Wochenendnachlese

Das Wochenende war emotional so dicht, dass ich vermutlich einige Zeit benötigen werde, mich von den Eindrücken zu erholen. Es ist ein unfassbar großes Geschenk, erwachsene Kinder Entscheidungen treffen sehen zu dürfen und es erfüllt mich mit Ehrfurcht, dass das Baby, das ich gestern in meinen Armen hielt, im Hier und Heute mit beeindruckender Reife selbstwirksame Dinge tut. Ich kann nur schauen und staunen und bewundern und versuchen, mit meinem Stolz und meiner Liebe nicht am Boden zu halten, was fliegen muss.

Ich habe mich in den letzten Jahrzehnten oft gefragt, ob richtig ist, was ich tue. Bei jeder Entscheidung hadert man als Mutter, ob es wirklich das Richtige ist und man weiß, dass man erst Jahre oder Jahrzehnte später Antworten oder ein ehrliches Feedback erhalten wird, und das auch nur, wenn man ganz viel Glück hat.

Und ich hätte mit vielem gerechnet, aber nicht jetzt schon mit diesem geistig anmutigen und reflektierten Wesen, das genau und respektvoll benennen kann, was gut getan hat und was nicht. Es offenbart auch in diesem Alter schon eine Erfahrungs- und Gefühlstiefe und Weitsicht, die mich schier sprachlos macht.

Wie kann ein Mensch von innen und außen nur so schön sein?

Neujahrskönig 2023

Here we go! Ein paar zusammenhanglose Schnippsel zum Neujahrskönigsspiel im Hause Schwarze Limetten.

*trööööt* – Geht los. Das Airhorn ist laut. Wirklich laut.

Um überhaupt eine Chance zu haben, werfen wir die Kinder in der Frühe aus dem Bett und setzen sie noch orientierungslos an den Esstisch, auf dem das erste Spiel aufgebaut ist – Memory.

Natürlich verlieren wir haushoch.
Aber egal, die ersten Punkte wurden vergeben! Memorykarten mit Fotos von ...

Der wichtigste Punkt für den Silvestermorgen: Das Haus wird entweihnachtet und für Mitternacht geschmückt!

Die Kinder sind vielleicht noch nicht hundertprozentig wach.
Der Neujahrskönigstisch steht bereit.
Dieses Jahr gibt es folgendes zu gewinnen:
Siegprämie von 100 Euro.
Taschengelderhöhung für ein Jahr um 10 Euro pro Monat.
Die Erfüllung eines materiellen Wunsches nach Wahl.


[Erste Geschwister-Bestechungsversuche von seiten des Kobolds.] Silvester-Tischfeuerwerk, K...

Butz ist dazu übergegangen, nur noch zu schreien, wenn er nicht gerade Atemübungen macht und wir schwitzen langsam.
Mittagspause.
Die Kriegerin führt, wie immer zu dieser Zeit.

Die Basics zum Runterkommen zwischendurch. Niemand mag Doppeljenga mit 10 Sekunden Zeitbegrenzung. Niemand.
[Ein Kind ging mit einem Jenga-Stein in der Hand auf mich los und wir haben alle gerade sehr viel Adrenalin.] Jengaturm aus zwei Jengaspi...

Wir spielen übrigens seit immer schon um alles oder nichts.
Es gibt keine Trostpreise, keine Teilnehmerurkunden, der Sieger bekommt alles, der Rest verliert.
Das ist eine hochemotionale Sache von sehr wettbewerbsaffinen Menschen und muss nicht für jeden passen.

Der Mann, der nur bis 16 Uhr Koffein konsumiert, schüttet Cola in sich rein. Wie jedes Jahr.

Jetzt wird’s wild. Würfel, Würfelbretter, Kind...

Habe mir beim Schnellpuzzlen den Rücken gezerrt.
Gott, finde ich den Mann gerade doof.
Wir spielen ja normalerweise auch sehr körperliche Spiele, um jedem seine Paradedisziplin zu ermöglichen, was aber dieses Jahr ausfällt, weil das Metall im Körper des Sohnes vernünftig einwachsen muss. Es ist deutlich weniger schlimm als befürchtet, aber dieser Teil fehlt…

Pause für Raclette. Der große Sohn bietet seinen Geschwistern inzwischen absurdeste Dinge an, wenn sie ihn gewinnen lassen, weil er unbedingt eine PS5 haben will.

[Ihr könnt dann IMMER da mit spielen! Also, wenn ich das erlaube.]

Ismirschlecht. [zu viel Raclette]

Zur allgemeinen Erheiterung jetzt ein Spiel, in dem es um Körperbeherrschung geht.

