Ich rede mit Engelszungen auf den Kobold ein, dass er sich doch bitte danke wehren soll, wenn er geschlagen wird und ein Nein nichts nützt.
Zurückschlagen. Zurücktreten, weggehen.
Einen Lehrer informieren.
Soweit, so verkehrt.
Klappt nämlich nicht.
Und so schläft das Kind schon seit Wochen wieder im Schlafzimmer, ist geplagt von Alpträumen und Angstzuständen und Panikattacken gepaart mit einer ganz grundlegenden Weigerung, die Schule zu besuchen.
Also standen der Mann, der Kobold und ich bei der Klassenlehrerin.
Die … wenig … gesprächsbereit war.
Ja, da muss er dann halt mal nein sagen. (Ach)
Oder mal zu ihr kommen.
SIE hätte ja noch nie was gesehen. (hmhmmm)
Ich weiß, dass der beste Freund des Kobold auch sehr drangsaliert wird.
Aber auch davon hätte sie ja noch nie… und so.
Und überhaupt.
Da könne sie ja nichts für. (hat niemand behauptet. zu keinem Zeitpunkt)
Ja.
Das ist nun schon wieder ein bisschen her.
Und es wurde nicht besser.
Er wird von mehreren Jungs in eine Ecke am Hintereingang gezogen, die auch nicht einsehbar ist und dort bedroht, gewürgt, geschlagen, getreten, erpresst.
Ich rede und rede und rede und unterm Strich tut er nichts, um sich effizient zu verteidigen. Ich stelle in sehr schwachen Momenten sogar die Wahl der gewaltfreien Erziehung in Frage, denn ICH stand in dem Alter wenn überhaupt auf der anderen Seite und mich hätte tatsächlich niemand anzurühren gewagt, weil ich immer sehr hart zugeschlagen habe.
Andere Geschichte, aber irgendwie doch die gleiche Baustelle.
Habe ich ihn nun verhätschelt, dass er nicht mal gezielt zurücktreten kann?
Durch Zufall habe ich ihn heute am Hintereingang der Schule abgesetzt und er ging fröhlich auf den Schulhof, wo er sofort von einem Jungen abgefangen, an die Wand gedrückt, in die Genitalien getreten und ins Gesicht geschlagen wurde.
Ich schoss aus dem Auto und schaffte dank einem Sekundenbruchteil Vernunft gerade noch, der Motte zu befehlen, auf den Kleinen aufzupassen und ihn zu unterhalten, ich wäre gleich wieder da und ging drohend und extrem wütend Richtung Schulhof.
Egal, dass Erwachsene ihn nicht betreten dürfen, egal, dass da gerade ein kleines Kind Ziel meiner Wut war, nichts davon erreichte mich und damit meine Schutzmechanismen.
Der Junge sah mich und rannte zum Glück erst mal weg.
Ich sah die großen Augen des Kobolds, der total erschrocken zu mir aufsah und ich sah diese Träne kullern, als er schluckte und mit piepsiger Stimme sagte: „Geht schon, Mami.“
Das war der berühmte Tropfen…
Ich richtete mich auf, straffte die Schultern und sagte leise: „Nichts geht so, Kobold. Nichts.“
Ich spürte nur noch diesen Hass in mir.
So viel Vergangenheit, so viel Wut, so viel Hilflosigkeit.
Mehrere Kinder umringten uns und wichen langsam von mir weg.
Ich kenne die Alarmzeichen, wenn meine Disziplin schwindet.
Ich brachte nur ein mühsam beherrschtes „WO?“ raus und mehrere Arme zeigten auf den Spielplatzturm, auf dem ein lachender Junge sehen wollte, was nun passieren würde.
Das Lachen wurde dünner, je näher ich kam.
Als ich direkt vor dem Turm stand und zwei Meter nach oben sah, war es verschwunden.
Meine Stimme war inzwischen vor Wut etwa zwei Oktaven tiefer als in Normalform. „Du wirst da jetzt runterkommen. SOFORT!“
Er kam runter und ich sah das Zittern. Es war mir egal.
„WIE heißt du?“ Er sagte seinen Namen. Es war DER Name. Der, den der Kobold immer wieder nennt, wenn er beim Kuscheln vorsichtig erzählt, dass er wieder geschlagen wurde.
Es wurde rot vor meinen Augen.
„Du.wirst.meinen.Sohn.NIE.wieder.anfassen.HAST du das verstanden?“
Tränen schossen in seine Augen und er nickte.
Ich war so wütend, so unfassbar wütend, dass mich das kaum erreichte.
Alles in mir schrie nach Gewalt und alles in mir kämpfte um Beherrschung.
„Du wirst jetzt mitkommen. Wir werden jetzt deine Klassenlehrerin über dein Verhalten informieren. Den Schuldirektor. Und deine Eltern.“, herrschte ich ihn an.
Das Zittern wurde stärker. Der Kobold und sein bester Freund, der sich inzwischen zu uns gesellt hatte, hielten sich an den Händen, als ich mit meinem kleinen Gefolge den Schulhof überquerte, um eine Aufsicht zu suchen.
Ich fand eine.
„Eltern dürfen um diese Zeit nicht…“
– „Doch.“
Sie verstummte. Ich schilderte mein Anliegen und strafte bei der Gelegenheit auch gleich den Kobold ab. Wer den Mund nicht aufmacht und sich keine Hilfe sucht, der ändert auch nichts.
Durch meinen zugegeben recht wortgewaltigen und lauten Auftritt scharte sich eine Menge Kinder um uns.
Ich hielt eine flammende Rede über Gewalt und Unrecht und da meldete sich ein kleines Mädchen plötzlich zu Wort.
Und erzählte von Schlägen und Drohungen gegen sie und ihre Freundin.
Die Augen der Aufsicht wurden größer und ihre Haltung langsam kleiner.
Der schüchterne beste Freund vom Kobold erklärte, dass auch er gewürgt worden wäre. Von diesem Jungen.
Die nächsten Wortmeldungen kamen.
Ich hatte meine Selbstbeherrschung fast wieder. „Ich schlage vor, Sie holen jetzt die Klassenlehrerin oder den Direktor.“
Sie nickte.
Aus den folgenden Gesprächen der Lehrer mit den Kindern auf Augenhöhe zog ich mich nach einigen Minuten zurück und habe nun Anlass zu der Hoffnung, dass sich tatsächlich etwas ändern wird.
Ob nun aus Vernunft und Verantwortung der Aufsichts- und Lehrpersonen oder aus Angst davor, dass ich mit weiteren Eltern wiederkommen werde, ist mir fast egal.
Das Gute gewinnt nie.
Aber es kann beim Kämpfen immerhin den Kopf oben halten.