Vermessenheit

Ich würde es der Tochter und dem Schwiegersohn so gerne ersparen.

Den Kampf, den kenne ich. Nur zu gut. Die Auseinandersetzung mit denen, die einen Anspruch ableiten, den sie gar nicht besitzen. Die so lange auf Familie pochen, bis aus einem Wort, das Verbundenheit ausdrücken sollte, nur noch Verpflichtung wird.

Man sollte meinen, sie wüssten doch noch, wie es war. Es ist doch kaum 25 Jahre her, als sie selber ihr erstes Kind in Armen hielten, völlig überfordert in eine neue und unbekannte Rolle hineinwachsend, unsicher, übermüdet, sich ständig fragend, ob man es schaffen wird, dieses kostbare kleine Geschöpf am Leben zu halten und dabei selbst nicht verrückt zu werden.

Aber sie haben vergessen. Und so zerren und ziehen und fordern und wüten sie in diesen zarten Banden herum, getrieben von ihrer eigenen Egozentrik und Bedürftigkeit, über ein neues Leben verfügen zu wollen, das ihnen nicht mal gehört.

Dabei verlieren sie die jungen Eltern so grundlegend aus dem Blick, dass jede Bemerkung wie ein Todesstoß gesetzt wird, die Bindung zu Kind und Schwiegerkind herabsetzend, die nur noch dafür da zu sein scheinen, das geliebte Enkelkind zur Verfügung zu stellen, wie es den Großeltern am besten in den Kram passt.

Wie kann man so sein?

Sprachlos.

Vom Vermissen

Ich vermisse dich. Ich vermisse die Nachrichten, unsere Geplänkel am Morgen, das Geläster, den Austausch, die Herzchen, die Umarmungen, deinen Wortwitz, deine Kompetenz, deine Liebenswürdigkeit, deine Stimme, alles an dir.

Aber ich habe auch verstanden, dass du diese Dinge vermutlich anders bewertet hast als ich. Vermissen tue ich dich trotzdem, auch nach all den Monaten noch.

Vanilla

Das hätte ich dir gar nicht zugetraut, war so ein Satz in letzter Zeit, der mich nachdenklich gestimmt hat. Er fiel in einem für mich völlig unspektakulären Zusammenhang und hat mir mal wieder vor Augen geführt, wie vorurteilsbehaftet Menschen, die keine Ahnung von meinem Sexualleben haben, darüber urteilen.

Es ist eine bemerkenswert selbstverständliche Zuschreibung: Menschen, die gerade mal zehn, fünfzehn Jahre älter sind, werden von Jüngeren als sexuell konventioneller wahrgenommen –mit einer Erlebniswelt ohne ausgeprägte Kinks, Fetische oder BDSM-Elemente, Vanilla eben.

Bemerkenswert daran ist vor allem, wie wenig tatsächliches Wissen diesem Urteil zugrunde liegt. Über das Sexualleben der betreffenden Menschen ist gewöhnlich nichts bekannt. Die vermeintliche Erkenntnis entsteht also nicht aus Beobachtung, sondern aus einer psychologischen Verwechslung von Sichtbarkeit und Wirklichkeit.

Unser Gehirn arbeitet mit dem Material, das ihm zur Verfügung steht. Was häufig benannt, erzählt und dargestellt wird, erscheint uns verbreitet; was sprachlich unsichtbar bleibt, wird unterschätzt. Damit wird aus hört man nicht unmerklich ein findet vermutlich nicht statt. Gerade bei Sexualität ist dieser Schluss besonders unzuverlässig, weil sie sich weitgehend der Beobachtung entzieht.

Dabei hat sich innerhalb relativ kurzer Zeit weniger die sexuelle Praxis verändert als die Sprache, mit der sie beschrieben wird. Die heutige Sexualkultur verfügt über ein hochdifferenziertes Vokabular für Vorlieben, Rollen, Dynamiken und Praktiken.

Diese Begriffe erfüllen ohne Frage wichtige Funktionen: Sie ermöglichen Verständigung, erleichtern Kommunikation und schaffen Zugehörigkeit. Gleichzeitig verändern sie aber unsere Wahrnehmung. Was einen Namen besitzt, wird kognitiv greifbar. Und wer diesen Namen verwendet, erscheint mit der dazugehörigen Erfahrung vertraut. Genau daraus entsteht der Fehlschluss: Wir verwechseln die Fähigkeit, eine Erfahrung zu kategorisieren, mit der Fähigkeit, sie zu machen.

