Dr. B.

Ich glaube, ich wäre nicht so gut durch die Kleinkindjahre der Kinder gekommen ohne unseren alten Kinderarzt, der sich jedes Mal zurücklehnte, über seinen langen weißen Bart strich, mich prüfend ansah und dann liebevoll lächelnd fragte:

Hm. Haben SIE jetzt das Problem oder das Kind?

[Meistens hatte ich es.]

Fledertiere

Die Nachbarin hat mich auf unsere Fledermausschwärme angesprochen, die bei uns in der Hausfassade leben und die ja wegen der Tollwut(!) eine gigantische(!) Gefahr(!) für Menschen sind, stand in der Zeitung!

Ich hab dann gesagt, ich lass die beim Tierarzt alle impfen, sie nickte erleichtert und vermutlich komme ich jetzt in die Hölle.

Effizienz

Die Freundin heiratet zum dritten Mal und weil das Ehegelübde bei Hochzeit Nr. 2 so schön klang, übernimmt sie es nun exakt so Wort für Wort und tauscht nur die Namen aus.

Stachel

Ich bin es gewohnt, dass die Geschichten aus meinem Leben angezweifelt werden und ich kann Menschen keinen Vorwurf daraus machen.

Die meisten von ihnen können sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, was ich erlebt habe und welche Absurditäten Teil meines ganz normalen Alltags waren oder immer noch sind.

Aber wenn ein Freund, dem man schon länger einen durchaus sehr persönlichen Einblick ins eigene Leben gewährt, und den man unterstützt, wo man kann, andeutet, dass er viele Erzählungen für schlichtweg erfunden hält, dann piekst das einen kurzen Moment so wie früher, als es so wichtig gewesen wäre, dass man mir geglaubt hätte, als ich um Hilfe gerufen habe.

Heute bin ich darauf nicht mehr angewiesen und muss keine Kompromisse mehr eingehen. Und will es auch nicht mehr.

Wer einen großen Teil meines Alltags anzweifelt, hat darin dann tatsächlich auch nichts mehr zu suchen.

Kleine Gemüsekunde

„Das ist Gurke?“
– Zucchini.

„Was ist das?“
– Fenchel.

„Spitzkohl, stimmts?“
– Chinakohl.

„Hier, Dings!“
– Brokkoli.

„KOHLRABI!“
– Mairüben.

„Äh…?“
– Spargel.
„Spargel ist weiß!“
– Grüner Spargel.

Neue Kassiererin.
Wochenendeinkauf.

Das Musical.

Moderne Technik

Es regnet.

WhatsApp meines Vaters: Es regnet bei euch!

Überlege jetzt, in die Stadt zu fahren und ein Schild mit der Aufschrift: ICH SEHE DAS!!! in sein neues Spielzeug – unsere Stadt-WebCam – zu halten.

Parallelwelten

In meiner Freizeit spiele ich ein MMORPG, dem mein ganzes Herz gehört – seit nunmehr über 12 Jahren.

Angefangen alleine, dann mit dem Mann gespielt, dann ein Jahr später eine Gilde gegründet. Mit Internetzmenschen.

Bis es irgendwann eskaliert ist, ich von einem auf den anderen Tag den Account gelöscht und einen Neuen erstellt habe, auf dem mich niemand findet.

Viele Jahre vergingen und zumindest ich hütete dieses Geheimnis meiner Zufluchtswelt, in der alles bunt ist, auch wenn meine Welt in Dunkelheit versinkt.

Jahre, in denen ich ausschließlich alleine oder selten mal mit dem Mann spielte. Gruppen nur mit fremden Spielern bildete, die ich nie wiedersehen würde.

Dann kam eine sehr lange Verletzungspause, in der ich so gut wie gar nicht spielen konnte, weil mein Körper streikte.

Seit einigen Monaten ist alles anders.

Da sind wunderbar liebenswerte Menschen aus Blogs und aus Twitter und aus meiner Vergangenheit, die sich alle bei uns versammelt haben, um mit uns zu spielen. Irgendwie hat das sehr schnell Fahrt aufgenommen und setzt sich erst langsam. Und was ich merke: Ich stehe vor demselben Problem wie schon vor 9 Jahren. Menschen.

Vor 9 Jahren wurde ich – wannimmer ich im Spiel eingeloggt war – angeflüstert, ob ich denn gar keinen Haushalt zu erledigen hätte, wer sich denn um meine Kinder kümmern würde, ob mein Mann wüsste, wie viel ich spiele… ein absolut übergriffiges Verhalten von Menschen, die ich aus meinem Leben gestrichen habe.

Am Abend war ich dann wieder gut genug dafür, Menschen durch Instanzen zu ziehen, ihnen Taschen oder sonstiges zu schenken oder andere Dinge zu tun, während gleichzeitig versucht wurde, hinter meinem Rücken meinen Mann anzugraben und vornerum unschuldig zu tun. Seitenhiebe inklusive.

