Ungebetener Besuch

Der Besuch war nicht geplant und ich hatte nur zwei Tage Zeit, um mich seelisch darauf vorzubereiten und außerdem versuche ich ja mit mäßigem Erfolg, meine Vorurteile abzubauen.

Wir empfangen also einen verurteilten Verbrecher in unserem Haus, samt Kindern und Frau und obwohl ich ihn bereits seit Jahren durch die Verbindung der Kinder „kenne“, habe ich ihn seit seiner Verurteilung nicht mehr gesehen. Ich habe mit mittlerem Interesse die Zeitungsartikel gelesen, als alles aufgeflogen ist, war nicht sehr überrascht, habe mir meinen Teil gedacht und damals auch überlegt, was ich wohl an Stelle seiner Frau tun würde, wenn mir das passieren würde. Wie sie sich entschieden hat, ist klar, denn alle stehen zusammen vor unserem Tor und er ist mir so unsympathisch wie eh und je, daran hat sich nichts geändert, Verbrechen hin oder her.

Absurderweise kann ich mehr Mitgefühl für Affekthandlungen aufbringen, für das systematische Lügen, Erpressen und Bedrohen von Leuten fehlt mir wohl ein Mitgefühl-Gen, keine Ahnung. Über Jahre hinweg in einer bereits von Haus aus privilegierten Situation seine Position auszunutzen, um Beträge in Millionenhöhe zu ergaunern, nein, das kann man nur schwer durch kopflose Entscheidungen schönreden, das ist leider schon Charakter. Und ich glaube, damit hätte ich dann auch meine Entscheidung, wie ich gehandelt hätte, wäre es mein Mann gewesen, aber das habe ich in der Vergangenheit bei anderen Themen auch schon einige Male gedacht und schlussendlich ist es dann immer etwas anderes, wenn man selber in der Situation steckt.

Ich spüre so deutlich wie nie zuvor, dass die Phase meines Lebens, in der ich dachte, dass man für alles und jeden nur genug Verständnis aufbringen müsste, vorbei ist. Ich kann das nicht mehr, ich will das nicht mehr und das Beste: Ich muss das gar nicht. Natürlich hat jeder Mensch Gründe für sein Handeln, immer.

Aber zur Reifung gehört die Erkenntnis, dass zu diesen Gründen manchmal auch Habgier und andere niedere Charakterzüge gehören.

Desillusioniert

Ich sehe nicht, dass es sich rentiert, ein aufrechtes Leben zu leben.

Ich sehe die Dinge, Sozialleistungen, Geld, Spenden, Mitleid, Zuwendung, Geschenke, die Menschen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ergaunern und wie sie jenseits jeder Moral und jenseits des theoretisch vorgegebenen zivilisatorischen Konsens von Ethik und Sozialverträglichkeit nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind.

Und es ist nicht einmal, dass mich das überraschen würde. Oder mich in seinem Ausmaß erschreckte.

Ich bin auch heute noch von Menschen umgeben, die so nah am Bodensatz der Gesellschaft überleben müssen, dass sie natürlich andere Entscheidungen treffen als der Großteil der Bevölkerung treffen müsste. Ich kenne Menschen, die klauen, die sich aus Not prostituieren, den Staat bescheißen, die ihre Kinder oder Partnermenschen schlagen, sie anschreien, misshandeln, die betrügen, und lügen, wenn sie den Mund aufmachen. Eine meiner Alltagsaufgaben ist es, diesen Menschen genau dann eine Hand zu reichen, wenn sie mir im selben Atemzug nicht die Handtasche klauen und ich kann das gut.

Ich verurteile das moralisch nicht.

Ich werte nicht. Ich höre und ich sehe und ich kenne den Unterschied zwischen Mensch und Verhalten.

Ich kenne den Überlebensmodus.

So anders und doch so gleich.

Wenn du einen Großteil deines Lebens auf deine Amygdala heruntergebrochen wirst, denkst du nicht mehr nach.

Du tust Dinge.

Und ein Wertesystem ist für die moralisch privilegierten.

Moralisches Privileg entsteht aus Sicherheit.

