Zerrissen

Wo ich in den vergangenen Jahren schon sehr damit gehadert habe, dass es 4 Stunden Fahrt sind, die mich und die große Tochter voneinander trennen, habe ich im vergangenen Jahr seit ihrer schwierigen Schwangerschaft gelernt, diesen Umstand zu hassen. Zu einem erwachsenen gesunden Menschen eine Beziehung zu halten, ist auf diese Art ohne Probleme möglich, sich in Krankheit oder bei Schwangerschaftskomplikationen zu kümmernd und dann zu einem neu geborenen Menschen eine Beziehung aufzubauen, eine organisatorische Katastrophe. Diese 4 Stunden Fahrt sind für mich extrem anstrengend. Ich hab mich dem gestellt und ich habe Möglichkeiten gefunden, die Strecke alleine zu schaffen, aber es kostet mich körperlich viel.

Die Tochter und der Schwiegersohn haben ein Penthouse gekauft, das darauf ausgelegt ist, präsentabel zu wohnen, nicht, Gäste zu beherbergen. Also schlafe ich auf einer Matratze auf dem Kinderzimmerboden und dusche in einem offen einsehbaren Badezimmer ohne Tür, laufe 9 lange Treppen hoch, um überhaupt zur Wohnung zu kommen (und bei Spaziergängen, Einkäufen etc. täglich mehrfach runter und wieder hoch) und in der Wohnung noch mal eine weitere.

Ich fahre alle drei Wochen unter der Woche dorthin, weil ich möchte, dass sie die Wochenenden als Paar für sich haben und ich fahre maximal drei Tage, weil ich hier auch noch Familie, Haus und Hunde habe. Wenn ich wieder zuhause bin, bin ich aufgrund meiner immer noch spürbaren PostCovid-Auswirkungen für ein bis zwei Wochen krank außer Gefecht und muss deutliche Einbußen meiner Leistungsfähigkeit in Kauf nehmen.

Das ist das Setting, in dem ich mich bewege, um eine stabile und tragfähige Bindung zu meinem Enkelkind aufzubauen und meiner Tochter in dieser Zeit regelmäßig zur Seite zu stehen. Ich weiß, sie bräuchte mich deutlich öfter bei sich, aber ich schaffe es schlicht nicht. Ich würde gerne, spüre aber meine Limitierung zu deutlich.

Ich bin mir sicher, ich würde eine andere Lösung finden können, wenn ich hier nicht noch zurzeit intensiv begleitungsbedürftige Teenager zuhause hätte, aber so zerreißt es mich jedes Mal, wenn das eine Kind weinend anruft, es braucht mich bei sich und wenn ich dort bin, rufen mich drei andere Kinder an, die mich zuhause brauchen. Ich würde zumindest das Dunkle gerne öfter mitnehmen, aber die Schule und ihre Verpflichtungen machen das unmöglich.

Also packe ich regelmäßig Pakete, schreibe Briefe, bin Tag und Nacht in Alarmbereitschaft und habe das Handy an mir kleben, falls etwas ist, hier oder dort.

Aber es ist kein schöner Zustand, zusätzlich zu allen anderen Problemen, die wir hier im Moment haben.

17 Jahre

Du bist seit 17 Jahren tot. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, als ich um 21 Uhr ein so schmerzhaftes Ziehen in der Seele gespürt habe, dass ich den Mann gebeten habe, jetzt sofort im Krankenhaus anzurufen und zu fragen wie es dir geht. Die Frau am Telefon hat nicht geantwortet, sie hat nur gesagt, sie bringt das Telefon jetzt zu Oma, die die ganze Zeit an deinem Bett saß. Und Oma flüsterte leise, dass du vor wenigen Minuten eingeschlafen bist.

