9 Jahre

Es ist nun schon neun Jahre her, dass du hier deinen letzten Atemzug getan hast.

Ich vermisse dich. Manchmal möchte ich dich noch anrufen und mit dir tratschen, dir alle Neuigkeiten von den Kindern erzählen und mir anhören, was du dazu zu sagen hast.

Ich bin nun selber Oma, Oma und ich hoffe, ich kann diese Rolle auch nur mit annähernd so viel Liebe und Bravour ausfüllen wie du.

Unterlassene Hilfeleistung

Erinnerung, als Oma mit dem E-Mobil auf Geschwindigkeit ‚Hase‘ vom Bürgersteig semmelte, zwei Radfahrer vom Rad rammte und dann im Versuch, ihnen aufzuhelfen, mehrfach gegen Beine und über Hände fuhr, bis beide flehten, nicht mehr zu helfen.

[Hat sie bis zu ihrem Tod empört.]

Lebendige Erinnerungen

Seit ich denken kann, wurde bei meinen Großeltern das gute Geschirr nur zu besonderen Anlässen auf den Tisch gestellt.

Das konnte ein großes Familienessen sein, bei dem das Besondere war, dass wir uns nicht zu fünft oder zu mehr in die winzige Küche quetschten, sondern ins auch nicht viel größere Wohnzimmer wanderten, wo der Couchtisch ausgezogen und mit Tischdecken geschmückt wurde. Oder ein Weihnachts- oder Osteressen. Zur goldenen Hochzeit stand natürlich das gute Geschirr auf dem Tisch, zur Diamantenen auch. Ansonsten blieb es im Wohnzimmerschrank.

Gemeinsam mit dem guten Besteck und den Kristallgläsern.
Diese Dinge hatten sie sich in jungen Jahren nach der Eheschließung zusammengespart. 18 Teller, Tassen, Suppenteller, Untertassen, Kuchenteller, mehrere Terrinen, Schüsseln in jeder Form und Größe.

Sauciere, Zuckerpott, Butterdose, was man sich nur vorstellen kann.
Ebenso 18 Mal jede Art von Kristallgläsern und Besteck.

Alles nur für gut.

Im Alltag gab es zusammengewürfeltes billiges Geschirr, das hässlicher nicht hätte sein können. Als Uroma ins Heim kam, bat sie uns – falls wir es haben wollten – Geschirr, Besteck und Kristallgläser zu übernehmen.

Ich hatte besonders die Teller schon immer geliebt.

Dieses feine Porzellan, mit dem ich wohlig warme Erinnerungen an das Zusammensein mit meinen Großeltern verbinde. Liebevoll selbstgekochte Mahlzeiten mit frischen Zutaten waren etwas, das bei mir zuhause nur die Ausnahme war. Also übernahm ich es und tauschte mein Alltagsgeschirr dagegen ein. Als Uroma uns das erste Mal besuchen kam, war sie schockiert, dass sie dort auf ihrem guten, jahrzehntealten Geschirr plötzlich Nutellabrote für einen Dreijährigen wiederfand. Ich versöhnte sie ein bisschen mit der Welt, indem ich ein mehrgängiges Weihnachtsmenü auf den Tisch (und das Porzellan) brachte und damit meine Sünde ein wenig relativierte.

Wir sprachen trotzdem nie wieder davon.

Bis wir sie zu uns nach Hause holten, damit sie die letzten Monate vor ihrem Tod noch bei uns verbringen konnte. Da fand sie plötzlich jeden Tag das gute Geschirr und das gute Besteck auf dem Alltagstisch einer nun 9köpfigen Familie wieder. Und nach einigen Wochen gestand sie mir leise, dass es schön sei, zu erleben, dass wir ihr Geschirr jeden Tag hervorholten und davon aßen.

Sie würde so oft daran denken, dass damit ein Teil von ihr bei uns bleiben würde, wenn sie gehen würde.

Und so ist es auch. 

Jede Mahlzeit. Jeden Tag.

Gebundene Hände

Es ist endlich soweit. Post vom Anwalt und Notar ist da – das Amtsgericht hat den Erbschein ausgestellt.

Knapp 10 Monate nach dem Tod von Uroma. 

