Mein wunderbarer geliebter kleiner Butz,

klein bist du schon lange nicht mehr, hast du mich doch schon längst an Körpergröße eingeholt. Aber mein Nesthäkchen, mein Baby, mein letztes Kind – das bist du.

Ich will gar nicht so sehr in Erinnerungen schwelgen, stehe ich doch in Ehrfurcht vor dem jungen Mann, der du heute schon bist.

Dein Name kommt nicht von ungefähr. Du bist mein Weltenwanderer, der, dem so vieles fremd ist. Ein wacher Geist mit einem schier unermesslichen Verstand und so viel Potential, das du nur zu gerne nutzt, um dich in Schwierigkeiten zu bringen oder aus ihnen herauszureden. Du wurdest nach einer gigantischen Superintelligenz aus den Büchern deines Vaters benannt, die auf ihrem Wahlheimatplaneten Wanderer den Kosmos durchstreift, immer bemüht, das Mysterium Menschheit zu verstehen und zu prüfen.

Und vielleicht passt das erschreckend gut zu dem Menschen, den ich heute so sehr liebe und der mich fasziniert wie kaum ein anderer: Du bewegst dich durch diese Welt, ohne vollends zu ihr zu gehören. Als gäbe es die Menschheit, das Universum, den Kosmos an sich und auf der anderen Seite dich, der du versuchst, sie zu verstehen.

Du kannst aus dem Stehgreif lateinische Gedichte erschaffen, du scheinst Zugriff auf jegliches Wissen zu besitzen, mit dem du jemals in Berührung gekommen bist und du hast keine Ahnung, wo in diesem Haus das Tesafilm ist. Die Leichtigkeit, mit der du dich durch die Sphären von Wissenschaft, Philosophie und Fakten bewegst, endet dort, wo du mit etwas so profanem wie Alltag konfrontiert wirst.

Du bist mein zerstreuter Professor, mein Butzemann, mein Baby, mein närrischer kleiner Tuk, mein Herz und meine Seele gleichzeitig.

Ich liebe dich.

Die Lückenbüßer

Lidl

Parmesan
Pommes
Äpfel
Bresaola 2,99 2x
Wasser klein
Mandarinen 1,5kg 1,99

Golden Sun
Langkornspitzenreis
im Kochbeutel
8x125g

Warum Parmesan und Bresaola nicht direkt untereinander stehen, weiß wohl nur der Autor. Es ist nicht mal nach Laufwegen sortiert.
Völlig ziellos scheint der Geist hier umherzuirren, auf der Suche nach fehlenden Kleinigkeiten, die man entweder nachkaufen muss oder auf absurdeste Art und Weise miteinander kombinieren möchte.
Wer so ruchlos Parmesan und Tiefkühlpommes untereinander schreibt, während er zwei Zeilen weiter bereit ist, 6 Euro für ein paar Scheiben hauchdünnen Bresaola auszugeben, dem sollte man die Küchenlizenz entziehen.

Langkornspitzenreis. Aber im Kochbeutel.
Noch einmal so verzweifelt sein.
Immerhin Obst und Wasser. Aber das nur klein.

Ich sage Single. Maximal junges Pärchen.

Frei

Ich bitte Butz um Mithilfe bei einer sehr unschönen Aufgabe, die mit ziemlich viel Muskelkraft und Schweiß verbunden ist.

Er blickt mich nachdenklich an. „Das klingt nicht gut. Kann ich Nein sagen?“

Ich denke an Uroma und antworte, was sie mir in solchen Situationen halb summend, halb lächelnd in den Raum gestellt hat:

„Natürlich, Kind. Du bist zu jeder Zeit Herr deines Schicksals und deines Glückes Schmied.“

Der kleine Sohn überlegt. „Aber das hat Konsequenzen, oder? Dann musst du es machen? Und dir geht es nicht gut. Außerdem backst du ja meinen Kuchen, weil ich morgen Geburtstag habe… Ich mach es!“

[Ich vermisse dich, Oma.]

leer

Ich schleppe mich durch die Tage.

Natürlich weiß ich, warum ich seit Wochen krank bin und mich nicht auskurieren kann. Natürlich weiß ich, wo der Schwindel herkommt. Natürlich weiß ich, warum ich so viel schlafen muss. Natürlich weiß ich, wo die Schmerzen herkommen. Natürlich…

Ich habe mich die letzten Monate leer geredet, leer gehört, leer geschrieben, leer geweint. Viel Substanz bleibt nicht mehr, also schleppe ich diese Hülle, die mal so voller Leben, Liebe und Hoffnung war, mit aller Kraft zusammengehalten durch die Tage, um den Anschein zu wahren, dass ich weitergehen … kann? Will?

Ich weiß es nicht.

