Der kleine Erziehungsratgeber

Zwei Kinder stehen einander gegenüber in einem Garten, ihre Gesichter sind nicht zu sehen. Das linke Kind hält eine elektrische Heckenschere, das rechte eine rote Kettensäge. Zwischen ihnen ragt eine Axt mit blauem Kopf und gelbem Stiel vom Boden in die Luft. Das Kind, das die Axt hält, liegt hinter dem Grünzeug am Boden und ist nicht zu sehen. Die drei Werkzeuge kreuzen sich über einem üppig bewachsenen Blumenbeet mit grünen Blättern, Tulpen und gelben Narzissen. Im Hintergrund steht ein Holzzaun aus senkrechten Brettern. Das Bild ist aus niedriger Perspektive aufgenommen, beinahe auf Höhe der Blumen.

Zur neurodivergenzsensiblen naturnahen Werkzeugsozialisation unter besonderer Berücksichtigung unterschiedlicher Begabungsprofile im geschwisterlichen Arbeitsverbund

Eine der bedenklichsten Entwicklungen gegenwärtiger Erziehung besteht in der zunehmenden Entfremdung des Kindes von produktiver körperlicher Arbeit.

Während frühere Generationen ab dem Kindergartenalter eigenständig Brennholz sammelten, Nutztiere versorgten und gelegentlich den elterlichen Hof gegen einfallende Soldaten verteidigten, beschränkt sich die moderne Entwicklungsförderung auf das Sortieren bunter Holzklötze, das Erschaffen von jahreszeitlich passender Fensterdekoration und die zentrale Frage, ob sich das Kind bei alledem auch ausreichend gesehen fühlt.

Die Folgen sind verheerend.

Immer mehr Heranwachsende erreichen die Pubertät, ohne jemals schweres Arbeitsgerät in der Hand gehalten zu haben.

Das vorliegende Bild dokumentiert daher ein erfrischend konsequentes Gegenmodel im Versuchsaufbau neurodivergenzsensibler altersheterogener Werkzeugexposition im Rahmen familiärer Sebstwirksamkeitsförderung.

Wir sehen drei Kinder, die mit unterschiedlichen Schneidwerkzeugen ausgerüstet und anschließend weitestgehend sich selbst überlassen wurden. Die Arbeitsgeräte korrelieren hier in geradezu mustergültiger Weise mit individuellen kognitiven Voraussetzungen.

Links im Bild sehen wir den ältesten Sohn. Er hält eine Heckenschere. Eine pädagogisch nahezu geniale Entscheidung. Die Heckenschere besitzt die Eigenschaft, innerhalb kürzester Zeit eine außerordentlich hohe Anzahl mechanischer Schneidbewegungen auszuführen, die jedoch seitens des arbeitenden Kindes keinerlei feinmotorische Einzelentscheidung über jeden Schnitt erfordern.

Sie überträgt gewissermaßen die motorische Unruhe ihres Bedieners auf ein technisches System und transformiert diese in eine gesellschaftlich akzeptierte Form produktiver Aktivität. Besonders bei Aufmerksamkeitsdefizitstörungen versuchen herkömmliche Förderkonzepte immer noch, das Kind zum Stillsitzen anzuhalten, hier eröffnet die Heckenschere einen revolutionären Perspektivwechsel:
Nicht das Kind muss still werden – die Umwelt muss sich mitbewegen!

Für den Kobold ergibt sich daraus zugleich eine klare soziale Funktion: Er übernimmt die Regulierung des familiären Außenraums. Was übersteht, wird korrigiert, unerwünschtes Wachstum wird zuverlässig unterbunden – hier ist naheliegend, eine frühe Vorbereitung auf leitende Verwaltungsfunktionen zu vermuten.

Rechts im Bild befindet sich die Kriegerin, das in dieser Geschwisterkonstellation mittlere Kind. Ihr wurde eine Kettensäge zugewiesen.

Während die Heckenschere lediglich korrigiert, trifft die Kettensäge Grundsatzentscheidungen. Hier geht es nicht länger um kosmetische Anpassungen bestehender Strukturen, sondern um deren vollständige Beseitigung. Die Bedienung verlangt antizipatorisches Denken, räumliche Vorstellungskraft und die Fähigkeit, irreversible Entscheidungen unter Bedingungen unmittelbarer Konsequenz zu treffen.

