Glück, pur

Zu den größten, leisesten und buntesten Glücksmomenten meines Lebens gehört es wohl, wenn ich abends noch am Schreibtisch sitze, der Kobold hinter mich tritt und ich meinen Kopf in den Nacken lege, um ihn anzusehen. Wenn er dann mit dieser tiefen Stimme leise sagt: „Mach nicht mehr so lange.“, sich nach vorne beugt und mich auf die Stirn küsst.

Liebe. Glück. Alles.

Kenne deinen Wert. Kenne deinen Preis.

Seit meine Kinder alt genug sind, den Wert von Geld zu verstehen, mache ich etwas mit ihnen, das auf Außenstehende gelegentlich ziemlich befremdlich wirkt: Ich biete ihnen Geld für Dinge an.

Manchmal für Arbeit. Streich den Gartenzaun. Räume etwas weg. Übernimm eine Aufgabe, die Zeit und Kraft kostet. Manchmal für Überwindung: Spring angezogen in den kalten Pool. Geh barfuß in den Schnee. Lass dir Ketchup über den Kopf kippen. Manchmal ist das Angebot lächerlich niedrig, manchmal überraschend hoch. Und manchmal erhöhe ich, wenn ein Kind Nein sagt.

Was dabei aussieht wie ein albernes Spiel mit Geld, ist für mich seit vielen Jahren Erziehungsarbeit.

Denn ich möchte, dass meine Kinder eine Frage beantworten können, lange bevor die Welt beginnt, sie ihnen mit wirklichen Konsequenzen zu stellen:

Was bin ich bereit, für eine Gegenleistung von mir herzugeben?

Zeit hat einen Wert.

Arbeit hat einen Wert.

Überwindung hat einen Wert.

Bequemlichkeit hat einen Wert.

Aber auch die eigene Würde, körperliche Grenzen, Ekel, Angst und persönliche Überzeugungen haben einen Wert – und manche davon sollten überhaupt keinen Preis haben.

Das kann man einem Kind erklären. Man kann aber auch einen Erfahrungsraum schaffen, in dem es diese Unterschiede selbst entdeckt.

Wenn ich fünf Euro dafür biete, angezogen in einen kalten Pool zu springen, muss das Kind in sich hineinhorchen. Ist mir das fünf Euro wert? Vielleicht lautet die Antwort begeistert Ja. Vielleicht Nein. Dann biete ich möglicherweise zehn. Und plötzlich geschieht etwas Interessantes: Das Kind muss nicht mehr nur den Pool bewerten. Es muss sich selbst bewerten: Wie unangenehm ist mir das wirklich? Ist mein Nein ein „nicht für fünf Euro oder ein „überhaupt nicht?

Genau dort entsteht etwas, das später kaum durch Belehrung nachzuholen ist: eine innere Skala.

Mit den Jahren werden die Entscheidungen differenzierter. Es gibt Dinge, für die ein Kind schon bei zwei Euro lachend sagt: „Gib her, mach ich. Es gibt Arbeit, bei der fünf Euro inzwischen mit völliger Selbstverständlichkeit abgelehnt werden, weil das Kind längst verstanden hat, dass mehrere Stunden seiner Zeit und Arbeitskraft mehr wert sind. Und es gibt Angebote von fünfzig Euro und mehr, bei denen das Nein keinen Millimeter weicher wird.

Diese letzten Neins sind vielleicht die wichtigsten.

Denn ein junger Mensch, der erlebt hat, dass ein Angebot steigen kann und trotzdem nicht angenommen werden muss, lernt etwas Fundamentales:

Nicht alles an mir steht zum Verkauf.

Gleichzeitig lernen meine Kinder verhandeln. Wer zehn Euro angeboten bekommt, darf fünfzehn verlangen. Er darf ausprobieren, wie weit die andere Seite gehen wird. Aber auch Verhandlung braucht Realitätssinn. Wer auf zehn Euro mit zweihundert reagiert, verhandelt nicht, sondern verlässt den gemeinsamen Rahmen. Also lernen sie, Gegenüber zu lesen: Tonfall, Gesichtsausdruck, Entschlossenheit, Spielfreude, Verhandlungsspielraum. Ist das erste Angebot bereits ziemlich endgültig? Oder steckt darin ein unausgesprochenes „Versuch es ruhig?