Wir haben seit 2 Uhr eine Neujahrskönigin, aber irgendwann während einem der 32 Spiele und nach 24 Stunden Dauerspielzeit wurde es so hochemotional, dass ich nicht mehr zum schreiben kam.

Die Kriegerin gewinnt mit deutlichem Abstand vor ihren Geschwistern.

Emotional eskalierte es bei dem Spiel, als man sich mit Hundedelikatessen belegt ins Wohnzimmer auf den Rücken auf seine Hände legen musste und man dann 3 Minuten einen Hund seiner Wahl ausschließlich verbal davon abhalten musste, das Zeug zu essen…

Alle lachten den Kobold aus, weil er Asgard nahm, aber der ist halt auch der einzige Hund, der erstens keine eigenen Entscheidungen trifft und zweitens die Hälfte der Zeit brauchte, um zu verstehen, warum da sein Kind wie eine Büffetplatte garniert im Wohnzimmer liegt.

Und natürlich musste ich bei dem Spiel alle DREI Hunde im Zimmer behalten, schlief dann wegen Erschöpfung nach eineinhalb Minuten fast ein und die Hunde, die bis dahin stocksteif in der Tür saßen, nutzten die Gelegenheit, um mir sehr vorsichtig Wurst vom Knie zu klauen.

Die Eisschollen von Otto dem Eisbären mussten dieses Jahr mit sehr viel Gefühl herausgeklopft werden. Ein Spiel ist nach all den Jahren in all seiner Schlichtheit immer noch eins meiner liebsten: Mr. Pups. Man drückt so lange den blubbernden Mr.Pups, bis man denkt, gleich pupst er und reicht ihn dann an den nächsten Spieler weiter.

Adrenalin pur.

Geschmackssache

„Mama, ich hab den Alkohol im Schrank jetzt einfach mal probiert, der ist ja supergruselig.“

– Kobold? In diesem Haus gibt es keinen Alkohol?

„Doch, diese schwarze Flasche da, ganz oben im Schrank.“

Ich denke angestrengt nach.

– Diese… Ach! Die schwarze… Ja! Ja, Alkohol ist echt gruselig!

[Natives Olivenöl.]

Von der Angst

Die Angst war lange Jahre die treueste Begleiterin des Kobolds.

Ich schätze, dass er heute darum auch so mutig ist, denn nur wer die Angst kennt, findet den Mut.

Sein schlimmster Feind war ein gleichaltriger Junge, mit dem er eingeschult wurde und von dem er tagein tagaus gepiesackt wurde. Erst war es nur ärgern, dann mobben, dann kam körperliche Gewalt dazu. Und ein Kobold kam jeden Tag weinend aus der Schule und schwor mir, dort nie wieder hinzugehen.

Ich versuchte alles. Wir haben viel über Notwehr gesprochen, aber allein die Vorstellung, jemandem weh zu tun, brach so verzweifelt über dem kleinen Jungen zusammen, dass er nur umso bitterlicher weinte. Einfach nur aufhören sollte es. Es hörte nicht auf.

Gespräche mit Lehrern, die nichts gesehen hatten, mit Pausenaufsichten, die Dinge sagten wie „Jungs halt“ oder „Dann soll er sich wehren!“ und es änderte nichts. Es wurde schlimmer und die Angst wurde größer.

Ich brachte den Kobold jeden Tag zur Schule und natürlich passierten diese Dinge nicht, wenn ich dort stand. Also legte ich mich auf die Lauer. Ungesehen, von beiden. Und es dauerte nicht lange. Ein Erstklässler wie ein Bulldozer – doppelt so breit und schwer wie der Kobold – und der seine Masse, seine Kraft und all seine Wut gegen andere Kinder richtete.

Er hielt den Kobold fest, schlug, lachte. Der Kobold weinte und wimmerte und schrie um Hilfe. Und ich sah rot. Ich stürmte auf den Schulhof, wutentbrannt auf diesen Jungen zu, bereit, mein Kind zu verteidigen. Ich hörte das Rufen hinter mir kaum, nur noch das Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Er stand mit dem Rücken zu mir, drehte sich irgendwann um, während ich noch auf ihn zukam und ließ den Kobold los. Ich hob mein Kind auf den Arm und stellte mich vor ihn. Meine Stimme war leise und ich drohte. Unverhohlen.

Er nickte bleich.

Ich drehte mich um und ging. Holte die Sachen des Kobolds aus der Schule, erklärte den Lehrern, dass ich diesen Vorfall nur noch mit dem Direktor besprechen werde und jetzt mein Kind mit nach Hause nehme.