Und genau hier ist der Punkt, der mich desillusioniert. Wenn sogar die moralisch Privilegierten entscheiden, ihren Neocortex nur dafür zu nutzen, wie sie ihr Leben maximal komfortabel gestalten können, wie sie andere ausnutzen, um Geld erleichtern, wie sie auf Mitleid spielen und persönliche Vorteile aus einem wackeligen Lügengebilde erfahren, wo genau ist der Sinn, dass es einen anscheinend nur verschwindend geringen Teil Menschen gibt, die sich bemühen, genauso nicht zu sein?

Do what is right. Not what is easy.

Es scheint mir immer mehr ein Spruch aus einer Fantasiewelt zu sein, die ich mir zurechtgezimmert habe, weil ich daran glauben wollte, dass es tatsächlich einen nicht unerheblichen Bruchteil an Menschen gibt, die nach dieser Maxime ihr Leben gestalten wollen. Nicht perfekt, aber bemüht. Wenn ich mich in nächster Umgebung umblicke, brauche ich nicht einmal alle Finger einer Hand zum zählen. Und wer weiß schon, welche Leichen im Keller diese Menschen verbergen.

Vertraue niemandem. Alle Menschen lügen. Immer.

Soll ich also in meinem Leben wirklich so weit gekommen sein, um letzten Endes zu erkennen, dass wir als Menschheit unterm Strich genau so sind, wie meine Herkunftsfamilie immer prophezeit hat?

Korrupt, moralisch verkommen und nur auf den eigenen Vorteil bedacht?

Und warum sollte ich dann an mein eigenes Verhalten andere Maßstäbe anlegen, wenn es mir doch hierbei nur zum Nachteil gereicht?

Ich kann die Zwischentöne gerade nicht mehr sehen, während alles, was nicht weiß ist, ins Schwarz rutscht.

So unendlich traurig über Erkenntnisse, die schon immer da waren.

Overload

Menschen nerven mich gerade.

Das ist ziemlich schlecht, bin ich doch ununterbrochen von Menschen umgeben.

Aber ich bin zurzeit urteilender als ich den Anspruch an mich stelle.

Bin angefasst, wenn ich angegriffen oder doof angemacht werde, nehme viel persönlich, was ich okayen sollte und fühle mich aktuell mit vielleicht höchstens einer Handvoll Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung richtig wohl, den Rest möchte ich gerne auf den Mond schießen.

Es gibt ein paar wenige Personen, die es leider unter Vorspiegelung irreführender Tatsachen bis in meinen SafeSpace geschafft haben und ich kämpfe hart, das Problem für mich auf gesellschaftlich akzeptablem Weg zu lösen.

Die Stalkinggeschichte der letzten Monate, das Eindringen in unseren höchstpersönlichen Lebensraum hier im Städtchen und „zufällige“ Begegnungen tun ihr Übriges, dass ich manchmal einfach nicht mehr sichtbar sein möchte. Aber das Problem ist nicht meins. Wer nicht genug sozial angemessene Verhaltensweisen verinnerlicht hat und uneingeladen hier auf meiner Grundstückstreppe sitzt oder mich am Tag mit dutzenden Nachrichten bombardiert, ohne dass ich jemals darauf geantwortet hätte – der hat ein Problem.

Und zwar ein Gewaltiges.

Ich übernehme dafür keine Verantwortung.

Aber sicherlich hat es den Schritt beschleunigt, einen 22.000 Follower-Account einfach zurücklassen zu können, ohne allzu traurig darüber zu sein, ein weiteres Kapitel zu beenden.

Es liegt eine seltsame Faszination darin, mit Großaccounts zu kommunizieren und ich verstehe nicht, welche. Allein der Blick in mein Postfach deckt alle Untiefen menschlicher Absurditäten ab, die man sich nur vorstellen kann. Ich möchte offen für Menschen bleiben, aber ich möchte nicht überfahren werden. Ich kommuniziere ungern konstruiert und schon meine 40 Guten-Morgen-Kati-Nachrichten auf WhatsApp lassen mich innerlich manchmal schreiend davonlaufen.

Ich halte das aus, weil mir Menschen wichtig sind.

Wozu ich allerdings nicht bereit bin, ist, dass Menschen, die ich nicht ermutige, insistieren, mit mir eine wie auch immer geartete Form von Gespräch führen zu dürfen, einfach weil ich öffentlich bin und gefälligst verfügbar zu sein habe.

