Meine geliebte große Tochter,

ich stehe gerade nicht neben dir, um deine Hand zu halten, aber ich bin dir seit Tagen so nah, wie eine Mutter ihrer Tochter nur sein kann. Ich versuche, gedanklich einfach bei dir zu sein und meinen Teil unserer Geschichte zu halten, ohne etwas lenken zu wollen.

Du darfst genau dort sein, wo du gerade bist.
Müde. Überfordert. Hoffnungsvoll. Verzweifelt. Kraftvoll. Erschöpft. Alles nebeneinander.
Ich vertraue dir und deinem Körper. Ihr werdet diesen Kraftakt des Gebärens gut bewältigen.
Ich danke dir für dein Vertrauen, mir zwischendurch kleine Einblicke zu schenken – ich werde sie Zeit meines Lebens als kostbaren Schatz hüten.

Du bist gut aufgehoben.

Bei Hebammen, die dich mit Erfahrung begleiten, bei Ärzten, die dich medizinisch beraten und in den Armen deines Mannes, der dich hält, damit du dich fallen lassen kannst.

Auch ich bin da. Immer noch deine Mama. Nur anders als früher. Und ich freue mich darauf, dich in wenigen Stunden als Mutter erleben zu dürfen.

Ich bleibe hier an meinem Platz und bin jederzeit erreichbar. Nahe genug, dass du mich spüren kannst, aber weit genug weg, damit ihr drei den Beginn eurer eigenen Geschichte erschafft.

Ich liebe dich.

Entspannung

Butz liegt flach. Was sich gestern im Laufe des Tages schon angekündigt hat, gipfelte spätabends in hohem Fieber und völliger Erschöpfung. Mein Geruchssinn, der mir so zuverlässig meldet, wenn eins der Kinder einen Infekt in sich trägt, schweigt.

Also gebe ich meiner Intuition nach und sehe die Symptome als das, was es vermutlich ist: Völlige Entspannung von Körper, Geist und Seele nach so vielen Tagen ohne Privatsphäre, ohne das eigentlich nötige Kuscheltier, ohne Raum oder Ruhe für sich selbst, immer getrieben von einem Tagesprogramm, auf das man keinen Einfluss hatte, umgeben auch von Menschen, die man nicht ständig alle um sich haben möchte, genährt von Nahrungsmitteln, die keine Sicherheit vermitteln.

Was ich sonst mittags schon massiv auffangen muss, wenn die 6-8 Stunden Höchstfunktionalität in der Schule ihren Tribut fordern, macht sich nach über einer Woche um ein Mehrfaches potenziert bemerkbar.

Also bleibt er zuhause, ich schweige still, wenn er sich an mich kuschelt, halte ihn, wenn er völlig zerstreut in meinem Arm zu vergessen scheint, wo er gerade ist oder was er tun wollte. Er bekommt Wohlfühlessen, Wohlfühltrinken, Wohlfühlatmosphäre, Schlaf, was immer er braucht, damit sein innerstes Selbst wieder in seine Mitte findet.

Es ist unglaublich, was er da in den vergangenen Tagen geleistet hat. Ich bin so unendlich stolz, dass er voll freudiger Erinnerung auf diese Skifahrt zurückblickt und auch in der Kommunikation mit mir ganz klar trennen kann: Das war ein Riesenspaß mit besten Freunden und es war anstrengend bis überfordernd für mich. Die Ambiguitätstoleranz, beides nebeneinander ohne Abwertung des jeweils anderen stehen lassen zu können, ist neu

Küche, Kinder, Katastrophen

„Der nervige kleine Mensch aus diesem Haus fehlt ja doch irgendwie.“

Das ist wohl schon die ultimative Liebeserklärung, die man als große Schwester machen kann.

Der große Sohn überträgt seine eigenen Gefühle gnadenlos auf mich: „Da bist du aber froh, wenn er diese Woche wiederkommt, hm? Das ist ja doch schon sehr ruhig hier ohne ihn. Jajaja, ich weiß, ich beschwer mich immer, aber das ist ja wirklich sehr still hier. Das muss dir ja fehlen.“

Ich rolle also einigermaßen liebevoll die Augen und wende mich wieder meinen eigenen Problemem zu, denn nachdem wir gestern das Esszimmer zum Renovieren ausgeräumt haben, kamen uns Teile von zwei Wänden entgegen, die im Winter ausgeblüht sind.