Das ist soziale Kompetenz in einer sehr unmittelbaren Form. Nicht Manipulation, sondern die Fähigkeit, gleichzeitig bei sich und beim Gegenüber zu sein.

Und dann sind da Geschwister.

Mehrere Kinder machen aus solchen Situationen ein noch komplexeres Lernfeld. Denn plötzlich existiert nicht nur mein Angebot, sondern auch die Entscheidung des anderen. Einer springt für zwei Euro begeistert in den Pool, während ein anderer auch für zwanzig nicht hineingeht. Einer empfindet eine Aufgabe als Zumutung, der andere als leicht verdientes Geld.

Damit lernen Kinder etwas, das Geschwisterkonkurrenz sonst leicht verschleiert: Der Preis des anderen bestimmt meinen eigenen nicht.

Nur weil mein Bruder etwas für fünf Euro macht, muss ich es nicht ebenfalls für fünf tun. Nur weil meine Schwester Nein sagt, muss ich ihr Nein nicht übernehmen. Der Mut des einen macht den anderen nicht feige. Die Grenze des einen macht den anderen nicht empfindlich. Menschen dürfen dieselbe Situation unterschiedlich bewerten.

Natürlich entsteht Konkurrenz. Wer hat besser verhandelt? Wer hat mehr herausgeholt? Wer hat zu früh zugesagt? Wer hat gezockt und am Ende gar nichts bekommen? Aber in einem sicheren familiären Rahmen wird Konkurrenz dadurch zu einem sozialen Übungsfeld. Kinder vergleichen Strategien, beobachten Ergebnisse, ärgern sich über schlechte Entscheidungen und freuen sich über gute. Beim nächsten Mal wissen sie mehr.

Und vor allem erfahren sie: Eine Entscheidung darf falsch ausgehen, ohne dass mit ihnen etwas falsch ist.

Das ist für mich entscheidend.

Ich selbst habe eine Form dieses Trainings kennengelernt, in der Entscheidungen unter Druck und Demütigung getroffen werden mussten. Auch daraus kann Kompetenz entstehen. Aber sie wird teuer bezahlt. Ein Kind kann lernen, Situationen blitzschnell einzuschätzen, weil es gelernt hat, dass Zögern gefährlich ist. Es kann Menschen hervorragend lesen, weil das früh notwendig war. Dann sieht eine Überlebensstrategie von außen irgendwann wie außergewöhnliche Kompetenz aus.

Ich wollte für meine Kinder dieselbe Kompetenz, die auch ich besitze.

Aber sie sollten auf gar keinen Fall den Preis dafür zahlen müssen, den es mich gekostet hat.

Deshalb braucht dieses Lernen Sicherheit. Meine Kinder dürfen Nein sagen. Sie dürfen schlecht verhandeln. Sie dürfen sich verzocken. Sie dürfen für zwei Euro etwas tun, wofür ich zwanzig bezahlt hätte. Und sie dürfen fünfzig Euro liegen lassen, weil ihnen das Verlangte fünfzig Euro nicht wert ist.

So wird aus Wachsamkeit Urteilsvermögen. Aus Abgrenzung wird Selbstbestimmung. Aus schnellem Entscheiden wird Entscheidungssicherheit. Und aus dem Lesen anderer Menschen wird soziale Intelligenz, ohne dass dafür Angst der Lehrmeister sein muss.

Mir begegnet oft die Vermutung anderer Menschen, meine Kinder würden dadurch nur lernen, für alles Geld zu verlangen.

Meine Erfahrung ist das Gegenteil. Helfen, füreinander da sein und zum Familienleben beitragen gehören in eine andere Kategorie.

Wenn ein Kind fragt: „Bietest du mir dafür Geld?, lautet meine Antwort: „Bis gerade eben hätte noch alles möglich sein können, aber jetzt auf keinen Fall mehr.“

Auch das ist eine Grenze. Meine.