Du fehlst mir jeden Tag. Ausnahmslos.

geschmiedet [Kriegerin]

Es gibt ein Schmuckstück, das kurz vor meiner Geburt aus dem Gold unserer Vorfahren für mich neu geschmiedet wurde, damit ich es an meinem 18. Geburtstag erhalte. Traditionell wird dieses Gold an das Kind weitergegeben, das die Linie fortführt. In meinem Fall gab es keine große Wahl, denn ich bin die Letzte; die Blutlinien so vieler Menschen enden bei mir. Alle Geschwister meiner Eltern und Großeltern sind unfruchtbar, früh gestorben oder haben ihre Kinder an Kriege, Krankheiten, Unfälle oder Zwischenfälle verloren.

Als ich zum ersten Mal schwanger wurde, habe ich es in seinem Versteck gelassen. Ich wollte es nicht neu schmieden lassen, es passte nicht. Auch in der darauffolgenden Schwangerschaft passte es nicht. In der Schwangerschaft mit der Kriegerin, viele Jahre später, als ich meinen Traum von ihr träumte, wie sie heute tatsächlich aussieht und ich ihren Namen wusste, da habe ich es an ihrem Hals gesehen. Ich hab es trotzdem in der Form gelassen, die für mich gemacht wurde. Mich berührt es. Die Gravur, die meinen 18. Geburtstag nennt. Ich wollte es nicht einschmelzen lassen. Es liegt seit so vielen Jahren an seinem Platz. In drei Monaten wird die Kriegerin 18 Jahre alt. Und etwas, das fast zwei Jahrzehnte keinen einzigen Gedanken wert war, erscheint plötzlich wieder in meinen Träumen. Ich weiß, dass sie es bekommen muss. Das war mir erst umso unverständlicher, weil bereits zwei meiner Kinder schon seit Jahren volljährig sind. Eines hat bereits die nächste Generation geboren und der Gedanke, dass es dort landet, ist eine romantische Vorstellung. Sie ist aber falsch. Ich denke an all die Geschichten, die meine Kindheit durchzogen, an all die Legenden, an die Namen unserer Vorfahren und dass es nie einfach dem erstgeborenen Kind übergeben wurde, sondern immer dem, das den Erzählungen am engsten verbunden war.

Meine große Tochter ist mein heller Spiegel. Alles Gute in mir findet sich um ein Vielfaches multipliziert in ihr wieder. So zielstrebig, emotional, in sich ruhend, der Welt verbunden. Wach und aufmerksam, aber nie der dunklen Seite zugewandt.

Mein großer Sohn ist etwas ganz Eigenes. Er wendet sich von Tradition und Überlieferungen ab und findet in seinem Tempo seinen ganz eigenen Weg.

Mein kleiner Sohn lebt in einer wiederum völlig anderen Welt aus Wissenschaft und Erkenntnis und Vernunft und Pragmatismus.

Die Kriegerin ist mein dunkler Spiegel. Sie trägt all das Potential in sich, mit dem ich mein Leben lang kämpfen musste. Segen und Fluch von Hochbegabung. Sie war seelisch bereits an den dunkelsten Orten und wir haben lange Jahre nicht gewusst, ob sie wieder ans Licht kommen würde. Sie ist das Dunkle. Rote Wut, schwarzer Hass. Sie ist die Verzweiflung, an eine Welt gekettet, in der ihre Fähigkeiten, ihr Potential, ihre Moral- und Wertvorstellungen nichts wert sind, weil die Menschheit schlecht ist. Weil das Gute immer verraten wird und Menschen schwach sind.

So dunkel ihre Seele ist, so hell wird ihre Flamme lodern, wenn sie sie entdeckt. Denn sie ist auch die Liebe. Sie ist die Leidenschaft. Das Feuer. Sie ist der Sturm, der alles hinwegfegt, was sich ihm in den Weg stellt. Bereit, für all jene einzustehen und zu kämpfen, die unter ihrem Schutz stehen. Sie sieht das noch nicht, aber ich kann es sehen. Konnte es immer schon.

Und darum weiß ich mit absoluter Sicherheit, dass unter meine Gravur die ihre gehört.

Nicht als Erstgeborene, nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil dieses Schmuckstück, seine Geschichte, seine Kraft – und dieser Teil meines Herzens – nur ihr gehören.

Ambivalent

Wie kann man so hin- und hergerissen sein, wenn es um etwas eigentlich Schönes geht?

