bereits diese simultane Anordnung zeigt, dass hier nicht in isolierten Kompetenzinseln gearbeitet wird, sondern in einem hochkomplexen interdisziplinären Überlebensarrangement.
Zunächst zum Kaninchen: Die moderne Konsumgesellschaft hat es geschafft, Kindern die Herkunft ihrer Nahrung in einem Ausmaß zu verschleiern, das kulturgeschichtlich fast schon als Kunstform gelten kann. Fleisch erscheint in hygienisch neutralisierter Form als geometrische Portion in Kunststoffschalen. Das Kind soll essen, aber bitte nicht denken. Genau an diesem Punkt setzt die hier erkennbare re-animalisierende Ernährungspädagogik an. Das Kaninchen ist nicht bereits transformiertes Produkt, sondern noch deutlich als Lebewesen zu erkennen. Besonders pädagogisch ist, dass das Kaninchen augenscheinlich noch lebt.
Dadurch bleibt die Situation ergebnisoffen. Ergebnisoffenheit wiederum gilt als wesentliche Voraussetzung selbstbestimmten Lernens.
Das Würzen des Tieres erweitert diesen Lernprozess um eine weitere Dimension. Überleben bedeutet schließlich nicht nur, etwas Essbares zu identifizieren, sondern auch, es kulturell anschlussfähig zu machen. Zwischen bloßer Kalorienaufnahme und zivilisationsfähiger Mahlzeit liegt bekanntlich das Gewürz. Die kleine Geste des Würzens steht somit exemplarisch für den Übergang von bloßem Existieren zu menschlicher Kultur.
Von erheblichem entwicklungspsychologischem Interesse sind außerdem die Hunde. Sie fungieren in dieser Konstellation als ko-präsente Beobachtungsinstanzen mit opportunistischer Handlungsbereitschaft. Für das Kind entsteht dadurch ein wertvoller sozialökologischer Lernraum: Es muss nicht nur das Kaninchen und die gruppendynamische Lage erfassen, sondern zugleich die stillschweigende Frage mitdenken, wer im Ernstfall welche Ressource beansprucht. Dies fördert Perspektivübernahme, antizipatorisches Denken und eine realistische Einschätzung von Nahrungskonkurrenz.
Besonders hervorzuheben ist jedoch die Person am Baum.
Hier wird die Überlebensbildung um einen oft vernachlässigten Bereich ergänzt: die Regulation innergruppaler Ordnung unter Krisenbedingungen. In stabilen Gesellschaften wird Kontrolle gewöhnlich an Institutionen delegiert. In einer archaischen Mikrolage hingegen muss eine Gruppe ihre Strukturen unmittelbar selbst hervorbringen. Dass eine Person fixiert wurde, weist auf eine bereits erfolgte Rollenzuweisung hin. Dass eine kleinere Person diese Situation mit einem Stock flankiert, verdeutlicht die frühe Einübung von Autorität, Abschreckung und symbolischer Sanktionskompetenz.
Pädagogisch betrachtet handelt es sich vielmehr um ein Laboratorium der Macht. Das Kind lernt, dass soziale Ordnung nicht naturgegeben ist, sondern hergestellt, behauptet und gelegentlich mit einem Werkzeug unterstrichen werden muss. Wer diesen Vorgang moralisch vorschnell problematisiert, verkennt, dass nahezu jede menschliche Gemeinschaft auf mehr oder minder sublimierten Formen von Regelsetzung, Grenzmarkierung und Gehorsamserwartung beruht. Hier geschieht dasselbe – nur erfreulich transparent.
Echte Kompetenzorientierung verlangt, dass ein Kind zumindest theoretisch darauf vorbereitet ist, nach dem Zusammenbruch sämtlicher Versorgungssysteme mit einem Kaninchen, mehreren Geschwistern, Hunden und einer fragwürdig fixierten Person eine funktionsfähige Mikrogesellschaft zu errichten. Dabei werden sämtliche Zukunftskompetenzen gleichzeitig gefördert: Problemlösen, Improvisation, Kooperation, Ressourcenmanagement, Frustrationstoleranz und die Fähigkeit, angesichts einer völlig entgleisten Gesamtsituation zunächst einmal sachlich zu prüfen, was noch verwendbar ist.
Das nennt man adaptives Krisenmanagement.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass moderne Kinder keineswegs zu wenig lernen. Sie lernen lediglich auffällig viele Dinge unter Bedingungen, in denen Strom vorhanden ist und niemand an einen Baum gebunden wurde. Eine verantwortungsbewusste Erziehung sollte diesen blinden Fleck schließen.
Denn man weiß nie, wann Zivilisation endet.
Und wenn es so weit ist, wird sich sehr schnell zeigen, welche Eltern ihre Kinder wirklich auf das Leben vorbereitet haben.
Die anderen stehen dann nämlich vermutlich am Baum.

