Struktur

Jetzt wo das kleine Kind für etwas längere Tage weg ist, merke ich erst, wie sehr unser aller Alltag auf sein Bedürfnis nach innerer und äußerer Ordnung ausgelegt ist. Und automatisch entspanne ich. Lasse Dinge liegen, lebe in einem Rhythmus, der mehr meiner als seiner ist. Hier ist zum Glück (bis auf den Mann) niemand mehr, den das stört und so muss ich auch keinen Aktionismus ertragen, bei dem jemand versucht, meine Nachlässigkeiten noch schnell aufzuholen, sondern es darf einfach liegen bleiben und ich fühle dabei so viel Freiheit und Ruhe. Das fängt in der ritualisierten morgendlichen Hektik an, die mehr einer einstudierten Performance gleicht als einem Alltag, den ich freiwillig leben würde, aber ihm ausreichend viel Sicherheit und Struktur vermittelt, um in seinen Tag zu starten.

Die Worte, die Handlungen, die genau bemessene Interaktion, das repetitive Aneinanderreihen von jahrelang gewachsenen Verhaltenselementen und das Wissen darum, dass bei einem Fehltritt der Meltdown oder schlimmer Shutdown droht. Ich nehme es im Alltag nicht so sehr als Zwang wahr, aber jetzt, wo er fehlt, ist das Durchatmen in mir deutlich spürbar. Ich habe entschieden, diese Tage zu genießen, obwohl ich mir Sorgen mache, wie er zurechtkommt, was ich hinterher auffangen muss und ich ihn mit jeder Faser meines Mutterseins vermisse.

Mein Baby.

Mein Nesthäkchen.

Und mein besonderer Butz.

Sommerferien

Ein Tag, der damit beginnt, dass das Kind, das sich mit sozialen Interaktionen schwer tut, vor meinem Bett steht, was ohne Anklopfen per se schon nur im Notfall passieren darf, mich dann aber auch noch eindringlich fragt, ob der Mann arbeitet und das dann auch schon der gesamte Gesprächsinhalt gewesen sein soll, während ich mühsam versuche, meine Aggressionen in den Griff zu bekommen und mich auf meine Rolle als Mutter zu besinnen, kann ja im Grunde nicht sehr gut weiterlaufen.

Und prompt setzt die selbsterfüllende Prophezeiung Migräne als das Mittel ihrer Wahl ein, die mir nur noch ein kleines Fenster Zeit lässt, mich irgendwie zum Medikamentenschrank durchzukämpfen. Auf dem Weg dahin plaudernde große Kinder, die früh wach und grausam motiviert sind, gemeinsam Sport zu treiben. Ich sehe das große Kind erstmals wieder seit Wochen seinem schwarzen Sumpf entsteigen und wenngleich es nicht Aufgabe der kleinen Schwester sein darf, ihn da rauszuholen, ich bin gerade einfach dankbar, dass es sich jetzt so ergeben hat.

Ich kenne die Unsicherheiten und Ängste, die er kultiviert und in einer Familie voller Menschen, die einfach anpacken, was sie sich vornehmen und dann auch erfolgreich sind, ist sein Standpunkt vermutlich der Schwerste.

Und so oft ich mich bemühe, in leichter Sprache zu bleiben, alles runterzubrechen, immer meinen eigenen Anteil zu verstecken – er sieht mich ja mit seinen Geschwistern – erlebt das intellektuelle PingPong, die andere Sprache, die andere Humorebene, die Themen, mit denen er nichts anfangen kann und ich sehe den Frust, nichts verstehen zu können, so sehr er sich auch bemüht. Und in einer Welt, die Menschen wie die Kriegerin und den Butz hofiert, weil sie intellektuell nicht nur der Norm entsprechen, sondern das augenscheinlich wertvollste Gut dieser Gesellschaft – intellektuelle Leistungsfähigkeit – mit der groben Kelle zugeteilt bekommen habe, hat er es doppelt und dreifach schwer. Die Jahre Schule haben ihre Spuren hinterlassen.

Der Wert, den er verzweifelt sucht, liegt schon in ihm.

Und er sieht es noch nicht. Es macht mich hilflos, als Mutter daneben stehen und zusehen zu müssen, wie er gegen die Wände anrennt, die für ihn gar nicht relevant sind.

Es könnte alles so einfach sein.

Abnabelung

Ich bin nicht gut in dieser Abnabelungssache der Kinder.