Denn nicht jede Leistung ist eine Ware.

Nicht jede Beziehung ist eine Transaktion.

Nicht jede Gefälligkeit braucht eine Gegenleistung.

Und genau darum geht es letztlich.

Meine Kinder sollen nicht lernen, alles mit einem Preis zu versehen. Sie sollen lernen, Unterschiede zu erkennen.

Was gebe ich gern? Was schulde ich einer Gemeinschaft? Was ist Arbeit und sollte angemessen bezahlt werden? Wann lohnt sich Überwindung? Wann darf ich mehr verlangen? Wann nehme ich die zwei Euro und habe meinen Spaß? Wann gehe ich aus einer Verhandlung? Und wann ist meine Antwort vollkommen unabhängig von der Zahl, die jemand vor mich legt?

Später werden die Angebote nicht mehr von ihrer Mutter kommen.

Später heißen diese Angebote nämlich Gehalt, Karriere, Anerkennung, Gruppenzugehörigkeit, Beziehung, Status, Sex, Loyalität, Gefälligkeit oder sozialer Druck. Menschen werden versuchen herauszufinden, was sie für die Zeit, Arbeitskraft, Anpassung, das Schweigen oder die Grenzüberschreitung eines anderen bieten müssen.

Und dann wünsche ich meinn Kindern genau das, was sie heute schon erstaunlich gut können:

Das Angebot hören.

Den anderen einschätzen.

In sich selbst hineinhorchen.

Verhandeln, wenn es etwas zu verhandeln gibt.

Und Nein sagen, wenn es nichts zu verhandeln gibt.

Kenne deinen Wert.

Kenne deinen Preis. Und erkenne die Dinge in dir, die niemals zum Verkauf stehen.

KinderKinder und KindesKinder

Was als kurzweiliger Besuch bei der großen Tochter mit der kleinen Tochter und dem kleinen Sohn geplant war, entwickelte sich für mich schnell zu einem ausgewachsenen Dilemma.

Ich war dort als Mutter meiner erwachsenen Tochter und als Oma ihres Kindes.

Gleichzeitig hatte ich meine eigenen Kinder dabei und plötzlich jonglierte ich Bedürfnisse auf drei verschiedenen Beziehungsebenen (vier, wenn man den Schwiegersohn mit einrechnet), die jeweils etwas anderes von mir verlangten.

Ich will meine große Tochter besuchen, sie hören, sehen und unterstützen, ohne mich gleichzeitig in ihr Muttersein einzumischen.

Ich will Zeit mit meinem Enkel verbringen und mich auf unser Kennenlernen einlassen.

Gleichzeitig blieb ich Mutter meiner eigenen Kinder, die in dieser speziellen Situation einen großen Berg eigener Bedürfnisse hatten und Probleme, sich an die Gegebenheiten ohne wirklichen Rückzugsort bei furchtbarer Hitze und in einer Umgebung mit ausschließlichem Fokus auf ein Baby anzupassen.

Meine kleine Tochter fuhr ihre erste lange Autobahnstrecke und saß freiwillig fast 5 Stunden hinterm Steuer ihres Autos, eine wahre Meisterleistung an Konzentration und Fokus und wurde dann in eine Umgebung geworfen, die auch noch ein hohes Maß an Sozialkompetenz erfordert.

Mein kleiner Sohn war zu Tode gelangweilt, hatte Hunger, Durst, müde, Pipi, kalt (bzw. zu heiß) und konnte weder auf bekannte Regulationsstrategien noch Komfortessen zurückgreifen und hing ebenfalls in der Luft, denn eigentlich wollte er die große Schwester besuchen, die er so sehr vermisst und nicht das Baby, das nun ihre ungeteilte Aufmerksamkeit forderte.

Wir kamen an und alles, was er wollte, war: Nach Hause.

Mir war zu heiß, ich hatte keine Rückzugsmöglichkeit, ich hatte extreme Schmerzen und Kreislaufprobleme, war völlig übermüdet und voller Adrenalin, eine lange anspruchsvolle Autobahnfahrt als Beifahrer begleitet zu haben.

