Verteidigung

Anscheinend muss nach und nach jeder Raum in meinem Leben, in dem ich mich geschützt und sicher wähnte, verteidigt werden.

Und ich habe das schon zu oft erlebt, als dass ich noch über irgendetwas davon hinwegsehen könnte. Meine Privatsphäre, mein Schlafen, mein Schmerz, mein Garten, meine Zuflucht…

Jeden Tag ersehne ich das Ende dieser fortwährenden Verteidigungslinie, zu der mein Leben und meine Liebe geworden ist, mehr.

Und ich wäre nicht ich, wenn ich nicht genau spüren würde, dass ich ohne gangbaren Ausweg bald an den Punkt komme, an dem ich bereit bin, alles Verbleibende bis auf die Grundmauern einfach niederzubrennen. Ohne Rücksicht auf Verluste und ungeachtet aller Konsequenzen.

Es reicht.

Gegenseitigkeit

Ich nähere mich dem Punkt, an dem ich Beziehung nicht mehr als Verpflichtung sehe, dem anderen generell alles von mir zur Verfügung zu stellen.

Denn wenn ich mal ehrlich bin, resultiert ein Gutteil meiner Ent-Täuschungen daraus, dass die Illusion verschwindet, dass mein Gegenüber mir etwas geben kann, was ich will oder brauche, er dazu aber einfach entweder nicht willens oder in der Lage ist – fürs Auskommen macht das zunächst erst mal keinen Unterschied.

Wenn ich aber immer nur weiter investiere, reguliere, organisiere, initiiiere ohne etwas Gleichwertiges zurückzuerhalten, findet Begegnung irgendwann kein Echo mehr.

Fehlende Resonanz macht auf Dauer mürbe.

Schaffe ich es hingegen, die Ebene zu definieren, auf der der andere mir begegnen kann oder möchte, kann ich einen Raum durch Gegenseitigkeit schaffen. Das bedeutet zwar für mich unter Umständen weniger Tiefe, aber eben auch weniger Ent-Täuschung, wenn ich den Anspruch in Form von Erwartung schon längst definiert habe.

Jemandem so zu begegnen, wie er es vorgibt, lässt nur wenig Raum für überhöhte Ansprüche und mehr Energie für Investition in Beziehungen, in denen mein Gegenüber ähnlich tief in den zwischenmenschlichen Resonanzraum eintauchen möchte wie ich.

Der Blick in den Abgrund

Es ist vermutlich über die Jahre hinweg leicht, sich einzureden, alles sei in Ordnung, solange der Partner keine schmerzhaften Konsequenzen zieht. Wenn immer nur gebeten, geredet, erklärt und schlussendlich dann doch wieder co-reguliert wird, damit nicht Harmonie der Preis dessen wird, was man lange als fast unbotmäßige Forderung erklärt bekam.

Liegt die Enttäuschung meines Gegenübers also in meiner Verantwortung, wenn ich mir zum ersten Mal erlaube, die Maske fallen zu lassen? Wenn ich mich selbst und meine gar nicht so unbotmäßigen Bedürfnisse ernst genug nehme, um verhindern zu wollen, dass ich noch weiter in meine Bestandteile zerfalle? Wenn ich mir selber glaube, dass ich Mangel leide? Emotional verhungere? Inzwischen so viel Angst habe, in nächster Notlage wieder allein gelassen zu werden, dass alle alten Mechanismen wieder wie Wärter vor meinen Toren stehen, bereit, das letzte Feld Verletzlichkeit zu schützen, das ich mir noch erhalten konnte?

Nein. Ich glaube nicht.

Man erntet, was man sät. Sich über Jahrzehnte der Weiterentwicklung zu verweigern, weil man so bequem und sanft gebettet im Schoß eines anderen Menschen liegt, der nachhaltig und konsequent kommuniziert hat, dass er daran zugrunde geht, war eine Entscheidung.

Müde

Mal wieder. Müde davon, dass selbst Nichtkämpfen keinen Ort hervorzubringen vermag, an dem ich nicht ignoriert werde.

Was entsteht zwischen uns, wenn nicht ich es erzeuge?

Und die Antwort ist so klar wie ernüchternd. Müde.

Vor 21 Jahren

…habe ich meine Sachen in mein Auto geworfen, habe alle Bücher, meine Tochter und meinen Hund gepackt und bin zu dir gefahren.

Es war erst wenige Tage her, dass wir telefoniert hatten, wie immer nachts, unterm Sternenhimmel. Ich lag verwundet und traurig draußen im Garten auf der Liege und hielt mir das Telefon ganz dicht ans Ohr, um deine Stimme zu hören. Du wusstest nicht, dass der Mann, von dem ich schon seit Monaten getrennt war, mich an diesem Tag morgens ein letztes Mal vergewaltigt hatte. Ich wollte es dir nicht erzählen, weil ich solche Angst hatte, dass du Mitleid haben würdest. Und ich wollte dein Mitleid nicht. Ich wollte immer nur deine Liebe. Also habe ich es dir nicht erzählt. Erst Jahre später.

Bei diesem Telefonat ging es um uns beide. Wie sehr du mich vermisst. Wann wir uns wiedersehen. Wie einfach es sein könnte. Und dann, irgendwann nach Mitternacht, hast du gesagt: Ich liebe dich. Kommt doch einfach zu mir. Für immer.

Es gibt in meinem Leben nichts, wobei ich weniger gezögert habe.

Überraschung

Manchmal wird man zu einem Zeitpunkt, an dem man längst glaubt, alles vorhersehen zu können, doch noch mal überrascht und eines Besseren belehrt. Ich ahne, wieviel Mut es gekostet haben muss, dieses Risiko einzugehen. Ich will die Angst zurückdrängen, die versucht, vorherzusagen, dass es bald als Schema wiederholt wird oder genutzt wird, um in einen Raum einzudringen, der gerade nicht offen ist. Das bin ich uns schuldig.

Integrität

Es gibt einen Punkt, an dem Worte an Wert verlieren.

Sprache an sich versagt nur selten, aber wenn sie kein Echo in Form von Glauben erzeugen kann, weil Worte zu oft an derselben Stelle gebrochen wurden, dann werden Versprechen zu sinnlosen Wiederholungen, Entschuldigungen zu Gepflogenheiten und Beteuerungen zu leeren Worthülsen.

Irgendwann hört das Gegenüber nicht mehr, was gesagt wird, sondern schaut nur noch darauf, was geschieht.

Wenn Worte nicht mehr tragfähig sind, bleibt nur die Realität.
Integrität lässt sich auch durch Eloquenz nicht an den Haaren herbeiziehen.
Integrität ensteht ausschließlich dort, wo Wort und Handlung über einen langen Zeitraum deckungsgleich werden.

Es sind nicht die großen Gesten. Es ist das völlig unspektakuläre Einhalten der kleinen Dinge. Verlässlichkeit dort, wo man sie nicht einfordern muss. Erinnern, ohne erinnert werden zu müssen.

Grenzen sehen, spüren und respektieren, ohne dass der Andere sie Mal um Mal verteidigen muss.

Am Ende von Worten bleibt nur Handlung.