Wir sprechen hier von exekutiver Hochleistungsplanung unter Bedingungen potenzieller Strukturauflösung.

Gerade für mittlere Geschwisterkinder ist diese Erfahrung entwicklungspsychologisch bedeutsam. Zwischen dem Autoritätsanspruch der älteren Geschwister und der vermeintlichen Schutzbedürftigkeit des jüngsten Kindes geraten ihre Bedürfnisse häufig ins Hintertreffen.

Die Übergabe einer Kettensäge beendet derartige Hierarchiediskussionen auf bemerkenswert effiziente Weise. Wer über das leistungsstärkste motorisierte Schneidgerät verfügt, muss seine Bedeutung innerhalb des Familiensystems nur noch selten verbal erläutern.

Von herausragendem wissenschaftlichem Interesse ist jedoch der am Boden liegende Butz, das neurodiverse und hochbegabte jüngste Kind.

Während seine älteren Geschwister aufrecht stehen und hochentwickelte technische Geräte bedienen, liegt er am Boden und hält eine geradezu archaisch anmutende Axt empor.

Die Axt repräsentiert das kulturhistorische Fundament menschlicher Werkzeugnutzung. Während seine älteren Geschwister auf komplexe technische Systeme angewiesen sind, genügt dem intellektuell überlegenen Jüngsten ein Stiel mit einer Metallklinge, um vollkommen neue Anwendungsmöglichkeiten zu erschließen.

Seine horizontale Position dokumentiert dabei die charakteristische Bereitschaft, gesellschaftlich etablierte Grundannahmen kritisch zu hinterfragen. Es handelt sich hier keinesfalls um Faulheit oder Bequemlichkeit, wie der unwissende Beobachter vielleicht zunächst fälschlicherweise mutmaßen könnte. Wir begegnen hier einer kognitiven Entkopplung von konventionellen Arbeitspositionen, die in der Begabungsforschung bislang sträflich vernachlässigt wurde.

Seine Positionierung am Boden liegend schafft gleichzeitig ein anspruchsvolles Lernfeld für seine Geschwister. Hier wird Rücksichtnahme unter erhöhter Konsequenzdichte geschult.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass dieses Erziehungsmodell den herkömmlichen Ansätzen deutlich überlegen ist.

Es berücksichtigt Alter, Neurodivergenz, Hochintelligenz, Geschwisterhierarchie, handwerkliche Kompetenz und autonome Entscheidungsfindung in einem einzigen, bemerkenswert materialeffizienten Lernsetting.

Der Älteste reguliert – die Heckenschere kanalisiert.
Die Mittlere analysiert – die Kettensäge strukturiert.
Der Jüngste revolutioniert – die Axt dekonstruiert.

Eine eindrucksvollere Demonstration von Selbstwirksamkeit, Geschwistervertrauen und begabungsgerechter Verantwortungsübertragung ist wissenschaftlich kaum vorstellbar.

Vom Glück

Glück – das ist auch, während man in den Herbstferien ausschlafen darf, von einer WhatsApp der Kriegerin geweckt zu werden, die mit einem „Mamiiiiii, guck mal!“ ein Foto einer abgrundtief entzückenden, wenngleich etwas verwirrten Weinbergschnecke. die sich an diesem Herbsttag vermutlich auf einen ungestörten Spaziergang gefreut hat, während sie von einem 18jährigen Papparazzo mit Handy unter Freudensbekundungen abgelichtet wird, schickt.

Es ist so ein Geschenk, dass dieses Kind mit Freude zu mir kommt. ♥

Der kleine Erziehungsratgeber

Ein braungeflecktes Kaninchen sitzt auf einem schwarzen Kugelgrill. Im Vordergrund ein cremefarbener Labrador, der ihm die Schnauze entgegenstreckt. Links von ihm ein weiterer, brauner Labrador, der interessiert das Kaninchen ansieht. Drei Kinder sind im Bild, ihre Gesichter nicht zu sehen. Von links ragen zwei Arme Richtung Kaninchen, in einer Hand eine Grillzange, in der anderen Hand ein Gewürzsstreuer. Im Hintergrund ist ein Kind an einen Baum gebunden. Ein weiteres Kind bedroht es mit einem Stock.