Ich war froh, als wir am Montagabend alle im Bett waren bzw. die Tochter auf der Terrasse schlafen wollte, unter freiem Himmel geht es ihr gut.

Auch der zweite Tag war ziemlich anstrengend – ich hatte allen Beteiligten zur Wahl gestellt, wieder nach Hause fahren zu können, aber sie wollten ‘durchhalten‘ und ich verstehe das so gut. Wenn da etwas ist, man man liebt, die Umstände aber einfach schwer zu ertragen sind, dann hat es manchmal mehr von aushalten als von genießen.

Der Tag war schwierig. Richtig schwierig. Bis spät abends.

Es hat mich dabei fast verrückt gemacht, diese unterschiedlichen Anforderungen an mich nicht miteinander vereinbaren zu können.

Ich kann nicht einfach aufhören, Mutter zu sein, während ich Oma bin und andersherum. Und ich kann die Begegnung mit meinem Enkel nicht vollständig erleben, wenn ein großer Teil meiner Aufmerksamkeit bei meinen eigenen Kindern liegt.

Keines dieser ganzen Bedürfnisse, die an mich herangetragen wurden, war falsch, das Problem war vielmehr, dass Bindung Aufmerksamkeit braucht und Aufmerksamkeit eine sehr begrenzte Ressource ist.

Wir sind heute Nachmittag zurückgefahren und die Tochter hat einen Unfall auf der Autobahn verursacht. Niemand kam zu Schaden, nur das Auto ist lädiert, aber mir sitzt der Schock tief in den Knochen. Ich habe sie reguliert, so dass sie das Lenkrad vernünftig festgehalten hat und nicht in den Parallelverkehr lenkte, ich hab sie ruhig durch die Situation gebracht, hab Butz durch die Panik begleitet und das für uns alle gut gelöst. Wir konnten nach einer Stunde weiterfahren, sie hat sich wieder hinters Lenkrad gesetzt und auch wenn wir lange gebraucht haben, hat sie die verbleibende Zeit genutzt, um sich selber davon zu überzeugen, dass nichts passiert und dass ein Fahrfehler nicht bedeutet, dass sie kein Auto fahren kann.

In all dieser Zeit habe ich gegen meine eigene Panik gekämpft, gegen die gefühlte Hilflosigkeit, gegen den Impuls, sie nicht mehr fahren zu lassen und alles was ich wollte, war einfach nur, nach Hause zu kommen und selber endlich einmal gesehen und aufgefangen zu werden.

Ich möchte in irgendeiner Beziehung meines Lebens mal nicht gebraucht werden, sondern einfach nur gemeint sein.

Und als Fazit dieses Besuchs bleibt mir nur die Erkenntnis, dass Liebe sich vermehren kann, ungeteilte Aufmerksamkeit jedoch nicht. Und manchmal bedeutet das Finden einer neuen Rolle vielleicht auch, sich bewusst Räume zu schaffen, in denen man sie überhaupt ungestört erleben kann. Dass das so nicht möglich ist, sehe ich inzwischen deutlich.

Sommerferien

Endlich Sommerferien. Es war bis zuletzt tatsächlich eine Überraschung, ob das kleine Kind versetzt wird. Nach Elterngesprächen mit Lehrern war klar, dass der Ausgang des Schuljahres nun in seinen Händen liegt und seine unvergleichliche Art, mit diesen Dingen umzugehen und so vage wie nur irgend möglich zu bleiben, ließ mich in den letzten Wochen daran zweifeln, ob er es geschafft hat, das durchzuziehen, was er sich vorgenommen hatte. Die eher nachlässige Art, Noten vorzuzeigen bzw. die in seinem Alter kaum noch vorliegende Notwendigkeit seitens der Lehrer, Arbeiten unterschreiben zu lassen, ließ mich im Dunkeln tappen, auch wenn ich mal ab und an ein „Ich hab da eine Eins.“ oder „Ach, da hab ich eine Fünf, aber das ist unwichtig.“ zugeworfen bekam.