Mal wieder die fatale Kombination von zu viel Nässe und falschem Putz. Ich habe also alles runtergerissen, was lose und bröselig war und nun schiebt sich die Renovierung um Abtrocknen der Wände und Verputzen und Abtrocknen des Putzes nach hinten, während wir kein Esszimmer mehr haben, dann eben die nächsten zwei Wochen stehend in der Küche essen, alle Schränke im Wohnzimmer stehen, aller Inhalt der Schränke in der Gartenküche untergebracht wurde und Ludwig vor lauter Stress 240 Liter Schaumstoffschnipsel aus einem großen Sitzkissen im Wohnzimmer verteilt hat und wir knietief durch das statisch aufgeladene Zeug waten mussten, um es in mühevoller Handarbeit in Müllsäcke zu stopfen.

Schönschön.

Die Woche wird ja vielleicht besser als das Wochenende.

Struktur

Jetzt wo das kleine Kind für etwas längere Tage weg ist, merke ich erst, wie sehr unser aller Alltag auf sein Bedürfnis nach innerer und äußerer Ordnung ausgelegt ist. Und automatisch entspanne ich. Lasse Dinge liegen, lebe in einem Rhythmus, der mehr meiner als seiner ist. Hier ist zum Glück (bis auf den Mann) niemand mehr, den das stört und so muss ich auch keinen Aktionismus ertragen, bei dem jemand versucht, meine Nachlässigkeiten noch schnell aufzuholen, sondern es darf einfach liegen bleiben und ich fühle dabei so viel Freiheit und Ruhe. Das fängt in der ritualisierten morgendlichen Hektik an, die mehr einer einstudierten Performance gleicht als einem Alltag, den ich freiwillig leben würde, aber ihm ausreichend viel Sicherheit und Struktur vermittelt, um in seinen Tag zu starten.

Die Worte, die Handlungen, die genau bemessene Interaktion, das repetitive Aneinanderreihen von jahrelang gewachsenen Verhaltenselementen und das Wissen darum, dass bei einem Fehltritt der Meltdown oder schlimmer Shutdown droht. Ich nehme es im Alltag nicht so sehr als Zwang wahr, aber jetzt, wo er fehlt, ist das Durchatmen in mir deutlich spürbar. Ich habe entschieden, diese Tage zu genießen, obwohl ich mir Sorgen mache, wie er zurechtkommt, was ich hinterher auffangen muss und ich ihn mit jeder Faser meines Mutterseins vermisse.

Mein Baby.

Mein Nesthäkchen.

Und mein besonderer Butz.

Erdung

„Es ist wie vor 4 Jahren!“, flüsterst du mir zu und ich sehe den Schmerz und die Tränen der Verzweiflung in deinen Augen. Ich schiebe dich in den Regen, nur wir beide und die Urgewalt, die da draußen um uns herum tobt. Ich halte dich fest, flüstere dir zu, wie sehr du geliebt wirst und so stehen wir da. Ich kann dir nicht helfen und weiß doch zu genau, wie es ist, wenn die Dunkelheit einen zu überwältigen droht. Ich weiß es. Und ich fühle deine unbändige Energie, dein Licht, deine Stärke, die du allesamt noch so wenig unter Kontrolle hast. Ich kann dir nicht helfen und es macht mich wahnsinnig. Ich kann nur hier bei dir sein, dich erden, dich festhalten, dich lieben und hoffen, dass das reicht.

Meine Kriegerin.

Du bist der Sturm.

Asgard

Du wirst heute 6 Jahre alt und du bist das tollpatschigste Lämmlein, das man sich nur vorstellen kann.

Als Anfang 2019 langsam die Sehnsucht nach einem zweiten Hund in mir aufstieg, da dachte ich immer an eine zweite Version von Ludwig. Und damals wusste ich noch nicht, wie großes Unrecht ich dir damit tun würde, indem ich genau darauf hingearbeitet habe.