Aufgrund seines Wohnsitzes im Ausland hatte mein Vater 6 Monate Zeit, das Erbe auszuschlagen und hat diese Zeit auch genutzt. 

Den Rest der Zeit verbrachten wir mit eidesstattlichen Erklärungen vor einem Notar, Anträgen, Einreichungen, Beantragung meiner Geburtsurkunde bei einem Standesamt, das es gar nicht mehr gibt, dem Bezahlen von Gebühren, dem Hinterhertelefonieren hinter unseren Anträgen und … Warten. 

Warten, warten, warten.

Nun der erlösende Brief, mit dem wir Omas rechtliche Seite bearbeiten dürfen. Jetzt darf dieses Kapitel nach langer Zeit zu seinem Abschluss kommen. Auch wenn es hauptsächlich darum geht, alle Außenstände bezahlen und Omas gesammelte Aktenordner endlich schließen zu dürfen.

Was lange währt…

Das Erbe

Heute vor 5 Monaten hat Uroma ihren letzten Atemzug getan.
Und ich habe sie begleitet.

Das Prozedere danach war unschön.
Wir mussten meine Eltern verständigen – mein Vater ist der einzige Sohn und damit der Erbe meiner Großmutter. Das Gespräch verlief so, wie meine Eltern nun mal sind. Ohne Gefühl und auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Kurz danach die Frage, wie viel Geld noch da sei und dass wir das doch alles wohl noch zu ihren eigenen Gunsten abwickeln würden…

Sie würden sich mit dem Papierkram nicht befassen wollen.
Der Mann sagte ruhig „Nein.“ und das war es dann mit dem Gespräch. Oma wurde abgeholt und wir hatten bereits vor dem Gespräch mit meinen Eltern unseren Anwalt informiert.

Wir haben aus der Vergangenheit gelernt.

Oma wurde beerdigt und meine Eltern verfügten irgendetwas Beliebiges mit billig, anonym und schnell. Weil uns klar war, dass wir dort nicht würden erscheinen dürfen, verabschiedeten wir uns hier zuhause ausführlich von Uroma.

Der Bestatter unterdessen bewies ziemlich viel Courage und ließ mich alle Entscheidungen fällen, die meine Mutter an ihn abgegeben hatte. Und so kam Oma sowohl zu ihrer geschmückten weißen Urne mit Rosen, die sie ihr Leben lang so sehr geliebt hatte, als auch zu einer Beisetzung, bei der wir alle anwesend sein konnten. Oder wie der Bestatter es ausdrückte: „Ich bin zu dieser Zeit an diesem Ort. Und wenn ich dort wie beauftragt allein für die Urnenbeisetzung stehe und es gesellen sich zufällig anteilnehmende Menschen dazu, dann ist das doch etwas Schönes, nicht wahr?“

Während meine Eltern sich vor, während und nach der Beerdigung mit unserem Anwalt auseinandersetzten und wir jede Mail von ihnen ignorierten, egal wie unverschämt sie war, packte ich Omas Sachen in Kisten. Mit viel Herzschmerz. Es gab so viel davon, was mir lieb und teuer war. Sie sagte immer, ich solle nach ihrem Tod behalten, was ich will, aber rechtlich geregelt haben wir das nie. Und mit jedem Teil, das mir so viele Erinnerungen bescherte, wurde mir das Herz schwer.

Es gehörte jetzt nun einmal meinem Vater. Der würde es zwar wegwerfen oder verkaufen, aber wenn es fehlen würde, hätten wir innerhalb kürzester Zeit wieder ihre Anwälte auf dem Hals.

Ich packte also alles sorgfältig in Kisten, verabschiedete mich auf diese Art von den greifbaren Erinnerungen an meine Großmutter. Alles wurde genau in Listen eingetragen, ich verbrachte mit den Kindern noch mehrere Tage in Uromas Zimmer. Bei jedem Stück, das mir eine Geschichte erzählte, gab ich diese an die Kinder weiter. Es war gut und es war heilsam.

Unser Anwalt übermittelte die genaue Auflistung von Omas Besitz an meine Eltern.

Und es passierte nichts.