Zur präzivilisatorischen Kompetenzrekonstruktion im Rahmen kindlicher Überlebensbildung

Die moderne Kindheit leidet unter einem bislang nur unzureichend erforschten Problem: Sie funktioniert zu zuverlässig.

Eine der folgenreichsten Fehlannahmen spätmoderner Erziehung besteht in der Überzeugung, Kinder müssten vor allem sicher, behütet und emotional validiert aufwachsen. Diese Vorstellung mag auf den ersten Blick menschlich erscheinen, verkennt jedoch in bemerkenswerter Weise die anthropologische Grundtatsache, dass das Überleben unserer Spezies über Jahrtausende hinweg gerade nicht dadurch gesichert wurde, dass man vor dem Verzehr von Pilzen deren Rezensionen im Internet nachlesen konnte.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Vermittlung sogenannter Survivalskills eine kaum zu überschätzende Bedeutung. Gemeint sind damit nicht jene weichgespülten Varianten gegenwärtiger Erlebnispädagogik, bei denen ein Kind unter Aufsicht ein Stockbrot über ein pädagogisch abgesichertes Feuer hält und anschließend eine Urkunde mit der Aufschrift „Waldentdecker“ erhält. Gemeint ist vielmehr die ernsthafte Heranführung an präzivilisatorische Kernkompetenzen: Ressourcenbewertung, Nahrungsbeschaffung, Dominanzklärung, Gruppenorganisation und improvisiertes Krisenmanagement.

Das vorliegende Setting darf insofern als mustergültig gelten.

Im Zentrum des Geschehens befindet sich ein Kaninchen auf einem Grill, flankiert von zwei Hunden, die dem Vorgang in einer Mischung aus professionellem Interesse und existenzieller Anteilnahme beiwohnen. Zugleich wird das Tier von einer Person gewürzt, während eine weitere Person im Hintergrund an einen Baum gebunden ist und offenbar von einer kleineren Person mit einem Stock sozialpädagogisch adressiert wird. Bereits diese simultane Anordnung zeigt, dass hier nicht in isolierten Kompetenzinseln gearbeitet wird, sondern in einem hochkomplexen interdisziplinären Überlebensarrangement.

Zunächst zum Kaninchen: Die moderne Konsumgesellschaft hat es geschafft, Kindern die Herkunft ihrer Nahrung in einem Ausmaß zu verschleiern, das kulturgeschichtlich fast schon als Kunstform gelten kann. Fleisch erscheint in hygienisch neutralisierter Form als geometrische Portion in Kunststoffschalen. Das Kind soll essen, aber bitte nicht denken. Genau an diesem Punkt setzt die hier erkennbare re-animalisierende Ernährungspädagogik an. Das Kaninchen ist nicht bereits transformiertes Produkt, sondern noch deutlich als Lebewesen zu erkennen. Besonders pädagogisch ist, dass das Kaninchen augenscheinlich noch lebt.

Dadurch bleibt die Situation ergebnisoffen. Ergebnisoffenheit wiederum gilt als wesentliche Voraussetzung selbstbestimmten Lernens.

Das Würzen des Tieres erweitert diesen Lernprozess um eine weitere Dimension. Überleben bedeutet schließlich nicht nur, etwas Essbares zu identifizieren, sondern auch, es kulturell anschlussfähig zu machen. Zwischen bloßer Kalorienaufnahme und zivilisationsfähiger Mahlzeit liegt bekanntlich das Gewürz. Die kleine Geste des Würzens steht somit exemplarisch für den Übergang von bloßem Existieren zu menschlicher Kultur.

Von erheblichem entwicklungspsychologischem Interesse sind außerdem die Hunde. Sie fungieren in dieser Konstellation als ko-präsente Beobachtungsinstanzen mit opportunistischer Handlungsbereitschaft. Für das Kind entsteht dadurch ein wertvoller sozialökologischer Lernraum: Es muss nicht nur das Kaninchen und die gruppendynamische Lage erfassen, sondern zugleich die stillschweigende Frage mitdenken, wer im Ernstfall welche Ressource beansprucht. Dies fördert Perspektivübernahme, antizipatorisches Denken und eine realistische Einschätzung von Nahrungskonkurrenz.