Ich habe bald alle Jahre aus meinen offline-Archiven herausgeschaufelt. Alles noch mal durchgelesen, angesehen, durchlitten, durchwütet. Ertragen, mit all der Wut und Frustration, die ich als Zukunft bereits kenne und mir als Vergangenheit doch nicht vermitteln kann. Werde ich das in 10 Jahren ebenfalls denken, wenn ich dies hier nachlese? Bin ich dann überhaupt noch da?

Ich weiß es nicht.

Ich kann meine Einträge nicht korrigieren, nicht mal anfassen, weil es in der Vergangenheit die Gegenwart spiegelt, in seligem Unwissen dessen, wieviel Leid und Ernüchterung die Zukunft bringen würde.
Ich bin so wütend auf dieses naive Menschenkind, das so fest an die Macht der Liebe geglaubt hat.

Heute weiß ich, dass Liebe ewig, aber nicht allmächtig sein kann.
Es war ein harter Fall.

Ich kann aber wählen, was ich behalte. Das ist erstaunlich viel. Ich habe mich nur bei sehr wenigem entschieden, es zu löschen oder nicht hierher zu übertragen. Einiges war zu intim, einiges zu heiß, einiges so kalt, dass es in Vergessenheit geraten darf. Ich schreibe hier zwar nicht nur für mich, ich schreibe auch für jene, die später wissen wollen, wer ich war und warum ich so geworden bin, aber es gibt einige klare und harte Entscheidungen, was jetzt im Nebel meiner Erinnerung verschwinden darf.

Ich bin die Letzte, die all diese Geheimnisse trägt und die meisten davon werde ich mit ins Grab nehmen. Die Geschichte von Gewalt und Missbrauch endet bei mir.

Das ist meine Superkraft.

wund

Es ist die Seele, die weh tut.

Wenn man seine Seele über einen so langen Zeitraum nur von Hoffnung nährt statt von Resonanz, dann wird sie mit jedem Zerbrechen kleiner. Bis irgendwann nur noch die Splitter aus verpassten Gelegenheiten am Grund dieses Seins liegen, die tödlich schön das wenige Licht reflektieren, das von der Liebe noch bleibt.

Erkenntnisse jagen letzte Chancen, die im Laufe von Jahrzehnten eine Beförderung vom Singularetantum erhielten, die ihre eigentliche Bedeutung Lügen straft.

Das Herz weint.

Zerbrochene Hoffnungen laufen warm über mein Gesicht, wie jeden Tag. Die Wunde des Verlassenwerdens öffnet sich ein weiteres Mal. Nur habe ich inzwischen verstanden, dass nie ich das Problem war. Das macht das Zurückbleiben nicht weniger schmerzhaft.

Wo ist also mein Ausweg? Wo kann ich noch hin?

wund

Einsam

Meine Welt kippt wieder.

Der verhärtete, verkrampfte, hochgezogene, durchgehende Panzer, zu dem mein Schultergürtel tranformiert ist, holt den Lagerungsschwindel wieder hoch. Neun Jahre ist es her und man sollte meinen, ich hätte meine Lektion gelernt.

Und ich mache jeden Tag meine Übungen, ich trainiere, ich sorge für mich, ich kümmere mich um mich selber, bis meine Kraft auch dafür erschöpft ist. Das Einzige, das mein Bemühen Lügen straft, ist mein Stresslevel. Mit zunehmendem Bestreben, dies zu senken, steigt es in schier unermessliche Höhen. Weil die Fähigkeit, sich zu entspannen, eben nicht mit noch mehr Anstrengung, mit noch mehr Durchhalteparolen, mit noch mehr Weiterpeitschen steigt, sondern fällt.

Ins Bodenlose.

Ich bin nicht nur allein, ich werde auch verlassen. Seelisch. Körperlich. Kommuniziere ich, was mir nicht guttut, werde ich in höchster Not, in Schmerz und Verzweiflung alleingelassen.
Kommuniziere ich, was mir guttut, überfordere ich.
Kommuniziere ich nichts mehr, werde ich bedrängt.
Werde ich wütend, muss ich auffangen.
Werde ich traurig, muss ich erklären.
Werde ich deutlich, bin ich unfair.

Ich kann mich kaum kleiner machen als ich im Moment bin, aber ich lasse diese letzte Bastion nicht mehr fallen.
Ich bin ein Mensch und ich habe das verzweifelte Bedürfnis, gesehen, gehalten und umsorgt zu werden.

Ich habe es satt, allein und im Stich gelassen zu werden.
Ich habe es satt, anderer Menschen Gefühle regulieren zu müssen.
Ich habe es satt, die Böse zu sein, wenn ich ein Minimum an echter Zuwendung verlange.

Erbitte.

Erflehe.

Erhoffe.

Verstumme.

Es ist an der Zeit.

Erkenntnis [Wert von]

Erkenntnis in Beziehung hat nicht nur einen Inhalt, sie hat auch einen Zeitpunkt.

Erkenntnis vor der Handlung ist Rücksicht.
[Ich weiß von dir, dass… Ich passe meine Handlung dementsprechend an.]