Als ich dein Geburtsdatum erfahren habe, war mir klar, dass das Schicksal dich definitiv für mich ausgewählt hatte, denn heute ist nicht nur dein Geburtstag, sondern vor 98 Jahren kam mein Großvater zur Welt, an genau diesem Tag. Und er ist der Mensch, dessentwegen ich letzten Endes meine Menschlichkeit bewahrt habe. Er war die Liebe.

Dass du ebenfalls diese Liebe bist, habe ich vor 6 Jahren noch nicht gut begriffen.

Ich habe dich erzogen wie Hunde nun mal erzogen werden. Und ab Beginn hatten wir beide unsere Schwierigkeiten. Du warst ein Sensibelchen, du mochtest keine Befehle, keine Sozialisationsübungen, du mochtest keine anderen Hunde außer Onkel Ludwig, du wurdest nicht stubenrein, du hast nicht auf Ermahnungen reagiert und Belohnungen haben für dich nie die Verbindung zu dem, was du getan hast, hergestellt. Du hattest vor allem und jedem Angst und warst nur hier mit Lu und den Kindern wirklich glücklich und ausgeglichen und ich habe erst an mir und schließlich an dir gezweifelt.

Meinen Plan, einen Ludwig2 zu erschaffen, habe ich innerhalb kürzester Zeit verabschieden müssen, aber ich habe noch lange nicht verstanden, was du wirklich brauchst.

Die Kinder waren darin so viel schneller als ich. Das kann Asgard nicht. Mama, er ist der Lämmi, er muss nur liebgehabt werden.

Es vergingen Jahre, viele Tränen und schmerzhafte Lektionen, bis in mir zumindest leise eine Art von Erkenntnis reifte, weil das Kind, das dich für sich beansprucht hat, mit seinen Problemen immer wieder vor dieselbe Wand lief wie ich mit dir. Und irgendwann habe ich nicht nur gehört, sondern auch verstanden, was mir alle Kinder jeden Tag sagten: Asgard muss nur liebgehabt werden.

Sonst nichts. Ich ließ also los. Nicht nur dich, sondern auch dein Kind. Wer etwas wirklich nicht kann, der muss auch nicht. Und zeitgleich mit der Schulsituation und dem Schwänzen entspannte sich auch unsere Situation hier. Du warst immer noch weit entfernt von stubenrein, aber es gab Fortschritte. Das Weinen wurde weniger. Ich hielt mich an Ludwig fest und lernte, dich einfach sein zu lassen. Im Vertrauen, dass du deinen Weg finden würdest. Und genauso konnte ich zu diesem Zeitpunkt das große Kind einfach sein lassen, in aller Liebe und mit aller Unterstüzung, aber ohne den Drang, es in ein System hineinzupressen, für das es einfach nicht geboren wurde.

Das hast du bewegt. Nur du. Du zeigst mir jeden Tag, dass man nicht perfekt sein muss, um geliebt zu werden. Dass Liebe und Leistung nichts miteinander zu tun haben. Dass Liebe einfach ist. Du bist heute 6 Jahre alt und kannst meistens gut an der Leine gehen, wenn wir keine anderen Hunde treffen. Du liegst am liebsten auf dem Sofa und du hasst das Draußen, wenn es nicht Sonnenschein, 30 Grad und einen Pool mit sauberem blauen Wasser bereitstellt. Du kannst einen Besuchshund in unserem Haus tolerieren und du schreist nicht mehr die gesamte Nachbarschaft zusammen, wenn ich etwas von dir will. Du kannst ein ganzes Kommando und an guten Tagen klappen manchmal sogar zwei weitere, aber das ist alles nicht so wichtig.

Du bist an den allermeisten Tagen stubenrein und du kannst nicht alleine schlafen, aber wer will das auch schon? Du bist der Hund, der die Besuchskinder mit Angst vor Hunden heilt, weil du einfach vor allem doppelt so viel Angst hast und das irgendwie verbindet. Meistens finde ich dich dann auf einem Besucherschoß oder auf einem Besucherarm, weil das exakt der Platz ist, der für dich einfach am sichersten ist.