Im Rahmen der offiziellen Aufarbeitung dieser Vorfälle habe ich die Eltern des Jungen kennengelernt. In Gesprächen mit der Mutter eine Freundin gefunden und beim ersten Treffen auf ihren Ehemann erkannt, warum der Sohn ein Täter war. Viele Opfer werden im Draußen zu Tätern.

Es sollten noch weitere Jahre vergehen, bis dieser Junge das erste Mal bei uns zu Besuch war. An Wochenenden hier übernachtete. Dem Kobold ein Freund wurde. Ein Echter.

Und je älter die beiden wurden, desto weiter wuchsen sie zusammen. Bis der Krebs kam. Bis Dinge passierten. Bis der Hass in diesem Jungen wieder so groß wurde, dass der Hass irgendwo anders hin musste, um seine Seele nicht zu zerfressen.

Ganz abgerissen ist der Kontakt der Beiden nie. Wie auch. Mein großes Kind ist mit der großen Tochter befreundet, mein kleines Kind einer der besten Freunde ihres kleinen Kindes und die Zweitgeborenen konnten sich nicht aus dem Weg gehen. Nicht vollends. Wenn von 11 Kindern 6 regelmäßig miteinander Dinge unternahmen, dann sieht und trifft man sich nicht nur in der Schule.

Er hat sich über die Jahre einen besonderen Platz in meinem Herzen erkämpft. Von völliger Abneigung zu dem Bedürfnis, ihn zumindest ein Stück weit zu schützen, für den Teil, der in meiner Macht liegt. Und Sympathie. Ja. Da ist Sympathie für diesen kriminellen 2-Meter-Brecher von Jugendlichem, der säuft, raucht, Drogen nimmt und herumrandaliert und innen so klein und wund ist, dass ein Lächeln von mir reicht, um die Maske kurz sinken zu lassen und in meiner mütterlichen Umarmung weich zu werden.

Und nun?

Nun ist der einzige Mensch, für den er sich angestrengt hat, sich durchzubeißen, die Schule doch noch in Angriff zu nehmen, sich zu bessern, seine Probleme in den Griff zu bekommen, weg.

Tot.

Die Angst, die ihn während ihrer Krebserkrankung die letzten Jahre fast aufgefressen hat, dass seine Mama ihn verlässt, die erschlägt ihn nun. Er ist alleine mit ihm. Mit dem Vater, der ihn hasst. Alleine mit vier Geschwistern, drei davon jünger. Um die er sich jetzt alleine kümmern soll.

Stunden nach ihrem Tod diese Sätze von dem Mann, der nie ein Vater werden konnte: „Du bist jetzt verantwortlich. Du kümmerst dich jetzt um die Kleinen. Ich muss arbeiten. Das ist jetzt deine Verantwortung. Stell dich nicht an.“

Wie oft habe ich von ihr gehört, sie will nur so lange durchhalten, bis die Kinder alle für sich selber sorgen können. Nur noch diese Jahre. Das war ihr Mantra in unseren Gesprächen, wenn wieder eine Diagnose dazu kam. Dann mit fortschreitendem Verfall nur noch die Hoffnung, durchzuhalten, bis zumindest dieser Eine volljährig ist, damit er ausziehen kann

Es hat nicht geklappt.

Der Kobold ist da und hört zu.

Versucht, ein Anker zu sein, der ein Angebot bereit hält, wenn alles zu viel ist. Und ich habe Angst um dieses Kind. Schon längst nicht mehr um meines. Sondern jetzt um ihres.

Ich kann nur hoffen, dass er irgendwann erkennt, dass sein Mut fürs Leben nicht mit Mama zusammen gestorben ist, sondern irgendwo unter seiner ganzen Angst noch in ihm darauf wartet, dass er ihn findet.

Vogelkunde

„Mami?“

– Kobold?

„Da ist ein Papagei in deinem Schlafzimmer.“

– Natürlich. Und was macht er da?

„Er kackt alles voll.“

[Butz, belehrend und brüllend von oben]: „ES IST EINE BLAUMEISE!“

Der Kobold brüllt zurück: „ENTSCHULDIGUNG, DU KLUGSCHEIßER!“
Wieder an mich gewandt: „Mami, in deinem Schlafzimmer ist eine Blaumeise und kackt alles voll.“

Rituale

Der Butz besteht jeden Freitagmittag darauf, dass jedes Familienmitglied ihm aus Leibeskräften ein ‚HOCH DIE HÄNDE???‘ entgegenbrüllt, damit er noch am Tor stehend ‚WOCHENENDE!‘ zurückbrüllen kann.

Lasst sowas nicht einreißen.