Ein anderer problematischer Aspekt ist der, dass Menschen denken, mich zu kennen, weil sie 1 bis 10 Mal am Tag von mir 140 Zeichen lesen können.

Und das ist wirklich ein richtig großes Problem. Ich bin jeden Tag öffentlich. Manchmal zeige ich einen Ausschnitt meines Tages. Manchmal aus der Vergangenheit.

Fast alles ist auf leichtes Verständnis heruntergebrochen. Manchmal teile ich einen Standpunkt, eine Ansicht, eine Moralvorstellung. Nichts davon ist so heiß, dass ich es nicht ertragen kann, wenn es angegriffen wird. Nichts. Das heißt, alles, was mich emotional wirklich hart anfasst, ist dort eher nicht zu lesen. Alles, was ich formulieren kann, ist soweit abgekühlt, dass ich einen gewissen Abstand habe.

Und trotzdem denken Menschen, die nur diese Ausschnitte lesen, dass sie wissen, wie mein gottverdammter Tag war oder was mich beschäftigt hat.

Wenn ich mit Menschen kommuniziere, die sowohl mein Twitter/Insta/Blog/Facebook/whatever lesen als auch mich im realen Leben kennen, dann merke ich schnell, wer den Großaccount für das Maß aller Dinge hält und wer tatsächlich die Kati hinter dem Kompendium sehen kann.

Ich weiß, wie verführerisch und leicht es uns SocialMedia macht, ein Podest für die zu erschaffen, die wir nur so sehen wollen, wie wir das gerade brauchen.

Und auch hier, einmal mehr: Nicht mein Problem, nicht meine Verantwortung. Ich will keine Projektionsfläche für anderer Leute Idealvorstellungen sein.

Ich will ich sein und um meiner selbst willen interessant sein und um meiner selbst willen von denen gemocht werden, die mir wichtig sind. Ich vermute, wie jeder Mensch.

Letzten Endes ist gerade eine Plattform wie Twitter ein Darstellungsmedium.

Und ich liebe das. Ich liebe die Gedankenschnipsel, die unterschiedlichen Themen, den Tellerrand, die Möglichkeit, es als seelischen Mülleimer, als Roleplay, als DailySoap oder als Nachrichtendienst zu nutzen.

Bedenklich wird es erst, wenn daraus die Theorie konstruiert wird, dass ein solches Medium einen Menschen und dessen Leben komplett abbilden kann.

Gefährlich wird es dann, wenn sich daraus eine Obsession entwickelt.

Im Mittelpunkt steht man immer allein.

Wachstum.

Garten.

Endlich wieder in den Garten. Gestern kamen die letzten Pflanzen, die ich im Januar vorbestellt hatte und unter anderem auch die vier Rosen, die auf den Gräbern von Kasimir und Schnuppe wachsen sollen.

Das Buddeln im Garten tut so gut.

Endlich wieder Wachstum und Leben nach all dem Tod und Verfall der letzten Monate.

Ich habe lange überlegt, was ich mit dem Geld mache, wenn es erst mal da ist und dachte, ich würde es handhaben wie üblich. Aber ich habe die letzten Jahre Revue passieren lassen und nichts von alledem (bis auf ein paar Ausnahmen) hat mich wirklich befriedigt. Ich liebe helfen, aber ich vermute, ich bin deutlich weniger altruistisch als ich dachte.

Seit 15 Monaten kaufe ich jeden Tag einem fremden Menschen etwas von seiner Wishlist und dieses Jahr wollte ich das fortführen, aber hier menschelt es bei mir gerade deutlich. Darum habe ich es gestoppt. Ich mag kein Riesenbohei, aber ab und an ein Danke wäre nett gewesen oder zumindest das Wissen, dass es angekommen ist oder… ach, die Liste ist lang.

Rechnungen, die ich übernommen habe, egal ob Stromnachzahlung, OP-Kosten für Tiere, Hilfsmittel für alte Hunde, Anwaltssuche… die Tausender, die da über den Tisch gingen, waren die unbefriedigendsten.