Momentan ist es schwer, die Dinge einfach durch mich hindurchfließen zu lassen. Aber wer bin ich denn, dass ich Kritik üben würde, zu Zeiten, in denen man sich selber ausprobieren muss, in denen man dringend notwendige Fehler machen muss, weil sie nur zu diesen Zeiten machbar sind? Nur weil ich es besser weiß? Weil ich gegen dieselben Wände angerannt bin? Und was hätte mich aufgehalten?

Nichts, ich weiß das wohl. Auch mit der Erfahrung drei weiterer Lebensjahrzehnte kann ich mich nicht hinstellen und den Finger heben, weil die Beziehung zu ihnen immer wichtiger sein wird als der vermeintliche Schutz, den ich ihnen damit angedeihen lassen wollte. Denn wieviel sind ungemachte Fehler wert? Nichts. Man fühlt den Schmerz nicht und man lernt nicht nachhaltig genug aus den Erfahrungen anderer.

Das Leben kann nicht theoretisch gelebt werden.

Und so stehe ich hier und sehe wissend zu, wie der härteste Lehrer die Bühne betritt. Wenn ich hoffen darf, ihnen auch nur irgendetwas mitgegeben zu haben, dann bete ich, dass es die Sicherheit ist, dass man nichts bereuen sollte, was man jemals nach bestem Wissen und Gewissen entschieden hat. Dass man eher Dinge bereut, die man nicht getan hat. Dass überraschende Chancen die Einladungen des Lebens sind, die man ohne Zögern mitnehmen sollte.

Dass alles seine Zeit hat.

Dass diese Zeit kommen wird.

Und dass am Ende alles gut wird.

Das taube Kind

Es ist jetzt bald vier Jahre her, dass der schrecklichste HNO-Arzt der Welt mit gleichgültiger Stimme verkündete: „Das Kind ist taub. Operiere ich selber, nächste Woche, mal sehen, ob er dann hören kann oder blöde bleibt. Ist halt keine schöne Sache.“

Es ist auch bald vier Jahre her, dass wir statt im Hinterhof des HNO-Arztes in einem großen Zentrum für HNO/Pädaudiologie alle zusammen um 6 Uhr morgens auf den Chirurgen warteten, der den närrischen kleinen Tuk zur ersten Operation seines Lebens abholen würde.

Erst ein Jahr ist es her, seit die letzte Operation vorgenommen wurde und das „dumme taube Kind“ endlich ein einem gesunden Kind gleichgestelltes Hörvermögen bekam.

Wo die meisten Menschen abschalteten, weil sie sein Gelalle nicht verstanden haben, hatten wir an den richtigen Stellen Menschen, die gelernt haben, sein Gelalle zu deuten und ihn zu verstehen. Eine beste Kindergartenfreundin, die über ein Jahr lang jedes Lallen in vollständige Sätze für die anderen Kindergartenkinder verwandelt hat. Weil sie ihn verstand.

Erzieherinnen, die Zeichensprache nutzten, Fortbildungen auf Gehörlosenschulen besuchten und geduldig jede Äußerung seinerseits interpretierten, bis sie wussten, was er meinte. Inklusive regelmäßiger Anrufe, dass er sich gerade „sehr doof fühlen würde“, weil ihn niemand verstünde und bei denen ich kurz mit ihm sprechen konnte, bis es wieder ging.

Seit einem Jahr eine Logopädin, die in den ersten beiden Stunden so ratlos war wie selten in ihrer Laufbahn, wie sie mir versicherte. Die heute Morgen, nach insgesamt nur 38 Stunden Logopädie sagen musste: „Unsere Wege trennen sich jetzt.“

Auf unserem Weg lagen auch sehr sehr viele wohlmeinende Menschen mit sehr viel Meinung für sehr wenig Wissen.

Aber die zählen nicht.

Aktuell liegen all seine Testergebnisse weit über 90 %.

Er wird in diesem Jahr vorzeitig eingeschult.
Hat ein extrem großes Faible für Buchstaben und Zahlen.

Zählt im 10.000er Raum, rechnet im Hunderterraum, buchstabiert, liest und schreibt.

Und das ist nicht im letzten Jahr passiert, seit er hören und sprechen kann. Das war schon immer in ihm. Und dass wir seinen Weg mit Menschen gegangen sind, die ihm geholfen haben, diese Fähigkeiten auch ausdrücken zu können – lange, bevor er sprechen konnte – dafür sind wir jeden Tag so unglaublich dankbar.

Und voller Demut.

Vom ziehen lassen

Der kleine Sohn streitet sich mit dem großen Bruder.

Wir haben mal wieder eine Phase der absoluten Vergötterung gepaart mit kontinuierlichem Sägen am Stuhl des Großen.