Erkenntnis in der Handlung ist Resonanz.
[Ich sehe dich. Ich höre, fühle oder weiß, was du brauchst. Ich reagiere auf dich.]

Erkenntnis unmittelbar nach einem Fehltritt ist Reparatur.
[Oh, scheiße, das ist gerade richtig schief gelaufen, ich bin transparent, authentisch, schiebe mein Ego einschließlich aller Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche zur Seite und kümmere mich nun um das, was nötig ist und gebraucht wird. Ich korrigiere mein Verhalten wieder Richtung Resonanz.]

Jede Erkenntnis danach ist nur noch Reflexion.

Großmutter, mütterlicherseits

Das Hamburger Staatsarchiv hat angerufen und meine Telefonphobie wurde sehr früh heute Morgen von einem wasserschwallartig Wörter von sich gebenden, rede- und wortgewandten, leicht plattdeutsch sprechenden und sehr sympathischen Mann niedergerungen, der aber offensichtlich gelernt hat, in minimal zu Verfügung stehender Zeit die maximale Menge an Inhalt zu transportieren.

Eigentlich wollte er mir nur persönlich mitteilen, dass er meinen Antrag auf Schutzfristverkürzung ablehnen wird.
Uneigentlich haben wir danach eine halbe Stunde nach einer Antwort gesucht, die weitere Fragen aufwirft.

Es gibt zwar eine Möglichkeit, wie ich an die Informationen zu meiner Großmutter komme, aber das Heiratsdatum wirft eine ganz andere Frage auf: Wie konnte eine Romni Ende 1943 – zum Zeitpunkt systematischer Verfolgungen und Deportierungen und während des Verbotes von Eheschließungen mit sogenannten „Deutschblütigen“ in Hamburg offiziell eine Ehe mit genau so einem Menschen schließen?

Es gibt inzwischen also mehrere Arbeitshypothesen:

Vielleicht wurde sie nicht als Romni erkannt oder erfasst (ich habe heute den Begriff „Rassehygienische Forschungsstelle“ gelernt und bin einmal mehr entsetzt über diesen Teil unserer Geschichte).

Vielleicht kannte man ihre Herkunft, ordnete sie innerhalb der absurden NS-Rassenkategorien aber so ein, dass eine Ehe möglich war.

Vielleicht gab es eine Ausnahmegenehmigung oder einen besonderen Verwaltungsvorgang.

Die damals auch als Auflage für die Hochzeit erzwungene Sterilisation von „Mischlingen“ fällt hierbei ziemlich sicher raus, da sie nach der Eheschließung mehrere Kinder bekommen hat.

Und schließlich die schlichteste und fatalste Variante: Sie war keine Romni.

Bevor ich mich damit auseinandersetze, was das mit meinem ethnischen Selbstverständnis tun würde, warte ich nun mehr oder weniger geduldig auf die Post, die in ein paar Wochen hier ankommen soll.

20 Jahre

20 Jahre.

Meine Güte. Was hätten wir erlebt haben können. Wannimmer ich an dich gedacht habe, musste ich um die Zukunft trauern, die wir nie gehabt haben. 20 Jahre. Du wärst erwachsen. Inzwischen läge ein ganzes junges Leben zwischen dem heute und dem gestern.

Es blieb uns verwehrt.

Ich habe meinen Frieden gefunden, als wir dich nach Jahren endlich offiziell benennen durften. Du besitzt eine Geburts- und eine Sterbeurkunde. Du warst da. Du trägst 3 Namen, wie alle deine Geschwister. Du trägst denselben 3. Namen wie die anderen Kinder, die dein Vater und ich auf diese Welt brachten.

Du gehörst zu uns.
Und dann doch wieder nicht.
Du hast diese 20 Jahre nicht mit Erinnerungen füllen dürfen.

Wenn ich an deine Geburt denke, ist inzwischen vieles dem Wabern der Erinnerung gewichen. Was immer noch präsent ist, ist der breite Brustkorb, gegen den ich mein Gesicht gedrückt habe. Die Arme, die mich umschlossen haben, als ich dich tot in Händen hielt und das Blut durch meine Ohren rauschte und aus meinem Körper floss. Dein Vater hat mich gehalten, so allumfassend gegen alles abgeschirmt, dass wir beide diese kostbaren Momente für uns hatten, in denen die Welt draußen blieb.

An den Rest möchte ich heute nicht mehr denken, es tut weh.
Immer noch. Und für immer.

Du warst so gewollt. So geliebt. So ersehnt.

Es ist wie es ist.

Weiter.

Wenn ich in meinem Leben irgendetwas wirklich gut machen kann, dann weiter. Und für den Fall, dass ich irgendwann an einen Punkt komme, an dem auch diese letzte Fähigkeit, dieser erste und existenziellste Skill versagt, dann hab ich wenigstens alles vorbereitet, dass alle anderen genau das machen können, wozu ich mich immer gezwungen habe.

Weiter.