Besonders hervorzuheben ist jedoch die Person am Baum.

Hier wird die Überlebensbildung um einen oft vernachlässigten Bereich ergänzt: die Regulation innergruppaler Ordnung unter Krisenbedingungen. In stabilen Gesellschaften wird Kontrolle gewöhnlich an Institutionen delegiert. In einer archaischen Mikrolage hingegen muss eine Gruppe ihre Strukturen unmittelbar selbst hervorbringen. Dass eine Person fixiert wurde, weist auf eine bereits erfolgte Rollenzuweisung hin. Dass eine kleinere Person diese Situation mit einem Stock flankiert, verdeutlicht die frühe Einübung von Autorität, Abschreckung und symbolischer Sanktionskompetenz.

Pädagogisch betrachtet handelt es sich vielmehr um ein Laboratorium der Macht. Das Kind lernt, dass soziale Ordnung nicht naturgegeben ist, sondern hergestellt, behauptet und gelegentlich mit einem Werkzeug unterstrichen werden muss. Wer diesen Vorgang moralisch vorschnell problematisiert, verkennt, dass nahezu jede menschliche Gemeinschaft auf mehr oder minder sublimierten Formen von Regelsetzung, Grenzmarkierung und Gehorsamserwartung beruht. Hier geschieht dasselbe – nur erfreulich transparent.

Echte Kompetenzorientierung verlangt, dass ein Kind zumindest theoretisch darauf vorbereitet ist, nach dem Zusammenbruch sämtlicher Versorgungssysteme mit einem Kaninchen, mehreren Geschwistern, Hunden und einer fragwürdig fixierten Person eine funktionsfähige Mikrogesellschaft zu errichten. Dabei werden sämtliche Zukunftskompetenzen gleichzeitig gefördert: Problemlösen, Improvisation, Kooperation, Ressourcenmanagement, Frustrationstoleranz und die Fähigkeit, angesichts einer völlig entgleisten Gesamtsituation zunächst einmal sachlich zu prüfen, was noch verwendbar ist.

Das nennt man adaptives Krisenmanagement.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass moderne Kinder keineswegs zu wenig lernen. Sie lernen lediglich auffällig viele Dinge unter Bedingungen, in denen Strom vorhanden ist und niemand an einen Baum gebunden wurde. Eine verantwortungsbewusste Erziehung sollte diesen blinden Fleck schließen.

Denn man weiß nie, wann Zivilisation endet.

Und wenn es so weit ist, wird sich sehr schnell zeigen, welche Eltern ihre Kinder wirklich auf das Leben vorbereitet haben.

Die anderen stehen dann nämlich vermutlich am Baum.

Mein wunderbarer geliebter kleiner Butz,

klein bist du schon lange nicht mehr, hast du mich doch schon längst an Körpergröße eingeholt. Aber mein Nesthäkchen, mein Baby, mein letztes Kind – das bist du.

Ich will gar nicht so sehr in Erinnerungen schwelgen, stehe ich doch in Ehrfurcht vor dem jungen Mann, der du heute schon bist.

Dein Name kommt nicht von ungefähr. Du bist mein Weltenwanderer, der, dem so vieles fremd ist. Ein wacher Geist mit einem schier unermesslichen Verstand und so viel Potential, das du nur zu gerne nutzt, um dich in Schwierigkeiten zu bringen oder aus ihnen herauszureden. Du wurdest nach einer gigantischen Superintelligenz aus den Büchern deines Vaters benannt, die auf ihrem Wahlheimatplaneten Wanderer den Kosmos durchstreift, immer bemüht, das Mysterium Menschheit zu verstehen und zu prüfen.

Und vielleicht passt das erschreckend gut zu dem Menschen, den ich heute so sehr liebe und der mich fasziniert wie kaum ein anderer: Du bewegst dich durch diese Welt, ohne vollends zu ihr zu gehören. Als gäbe es die Menschheit, das Universum, den Kosmos an sich und auf der anderen Seite dich, der du versuchst, sie zu verstehen.