Omas Sachen füllen ein großes Zimmer, das eigentlich unser Esszimmer ist. Wir hatten Anfang letztes Jahres das Esszimmer ins Wohnzimmer verlegt, damit wir Platz haben. Und nun stand dieses Zimmer mit Möbeln, Kisten, Rollstühlen und anderen Gegenständen voll. Nicht lange, überlegten wir uns, sobald mein Vater rechtskräftig geerbt hätte, würden wir von ihm verlangen können, dass er die Sachen abholt. Ich freute mich Ende August darauf, dass wir Weihnachten endlich wieder mehr Platz haben würden. Endlich wieder Platz im Wohnzimmer, endlich den 1 x 2,50 m langen Esstisch wieder in einen eigenen Raum…

Endlich.

In der Zwischenzeit versuchten meine Eltern allerlei Dinge, um uns auf den wertlosen Sachen sitzen zu lassen, sehr wohl aber an verkaufbare Dinge zu kommen, ohne das Erbe offiziell anzunehmen oder auszuschlagen. Es funktionierte nicht.

Ich liebte den Mann und unseren Anwalt noch mehr als ohnehin schon, während ich versuchte, wieder gesund zu werden und bei jeder neuen Mail meiner Eltern nicht in Panik zu geraten. Die Frist zur Ausschlagung des Erbes verlängerte sich von den erwarteten 6 Wochen auf unerträgliche 6 Monate, weil meine Eltern ihren Hauptwohnsitz im Ausland haben.

Dann – kurz vor Weihnachten – eine weitere Mail an uns, mein Vater würde das Erbe vielleicht annehmen, aber dann müssten wir uns um alles kümmern. Das wenige Geld nähmen sie, wir bekämen dann die Sachen, die zu nichts mehr zu gebrauchen sind. Zum Verkaufen. Oder zum Entsorgen. Oder so. Die Rechte an allem würde aber natürlich mein Vater behalten.

Es ist immer wieder bemerkenswert, wie ihre Welt sich dreht.
Der Anwalt schrieb einen wirklich feinen Brief zurück, dass ich den Teufel tun würde. Ich lese diese Worte auch heute noch sehr gerne.

Die Zeit verging und wir feierten Weihnachten im Wohnzimmer mit unserem riesigen Esstisch und einem noch größeren Baum und ich hoffte einfach auf das nächste Jahr. Ich stellte mich darauf ein, dass wir dann ab nächstem Monat die Räumung des Zimmers anmahnen würden. Die Katzen schliefen inzwischen hoch oben auf Uromas riesigem Pflegebett und wir hatten zumindest ein paar Stühle ins Zimmer gestellt, die sonst im Weg waren.

Wir hatten uns nach fünf langen Monaten mit dem vollgestellten ehemals schönsten und hellsten Zimmer im Erdgeschoss arrangiert. Und dann ging ich gestern zum Briefkasten, als ich mit dem Hund im Garten trainierte und zog Unmengen von Katalogen daraus hervor. Dazwischen ein dicker Brief vom Amtsgericht.

Mein Herz klopfte laut, als ich ihn öffnete. Regen fiel auf den Text, der Hund sprang nass und dreckig um mich herum und da stand es, schwarz auf weiß:

Der erste Erbberechtigte hat die Erbschaft ausgeschlagen.
Ich stehe an zweiter Stelle der Erbfolge.

Als ich später am Abend eine der zugeklebten Kisten öffne, schlägt mir der vertraute Geruch meiner Großmutter entgegen. Ich hatte eine Kiste mit Handtüchern erwischt. Handtücher, an denen sich mein Großvater und ich nach unseren Abenteuern schon abgetrocknet haben. Viele davon sind zerschlissen, einige sehen noch genauso aus wie vor 35 Jahren, als ich 5 war.

Handtücher, die mir von Kindesbeinen an so vertraut sind, weil sie mit Geschichten verknüpft wurden. Mit Lachen, mit Geborgenheit, mit Spaß und Abenteuer, mit Müdigkeit und warmen Sommertagen im Garten.

Und nun gehören sie mir.

Und niemand kann sie mir mehr wegnehmen.

Zwei Monate

Es ist zwei Monate her, dass wir den letzten Atemzug von Uroma begleitet haben.