[Es gibt Rituale, die wird man nicht mehr los.]

Sichtweisen [Urteile]

Als der Butz mit eineinhalb Jahren das Alphabet mit Kreide an unsere Hauswand schmierte, war er ein cleveres Kerlchen.

Als er mit zweieinhalb Jahren als gehörlos diagnostiziert wurde, war er ein dummes Kind, das vielleicht die Förderschule schaffen würde.

Als er nach den ersten Operationen losstammelte, war er der hörbehinderte Stotterer, der unter Umständen irgendwann vielleicht ein fast normales Leben führen könnte.

Als er nach 9 Monaten Logopädie perfekt sprach und drei Jahre Wortschatz aufgeholt hatte, war er ein Wunderkind.

Als wir darauf drangen, dass er im Kindergarten gleich in die Vorschulgruppe kommt, waren wir Helikoptereltern.

Als er mit 4 die Schuleingangsuntersuchung gesprengt hat, und sofort in die zweite Klasse sollte, waren wir aufmerksame Beobachter, die ihr Kind optimal fördern.

Und so geht das für Eltern immer und immer weiter.

Man wird immer auf Menschen (auch Ärzte) treffen, die mit ihren Urteilen, basierend auf dem viel zu kleinen Ausschnitt, den sie überhaupt sehen können, bei der Hand sind.

Nicht beirren lassen, nur weitermachen.

Winken

Der Kobold fährt auf Klassenfahrt. Ein paar Eindrücke.

Ein Vater prüft mit Daumen und Kennermiene den Luftdruck des hinteren Busreifens.

„Yo Alter! Hast du Sonnencreme mit für deine weißen Flecken? Wir wolln mal stabil ohne Hautkrebs braun werden!“
[Peergroup läuft.]

Mehrere knapp 2 Meter große Jungs tragen apricotfarbene Onesies, einer hat seine kleine Schwester auf dem Arm, einige Mädchen enthaaren gerade das Bein des Kobolds mit Kaltwachsstreifen, zur Begrüßung wird reihum gefistbumped.
[Klassengemeinschaft läuft auch.]

Ein Mädchen mit Krähennest auf dem Kopf, einem blauen Jogginganzug und einem Becher Kaffee in der Hand fällt aus dem Auto ihrer Eltern.
Ich liebe sie spontan.

Der Kobold bekommt indessen eine Flechtfrisur und eines der Mädchen fuhrwerkt ihm mit MakeUp im Gesicht herum.

Die obligatorischen Witze der Lehrer, die Ruhe zuhause doch zu genießen.
Einige nicken und strahlen.
Mehrkindeltern rollen müde mit den Augen.

Der Parkplatz sieht auch bemerkenswert aus: Es reiht sich Porsche an Porsche, mittendrin steht mein giftgrüner Elefant.
Der Kobold beim Ankommen: „Können wir mal irgendwo NICHT das auffälligste Auto haben?“
[Immerhin finde ich meines gleich spontan wieder.]

Der Rucksack eines Jungen wird von seinen Freunden durchsucht, alles ausgekippt.
Beim wieder Einräumen höre ich ein anerkennendes „Geil, Diggi. Keine Kippen. Du packst das! Wir ziehen das durch!“
[Ich habe das Bedürfnis, alle zu umarmen.]

Das Kaffeemädchen scheint wach zu werden. Menschen beginnen vorsichtig mit ihr zu interagieren.

Mein Sohn steigt mit Hochsteckfrisur, enthaartem Bein und dezentem TagesMakeUp in den Bus.

Bei Klassenfahrten wird gewunken, also turne ich mit den anderen Eltern um den Bus herum, um den Sitzplatz meines Kindes zu finden.

Ich habe den Kobold gefunden.

Sein Arm liegt um blaubekleidete Schultern, ein Kopf mit hochstehendem Gestrüpp ruht an seiner Halsbeuge.

Er grinst, ich lächle, wir winken.

Diplomatie

Der Mann und ich können nicht zusammen arbeiten.

Konnten wir auch noch nie. Das Sicherste für den Bestand unserer Ehe ist also, wenn wir uns bei diesen Dingen voneinander fernhalten und auch von Rückfragen absehen. Man macht sich manchmal natürlich trotzdem Gedanken.

„Schau mal unauffällig nach deinem Vater, Motte. Er hatte die Aufgabe, ein Regal aufzubauen und ich mache mir Gedanken, ob er klarkommt.“

Sie erscheint 5 Minuten später wieder an meiner Seite und räuspert sich.

„Also auf einer Geschicklichkeitsskala von 1–10 eine wirklich liebgemeinte 2,7. Aber er blutet noch nicht.“