Du kannst aus dem Stehgreif lateinische Gedichte erschaffen, du scheinst Zugriff auf jegliches Wissen zu besitzen, mit dem du jemals in Berührung gekommen bist und du hast keine Ahnung, wo in diesem Haus das Tesafilm ist. Die Leichtigkeit, mit der du dich durch die Sphären von Wissenschaft, Philosophie und Fakten bewegst, endet dort, wo du mit etwas so profanem wie Alltag konfrontiert wirst.

Du bist mein zerstreuter Professor, mein Butzemann, mein Baby, mein närrischer kleiner Tuk, mein Herz und meine Seele gleichzeitig.

Ich liebe dich.

Frei

Ich bitte Butz um Mithilfe bei einer sehr unschönen Aufgabe, die mit ziemlich viel Muskelkraft und Schweiß verbunden ist.

Er blickt mich nachdenklich an. „Das klingt nicht gut. Kann ich Nein sagen?“

Ich denke an Uroma und antworte, was sie mir in solchen Situationen halb summend, halb lächelnd in den Raum gestellt hat:

„Natürlich, Kind. Du bist zu jeder Zeit Herr deines Schicksals und deines Glückes Schmied.“

Der kleine Sohn überlegt. „Aber das hat Konsequenzen, oder? Dann musst du es machen? Und dir geht es nicht gut. Außerdem backst du ja meinen Kuchen, weil ich morgen Geburtstag habe… Ich mach es!“

[Ich vermisse dich, Oma.]

Glück, pur

Zu den größten, leisesten und buntesten Glücksmomenten meines Lebens gehört es wohl, wenn ich abends noch am Schreibtisch sitze, der Kobold hinter mich tritt und ich meinen Kopf in den Nacken lege, um ihn anzusehen. Wenn er dann mit dieser tiefen Stimme leise sagt: „Mach nicht mehr so lange.“, sich nach vorne beugt und mich auf die Stirn küsst.

Liebe. Glück. Alles.

Kenne deinen Wert. Kenne deinen Preis.

Seit meine Kinder alt genug sind, den Wert von Geld zu verstehen, mache ich etwas mit ihnen, das auf Außenstehende gelegentlich ziemlich befremdlich wirkt: Ich biete ihnen Geld für Dinge an.

Manchmal für Arbeit. Streich den Gartenzaun. Räume etwas weg. Übernimm eine Aufgabe, die Zeit und Kraft kostet. Manchmal für Überwindung: Spring angezogen in den kalten Pool. Geh barfuß in den Schnee. Lass dir Ketchup über den Kopf kippen. Manchmal ist das Angebot lächerlich niedrig, manchmal überraschend hoch. Und manchmal erhöhe ich, wenn ein Kind Nein sagt.

Was dabei aussieht wie ein albernes Spiel mit Geld, ist für mich seit vielen Jahren Erziehungsarbeit.

Denn ich möchte, dass meine Kinder eine Frage beantworten können, lange bevor die Welt beginnt, sie ihnen mit wirklichen Konsequenzen zu stellen:

Was bin ich bereit, für eine Gegenleistung von mir herzugeben?

Zeit hat einen Wert.

Arbeit hat einen Wert.

Überwindung hat einen Wert.

Bequemlichkeit hat einen Wert.

Aber auch die eigene Würde, körperliche Grenzen, Ekel, Angst und persönliche Überzeugungen haben einen Wert – und manche davon sollten überhaupt keinen Preis haben.

Das kann man einem Kind erklären. Man kann aber auch einen Erfahrungsraum schaffen, in dem es diese Unterschiede selbst entdeckt.

Wenn ich fünf Euro dafür biete, angezogen in einen kalten Pool zu springen, muss das Kind in sich hineinhorchen. Ist mir das fünf Euro wert? Vielleicht lautet die Antwort begeistert Ja. Vielleicht Nein. Dann biete ich möglicherweise zehn. Und plötzlich geschieht etwas Interessantes: Das Kind muss nicht mehr nur den Pool bewerten. Es muss sich selbst bewerten: Wie unangenehm ist mir das wirklich? Ist mein Nein ein „nicht für fünf Euro oder ein „überhaupt nicht?

Genau dort entsteht etwas, das später kaum durch Belehrung nachzuholen ist: eine innere Skala.