Und ich habe den Anspruch an mich selber, dass es reicht, dass ich (vielleicht) einen Unterschied mache, aber ich fürchte, ich habe mehr als nur ein Minimum an Ego in der Hinsicht.

Vielleicht einfach nur die Rückmeldung, dass es nicht egal war.

Aber auch das ist in vielen Fällen zu viel verlangt.

Offensichtlich. Ein Geschenk ist ein Geschenk.

Kein Handel.

Meine oberste Richtlinie.

Aber wenn es doch als Selbstverständlichkeit betrachtet wird – ist es dann überhaupt noch ein Geschenk?

Ich muss an diesem Punkt in mich gehen.

Ich denke, ich habe meinen Beitrag geleistet, was weitestgehend fremde Menschen angeht und die Frage, wie man Schuld sühnen kann, ist immer ein Thema in meinem Leben.

Vielleicht wird es Zeit, sich wieder in kleineren Kreisen zu bewegen. Denn das ist da, wo meine Freude aufleuchtet. Das widerspricht elementar dem Anspruch, dass ein Geschenk keine Gegenleistung erfordert, aber ist es denn wirklich schlimm, wenn ich Zufriedenheit daraus ziehe, dass jemand anderes sich freut?

Was ist noch Empathie, wo fängt der Narzissmus an?

Grau. Ich muss im Grau bleiben.

Vielleicht ist auch das hier nicht schwarz und weiß.

In letzter Zeit wieder ein paar zu viele spitze Bemerkungen zum Thema Hausfrauendasein gehört, die ich für mich noch verarbeiten muss.

Ja.

Was mache ich schon den ganzen Tag…

Drahtseil

„Du gehst seit Monaten nicht ans Telefon, wenn ich anrufe.“

– Ja, ich kann nicht.

„Willst du sprechen oder soll ich einfach weitergehen?“

Es ist zu spät. Ich merke, wie sich die Dunkelheit öffnet.

– Mein Vater hat sich umgebracht.

Suizid, hämmert es in meinem Kopf. Es heißt Suizid. Aber es ist egal. Der einzige Mensch, der so roh und brutal und ungefiltert sagen kann, was er denkt und der mich ohne Kompromisse genauso annehmen kann, steht hier vor mir und ich bin so lange Monate vor ihm weggelaufen, damit ich die Mauern oben lassen kann, dass jetzt nichts mehr geht.

„Wichser.“

Ich nicke. Habe kein Verlangen, ihn zu verteidigen, auf seine Krankheiten und Schmerzen hinzuweisen, zwischen uns ist Platz für brutale Wut und den Hass, den ich mir verbiete.

Ich merke, wie die Maske der Menschlichkeit immer weiter sinkt und sie lockt mich. Wie sie das immer tut. Spüre den Wechsel, der sich ankündigt und weiß wieder, warum wir normalerweise telefonieren. Zuhause kann ich mich fallen lassen, kann abtauchen in die Welt, die nicht meine sein darf. Hier nicht. Verfluche mich selbst, dass ich nicht vorsichtiger war, dass ich ihr in die Arme gelaufen bin.

– Kein gutes Thema.

Sie nickt. Auch sie ist in der Öffentlichkeit und hier werden Grenzen toleriert. Das haben wir gelernt.

„Ich werde wieder anrufen.“

Ich nicke.

– Und ich weiß nicht, ob ich abnehmen werde.

„Vielleicht nächstes Jahr.“

– Ja. Vielleicht.

[Vielleicht. Vielleicht nächstes Jahr wieder.]

Dr. Batman

Der neue Zahnarzt hat an seiner Bürotür in sehr groß das Batmanzeichen hängen.

Er versucht bei wirklich jedem Termin, eine komplizierte Handschlag-Brofist-Geheimmove – Bewegungsabfolge zur Begrüßung zu performen und ich komme mir vor wie der letzte begriffsstutzige Körperklaus, der als Einziger die Etikette nicht kennt.
Heute immerhin 3 Moves geschafft.

Ich vermute irgendeinen perfiden psychologischen Trick für Angstpatienten.

Funktioniert.

Wie ich schon den ganzen Morgen vor dem Termin überlege, ob der Daumen jetzt hoch muss und wann der Ellenbogen kommt… Dazu die Panik, mich im Schal zu verheddern und ihm aus Versehen ins Gesicht zu schlagen…

Hab meistens schon zwei Betäubungsspritzen hinter mir, wenn ich mich geistig davon erholt habe.