Prinzipiell müssen unsere Kinder selber wissen, wie sie mit dem Format Schule umgehen. Es ist nicht mein Weg. Es ist ihrer und er ist eine aktive Entscheidung. Ich lobe nicht für Einsen, ich tadle nicht für Sechsen. Ich habe meine Abschlüsse, ich habe meine Zeit abgesessen und Verständnis für jede nur denkbare Variation, einen eigenen Lebensweg gestalten zu wollen. Aber auch bei diesem Kind erleben zu müssen, dass es sich bequem durchlaviert nur um dann auf Abruf, wenn es auf der Kippe steht, eben ohne Mühe, Lernen oder Aufwand ein paar Einser zu schreiben, damit es weitergeht, ist aus Elternsicht stressig. Bis in letzte Konsequenz habe ich es wohl doch nicht losgelassen, wenngleich ich diese Dinge sehr viel gelassener begleite als beim ersten Kind. Aber nun haben wir es schwarz auf weiß:

Der Butz ist offiziell in Klasse 10 angekommen und jetzt packen wir auch gedanklich sechseinhalb Wochen alles weg, was nur irgendwie mit Schule zu tun hat.

geschmiedet [Kriegerin]

Es gibt ein Schmuckstück, das kurz vor meiner Geburt aus dem Gold unserer Vorfahren für mich neu geschmiedet wurde, damit ich es an meinem 18. Geburtstag erhalte. Traditionell wird dieses Gold an das Kind weitergegeben, das die Linie fortführt. In meinem Fall gab es keine große Wahl, denn ich bin die Letzte; die Blutlinien so vieler Menschen enden bei mir. Alle Geschwister meiner Eltern und Großeltern sind unfruchtbar, früh gestorben oder haben ihre Kinder an Kriege, Krankheiten, Unfälle oder Zwischenfälle verloren.

Als ich zum ersten Mal schwanger wurde, habe ich es in seinem Versteck gelassen. Ich wollte es nicht neu schmieden lassen, es passte nicht. Auch in der darauffolgenden Schwangerschaft passte es nicht. In der Schwangerschaft mit der Kriegerin, viele Jahre später, als ich meinen Traum von ihr träumte, wie sie heute tatsächlich aussieht und ich ihren Namen wusste, da habe ich es an ihrem Hals gesehen. Ich hab es trotzdem in der Form gelassen, die für mich gemacht wurde. Mich berührt es. Die Gravur, die meinen 18. Geburtstag nennt. Ich wollte es nicht einschmelzen lassen. Es liegt seit so vielen Jahren an seinem Platz. In drei Monaten wird die Kriegerin 18 Jahre alt. Und etwas, das fast zwei Jahrzehnte keinen einzigen Gedanken wert war, erscheint plötzlich wieder in meinen Träumen. Ich weiß, dass sie es bekommen muss. Das war mir erst umso unverständlicher, weil bereits zwei meiner Kinder schon seit Jahren volljährig sind. Eines hat bereits die nächste Generation geboren und der Gedanke, dass es dort landet, ist eine romantische Vorstellung. Sie ist aber falsch. Ich denke an all die Geschichten, die meine Kindheit durchzogen, an all die Legenden, an die Namen unserer Vorfahren und dass es nie einfach dem erstgeborenen Kind übergeben wurde, sondern immer dem, das den Erzählungen am engsten verbunden war.

Meine große Tochter ist mein heller Spiegel. Alles Gute in mir findet sich um ein Vielfaches multipliziert in ihr wieder. So zielstrebig, emotional, in sich ruhend, der Welt verbunden. Wach und aufmerksam, aber nie der dunklen Seite zugewandt.

Mein großer Sohn ist etwas ganz Eigenes. Er wendet sich von Tradition und Überlieferungen ab und findet in seinem Tempo seinen ganz eigenen Weg.

Mein kleiner Sohn lebt in einer wiederum völlig anderen Welt aus Wissenschaft und Erkenntnis und Vernunft und Pragmatismus.