Vieles ist leichter geworden seitdem.
Mein Alltag, vor allem.
Ich kann wieder atmen, ich habe wieder Luft.
Vermisse ich dich, Oma? Ich weiß es nicht.
Ich hätte mir nie vorstellen können, was Pflege am Rand der Erschöpfung mit Beziehungen machen kann.

Das arbeitet noch in mir.

Der letzte Atemzug

Es ist heute genau 14 Tage her, dass ich wie jeden Morgen in Uromas Zimmer getreten bin und gehorcht habe, ob das „Gute Nacht, Oma, schlaf gut.“ am Abend zuvor das Letzte gewesen war.

„Einfach einschlafen und sterben!“, war immer genau das, was sie wollte.

Und wie jeden Morgen dieser Tage hoffte ich, dass sie es endlich geschafft haben würde. Heute war der 7. Tag ohne Flüssigkeit.
Sie schnurchte vor sich hin. Wie jeden Morgen.
Ich begann meine Morgenroutine und die Kinder tropften nach und nach ins Erdgeschoss. „Wie geht es Uroma?“, fragten nacheinander 6 Kinder.

– „Unverändert.“, war 6 Mal meine Antwort.

Die Tür zu Uromas Zimmer stand inzwischen immer offen, damit wir jede kleinste Äußerung von ihr auch mitbekommen würden. Den Notfallknopf an ihrem Handgelenk konnte sie schon seit Sonntag nicht mehr drücken, den hatten wir irgendwann abgemacht.

Um 8 Uhr begann es.
Ich hatte schon viel darüber gelesen, konnte mir aber nicht wirklich etwas darunter vorstellen: Rasselatmung.
Ich ging hinein und sofort danach entsetzt wieder aus dem Zimmer, weil ich meine eigenen Körperempfindungen kaum unter Kontrolle hatte.
Ich sammelte mich.
Das Geräusch ist kaum zu ertragen. Ich hatte permanent den Drang, mich zu räuspern, zu husten oder einfach nur weit wegzulaufen.

Es war grauenhaft.
Den Kindern ging es ähnlich.
Ich erklärte ihnen, was in Uromas Körper gerade vor sich ging.

Die Kinder räusperten sich permanent und ich sah, wie unwohl den meisten von ihnen war. Ich erkannte recht schnell, dass sich die Fähigkeit, an Uromas Seite zu bleiben, nach ihrer Empathiefähigkeit sortierte.

Der sensible Kobold, der ohnehin über viel zu viele Spiegelneuronen verfügt, flüchtete panisch aus dem Zimmer und ich hörte ihn auch zwei Stockwerke weiter oben noch krächzen und husten.
Misstrauisch verbrachte er die nächsten Stunden im ersten Obergeschoss und fragte nur noch vom Treppenabsatz aus, ob „Oma noch so komisch atmen würde“.

Der egozentrische kleine Tuk dagegen piekte Oma wie immer in die Seite und befühlte Temperatur und Konsistenz ihrer Hände. „Gutn Moaaaagn, Uaoma!“. krähte er und für ihn war alles wie immer.

Es war aber nicht wie immer.
Wir begleiteten nun schon seit einer Woche das Sterben.
Der Tod war schon da.
Es würde nur noch Stunden dauern, bis er sie mitnehmen würde.

Wir waren bereit.
Lange Tage schon.
Wir hatten geweint, wir hatten getrauert, geklagt, gebeten.
Meine Tränen waren versiegt.

„Heute ist Freitag, der 4. August, Oma. Morgen wird Papa 70. Morgen.“

Sie schlägt die Augen auf. Wie immer, wenn ich von ihrem Sohn redete. Mir tut es weh. Ganz elementar weh. Da ist so viel Hoffnung, so viel Sehnsucht. „Es geht ihm gut. Er wird aber nicht hierherkommen. Du darfst gehen, Oma. Du darfst ruhig gehen. Hier ist alles in Ordnung.“

Ich weiß nicht, ob sie mich hört. Sie hebt die Arme.
Atmet ruckartig ein.
Und nicht wieder aus.
Ich sehe ihre Halsschlagader pochen. Schnell.
Endlose Sekunden vergehen.

Dann atmet sie wieder aus. Rasselnd.
Ich muss mich zusammenreißen, um das zu ertragen.
Der Arzt ruft wieder an. Wie jeden Tag der vergangenen Woche.