Also habe ich hier morgens zwei sehr sportliche, sehr mobile und laute Wettkämpfer, die durch mein Erdgeschoss toben, wüten, schreien, springen und spielen. Der große Sohn übt Nachsicht und lächelt milde, als der kleine Bruder zum wiederholten Male aus dem Hinterhalt angreift und auf seinen Rücken springt.

Ich liebe ihn sehr für dieses Lächeln.

Die Schulzeit naht und während sich der große Sohn seine riesigen Schuhe schnürt, ist der kleine Sohn mal wieder beim „Du hast aber…!“-Spiel angekommen. „DU hast aber gesagt, dass…“, brüllt es in piepsiger Stimme durch die Diele und als Antwort kommt nur noch ein beruhigendes „Nein, das habe ich nicht gesagt, mein Süßer.“ vom großen Sohn, dessen bester Freund schon vor dem Gartentor steht und auf ihn wartet, damit sie gemeinsam zum Bus gehen können.

Das Nesthäkchen holt zum vernichtenden Schlag aus:

„Wohl! Dein linker Fuß hat das gesagt!“

Der Große sieht mich erst entgeistert an und grinst dann sein verschmitztes Lächeln, in das ich mich auch bei seinem Vater sofort verliebt habe.

„Mama, da fällt mir jetzt leider auch nichts mehr zu ein, das musst du jetzt mit ihm klären.“

Spricht es, umarmt mich, küsst mich so beiläufig auf die Wange, wie wohl nur pubertierende Jungen es tun können und ich ahne, welch großartiger Mann mein Sohn einmal sein wird. Der Kleine springt ihn von der Seite an und jault ein wehklagendes „Bis heute Nachmittag!“ in sein Bein, während ich ihn vorsichtig von seinem großen Bruder löse und auf den Arm nehme.

Er weint, als wir hinter ihm herwinken und jammert – wie jeden Morgen – „Ich will nicht, dass er jetzt geht!“ in meine Halsbeuge. Und ich verstehe ihn so gut.

Nichts in diesem Leben tut so weh wie das Loslassen geliebter Menschen. Und nichts ist wichtiger.

Vegetarisch

Es zeichnete sich ab. Lange schon.
Schon als die Kriegerprinzessin klein war, behagte ihr das von mir immer offen kommunizierte Prinzip von „Wir müssen ein Tier töten, wenn wir Fleisch essen wollen“ nie.

Gleichzeitig gibt es kein Familienmitglied, das so gerne Fleisch isst wie sie. Nach weit über 8 Jahren stand vor zwei Wochen ihr Entschluss dann endlich fest.

„Ich möchte kein Fleisch mehr essen, Mama.“
Die Tränen schossen ihr in die Augen.

„Ich lieb das so, Fleisch zu essen.“
Ich nickte verständnisvoll.

„Aber ich kann das einfach nicht mehr, Mama.“
Ich lächelte ihr zu.

„Dann machen wir das so, Motte. Ich helfe dir dabei.“
Sie nickte stumm. Erschöpft.

Ich sehe den Zwiespalt in ihr. Jeden Tag.
Wir haben uns in den vergangenen Wochen auf die Suche nach Alternativen gemacht und ich fühle, wie schwer es im Alltag für sie ist.

Sechs von acht Familienmitgliedern essen Fleisch.
Der große Lieblingsbruder steht völlig fassungslos vor dieser Entwicklung und kommuniziert das auch unbarmherzig. „Aber Motte, du liebst doch Fleisch! Das willst du alles nicht mehr essen?“

Und schon sind sie wieder da, die Tränen.
Doch, natürlich will sie.

Und genau das macht die Größe und Tragweite dieser Entscheidung aus.

Selbstzweck

Ich verlange viel von meinen Kindern.

Dinge, die sie können müssen, bevor ich sie gehen lasse.
Dazu gehört nicht nur das obligatorische Schwimmen und Fahrradfahren, sondern noch so einiges mehr.

Meine Kindheit bestand aus dem Drill und der täglich immerwährenden zwanghaften Anspruchshaltung meines Vaters an mich, alles können zu müssen.