Die Kriegerin ist mein dunkler Spiegel. Sie trägt all das Potential in sich, mit dem ich mein Leben lang kämpfen musste. Segen und Fluch von Hochbegabung. Sie war seelisch bereits an den dunkelsten Orten und wir haben lange Jahre nicht gewusst, ob sie wieder ans Licht kommen würde. Sie ist das Dunkle. Rote Wut, schwarzer Hass. Sie ist die Verzweiflung, an eine Welt gekettet, in der ihre Fähigkeiten, ihr Potential, ihre Moral- und Wertvorstellungen nichts wert sind, weil die Menschheit schlecht ist. Weil das Gute immer verraten wird und Menschen schwach sind.

So dunkel ihre Seele ist, so hell wird ihre Flamme lodern, wenn sie sie entdeckt. Denn sie ist auch die Liebe. Sie ist die Leidenschaft. Das Feuer. Sie ist der Sturm, der alles hinwegfegt, was sich ihm in den Weg stellt. Bereit, für all jene einzustehen und zu kämpfen, die unter ihrem Schutz stehen. Sie sieht das noch nicht, aber ich kann es sehen. Konnte es immer schon.

Und darum weiß ich mit absoluter Sicherheit, dass unter meine Gravur die ihre gehört.

Nicht als Erstgeborene, nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil dieses Schmuckstück, seine Geschichte, seine Kraft – und dieser Teil meines Herzens – nur ihr gehören.

18.03.2026 [Alles, was ich jemals wollte]

Die Worte, die da per WhatsApp so erschreckend leicht den Besitzer wechseln, könnten größer nicht sein.

Und ich fühle mich so geehrt, so geliebt, so gesehen, erkannt und wertgeschätzt, dass ich beim Lesen die Engelstrompeten vermisse, die mir diese Botschaft – von einem ausgerollten Pergament verlesen – verkünden.

Sie sind wie ein Schatz, den ich mein Leben lang hüten werde. Vielleicht die ultimative Liebeserklärung eines Kindes an seine Mutter. Und wenn ich sie so in mir klingen lasse, dann schließt sich in mir ein weiterer Kreis.

Ein weiteres Generationentrauma, das ich durchbrechen konnte.
Ich habe das gemacht.
Ich habe es geschafft.
Die Letzte, die all das ertragen und erdulden musste.

In den Worten, in denen meine Tochter mir jetzt so beiläufig zurückspiegelt, auf was ich Zeit ihres Lebens gehofft habe, aber nie in letzter Konsequenz glauben konnte, schwingt die elementarste Feststellung von allen mit:

Du hattest Bedeutung.
Du hast einen Unterschied gemacht.
Und ich trage diese deine Liebe nun weiter zu meinem Sohn.

Es ist, wie es ist.

Es wird, wie es sein soll.

Meine geliebte große Tochter,

ich stehe gerade nicht neben dir, um deine Hand zu halten, aber ich bin dir seit Tagen so nah, wie eine Mutter ihrer Tochter nur sein kann. Ich versuche, gedanklich einfach bei dir zu sein und meinen Teil unserer Geschichte zu halten, ohne etwas lenken zu wollen.

Du darfst genau dort sein, wo du gerade bist.
Müde. Überfordert. Hoffnungsvoll. Verzweifelt. Kraftvoll. Erschöpft. Alles nebeneinander.
Ich vertraue dir und deinem Körper. Ihr werdet diesen Kraftakt des Gebärens gut bewältigen.
Ich danke dir für dein Vertrauen, mir zwischendurch kleine Einblicke zu schenken – ich werde sie Zeit meines Lebens als kostbaren Schatz hüten.

Du bist gut aufgehoben.

Bei Hebammen, die dich mit Erfahrung begleiten, bei Ärzten, die dich medizinisch beraten und in den Armen deines Mannes, der dich hält, damit du dich fallen lassen kannst.

Auch ich bin da. Immer noch deine Mama. Nur anders als früher. Und ich freue mich darauf, dich in wenigen Stunden als Mutter erleben zu dürfen.