Er erkundigt sich nach ihr, fragt, ob wir ihn brauchen, ob er etwas tun kann. Ich verneine und schildere kurz ihre Symptome.

„Sie halten sich gut.“, sagt er noch zum Abschied.

Am späten Vormittg wird Oma unruhig. Die Atmung wird unregelmäßiger und ich hole die Kinder alle wieder runter.
Dem Mann schicke ich eine Nachricht und er packt auf der Arbeit zusammen und kommt nach Hause.

„Uroma stirbt jetzt bald.“, sage ich und die Kinder stehen alle an ihrem Bett. Ich erkläre ein weiteres Mal, dass wir nicht wissen, welcher Teil des Körpers zuerst aufhören wird zu funktionieren.

Vielleicht die Atmung.
Vielleicht auch das Herz.
Wir wissen es nicht.
Die Rasselatmung wird deutlich leiser.
Stattdessen schnappt Oma nur noch sachte nach Luft und atmet dann wieder aus.

Das Herz galoppiert an ihrem Hals wie verrückt.
Die Kinder fragen noch einmal nach, ob sie Schmerzen haben könnte, das ist ihnen das Wichtigste zu wissen.

Ich verneine. Zeige noch einmal auf die hochdosierten Fentanyl-Pflaster auf Omas Arm, erkläre, dass sie heute Morgen erst wieder ganz viel Schmerz- und Beruhigungsmittel bekommen hat und dass sie überhaupt keine Schmerzen hat. Ich kann nur zu Gott beten, dass das auch stimmt.

Es ist 11 Uhr.

Der Mann ist endlich da.
Die Kinder reagieren ganz unterschiedlich
Das große Zusatzkind weint.
Ganz schrecklich.
Ich weiß, dass sie hier gerade heilt.
Sie, die letztes Jahr von ihrer sterbenden Mutter weggehalten wurde und nun das erste Mal in ihrem Leben dem Tod in die Augen sehen darf.

Der Kobold flüstert leise: „Gute Reise, Uroma!“

Das Mottenkind bittet mich, die Fenster weit aufzumachen, damit Uromas Seele gut in den Himmel aufsteigen kann. Ich erfülle ihr diesen Wunsch. Wir öffnen im gesamten Erdgeschoss die Fenster und Türen. Frische Luft weht durch das Zimmer und für einen Moment ist es ganz still.

„Tschüss, Uaomma!“, kräht der kleine Tuk und streichelt ihre Hand.

Das große Zusatzkind ist erschöpft und möchte sich einen Moment zurückziehen. Ich nicke und lächle ihr zu. „Es ist alles gut.“, flüstere ich. Sie nickt.
Die anderen Kinder ziehen sich ebenfalls stumm aus dem Zimmer zurück. Leise gehen sie nach oben.

Nur das große Tochterkind bleibt dicht an meiner Seite.
Sie hat bislang nichts gesagt.
Keinen Ton.
Der Mann, sie und ich sitzen, stehen an Omas Seite.
Es ist gleich viertel nach 11 Uhr.

Omas Atmung setzt aus.
Wir beobachten die Halsschlagader.
Sie pulsiert.
Langsamer.

Nach einer Minute wieder Atmung.
Mir laufen die Tränen über das Gesicht.
Ich kann nicht mehr.

Ich kann das alles nicht mehr ertragen.

„Wir sind hier, Oma. Wir sind hier bei dir. Es ist alles gut.“

Mit letzter Kraft verlassen die Worte meinen Mund.

„Du darfst gehen, Oma.“, sagt der Mann leise. „Machs gut!“

Die Atmung setzt wieder aus. Ich warte. Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt.

Das Tochterkind weint leise. „Gute Reise, Uroma.“

Wir blicken auf die pulsierende Halsschlagader.

Noch ein Herzschlag.

Noch einer.

Ruhe.

Ich schlinge die Arme um meine Tochter.
Wir alle weinen.

Ein kräftiger Windstoß weht durch das Zimmer und die Bäume vor dem Haus rascheln.

Gute Reise, Oma. ♥

Einäscherung mal anders

 „Was meinsu mit: Der Gestatter nimmt Uroma gleich mit, Mami?“

Es ist 6 Tage her. Der närrische kleine Tuk steht wie ein Häufchen Elend vor mir und sieht mich entsetzt an. Ich bin verwirrt.