Egal, ob Segeln, Wasserski fahren, mit dem Bohrhammer umgehen, chemische oder mathematische Gleichungen lösen, mehrere Musikinstrumente beherrschen, mehrere Sprachen sprechen, auf ein Dach klettern, in einem Strudel nicht ertrinken, in einem fremden Land allein aus dem Wald finden, sich aus Gefangenschaft befreien, Schmerzen aushalten, Fahrzeuge beherrschen… die Liste ist so end- wie sinnlos (Ich habe in über 30 Jahren zum Beispiel noch nie gesagt: „Mensch, jetzt hilft nur noch Eiskunstlauf und dabei das Periodensystem der Elemente auswendig aufsagen, was ein Glück, dass man mir das beigebracht hat!“. Aber gut – ich könnte zumindest – ob ich damit jemanden rette oder die Welt zu einem besseren Ort mache, ist fraglich).

Ich musste es tun und ich musste es perfekt beherrschen.
Heute bin ich ein Mensch, der weiß, dass er so gut wie alles kann.
Das ist etwas Gutes.
Der Weg dorthin war es nicht.

Und so möchte ich für meine Kinder das Gute daraus weitergeben – nämlich zu Menschen heranzuwachsen, die ihre Fähigkeiten und Höchstleistungen kennen (der Inbegriff von Selbst-Bewusstsein) und bei Bedarf auch abrufen können.

Menschen, die verschiedenartige elementare Erfahrungen machen durften und die die daraus entstandende Sicherheit mit ins Erwachsenleben nehmen können.
Das bedeutet, dass sie andersartige Erfahrungen machen als es der Alltag der meisten Kinder hergibt.
Ganz ohne Schubs geht es oft dennoch nicht.
Im Idealfall bringt es ihnen Spaß.

Als die Kriegerin das erste Mal auf einem Pferd saß, hat man gesehen: Ja, dieses Feuer brennt.

Als Der Kobold das erste Mal auf einem Pferd saß, waren wir froh, dass hinterher das Pferd nicht brennt.

Reiten gelernt wird trotzdem.
Es gibt Dinge, die nicht diskutiert werden.
Ich frage ja auch nicht jeden Morgen, ob sie Lust haben, in die Schule zu gehen.
Aber es ist ein Unterschied, ob man die Kinder führt und begleitet, oder ob man sie existenziell bedrohlichen Erfahrungen alleine überlässt.

Und so kann man ein Kind unter Wasser drücken, damit es lernt, über zwei Minuten lang die Luft anzuhalten (und heute bei jedem Schnupfen Panikattacken bekommt), oder man kann in ihm den Ehrgeiz wecken, diese Dinge selbst erreichen zu wollen.

Man kann das Kind von einem Fremden überfallen lassen, damit es das Kämpfen um sein eigenes Leben lernt oder man integriert Kampfsport von klein auf ganz selbstverständlich in das Leben der Kinder. Weil 12 Jahre Übung unter der Führung eines erfahrenen Lehrers einfach einen Unterschied machen.

Wenn sie die Bewegungen so verinnerlicht haben, dass es in ihrer Natur liegt, ihren Körper zu schützen. Und weil sie nicht wissen, dass sie im Grunde genommen darauf trainiert werden, im Notfall einen Menschen zu überwältigen. Angst hat keinen Platz dort und das ist auch gut so.

Der Zweck heiligt eben nicht immer die Mittel.

Hoffnungen [leise]

Wir sitzen gemeinsam beim Mittagessen und ich gehe mit den Kindern den weiteren Tagesablauf durch, als es unvermittelt aus der großen Tochter herausbricht: „Dann hätte ich fast so etwas wie eine Zwillingsschwester, Mama!“

Ich lächle leise. Es arbeitet in ihr. Ich sehe auf ihrem Gesicht Ehrfurcht. Erstaunen. Zögern. Mut. Hoffnung.
Ja, das Tochterkind und das Zusatzkind 1trennen nur wenige Monate.
Zwei mal 14 Jahre wie sie wohl unterschiedlicher nicht hätten aufwachsen können.

Ich nicke und sehe all meine Kinder nachdenklich an.

Sie sind all die Jahre mit dem ganz selbstverständlichen Wissen um ihre Halb- und Stiefgeschwister aufgewachsen, kennen ihre Namen, ihre Geburtstage, ihre Geschichten, ihre Bilder.
Und die beiden Kinder, die heute ihre Mutter zu Grabe getragen haben, was wissen die wohl? Ich weiß es nicht.
„Und wir vier Großen würden dann alle ganz oben im Haus wohnen! Da haben wir ja auch genau vier Zimmer!“

Ich sehe meinen großen Sohn an, der sich in Gedanken bereits an der xBox mit dem etwas Zusatzkind2 misst. Die Kriegerin sieht etwas mürrisch drein. „Das heißt aber nicht, dass wir dann die Kleinen sind!“ Sie spuckt dieses Wort fast aus.