Ich bleibe hier an meinem Platz und bin jederzeit erreichbar. Nahe genug, dass du mich spüren kannst, aber weit genug weg, damit ihr drei den Beginn eurer eigenen Geschichte erschafft.

Ich liebe dich.

Entspannung

Butz liegt flach. Was sich gestern im Laufe des Tages schon angekündigt hat, gipfelte spätabends in hohem Fieber und völliger Erschöpfung. Mein Geruchssinn, der mir so zuverlässig meldet, wenn eins der Kinder einen Infekt in sich trägt, schweigt.

Also gebe ich meiner Intuition nach und sehe die Symptome als das, was es vermutlich ist: Völlige Entspannung von Körper, Geist und Seele nach so vielen Tagen ohne Privatsphäre, ohne das eigentlich nötige Kuscheltier, ohne Raum oder Ruhe für sich selbst, immer getrieben von einem Tagesprogramm, auf das man keinen Einfluss hatte, umgeben auch von Menschen, die man nicht ständig alle um sich haben möchte, genährt von Nahrungsmitteln, die keine Sicherheit vermitteln.

Was ich sonst mittags schon massiv auffangen muss, wenn die 6-8 Stunden Höchstfunktionalität in der Schule ihren Tribut fordern, macht sich nach über einer Woche um ein Mehrfaches potenziert bemerkbar.

Also bleibt er zuhause, ich schweige still, wenn er sich an mich kuschelt, halte ihn, wenn er völlig zerstreut in meinem Arm zu vergessen scheint, wo er gerade ist oder was er tun wollte. Er bekommt Wohlfühlessen, Wohlfühltrinken, Wohlfühlatmosphäre, Schlaf, was immer er braucht, damit sein innerstes Selbst wieder in seine Mitte findet.

Es ist unglaublich, was er da in den vergangenen Tagen geleistet hat. Ich bin so unendlich stolz, dass er voll freudiger Erinnerung auf diese Skifahrt zurückblickt und auch in der Kommunikation mit mir ganz klar trennen kann: Das war ein Riesenspaß mit besten Freunden und es war anstrengend bis überfordernd für mich. Die Ambiguitätstoleranz, beides nebeneinander ohne Abwertung des jeweils anderen stehen lassen zu können, ist neu

Küche, Kinder, Katastrophen

„Der nervige kleine Mensch aus diesem Haus fehlt ja doch irgendwie.“

Das ist wohl schon die ultimative Liebeserklärung, die man als große Schwester machen kann.

Der große Sohn überträgt seine eigenen Gefühle gnadenlos auf mich: „Da bist du aber froh, wenn er diese Woche wiederkommt, hm? Das ist ja doch schon sehr ruhig hier ohne ihn. Jajaja, ich weiß, ich beschwer mich immer, aber das ist ja wirklich sehr still hier. Das muss dir ja fehlen.“

Ich rolle also einigermaßen liebevoll die Augen und wende mich wieder meinen eigenen Problemem zu, denn nachdem wir gestern das Esszimmer zum Renovieren ausgeräumt haben, kamen uns Teile von zwei Wänden entgegen, die im Winter ausgeblüht sind.

Mal wieder die fatale Kombination von zu viel Nässe und falschem Putz. Ich habe also alles runtergerissen, was lose und bröselig war und nun schiebt sich die Renovierung um Abtrocknen der Wände und Verputzen und Abtrocknen des Putzes nach hinten, während wir kein Esszimmer mehr haben, dann eben die nächsten zwei Wochen stehend in der Küche essen, alle Schränke im Wohnzimmer stehen, aller Inhalt der Schränke in der Gartenküche untergebracht wurde und Ludwig vor lauter Stress 240 Liter Schaumstoffschnipsel aus einem großen Sitzkissen im Wohnzimmer verteilt hat und wir knietief durch das statisch aufgeladene Zeug waten mussten, um es in mühevoller Handarbeit in Müllsäcke zu stopfen.

Schönschön.

Die Woche wird ja vielleicht besser als das Wochenende.