Du hast große Probleme, dich neben Atmen noch auf eine zweite Sache zu konzentieren, du bist kurzsichtig und hast kein Gedächtnis für Gesichter und erkennst draußen außer mir niemanden. Meistens fällst du beim Sitzen einfach um, wenn man dich streichelt, was leider dazu führt, dass du dir jeden Tag den Kopf hart auf dem Boden anschlägst, was auch nicht furchtbar gut für dein Gehirn ist. Du möchtest gerne ununterbrochen von mir herumgetragen werden und hast nicht verstanden, dass du eigentlich viel zu groß dafür bist.

Du hast mir als Frauchen, als Mutter und als Mensch auf die nachdrücklichste Art und Weise gezeigt, dass Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht und dafür werde ich dir auf ewig dankbar sein. Du kamst in einer Phase meines Lebens zu uns, in der ich wollte, dass einfach alles nur funktioniert, weil der Schmerz nach dem viel zu frühen Weggang meiner großen Tochter viel zu groß für irgendetwas anderes war.

Und genau dagegen hast du dich mit einer Vehemenz gewehrt, die mich gezwungen hat, mich zu verändern.

Meine Sichtweise. Mein Erziehungskonzept.

Du hast mich nachsichtiger werden lassen.

Liebevoller.

Zugewandter.

Du hast mir gezeigt, dass ich reiche. Dass du genug bist und dass auch ich genug bin.

Du bist die Liebe.

Sommerferien

Ein Tag, der damit beginnt, dass das Kind, das sich mit sozialen Interaktionen schwer tut, vor meinem Bett steht, was ohne Anklopfen per se schon nur im Notfall passieren darf, mich dann aber auch noch eindringlich fragt, ob der Mann arbeitet und das dann auch schon der gesamte Gesprächsinhalt gewesen sein soll, während ich mühsam versuche, meine Aggressionen in den Griff zu bekommen und mich auf meine Rolle als Mutter zu besinnen, kann ja im Grunde nicht sehr gut weiterlaufen.

Und prompt setzt die selbsterfüllende Prophezeiung Migräne als das Mittel ihrer Wahl ein, die mir nur noch ein kleines Fenster Zeit lässt, mich irgendwie zum Medikamentenschrank durchzukämpfen. Auf dem Weg dahin plaudernde große Kinder, die früh wach und grausam motiviert sind, gemeinsam Sport zu treiben. Ich sehe das große Kind erstmals wieder seit Wochen seinem schwarzen Sumpf entsteigen und wenngleich es nicht Aufgabe der kleinen Schwester sein darf, ihn da rauszuholen, ich bin gerade einfach dankbar, dass es sich jetzt so ergeben hat.

Ich kenne die Unsicherheiten und Ängste, die er kultiviert und in einer Familie voller Menschen, die einfach anpacken, was sie sich vornehmen und dann auch erfolgreich sind, ist sein Standpunkt vermutlich der Schwerste.

Und so oft ich mich bemühe, in leichter Sprache zu bleiben, alles runterzubrechen, immer meinen eigenen Anteil zu verstecken – er sieht mich ja mit seinen Geschwistern – erlebt das intellektuelle PingPong, die andere Sprache, die andere Humorebene, die Themen, mit denen er nichts anfangen kann und ich sehe den Frust, nichts verstehen zu können, so sehr er sich auch bemüht. Und in einer Welt, die Menschen wie die Kriegerin und den Butz hofiert, weil sie intellektuell nicht nur der Norm entsprechen, sondern das augenscheinlich wertvollste Gut dieser Gesellschaft – intellektuelle Leistungsfähigkeit – mit der groben Kelle zugeteilt bekommen habe, hat er es doppelt und dreifach schwer. Die Jahre Schule haben ihre Spuren hinterlassen.

Der Wert, den er verzweifelt sucht, liegt schon in ihm.

Und er sieht es noch nicht. Es macht mich hilflos, als Mutter daneben stehen und zusehen zu müssen, wie er gegen die Wände anrennt, die für ihn gar nicht relevant sind.

Es könnte alles so einfach sein.

Abnabelung

Ich bin nicht gut in dieser Abnabelungssache der Kinder.