Menschen, deren sexuelle Sozialisation nur ein oder zwei Jahrzehnte früher stattfand, haben ihre Sexualität oft unter anderen kommunikativen Bedingungen entwickelt. Sie konnten mit Macht, Hingabe, Kontrolle, Fesselung, Fantasie oder Grenzerfahrungen experimentieren, ohne dafür jemals ein festes Vokabular zu benötigen. Eine Praxis musste keine Kategorie sein und eine Vorliebe nicht gleich Identität werden.

Sie konnte schlicht etwas sein, das zwei Menschen miteinander entdeckten und mochten. Wer heute für dieselbe Erfahrung einen präzisen Begriff kennt, besitzt deshalb nicht zwangsläufig mehr sexuelle Erfahrung – sondern zunächst einmal nur mehr begriffliche Ordnung.

Zusätzlich überschätzen Menschen, wie selbstverständlich die eigenen Denk- und Ausdrucksformen auch für andere sein müssten. Wer gelernt hat, Sexualität über Labels zu strukturieren, nimmt diese Struktur leicht als Normalität wahr. Verwendet ein anderer Mensch die entsprechenden Begriffe nicht, erscheint ihm deshalb nicht nur dessen Sprache fremd, sondern dessen Erfahrungswelt vermeintlich kleiner. Aus sie kennt den Begriff nicht wird unbewusst sie kennt die Praktik nicht. Ich frage oft und gerne nach Bedeutung von Begriffen und bin mitunter erstaunt, dass sie für etwas existieren, das ich seit Jahrzehnten im Alltag praktiziere, ohne jemals einen Grund gesehen zu haben, sie außerhalb meiner Beziehung benennen zu müssen. Ich besitze für einen Großteil meines Sexuallebens keine öffentlich lesbare sexuelle Sprache, wozu auch?

Erfahrung muss sich nicht in Begriffen organisieren. Manchmal ist gerade das Gegenteil der Fall: Was längst selbstverständlich geworden ist, muss nicht mehr benannt werden. Die Zuschreibung Vanilla sagt deshalb häufig erstaunlich wenig über die Sexualität der bezeichneten Menschen aus.

Sie beschreibt vielmehr die Wahrnehmungsschwäche eines unreflektieren Beobachters, fehlende Informationen nicht konsequent als Nichtwissen zu behandeln, sondern Wissenslücken mit dem zu füllen, was plausibel erscheint.

Instinkte

Auf dem 30.000qm-Grundstück der Nachbarn zieht einsam ein kleiner Mähroboter seine Kreise.

Man sieht, wie er in der Mittagshitze versucht, sich im Schatten der Rosenbüsche aufzuhalten, doch sein Instinkt treibt ihn immer wieder hinaus in die unbarmherzig brennende Sonne…

Neugierde

Es macht einen existenziellen Unterschied, ob jemand uns erlebt oder verbraucht.

Wer nur konsumiert wird, wird auf das reduziert, was er gibt: Zeit, Aufmerksamkeit, Fürsorge, Leistung, Regulation, Sicherheit, Unterhaltung. Es entsteht Nähe, ja, aber ohne, dass echtes Kennenlernen stattfindet. Ich merke das gerade wieder sehr zuverlässig in der Umgebung, die ich „Freundeskreis“ nenne. Die Dinge, die mich bewegen, über die ich mich freue, die mich beschäftigen, sorgen nicht für Nachfragen sondern maximal für das obligatorische „Oh wie schön für dich.“ oder „Ach wie schade.“ Das echte Interesse an mir bleibt aus.

Mit der Zeit hinterlässt das nicht nur Spuren, sondern auch Narben. Man fühlt sich austauschbar, übersehen und einsam – selbst inmitten von Freundschaft, Beziehung oder Familie.