Mit den Jahren werden die Entscheidungen differenzierter. Es gibt Dinge, für die ein Kind schon bei zwei Euro lachend sagt: „Gib her, mach ich. Es gibt Arbeit, bei der fünf Euro inzwischen mit völliger Selbstverständlichkeit abgelehnt werden, weil das Kind längst verstanden hat, dass mehrere Stunden seiner Zeit und Arbeitskraft mehr wert sind. Und es gibt Angebote von fünfzig Euro und mehr, bei denen das Nein keinen Millimeter weicher wird.

Diese letzten Neins sind vielleicht die wichtigsten.

Denn ein junger Mensch, der erlebt hat, dass ein Angebot steigen kann und trotzdem nicht angenommen werden muss, lernt etwas Fundamentales:

Nicht alles an mir steht zum Verkauf.

Gleichzeitig lernen meine Kinder verhandeln. Wer zehn Euro angeboten bekommt, darf fünfzehn verlangen. Er darf ausprobieren, wie weit die andere Seite gehen wird. Aber auch Verhandlung braucht Realitätssinn. Wer auf zehn Euro mit zweihundert reagiert, verhandelt nicht, sondern verlässt den gemeinsamen Rahmen. Also lernen sie, Gegenüber zu lesen: Tonfall, Gesichtsausdruck, Entschlossenheit, Spielfreude, Verhandlungsspielraum. Ist das erste Angebot bereits ziemlich endgültig? Oder steckt darin ein unausgesprochenes „Versuch es ruhig?

Das ist soziale Kompetenz in einer sehr unmittelbaren Form. Nicht Manipulation, sondern die Fähigkeit, gleichzeitig bei sich und beim Gegenüber zu sein.

Und dann sind da Geschwister.

Mehrere Kinder machen aus solchen Situationen ein noch komplexeres Lernfeld. Denn plötzlich existiert nicht nur mein Angebot, sondern auch die Entscheidung des anderen. Einer springt für zwei Euro begeistert in den Pool, während ein anderer auch für zwanzig nicht hineingeht. Einer empfindet eine Aufgabe als Zumutung, der andere als leicht verdientes Geld.

Damit lernen Kinder etwas, das Geschwisterkonkurrenz sonst leicht verschleiert: Der Preis des anderen bestimmt meinen eigenen nicht.

Nur weil mein Bruder etwas für fünf Euro macht, muss ich es nicht ebenfalls für fünf tun. Nur weil meine Schwester Nein sagt, muss ich ihr Nein nicht übernehmen. Der Mut des einen macht den anderen nicht feige. Die Grenze des einen macht den anderen nicht empfindlich. Menschen dürfen dieselbe Situation unterschiedlich bewerten.

Natürlich entsteht Konkurrenz. Wer hat besser verhandelt? Wer hat mehr herausgeholt? Wer hat zu früh zugesagt? Wer hat gezockt und am Ende gar nichts bekommen? Aber in einem sicheren familiären Rahmen wird Konkurrenz dadurch zu einem sozialen Übungsfeld. Kinder vergleichen Strategien, beobachten Ergebnisse, ärgern sich über schlechte Entscheidungen und freuen sich über gute. Beim nächsten Mal wissen sie mehr.

Und vor allem erfahren sie: Eine Entscheidung darf falsch ausgehen, ohne dass mit ihnen etwas falsch ist.

Das ist für mich entscheidend.

Ich selbst habe eine Form dieses Trainings kennengelernt, in der Entscheidungen unter Druck und Demütigung getroffen werden mussten. Auch daraus kann Kompetenz entstehen. Aber sie wird teuer bezahlt. Ein Kind kann lernen, Situationen blitzschnell einzuschätzen, weil es gelernt hat, dass Zögern gefährlich ist. Es kann Menschen hervorragend lesen, weil das früh notwendig war. Dann sieht eine Überlebensstrategie von außen irgendwann wie außergewöhnliche Kompetenz aus.

Ich wollte für meine Kinder dieselbe Kompetenz, die auch ich besitze.

Aber sie sollten auf gar keinen Fall den Preis dafür zahlen müssen, den es mich gekostet hat.

Deshalb braucht dieses Lernen Sicherheit. Meine Kinder dürfen Nein sagen. Sie dürfen schlecht verhandeln. Sie dürfen sich verzocken. Sie dürfen für zwei Euro etwas tun, wofür ich zwanzig bezahlt hätte. Und sie dürfen fünfzig Euro liegen lassen, weil ihnen das Verlangte fünfzig Euro nicht wert ist.