Das staute sich über Monate hinweg in mir, bis ich dann an einem Tag einfach implodiert bin, alle Spieler aus der Gilde geworfen, einen kurzen Abschiedsbrief verfasst habe, weg war und nie wieder darüber geredet habe. Das hat leider auch die getroffen, die gar nicht so waren. Aber ich konnte einfach nicht mehr.

In der darauffolgenden Zeit musste ich erst wieder lernen, das Spiel zu lieben, das mir so viel bedeutet. Erst als der Stress wegfiel, merkte ich, wie sehr mich der Umgang mit diesen Menschen aufgerieben hat.

Heute ist vieles anders.
Ich bin nicht mehr dieselbe wie vor 9 Jahren.
Ich bin eine Andere.
Und ich kann anders auf diese Dinge reagieren, mit denen ich konfrontiert werde.

Ich spiele, wann und wieviel ich will.
Mein Leben, meine Regeln.

Ich spiele einen Großteil dieses Spiels als Wirtschaftssimulation und bin entsprechend lange auch einfach nur online, um nebenher von Zeit zu Zeit mal ins Auktionshaus zu sehen. Ich muss niemandem darüber Rechenschaft ablegen. Ich arbeite im Spiel für mein Gold. Ich bin niemandem etwas schuldig. Kein Gold, keine Gegenstände, nichts.

Wer Geschenke erwartet oder neidisch darauf ist, wenn ich jemand anderem etwas schenke, der hat selber ein gewaltiges Problem. Ich entscheide, für wen ich mein Gold ausgebe, mit wem ich meine Freizeit verbringe, für wen ich etwas tue.

Ein besonderer Punkt: Freizeit. Es ist meine Freizeit. Auch wenn viele Menschen es nicht glauben oder mir gerne unter die Nase reiben, dass sie im Gegensatz zu mir ja ach so früh aufstehen und arbeiten müssten, es ist meine Freizeit und davon habe ich nicht allzu viel. Wenn ich im Spiel eingeloggt bin, bin ich darum nicht einfach verfügbar.

Ich möchte genauso gefragt werden wie jeder andere auch.

Wenn ich etwas tue, fühle ich mich nicht verpflichtet, alle Spieler, die online sind, mitzunehmen. Ich bin kein Reiseunternehmen. Ich spiele gerne mit anderen zusammen, aber ich muss mir deswegen weder Seitenhiebe noch blöde Bemerkungen noch passiv aggressive Vorwürfe anhören, wenn sich jemand ausgegrenzt fühlt, nur weil ihm nicht der Hintern hinterhergetragen wird.

Wir sind alle erwachsen, jeder ist für seinen Spaß selbst verantwortlich.

Jeder spielt anders.
Ich spiele gerne nach dem Leistungsprinzip.
Ich mag auch chillige Runs und wipen ist nicht mein Problem, wenn der Rahmen klar ist. Wenn ich aber auf der einen Seite nach jedem Kampf gerne warte, bis jeder sein Spielzeug ausgepackt, sein Tier gewechselt, drei Screenshots gemacht und seine Ausrüstung andersrum angezogen hat, dann erwarte ich auf der anderen Seite auch, dass akzeptiert wird, dass ich durchaus abschätzen kann, dass Menschen, die sich weder um Bufffood, Stärkungszauber, Fläschchen Spielmechaniken, Bosstaktiken und Co. kümmern und Instanzen nur als netten Ausflug einer vor sich hinstolpernden Ansammlung von Gelegenheitsspielern betrachten, im Endcontent nichts zu suchen haben, ich ihn aber trotzdem spielen möchte. Nur dann eben ohne sie.

Die Vorwürfe dazu kann jeder dort stecken lassen, wo sie hingehören.

Es ist wie im wahren Leben: Wer immer nur alles geschenkt bekommen will, ohne auch nur ansatzweise etwas dafür zu tun, der wird unweigerlich enttäuscht werden.

Ich liebe meine Mitspieler und ich schätze ihre Unterschiedlichkeit und auch ihre Andersartigkeit, wenngleich ich viele Verhaltensweisen und Befindlichkeiten auch nicht nachvollziehen kann.

Aber das muss ich ja auch gar nicht.

Respekt reicht in den allermeisten Fällen völlig aus.

Am dicken Fell werde ich auch weiterhin arbeiten, denn es ist mein Spiel und es ist meine geliebte bunte Welt.

Die lasse ich mir kein zweites Mal kaputt machen.

Warum liegt denn hier Stroh rum?