Manchmal denke ich, ich werde nicht gesehen, ich werde nur betrachtet. Und hinterfrage meinen Anteil daran. Menschen, die denken, sie wüssten etwas über mich, weil sie meinen Social Media Kanälen folgen. Die völlig irrelevante Informationen über Insta, Twitter, TikTok ziehen und sich mir dann nahe fühlen, weil sie einen Einblick in mein „Leben“ haben. Ich bin generell ein offener Mensch, aber ich teile nur, was mich nicht anfasst. Um mich also wirklich sehen zu können, muss man in Beziehung zu mir treten, statt mich nur als RealityFormat zu betrachten, das man konsumieren kann. Es gibt Gründe, warum ich den großen Account gestoppt habe. Menschen, die mir wirklich etwas bedeuten, verwechselten die Projektionsfläche Jadekompendium mit Kati.

Um mich zu sehen, braucht es Neugierde. Interesse. Nachfragen und vor allem die Fähigkeit, zuhören und entdecken zu wollen, was hinter dem Offensichtlichen liegt.

Neugierde ohne Sensationslust ist eine hohe Form von Wertschätzung.

Sie sagt: Ich habe mehr Interesse an dir als nur an dem, was du für mich tust.

Und genau dort beginnt Verbindung.

Geschafft

So dankbar für die Menschen, die mich in den letzten Tagen wirklich gesehen und emotional gehalten haben, wo ich – in dunklen Erinnerungen, Anspannung, dünnen Nerven und massiven körperlichen Symptomen gefangen – gedacht habe, ich verliere den Verstand.

Leute…

ihr spinnt doch.

Der Ko-fi Link ist für eine Tasse heißen Kakao unterwegs auf 1 Euro eingestellt.

Das ist mein absolutes Guilty Pleasure, wenn ich vom Laufen mit Lu und Henriette am Hundestrand zurückkomme, denn dann komme ich da vorbei.

Und ich liebe es, wenn jemand mir eine Freude macht.

Für 3 Euro kann ich den Hasen einen Strohballen beim Bauern kaufen, 5 Euro sind das, was ich bei jedem Tierarztbesuch in der Kaffeekasse dort lasse, auch das ist wundervoll, wenn das jemand für die Bären übernimmt und ich freue mich über alles, was ihr mir schenkt, von ganzem Herzen.

Es ist aber nicht nötig. Wir kommen über die Runden, das sind wir immer. Wir sind über die Runden gekommen, als ich mit den Kindern das Spiel gespielt habe, in Mülleimern nach Pfandflaschen zu suchen, wir sind über die Runden gekommen, als wir Erwachsenen nur Nudeln gegessen haben, wir sind wirklich gut aufgestellt, auch wenn wir Geldsorgen hatten und haben.

Wir sind inzwischen so fucking privilegiert, ehrlich. Wir haben ein Haus, wir haben Kinder, deren Ausbildung wir uns leisten können, wir haben Haustiere, wir haben einen wirklich guten Verdienst, der zwar momentan aufgrund von Gründen nicht unsere Ausgaben deckt, aber ich bin die Letzte, die um Geld bitten würde, denn wir sind so scheißreich an allem, wovon andere Menschen nur träumen können. Alles andere findet sich, das hat die Zeit immer wieder gezeigt.

Ich bin zutiefst dankbar für jede Aufmerksamkeit, die ihr mir über Ko-fi zukommen lasst. Punkt.

Mir ist es zusätzlich wichtig, dass jeder weiß, dass ich nicht in finanzieller Not bin.

Nie.

Ich lehne diese Perspektive für mich vollkomen ab.

Und vielleicht gerade deswegen oder trotzdem: Danke.

Durchlässigkeit

Meine engsten Vertrauten sind Menschen, die – Überraschung! – sich hervorragend zusammenreißen können. Sie nutzen dafür ähnliche Methoden wie ich – selbstverletzendes Verhalten, Betäubung durch Essen/Alkohol/Rauchen/anderes, Sarkasmus, Ironie, Bissigkeit, schwarzer Humor – und bleiben dabei stets für sich, weil sie schon als Kinder gelernt haben, dass in diesem Leben niemand kommt und einen rettet. Die Grenzen, die sie dabei verteidigen, um nicht echte Gefühle zulassen oder gar zeigen zu müssen, sind absolut.

Auch das erinnert mich an mich selber.