So wird aus Wachsamkeit Urteilsvermögen. Aus Abgrenzung wird Selbstbestimmung. Aus schnellem Entscheiden wird Entscheidungssicherheit. Und aus dem Lesen anderer Menschen wird soziale Intelligenz, ohne dass dafür Angst der Lehrmeister sein muss.

Mir begegnet oft die Vermutung anderer Menschen, meine Kinder würden dadurch nur lernen, für alles Geld zu verlangen.

Meine Erfahrung ist das Gegenteil. Helfen, füreinander da sein und zum Familienleben beitragen gehören in eine andere Kategorie.

Wenn ein Kind fragt: „Bietest du mir dafür Geld?, lautet meine Antwort: „Bis gerade eben hätte noch alles möglich sein können, aber jetzt auf keinen Fall mehr.“

Auch das ist eine Grenze. Meine.

Denn nicht jede Leistung ist eine Ware.

Nicht jede Beziehung ist eine Transaktion.

Nicht jede Gefälligkeit braucht eine Gegenleistung.

Und genau darum geht es letztlich.

Meine Kinder sollen nicht lernen, alles mit einem Preis zu versehen. Sie sollen lernen, Unterschiede zu erkennen.

Was gebe ich gern? Was schulde ich einer Gemeinschaft? Was ist Arbeit und sollte angemessen bezahlt werden? Wann lohnt sich Überwindung? Wann darf ich mehr verlangen? Wann nehme ich die zwei Euro und habe meinen Spaß? Wann gehe ich aus einer Verhandlung? Und wann ist meine Antwort vollkommen unabhängig von der Zahl, die jemand vor mich legt?

Später werden die Angebote nicht mehr von ihrer Mutter kommen.

Später heißen diese Angebote nämlich Gehalt, Karriere, Anerkennung, Gruppenzugehörigkeit, Beziehung, Status, Sex, Loyalität, Gefälligkeit oder sozialer Druck. Menschen werden versuchen herauszufinden, was sie für die Zeit, Arbeitskraft, Anpassung, das Schweigen oder die Grenzüberschreitung eines anderen bieten müssen.

Und dann wünsche ich meinn Kindern genau das, was sie heute schon erstaunlich gut können:

Das Angebot hören.

Den anderen einschätzen.

In sich selbst hineinhorchen.

Verhandeln, wenn es etwas zu verhandeln gibt.

Und Nein sagen, wenn es nichts zu verhandeln gibt.

Kenne deinen Wert.

Kenne deinen Preis. Und erkenne die Dinge in dir, die niemals zum Verkauf stehen.

KinderKinder und KindesKinder

Was als kurzweiliger Besuch bei der großen Tochter mit der kleinen Tochter und dem kleinen Sohn geplant war, entwickelte sich für mich schnell zu einem ausgewachsenen Dilemma.

Ich war dort als Mutter meiner erwachsenen Tochter und als Oma ihres Kindes.

Gleichzeitig hatte ich meine eigenen Kinder dabei und plötzlich jonglierte ich Bedürfnisse auf drei verschiedenen Beziehungsebenen (vier, wenn man den Schwiegersohn mit einrechnet), die jeweils etwas anderes von mir verlangten.

Ich will meine große Tochter besuchen, sie hören, sehen und unterstützen, ohne mich gleichzeitig in ihr Muttersein einzumischen.

Ich will Zeit mit meinem Enkel verbringen und mich auf unser Kennenlernen einlassen.

Gleichzeitig blieb ich Mutter meiner eigenen Kinder, die in dieser speziellen Situation einen großen Berg eigener Bedürfnisse hatten und Probleme, sich an die Gegebenheiten ohne wirklichen Rückzugsort bei furchtbarer Hitze und in einer Umgebung mit ausschließlichem Fokus auf ein Baby anzupassen.

Meine kleine Tochter fuhr ihre erste lange Autobahnstrecke und saß freiwillig fast 5 Stunden hinterm Steuer ihres Autos, eine wahre Meisterleistung an Konzentration und Fokus und wurde dann in eine Umgebung geworfen, die auch noch ein hohes Maß an Sozialkompetenz erfordert.