„Der Bestatter kommt gleich mit starken Männern und dann packen sie Uroma ein und nehmen sie mit zum Krematorium. Uroma muss ja auch beerdigt werden. Wir können sie nicht noch länger hierbehalten.“

Ich sehe Unverständnis auf seinem Gesicht und merke, dass ich den Kernpunkt seiner Frage anscheinend nicht begriffen habe.

„Aber… Aber..!“ Tränen stehen in seinen Augen.

„Butzemann. Was ist denn los?“

„Aber Uroma will doch verbrannt werden!“, bricht es aus ihm heraus. Er schluchzt.

Ich sehe ihn verständnislos an.

„Ja. Deswegen kommt ja auch der Bestatter. Im Krematorium kann Uroma dann verbrannt werden.“

Er wirft sich verzweifelt in meine Arme und weint.

„Aber… Ich dachte, das könnten wir hier im Garten machen!“

Gelähmt

Wir warten.

Die Wartezeit wird abwechselnd in stoischer Gelassenheit, Wut, Zweifel, Geduld und Verzweiflung begangen. Es schmerzt, nichts tun zu können.
Es ist unerträglich, auf den Tod zu warten.
Einfach nur zu warten.

Die Marschrichtung ist klar.
Mit jeder Minute, die verstreicht, weicht mehr Leben aus ihr, doch sie ist zäh. Sie schläft. Meistens.
Manchmal macht sie die Augen auf und blickt mich an.
Aber sie sagt nichts.
Sie reagiert nicht auf meine Bitte um ein Zeichen.
Ein Händedruck, ein Blinzeln, irgendetwas.

Ich bin wütend.
Auf eine Sterbende.

„Papa wird nicht kommen.“, habe ich ihr vor einigen Tagen weinend gesagt.

Denn das wird er nicht.
Nicht für mich und nicht für sie.
Weil er weder mich noch sie jemals geliebt hat.

Ich habe das irgendwann vor Jahren begriffen.
Sie hat die Hoffnung nie aufgegeben.
Ich bin so wütend.
Auf ihn, auf sie, auf diese Kackwelt.
Sie hat gesummt.
So wie früher, wenn sie es besser wusste.

Ich möchte sie anschreien, wie sie da liegt und so weit weg ist.
Jede Flüssigkeit verweigert, jede Kommunikation, jede Antwort.

Sie will nicht mehr auf dieser Welt sein und ich akzeptiere das.
Aber wir – wir sind noch hier.
Und wir können ihr Sterben weder beschleunigen noch verschönern.
Nur aushalten.

Ich habe mir das anders vorgestellt.

Sie vermutlich auch.

Sterbewache

Ich bin unruhig.

Ich wasche Uromas Wäsche, was angesichts der Umstände völlig bescheuert ist. Aber so wichtig für mich. Ich räume auf, ich sortiere ihre Wäsche in den Schrank – ich habe das Gefühl, so wenigstens irgendetwas unter Kontrolle zu haben.
Um 1 Uhr nachts das letzte Horchen auf ihre Atemzüge, um 6 Uhr morgens das erste. Sie atmet noch. Anders als gestern, anders als vorgestern.

Wir halten Sterbewache.
Abwechselnd.

Die Kinder suchen sich 5 oder 10 oder 15 Minuten aus und sitzen an ihrem Bett. Ab und zu setzt die Atmung aus, dann geht es wieder weiter.

Es ist absehbar.

Aber ob wir noch 2 Stunden oder noch einen weiteren Tag wachen, das weiß nur der Tod.

Ich sitze an ihrem Bett, wenn die Kinder ihre Wachen beendet haben.
Ich wünschte, sie würde noch sprechen.
Ich bräuchte das noch.
So dringend.

Aber so bleibt nur, ihr zu versichern, dass wir da sind.
Und wenn ich wieder eine Pause brauche, gehen wir alle aus dem Zimmer. Es muss auch der Raum und die Zeit da sein, wenn sie alleine sterben möchte.

Wir wissen es nicht.
Wir werden es sehen.
So lange wachen wir gemeinsam.

Gleich bin ich wieder dran.