Ich fühle mit ihr. Ihr großer Bruder – ihr Seelenzwilling – ist in den letzten Wochen gedanklich zu den Großen aufgestiegen, wo sie normalerweise immer zusammen die Mittleren waren. Ich zwinkere ihr zu und schüttle leicht den Kopf, als wäre dieser Gedanke völig abwegig. Sorgen mache ich mir keine um sie. Sie ist das willensstärkste und dickköpfigste Wesen, das mir je begegnet ist.

Dem Butz ist das ganze Gespräch relativ egal, weil es heute Nudeln gibt und neben Nudeln prinzipiell alle anderen Dinge unwichtig sind. In den letzten 9 Wochen sind in jedem von uns Gedanken und Vorstellungen gereift, wie unser Leben weitergeht. Nicht so wie bisher. Aber wohin genau die Reise gehen wird, weiß zum jetzigen Zeitpunkt wohl niemand.

Nur, dass wir langsam Fahrt aufnehmen.

Mit Zucker und halbem Gehirn

Mit Zucker und halbem Gehirn

Das Tochterkind ist krank mit hohem Fieber und der kleine Herr Honig ist wegen seiner Zähne unausstehlich und die mittleren Chaotenkinder demontieren die Wohnung, während ich zwischen warmem Tee reichen und das JoNaLu-Lied zum 872. Mal anmachen versuche nicht durchzudrehen.

Das Tochterkind liest Eragon und mit schreiendem Kleinkind ist es sehr schwierig, ihren begeisterten genuschelten 41,5 Grad Fieber Ausführungen zu folgen.

„Mama?“

„Hm?“

„Was heißt denn kandiert?“

Mir schreit das Baby ins Ohr und ich antworte auf die Frage, die ich zu hören glaubte, mit einem kurzen: „mit Zucker überzogen“.

„Ah.“, macht das Tochterkind und schweigt einen Moment.

„Die haben Säue mit Zucker überzogen?“

Ich versuche, das kreischende Baby davon abzuhalten, meinen Schreibtisch abzuräumen und eine Dose Liptonice über meiner Anwaltspost zu verteilen und mache nur „hmhmmm, ja…“.

„Mama.“

Ich sehe das hochrote Gesicht der Tochter, die seit gestern Abend weder gegessen noch sich bewegt hat und höre sie sagen: „Mama, die haben SÄUE mit Zucker überzogen?“

Ich bin irritiert.

„Wer hat Säue mit Zucker überzogen?“

„Na die hier, in Eragon.“

„Haben die Drachen das denn gegessen?“

„Was haben die Drachen gegessen?“

„Na, die Säue?“

„Welche Säue denn?“

„Du hast doch gerade gesagt, die haben Säue mit Zucker überzogen.“

„Nein, SÄULEN!“

„So ein Unsinn, Tochterkind, warum sollte man denn Säulen mit Zucker überziehen??“

„Ich hab doch gefragt, was das Wort bedeutet!“

„Was? Kandiert?“

„KANNELIERT, Mami!“

[Ah. Das ergab dann mehr Sinn]

Roar!

Der kleine Tuk kann fauchen.

Wie ein Löwe.

Haben ihm die Großen nun ausdauernd und erfolgreich beigebracht.

„Wie macht der Löwe, Herr Honig?“

Und der kleine Tuk legt den Kopf ein bisschen schief, holt tief Luft und macht ein lautes furchterregendes „ROAR!“

Soweit, so putzig.

Leider nutzt er diesen Ausdruck neben dem neu erworbenen „Woscha!“ (für Kuscheln und Schnuffeln) nun besonders für die Brüste anderer Frauen.

Ich bin sehr dankbar für die kalte Witterung, die viele Brustbesitzerinnen dazu bringt, den Ausschnitt nicht mehr ganz so offenherzig zu präsentieren, das gilt aber leider nicht für drinnen arbeitende Kassiereinnen zum Beispiel.

Und jedes Mal, als der kleine Tuk heute Morgen Verrenkungen machte, um seiner Lieblingskassiererin auf die Brüste hauen zu können und mit einem herzhaften „ROAR! WOSCHA!!“ und spitzem Zeigefinger auf ihren Ausschnitt zeigte und mich anmotzte, weil ich ihn nicht aus dem Wagen holte, musste ich an den Kobold denken, der eine ebenfalls sehr ausgeprägte Brustphase durchlebte – allerdings deutlich später, so dass er vor den entsprechenden Frauen stehenblieb, sie ansah und laut und deutlich sagte:

„SIE haben aber prächtige große Brüste!“