Momentan ist es schwer, die Dinge einfach durch mich hindurchfließen zu lassen. Aber wer bin ich denn, dass ich Kritik üben würde, zu Zeiten, in denen man sich selber ausprobieren muss, in denen man dringend notwendige Fehler machen muss, weil sie nur zu diesen Zeiten machbar sind? Nur weil ich es besser weiß? Weil ich gegen dieselben Wände angerannt bin? Und was hätte mich aufgehalten?

Nichts, ich weiß das wohl. Auch mit der Erfahrung drei weiterer Lebensjahrzehnte kann ich mich nicht hinstellen und den Finger heben, weil die Beziehung zu ihnen immer wichtiger sein wird als der vermeintliche Schutz, den ich ihnen damit angedeihen lassen wollte. Denn wieviel sind ungemachte Fehler wert? Nichts. Man fühlt den Schmerz nicht und man lernt nicht nachhaltig genug aus den Erfahrungen anderer.

Das Leben kann nicht theoretisch gelebt werden.

Und so stehe ich hier und sehe wissend zu, wie der härteste Lehrer die Bühne betritt. Wenn ich hoffen darf, ihnen auch nur irgendetwas mitgegeben zu haben, dann bete ich, dass es die Sicherheit ist, dass man nichts bereuen sollte, was man jemals nach bestem Wissen und Gewissen entschieden hat. Dass man eher Dinge bereut, die man nicht getan hat. Dass überraschende Chancen die Einladungen des Lebens sind, die man ohne Zögern mitnehmen sollte.

Dass alles seine Zeit hat.

Dass diese Zeit kommen wird.

Und dass am Ende alles gut wird.

Das vollendete Bild

Etwas fehlte noch.

Ich konnte es nicht greifen, aber das Puzzle war noch nicht fertig.

Es klaffte eine Lücke mitten im Bild.

Und als ich mit den Kleinen auf dem Weg zum sehr großen Kind im Auto saß und nach hunderten von Kilometern den charakteristischen Berg hinauffuhr, hinter dem sich die Abfahrt zu dem Heimatort meiner Jugend befand, traf ich eine Entscheidung.

Wie unendlich vertraut die Straßen waren, die Gebäude, alles. Mein Spiegel auf dem Beifahrersitz fragte besorgt, ob alles in Ordnung sei, kaum dass wir den ersten Ort durchquerten. Ich antwortete nicht. Die kurvige Strecke durch die Weinberge, so viele prägnante Orte, so viele Erinnerungen, die mich überschwemmten, ich konnte einfach nichts sagen. Als wir auf die Straße fuhren, die direkt zu meinem Elternhaus führen würde, schnürte sich meine Kehle zu. Ich schaffe das nicht!, hämmerte es in meinem Kopf. Weiter! skandierte es synchron.

Bauch vor Kopf, immer. Aber da war nur noch ein Klumpen aus Angst und Panik und dem unausweichlichen Drang, etwas zu beenden, das ich schon zu lange vor mir hergeschoben habe.

Vor 15 Jahren war ich das letzte Mal hier. 15 Jahre. Es war so viel passiert.

Ich bog in die Auffahrt ein und hielt direkt vor dem Haus an. Musterte die teuren Wagen, die davorstanden. Ich wusste, dass es an eine Familie verkauft wurde, die eine große Firma besitzt. Und dass sie viel verändern wollten, als sie es kauften.

Haben sie nicht.

Das schmiedeeiserne verschnörkelte Tor, das ich in mühevoller Kleinarbeit mit meinem Vater zusammengeschweißt hatte, hing immer noch an der einen Stelle schief, so dass es nicht von den goldenen Römerköpfen gehalten werden konnte, wenn es offen stand. Die Mauer zum Wohnwagenstellplatz hin, die ich gemauert hatte, war schmuddelig und ungepflegt und bräuchte dringend einen Kärcher und danach einen neuen Anstrich. Die Lampen auf den Mauersockeln waren mit Moos bedeckt und unpoliert. Die Büsche schlecht geschnitten. Das Dach müsste vielleicht mal neu gedeckt werden. Die große Weide, in der ich so viele Stunden als Kind verbrachte, war weg und ist dem hässlichen Riesenwacholder gewichen, auf den ich allergisch reagierte.