Von der Angst

Die Angst war lange Jahre die treueste Begleiterin des Kobolds.

Ich schätze, dass er heute darum auch so mutig ist, denn nur wer die Angst kennt, findet den Mut.

Sein schlimmster Feind war ein gleichaltriger Junge, mit dem er eingeschult wurde und von dem er tagein tagaus gepiesackt wurde. Erst war es nur ärgern, dann mobben, dann kam körperliche Gewalt dazu. Und ein Kobold kam jeden Tag weinend aus der Schule und schwor mir, dort nie wieder hinzugehen.

Ich versuchte alles. Wir haben viel über Notwehr gesprochen, aber allein die Vorstellung, jemandem weh zu tun, brach so verzweifelt über dem kleinen Jungen zusammen, dass er nur umso bitterlicher weinte. Einfach nur aufhören sollte es. Es hörte nicht auf.

Gespräche mit Lehrern, die nichts gesehen hatten, mit Pausenaufsichten, die Dinge sagten wie „Jungs halt“ oder „Dann soll er sich wehren!“ und es änderte nichts. Es wurde schlimmer und die Angst wurde größer.

Ich brachte den Kobold jeden Tag zur Schule und natürlich passierten diese Dinge nicht, wenn ich dort stand. Also legte ich mich auf die Lauer. Ungesehen, von beiden. Und es dauerte nicht lange. Ein Erstklässler wie ein Bulldozer – doppelt so breit und schwer wie der Kobold – und der seine Masse, seine Kraft und all seine Wut gegen andere Kinder richtete.

Er hielt den Kobold fest, schlug, lachte. Der Kobold weinte und wimmerte und schrie um Hilfe. Und ich sah rot. Ich stürmte auf den Schulhof, wutentbrannt auf diesen Jungen zu, bereit, mein Kind zu verteidigen. Ich hörte das Rufen hinter mir kaum, nur noch das Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Er stand mit dem Rücken zu mir, drehte sich irgendwann um, während ich noch auf ihn zukam und ließ den Kobold los. Ich hob mein Kind auf den Arm und stellte mich vor ihn. Meine Stimme war leise und ich drohte. Unverhohlen.

Er nickte bleich.

Ich drehte mich um und ging. Holte die Sachen des Kobolds aus der Schule, erklärte den Lehrern, dass ich diesen Vorfall nur noch mit dem Direktor besprechen werde und jetzt mein Kind mit nach Hause nehme.

Im Rahmen der offiziellen Aufarbeitung dieser Vorfälle habe ich die Eltern des Jungen kennengelernt. In Gesprächen mit der Mutter eine Freundin gefunden und beim ersten Treffen auf ihren Ehemann erkannt, warum der Sohn ein Täter war. Viele Opfer werden im Draußen zu Tätern.

Es sollten noch weitere Jahre vergehen, bis dieser Junge das erste Mal bei uns zu Besuch war. An Wochenenden hier übernachtete. Dem Kobold ein Freund wurde. Ein Echter.

Und je älter die beiden wurden, desto weiter wuchsen sie zusammen. Bis der Krebs kam. Bis Dinge passierten. Bis der Hass in diesem Jungen wieder so groß wurde, dass der Hass irgendwo anders hin musste, um seine Seele nicht zu zerfressen.

Ganz abgerissen ist der Kontakt der Beiden nie. Wie auch. Mein großes Kind ist mit der großen Tochter befreundet, mein kleines Kind einer der besten Freunde ihres kleinen Kindes und die Zweitgeborenen konnten sich nicht aus dem Weg gehen. Nicht vollends. Wenn von 11 Kindern 6 regelmäßig miteinander Dinge unternahmen, dann sieht und trifft man sich nicht nur in der Schule.

Er hat sich über die Jahre einen besonderen Platz in meinem Herzen erkämpft. Von völliger Abneigung zu dem Bedürfnis, ihn zumindest ein Stück weit zu schützen, für den Teil, der in meiner Macht liegt. Und Sympathie. Ja. Da ist Sympathie für diesen kriminellen 2-Meter-Brecher von Jugendlichem, der säuft, raucht, Drogen nimmt und herumrandaliert und innen so klein und wund ist, dass ein Lächeln von mir reicht, um die Maske kurz sinken zu lassen und in meiner mütterlichen Umarmung weich zu werden.