Der amazon-Fahrer ist ein 2 Meter großer Hüne, hat lange schwarze Locken, lächelt wie ein junger Gott, spricht nicht so ganz perfektes Deutsch und ruft jedes Mal sehr laut quer durch den Garten:

„Habe ich das gut gemacht? Ich will es Ihnen genau richtig besorgen!“

[Die Nachbarn bestellen wohl auch bald bei Amazon.]

Drahtseil

Einmal im Monat klingelt hier das Telefon mit einer Nummer, die mir Schauer über den Rücken jagt.

Zwei oder dreimal im Jahr nehme ich dieses Gespräch an.
Heute war so ein Tag.

Ein Mensch mit meiner schieren Anzahl an Persönlichkeitsstörungen und Diagnosen findet außerhalb von Psychiatrien selten jemanden, der einen ähnlich langen Weg hatte. Schon gar niemanden, der ein auch nur annähernd vergleichbares Leben gewählt hat wie ich.

Sie sind so ein Mensch.

Ein Gleicher, im schlechtesten Sinne. Und es triggert schon ihre Stimme alle Anteile nach oben. Auch die, die immer unter Verschluss sind. Die Morbiden, die Hässlichen, die Gewalttätigen, die Psychopathischen, die Sadistischen.

Wir haben keine Zeit für Floskeln. Eine Stunde, maximal eineinhalb Stunden wird auch dieses Gespräch wieder dauern. Dann bin ich zu erschöpft von der Energie, die es meiner Seele abverlangt, alle Wächter auszuschalten.

Ich melde mich. Wir schweigen. Wir wissen. Wir sammeln uns. Zwischen uns darf alles ausgesprochen werden. Auch jene Worte jenseits jeden Anstands, jeder Moral und jeder Ethik. Die Welt schrumpft auf den zähen Morast unserer Verbindung. Sie bewegt sich auch im Alltag in einer destruktiven und sadistischen Welt und ist deutlich stärker als ich, einige Dinge auszuhalten. Ich weiß, dass sie jedes Licht in sich aufsaugt, das ich ihr zugestehe. Ich weiß, ich bin gleich leer. Ausgebrannt. Zu Tode erschöpft. Aber auch für einen Moment eins, wo sonst nur 1000 Scherben sind.

Erzähl mir, wie es dir geht.

Und ich rede. Zerstörerisch. Alles vernichtend. Da ist keine Liebe. Nur Hass. Nur Schwärze. Worte, die niemals sonst über meine Lippen kämen. Es ist roh, es tut weh. Und sie treffen auf einen Resonanzboden. Da ist kein Urteil, keine Wertung, kein Rat, nur Verstärkung. Sie nimmt mich unbarmherzig auseinander, zwingt mich, meine Beweggründe zu analysieren, reißt mir die wohlformulierende Fratze des Alltags vom Herzen und sticht dort hinein, wo es wehtut. Ich sehe mich nie so klar wie in diesen Momenten. Das kann keine Supervision, keine Therapie, keine Freundschaft, keine Liebe, das kann nur ein Gleicher.

Meine Kräfte schwinden. Der schlimmste Teil kommt erst noch. Ich höre von der Gewalt in ihren Beziehungen. Zu Männern, Kindern, Frauen. Sich selbst gegenüber. Ich habe keine Möglichkeit zur Dissoziation mehr und jedes Bild wird von mir durchlebt, erlebt. Bin Täter, Opfer, Kind, Mutter, erlebe und tue Unaussprechliches.

Wir sind eins in diesen Momenten und ich spüre immer deutlicher, dass ich die Verbindung beenden muss, wenn ich wieder zurückwill. Ich habe mich vor unendlich langer Zeit für die andere Seite entschieden.

Sie will dort nicht hin.

Sie ist ich, ich bin sie, auf unterschiedlichen Ausprägungen eines Lebens, das uns das Furchtbarste angetan hat, das ein Mensch ertragen muss. Sie braucht die Dunkelheit wie ich das Licht brauche. Wenn wir uns in der Mitte treffen, erhaschen wir einen Blick auf die jeweils andere Seite unserer Entscheidungen.

Ich kann nicht mehr.

– Ist gut.

Ich liebe dich, sage ich. Und meine uns alle.

– Ich liebe dich auch, sagt sie. Und meint uns alle.

Bis zum nächsten Mal, flüstere ich.

-In zwanzig Jahren werden wir lachen, flüstert sie zurück.

Ja, sage ich.

Und dann legen wir auf.

Erziehungsmaßnahmen

Sitze bei offenem Fenster im Arbeitszimmer und dachte wirklich, die Kinder wären im Garten.

Plötzlich von draußen: „Boah, fick dich, Alter!“

Ich brülle Richtung Fenster: SO wird hier bestimmt nicht gesprochen!!

Von draußen: „Entschuldigen Sie bitte… wir gehen mal weiter…“