„Mama?“

Ich zuckte zusammen. Wir saßen immer noch im Auto.

„Wo sind wir?“

– Das ist mein Elternhaus. Hier habe ich gewohnt, als ich so alt war wie ihr beide jetzt.

Wir stiegen aus. Halb hoffte ich, es würde jemand aus dem Haus treten, dem ich mich vorstellen könnte, halb fürchtete ich es. Es geschah nichts. Und so stand ich da und wusste nicht so recht, wohin mit mir. Das epische Erlebnis blieb aus. Sollte ich mich geirrt haben? War es gar nicht wichtig, dass ich hierher kam?

„Das Haus ist superhässlich.“

Ich sah mein Kind an. Und dann das Haus. Ich hatte nie auch nur irgendetwas anderes als Bewunderung für dieses Gebäude gehört.

Die Kriegerin sah sich skeptisch um. „Und was hast du hier so gemacht?“

– Meistens bin ich weggelaufen. Hinter dem Haus beginnen die Felder, der Bach und wenn man einige Kilometer querfeldein gelaufen ist, ist da eine gigantische…

„Zeig es uns!“

Der Butz lachte und spurtete los. Ich setzte mich in Bewegung und fühlte mit jedem Schritt, wie sich die Vergangenheit mit der Gegenwart synchronisierte.

Hier.

Hier musste ich hin.

Ich lief schneller. Die beiden Kinder rannten den Weg neben dem Bach entlang Richtung Felder. Kaum dass wir die Häusergrenze hinter uns gelassen hatten, umfing mich die ohrenbetäubende Stille, wegen der ich früher immer hierhin flüchtete. Plötzlich war ich 8, ich war 12, ich war 15, ich war 45, es war Morgen, es war Tag, es war Mitternacht, es war jetzt und vor 30 Jahren, als ich erschöpft vom Laufen im Sommer unter klarem Sternenhimmel zu Boden sank, in die Unendlichkeit des Weltalls blickte und erkannte, wie klein und bedeutungslos wir alle im Vergleich zum großen Ganzen waren. Und trotzdem ein Teil davon. Ich spürte, wie mich der Trost durchströmte, die Kraft, die ich früher an genau diesem Ort gesammelt hatte, um mich dem nächsten Tag zu stellen. Um nicht aufzugeben, um nicht wahnsinnig zu werden.

Hier war ich richtig. Das Haus war gar nicht der Ort, an den ich zurückkehren musste. Wie blind ich war. Hier. Hier waren viel wichtigere Weichen für mein Leben gestellt worden.

Ich zeigte den Kindern den geheimen Übergang über den Bach, der hinter dichtem Bewuchs verborgen lag. Wo ich unter der Brücke in die Maueraussparung gekrochen war, um mich zu verstecken, wo ich geschlafen habe, wenn mich keiner suchte. Wo ich glücklich war.

Wo ich glücklich war…

Diese Worte brachten alles in mir zum Klingen. Hier. Hier war ich früher glücklich. Hier war Hoffnung. Meine Hoffnung. Hier war das Herz grün und voller Zuversicht für meine Zukunft.

Hier war ich frei.

Als wir Stunden später fuhren, wusste ich, dass ich nicht mehr zurückkommen würde.

Das letzte Puzzleteil liegt an seinem Platz.

Hybris

Ich fühle mich dieser Tage, als könne ich vor Schuld und Schmerz keinen Schritt mehr weitergehen. Die quälend schwere Last lähmt mich. Es hämmert in meinem Kopf. Ich kann das nicht ertragen und muss es trotzdem aushalten. Und um wieviel leichter ist denn auch meine Bürde im Vergleich zu ihrer? Ich würde ohne Zögern mein Leben für meine Kinder geben und trotzdem habe ich es nicht geschafft, sie zu schützen.

Versagen auf ganzer Linie. Ich habe es weggeschlossen und spüre es vor sich hingären. Es kann dort nicht bleiben, aber ich kann es nicht ansehen ohne mich darin zu verlieren.