Und nun?

Nun ist der einzige Mensch, für den er sich angestrengt hat, sich durchzubeißen, die Schule doch noch in Angriff zu nehmen, sich zu bessern, seine Probleme in den Griff zu bekommen, weg.

Tot.

Die Angst, die ihn während ihrer Krebserkrankung die letzten Jahre fast aufgefressen hat, dass seine Mama ihn verlässt, die erschlägt ihn nun. Er ist alleine mit ihm. Mit dem Vater, der ihn hasst. Alleine mit vier Geschwistern, drei davon jünger. Um die er sich jetzt alleine kümmern soll.

Stunden nach ihrem Tod diese Sätze von dem Mann, der nie ein Vater werden konnte: „Du bist jetzt verantwortlich. Du kümmerst dich jetzt um die Kleinen. Ich muss arbeiten. Das ist jetzt deine Verantwortung. Stell dich nicht an.“

Wie oft habe ich von ihr gehört, sie will nur so lange durchhalten, bis die Kinder alle für sich selber sorgen können. Nur noch diese Jahre. Das war ihr Mantra in unseren Gesprächen, wenn wieder eine Diagnose dazu kam. Dann mit fortschreitendem Verfall nur noch die Hoffnung, durchzuhalten, bis zumindest dieser Eine volljährig ist, damit er ausziehen kann

Es hat nicht geklappt.

Der Kobold ist da und hört zu.

Versucht, ein Anker zu sein, der ein Angebot bereit hält, wenn alles zu viel ist. Und ich habe Angst um dieses Kind. Schon längst nicht mehr um meines. Sondern jetzt um ihres.

Ich kann nur hoffen, dass er irgendwann erkennt, dass sein Mut fürs Leben nicht mit Mama zusammen gestorben ist, sondern irgendwo unter seiner ganzen Angst noch in ihm darauf wartet, dass er ihn findet.

Sichtweisen [Urteile]

Als der Butz mit eineinhalb Jahren das Alphabet mit Kreide an unsere Hauswand schmierte, war er ein cleveres Kerlchen.

Als er mit zweieinhalb Jahren als gehörlos diagnostiziert wurde, war er ein dummes Kind, das vielleicht die Förderschule schaffen würde.

Als er nach den ersten Operationen losstammelte, war er der hörbehinderte Stotterer, der unter Umständen irgendwann vielleicht ein fast normales Leben führen könnte.

Als er nach 9 Monaten Logopädie perfekt sprach und drei Jahre Wortschatz aufgeholt hatte, war er ein Wunderkind.

Als wir darauf drangen, dass er im Kindergarten gleich in die Vorschulgruppe kommt, waren wir Helikoptereltern.

Als er mit 4 die Schuleingangsuntersuchung gesprengt hat, und sofort in die zweite Klasse sollte, waren wir aufmerksame Beobachter, die ihr Kind optimal fördern.

Und so geht das für Eltern immer und immer weiter.

Man wird immer auf Menschen (auch Ärzte) treffen, die mit ihren Urteilen, basierend auf dem viel zu kleinen Ausschnitt, den sie überhaupt sehen können, bei der Hand sind.

Nicht beirren lassen, nur weitermachen.

Winken

Der Kobold fährt auf Klassenfahrt. Ein paar Eindrücke.

Ein Vater prüft mit Daumen und Kennermiene den Luftdruck des hinteren Busreifens.

„Yo Alter! Hast du Sonnencreme mit für deine weißen Flecken? Wir wolln mal stabil ohne Hautkrebs braun werden!“
[Peergroup läuft.]

Mehrere knapp 2 Meter große Jungs tragen apricotfarbene Onesies, einer hat seine kleine Schwester auf dem Arm, einige Mädchen enthaaren gerade das Bein des Kobolds mit Kaltwachsstreifen, zur Begrüßung wird reihum gefistbumped.
[Klassengemeinschaft läuft auch.]