Mein Kind heiratet. Und ich will der Einladung nachkommen.
Und das bedeutet, dass ich mit ihm an einem Tisch sitzen muss. Etwas, das ich endlich nicht mehr tun musste, seit sie volljährig ist.

Und ich habe mir geschworen: Nie wieder. Ich entscheide mich dafür, mit diesem einen Menschen keinen Kontakt mehr zu haben. Weil ich das endlich wählen darf nach 16 Jahren, in denen er mich nie hat vergessen lassen, dass gemeinsames Sorgerecht für mich vor allem darin besteht, dass ich ihm uneingeschränkt Rechenschaft schuldig bin.

Wenn die Umstände nicht wären, könnte ich mich vorbehaltlos freuen? Und ich wusste doch, dass der Tag kommen würde, an dem ich ihm wieder begegnen würde? Ich weiß nicht, ob er noch manchmal an die Vergewaltigungen denkt. Ich weiß nicht, ob er noch weiß, wie er mich in der brennenden Wohnung ans Bett gefesselt zurückgelassen hat. Ich weiß nicht, ob er noch daran denkt, wie er mir das Schlüsselbein gebrochen hat.

Ich vermute, es hat keinerlei Relevanz mehr für ihn.

Ausschleichen

Ich habe zwei funktionierende Strategien, mich zu regulieren ohne andere Menschen zu verletzen und die sind Sex und Essen. Meine Libido ist seit fast 10 Wochen verschwunden, genauso lange kann ich nichts mehr riechen und nichts mehr schmecken. Dazu kommt seit Wochen die Therapie mit Cortison, die mir Heißhunger auf etwas beschert, das ich nicht befriedigen kann. Alles in allem eine fatale Kombination, ich wiege so viel wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich mag nicht mehr. Ich habe Schmerzen durch das Gewicht, die Arthrose macht es mir fast unmöglich, zu laufen, jeder Schritt, jede Gewichtsverlagerung auf die Knie ist ein kreischender Schmerz, der macht, dass ich einfach nur noch sterben will. Meine Beine sind geschwollen und voller Wasser, mir passen meine Schuhe nicht mehr, ich bin aufgedunsen, ich möchte aus meinem Körper flüchten und ich kann nicht. Ich verdamme diesen Tag, ich verdamme meine Entscheidungen und ich hasse alles, aber nichts davon hilft, hier wieder weg zu kommen.

Und während alle anderen einfach weitermachen, hänge ich hier mit den Nachwirkungen dieser Scheißkrankheit und fühle mich so allein und im Stich gelassen.

Covidnachwirkungen Tag 23

Am Freitag war ich das erste Mal wieder „draußen“. Heißt – weiter als kurz auf die Terrasse, um dann vor Erschöpfung zusammenzubrechen. Ich war beim Orthopäden, konnte mich einmal von oben bis unten wieder geraderuckeln lassen und es ging mir danach zumindest von den Sturzfolgen und den Muskelverspannungen deutlich besser als vorher.

Der Rest ist nach wie vor eine Katastrophe. Die Nasennebenhöhlen sind immer noch zu, ich habe jeden Tag Zahn- und Gelenkschmerzen, am letzten Wochenende war ich mitten in einem Gichtschub, obwohl ich nichts außer Kartoffeln und Eiscreme esse. Ich rieche und schmecke nichts. Mein Gehirn scheint sich deutlich zu regenerieren, meine Laune und seelische Allgemeinverfassung auch, die Hoffnungslosigkeit erwischt mich meistens nur noch abends und nachts.

Libido hängt bei mir anscheinend existentiell am Geruchssinn, solange ich nichts wahrnehme, komme ich geistig und körperlich nicht mal in die Nähe dieses Themas. Das belastet vor allem mich außerordentlich.