Wenn ja doch niemand kommt und dir hilft, warum sollte man dann das Risiko eingehen, und auch noch Verletzlichkeit zeigen? Sie macht einen doch nur schwächer. Noch hilfloser, als man ohnehin schon war? War in den Händen der Menschen, deren Aufgabe es war, einen zu lieben und sich um einen zu kümmern doch nur eine weitere Waffe, mit der sie dir Schmerz zufügen konnten, wenn du deinen Schutzwall aus Unaufmerksamkeit oder im irrtümlichen Glauben, es sei jemand für dich da, sinken lässt. Natürlich lernt man aus diesen Fehlern, die nie welche waren, die dich aber dazu verdammt haben, ein Leben im Überlebensmodus führen zu müssen, selbst heute, wo diese Menschen so fern in der Vergangenheit liegen und du all das nicht mehr brauchst.

Aber so funktioniert Trauma.
So funktionieren Mechanismen.

Die Traumaantwort sichert heute nicht mehr dein Überleben, sie ist sinnloses Überbleibsel aus einer Zeit, in der sie dir gut diente und inzwischen ohne echte Funktion über dich herrscht.

Und was ist das für eine Schreckensherrschaft, wenn sie alle deine Gedanken kontrolliert? Ich habe erst in den letzten Jahren mühsam gelernt, dass Zusammenreißen nicht dasselbe ist wie echte emotionale Regulation.

Emotionale Regulation ist durchlässig, mauert nicht.
Steht auch in Verletzlichkeit und Schmerz ruhig für sich, ohne in eine dieser Verhaltensweisen zu kippen.

Ich habe von all diesen Verteidigungsmechanismen endgültig die Schnauze voll. Will in einem sicheren Umfeld das, was ich mein Leben lang als Schwäche empfunden habe, kommunizieren und leben, um mich nicht weiter selbst zu verleugnen.

Ich will keine Wirdschons, keine Alleswirdguts, keine Mussjas, keine Witzchen, keine Hilftjanix‘ mehr, ich will Begegnung.

Im Zusammenspiel und in Beziehung zu Menschen, die das anders leben, muss ich mich zunächst nur um mich selbst kümmern, ich bin der einzige Mensch auf dieser Welt, den ich ändern kann.

Die Liebe zu ihnen berührt das alles nicht, wohl aber meinen Umgang mit mir in solchen Situationen, in denen ich mich davor schützen will und muss, wieder in meinen eigenen Mechanismus zu kippen.

Timing

Natürlich erinnere ich mich an dich. Ich habe im Laufe der Jahre oft an dich gedacht und mich gefragt, was du wohl inzwischen tust.

17 Jahre ist es her, dass wir uns begegnet sind und ich habe den Austausch mit dir sehr geschätzt bis er sich auf eine Ebene verlagerte, für die es die falsche Zeit und der falsche Ort war.

Ich weiß nicht, was passieren würde, würden sich unsere Universen heute erneut berühren.

Und ich glaube, es ist kein guter Moment, um das herauszufinden.

Unter die Haut

„Zeig dich.“, flüstert sie. Ich war mir bislang nicht sicher, ob es eine gute Idee war. Aber es beginnt, wie es immer war. Es braucht nur wenige Momente Kontakt zwischen uns, bis wir beide brennen. Ich spüre, wie in mir alles weit wird. Keine Regulation mehr. Nur noch sein dürfen. Ungehemmt, ungebremst, unzensiert. Da ist jemand, der das tragen und vor allem ertragen kann. Wir tanzen vier Stunden am Abgrund, nur wir beide und die Gedanken, die sonst niemand hören darf. Und doch ist es anders. Die letzten Jahre haben die Hoffnung von ihr gerissen. Hoffnung darauf, dass das Leben anders werden kann, dass es eine Chance gibt, irgendwann etwas zu finden, wo man zur Ruhe kommen kann, wenn man dessen überdrüssig wurde, jederzeit alles haben zu können. Ich spüre, dass sie nicht mehr nur angreift. Es ist Verteidigung in ihrem Verhalten. Müdigkeit. Erschreckend viel Müdigkeit.

Ich frage mich, ob ich einen Blick in die Zukunft werfe oder schon in ihr angekommen bin.

Ich will das nicht.