Mein kleiner Sohn war zu Tode gelangweilt, hatte Hunger, Durst, müde, Pipi, kalt (bzw. zu heiß) und konnte weder auf bekannte Regulationsstrategien noch Komfortessen zurückgreifen und hing ebenfalls in der Luft, denn eigentlich wollte er die große Schwester besuchen, die er so sehr vermisst und nicht das Baby, das nun ihre ungeteilte Aufmerksamkeit forderte.

Wir kamen an und alles, was er wollte, war: Nach Hause.

Mir war zu heiß, ich hatte keine Rückzugsmöglichkeit, ich hatte extreme Schmerzen und Kreislaufprobleme, war völlig übermüdet und voller Adrenalin, eine lange anspruchsvolle Autobahnfahrt als Beifahrer begleitet zu haben.

Ich war froh, als wir am Montagabend alle im Bett waren bzw. die Tochter auf der Terrasse schlafen wollte, unter freiem Himmel geht es ihr gut.

Auch der zweite Tag war ziemlich anstrengend – ich hatte allen Beteiligten zur Wahl gestellt, wieder nach Hause fahren zu können, aber sie wollten ‘durchhalten‘ und ich verstehe das so gut. Wenn da etwas ist, man man liebt, die Umstände aber einfach schwer zu ertragen sind, dann hat es manchmal mehr von aushalten als von genießen.

Der Tag war schwierig. Richtig schwierig. Bis spät abends.

Es hat mich dabei fast verrückt gemacht, diese unterschiedlichen Anforderungen an mich nicht miteinander vereinbaren zu können.

Ich kann nicht einfach aufhören, Mutter zu sein, während ich Oma bin und andersherum. Und ich kann die Begegnung mit meinem Enkel nicht vollständig erleben, wenn ein großer Teil meiner Aufmerksamkeit bei meinen eigenen Kindern liegt.

Keines dieser ganzen Bedürfnisse, die an mich herangetragen wurden, war falsch, das Problem war vielmehr, dass Bindung Aufmerksamkeit braucht und Aufmerksamkeit eine sehr begrenzte Ressource ist.

Wir sind heute Nachmittag zurückgefahren und die Tochter hat einen Unfall auf der Autobahn verursacht. Niemand kam zu Schaden, nur das Auto ist lädiert, aber mir sitzt der Schock tief in den Knochen. Ich habe sie reguliert, so dass sie das Lenkrad vernünftig festgehalten hat und nicht in den Parallelverkehr lenkte, ich hab sie ruhig durch die Situation gebracht, hab Butz durch die Panik begleitet und das für uns alle gut gelöst. Wir konnten nach einer Stunde weiterfahren, sie hat sich wieder hinters Lenkrad gesetzt und auch wenn wir lange gebraucht haben, hat sie die verbleibende Zeit genutzt, um sich selber davon zu überzeugen, dass nichts passiert und dass ein Fahrfehler nicht bedeutet, dass sie kein Auto fahren kann.

In all dieser Zeit habe ich gegen meine eigene Panik gekämpft, gegen die gefühlte Hilflosigkeit, gegen den Impuls, sie nicht mehr fahren zu lassen und alles was ich wollte, war einfach nur, nach Hause zu kommen und selber endlich einmal gesehen und aufgefangen zu werden.

Ich möchte in irgendeiner Beziehung meines Lebens mal nicht gebraucht werden, sondern einfach nur gemeint sein.

Und als Fazit dieses Besuchs bleibt mir nur die Erkenntnis, dass Liebe sich vermehren kann, ungeteilte Aufmerksamkeit jedoch nicht. Und manchmal bedeutet das Finden einer neuen Rolle vielleicht auch, sich bewusst Räume zu schaffen, in denen man sie überhaupt ungestört erleben kann. Dass das so nicht möglich ist, sehe ich inzwischen deutlich.

Gleichzeitigkeit

Wenn alle Familienmitglieder bei Sturm und Gewitter die Idee haben, sich nachts leise auf die Terrasse zu schleichen, um diese Naturgewalt zu genießen, dann sitzt man halt zu Fünft mit drei Hunden eng aneinander und für einen winzigen Augenblick ist alles pures Glück.