Der eingebildete Ammoniakgestank ist verschwunden und dem intensiven Aroma von verbranntem Plastik gewichen – wahlweise Essen oder Menschen „riechen“ für mich manchmal danach. Ich habe inzwischen gelernt, wahrzunehmen, wo ich auch ohne riechen zu können bestimmte Gerüche fühlen kann. Ich spüre an der Haut, dass gekocht wird, ich kann die Öfen der Nachbarn draußen am Kratzen im Hals „riechen“, die Kinder hinterlassen eine Wärmespur, die ich früher nie wahrgenommen habe.

Aber unterm Strich hasse ich alles an diesem Zustand.

Vanille geht immer noch, mein Lichtblick und ein Feuerwerk im Gehirn, so dass ich in den ganz trostlosen Momenten am Backschrank stehe und weinend am Glas mit den Vanilleschoten schnuppere.

Zwei ganze Sinne, einfach weg.

Covidnachwirkungen Tag 13 – Freitag

Ich bin in einem desaströsen Allgemeinzustand, da möchte ich mir nichts vormachen. Zahnfleischbluten beim Aufwachen scheint der neue heiße Scheiß zu sein. Ich sitze hier und frühstücke ein weiteres Mal Pellkartoffeln, weil diese das Einzige sind, was ich nicht schmeckend im Mund beim Essen einigermaßen gut ertragen kann. Eiscreme geht auch noch, die esse ich aber abends, wenn der Hals maximal weh tut. Einiges Tierisches hat nach wie vor intensiven Ammoniakgestank und der Rest verschwindet in der geruchlichen Versenkung. Manche Gerüche nehme ich als existent wahr, ich kann sie aber nicht riechen. Es ist gruselig faszinierend. Parfum nehme ich als „vorhanden“ wahr, ich rieche es aber nicht. Ich kann sagen, dass jemand kocht, aber es scheint irgendeinen anderen Sinn zu kitzeln als den Geruch.

Für ein Raubtier ist das schon eine ziemlich schwache Leistung – sollte man doch denken, dass einige Inhalte eigentlich immer irgendwie Alarm im Gehirn auslösen sollten, aber auch da muss ich passen.

Ich stecke meine Nase inzwischen in Dinge, die die anderen aus 5 Meter Entfernung schon als viel zu intensiv wahrnehmen und es passiert exakt gar nichts.

Was ich nach wie vor deutlich rieche, ist Vanille.

Apex Predator eben.

Covidnachwirkungen Tag 12 – Donnerstag

Davon aufgewacht, dass ich den Mund voller Blut habe. Nach dem Übergeben festgestellt, dass ich im gesamten Mund aus dem Zahnfleisch blute. In einer Stärke, die an starkes Nasenbluten erinnert. Eine halbe Stunde später war der Spuk vorbei, es bleiben pochende Zahnschmerzen. Der Husten ist wieder schlimmer geworden, der Allgemeinzustand im Gesamten aber eigentlich besser. Irgendwie. Immer noch wochenbettähnliche Periodenblutungen ohne Pause.

Bin erschöpft davon, zuzusehen, wie Maike und Tobias nach überstandener Erkrankung einfach wieder in den Alltag wechseln.

Covid(nach?)wirkungen Tag 10 – Dienstag

Die Träume bringen mich um. Sie sind zu lebendig, zu echt, zu nah an Erinnerung und Erleben, als dass ich sie morgens beiseitelegen könnte, damit sie verblassen. Ich wache auf, fahrig, verzweifelt, voller Schmerz und Seelenpein, weil das, was ich träume, nicht von der Realität zu unterscheiden ist. Ich muss mich versichern, dass sie noch alle da sind, dass ich unversehrt im Bett liege statt wieder irgendwo angeschnallt zu warten, was mit mir gemacht wird, dass ich sicher und warm und behütet bin und dass sie alle tot sind. Es braucht seine Stunden im Hier und Jetzt, bis ich mich nicht mehr in Agonie krümme, sondern den Neocortex mit so vielen Eindrücken gefüttert habe, dass er wieder die Kontrolle übernimmt und mir glaubt, dass das alles 30 Jahre und nicht 30 Minuten her ist.

Es ist anstrengend und ich bin müde und zu Tode erschöpft.

Ich habe schon so lange nicht mehr auf diese Art geträumt.