Ein Mädchen mit Krähennest auf dem Kopf, einem blauen Jogginganzug und einem Becher Kaffee in der Hand fällt aus dem Auto ihrer Eltern.
Ich liebe sie spontan.

Der Kobold bekommt indessen eine Flechtfrisur und eines der Mädchen fuhrwerkt ihm mit MakeUp im Gesicht herum.

Die obligatorischen Witze der Lehrer, die Ruhe zuhause doch zu genießen.
Einige nicken und strahlen.
Mehrkindeltern rollen müde mit den Augen.

Der Parkplatz sieht auch bemerkenswert aus: Es reiht sich Porsche an Porsche, mittendrin steht mein giftgrüner Elefant.
Der Kobold beim Ankommen: „Können wir mal irgendwo NICHT das auffälligste Auto haben?“
[Immerhin finde ich meines gleich spontan wieder.]

Der Rucksack eines Jungen wird von seinen Freunden durchsucht, alles ausgekippt.
Beim wieder Einräumen höre ich ein anerkennendes „Geil, Diggi. Keine Kippen. Du packst das! Wir ziehen das durch!“
[Ich habe das Bedürfnis, alle zu umarmen.]

Das Kaffeemädchen scheint wach zu werden. Menschen beginnen vorsichtig mit ihr zu interagieren.

Mein Sohn steigt mit Hochsteckfrisur, enthaartem Bein und dezentem TagesMakeUp in den Bus.

Bei Klassenfahrten wird gewunken, also turne ich mit den anderen Eltern um den Bus herum, um den Sitzplatz meines Kindes zu finden.

Ich habe den Kobold gefunden.

Sein Arm liegt um blaubekleidete Schultern, ein Kopf mit hochstehendem Gestrüpp ruht an seiner Halsbeuge.

Er grinst, ich lächle, wir winken.

Ein letzter Brief.

Liebe Anne.

Vor 12 Jahren schon habe ich dir bei unserer Trennung etwas versprochen.

Niemand nach dir.

Ich wollte nie wieder so tief für jemanden empfinden. Wir haben uns gegenseitig fast zerstört. Wir waren so gleich und haben uns in den Abgrund gespiegelt.

Es war außerhalb meiner Ehe die emotionalste und tiefste Verbindung, die ich je erfahren habe. Ein tiefschwarzer Tanz unserer Seelen miteinander. Ich möchte keine Sekunde davon missen, die Zeit mit dir hat mich maßgeblich geprägt. Wir haben es später noch einmal in aller Heimlichkeit miteinander versucht, vorsichtiger und erwachsener diesmal, aber ohne die blutrote Schwärze waren wir nichts.

Nun bist du schon viele Jahre tot und ich habe mich in jeder neuen Freundschaft an mein Versprechen gehalten.
Niemand wird sehen, was du gesehen hast.
Nie wieder.
Niemand nach dir.

Ich habe es gebrochen.

Da ist jemand, der schleichend Teil meines Lebens wurde. Ich kann dir nicht mal mehr sagen, wann oder wie das angefangen hat.

Nur, dass ich Anfang diesen Jahres plötzlich irgendwo in der Natur stand, fassungslos auf eine Nachricht blickte und es mir wie Schuppen von den Augen fiel, dass das schon lange keine Freundschaft mehr war.

Gefährtin, stand dort.

Und ich hatte es ohne viel Nachdenken geschrieben.

Pause, am anderen Ende. Und ich spürte, wie die Angst hochkroch. Angst, nicht zu reichen. Zuviel zu sein. Zuviel zu wollen. Das hatte ich seit dir nicht mehr.

Aber ich bin anders heute. Ich bin erwachsener geworden.

Und auch wenn ich weiß, dass hier auf der anderen Seite die Dunkelheit lauert – ein Mensch, dem keine Form von Leid fremd ist, der Unsagbares erfahren hat – wir tanzen nicht in den Abgrund.

Wir tanzen ins Licht.

Ich weiß nicht, ob uns beiden das jemals möglich gewesen wäre.

Vielleicht hatten auch wir unsere Zeit und ich bemühe mich, es so zu betrachten, dass wir damals das waren, was uns möglich war.

Ich hab dich geliebt. Und ich habe dich losgelassen

Machs gut, Anne.

Und danke für alles.