Würgen

Ungeschützt.

Einmal mehr.

Ich hänge über dem Klo und würge mir die Verletzlichkeit aus der Seele, Närrin, ich. Eiskalte Schauer über meinen Rücken. Die Bedrohung, die keine ist, ich weiß es ja. Und doch kommt die Ohnmacht wieder. Aushalten. Ausharren. Was hat man alles preisgegeben? Was werden sie gegen mich verwenden? Vergangenheit und Gegenwart diffundieren, bis sie sich nicht mehr voneinander trennen lassen. Die Amygdala würgt weiter, bis der Magen leer ist. Lauf! Flieh! Kämpfe! Ertrage! In meinem Kopf dreht sich alles, bis ich erschöpft zur Seite kippe. Da war.. Hoffnung. Da ist… Erkenntnis, nicht gesehen zu werden. Nicht von ihm. Nicht von dem, der all die Wunden geschlagen hat. Der den Weg noch schwerer gemacht hat. Und leichter. Wir dürfen nicht vergessen, dass es Gutes gab. Natürlich gab es Gutes! Aber die Amygdala kann keine Dankbarkeit. Keine Demut. Das kann nur der Neocortex. Und der hat mich zu oft verraten. Einmal noch vertrauen, diesmal ist es anders, vielleicht hat er sich geändert, vielleicht noch eine Chance, noch eine Chance, noch zwei Chancen, noch hundert Chancen, noch ein Jahr, noch 10 Jahre, noch einmal…

Auf Stand [1.678]

Geschafft.

Ich bin leer. Emotional, kreativ, intellektuell.

Seit dem 9. September schaufel ich meine Offline-Archive hier rein. Ich habe jeden Text, den ich jemals geschrieben und noch nicht gelöscht hatte, geöffnet, durchgelesen, mich hineinfallen lassen, psychologisch analysiert und hierher übertragen. Umschreiben habe ich mir verboten (und ich war in Versuchung), denn ich darf aushalten, mich so zu sehen, wie ich damals war. Gekürzt habe ich einiges. Weggeworfen wenig.

Ein paar Texte gerade aus den Nachtgedanken liegen noch auf meinem Computer und warten auf meine Entscheidungen.

Noch einige Mails an und von meinem Vater. Die sind emotional gerade zu hart für mich, sie anzufassen.

Mit jedem Text habe ich mich der Begegnung mit mir selber gestellt. Mit dem dummen, dem intelligenten, dem naiven, dem erfahrenen, dem idealistischen, dem resignierenden Menschenkind, das ich zum jeweiligen Zeitpunkt war. Was habe ich gelacht, wenn ich in meiner eigenen Küche saß, den Blick auf meine Chaoten, die damals noch so klein, so katastrophal, so verschlingend waren. Ich saß weinend mit mir selber in den dunkelsten Stunden meiner Beziehung. Ich war frei mit mir am Meer, in den Abgründen meiner Seele in Kreißsäälen, glücklich in der kuscheligen Zweisamkeit mit einem Neugeborenen, hoffnungslos in schwarzer Depression, himmelhochjauchzend in rosa Zuckerwatteglück.

Einiges davon war leicht.
Vieles davon war schwer.
Alles hat mich berührt.

Und so sitze ich hier, 31 Tage später. 1.678 Beiträge weiter.
Wenn wir für jeden Vorgang aus Öffnen, Lesen, Betrachtung, Reflexion und Übertrag nur 7 Minuten im Mittel veranschlagen, dann waren das 11.746 Minuten.

Ich habe in den vergangenen 31 Tagen jeden einzelnen Tag durchschnittlich gut 6 Stunden die Konfrontation mit meiner eigenen Biografie gewagt. Und die Realität hat durchaus sowohl tageweise Pausen als auch viele allein durchwachte Nächte gehabt, in denen ich mit Musik auf den Ohren und Tränen im Gesicht meine Vergangenheit bearbeitet habe.

Heute bin ich für den Moment fertig. Das Jadekompendium fehlt noch, sofern der Support mir antwortet. Es wurde nach 3 Jahren wegen Inaktivität gelöscht und ich warte noch auf Antworten. Vielleicht lässt sich noch etwas retten. Besonders die dunklen Phasen mit der Kriegerin habe ich hauptsächlich dort verarbeitet, das wäre mir wichtig, ein paar Texte von dort zu retten.

Aber es ist wie es ist.

Es wird, wie es sein soll.

20 Jahre

20 Jahre.

Meine Güte. Was hätten wir erlebt haben können. Wannimmer ich an dich gedacht habe, musste ich um die Zukunft trauern, die wir nie gehabt haben. 20 Jahre. Du wärst erwachsen. Inzwischen läge ein ganzes junges Leben zwischen dem heute und dem gestern.

Es blieb uns verwehrt.

Ich habe meinen Frieden gefunden, als wir dich nach Jahren endlich offiziell benennen durften. Du besitzt eine Geburts- und eine Sterbeurkunde. Du warst da. Du trägst 3 Namen, wie alle deine Geschwister. Du trägst denselben 3. Namen wie die anderen Kinder, die dein Vater und ich auf diese Welt brachten.

Du gehörst zu uns.
Und dann doch wieder nicht.
Du hast diese 20 Jahre nicht mit Erinnerungen füllen dürfen.

Wenn ich an deine Geburt denke, ist inzwischen vieles dem Wabern der Erinnerung gewichen. Was immer noch präsent ist, ist der breite Brustkorb, gegen den ich mein Gesicht gedrückt habe. Die Arme, die mich umschlossen haben, als ich dich tot in Händen hielt und das Blut durch meine Ohren rauschte und aus meinem Körper floss. Dein Vater hat mich gehalten, so allumfassend gegen alles abgeschirmt, dass wir beide diese kostbaren Momente für uns hatten, in denen die Welt draußen blieb.

An den Rest möchte ich heute nicht mehr denken, es tut weh.
Immer noch. Und für immer.

Du warst so gewollt. So geliebt. So ersehnt.

Es ist wie es ist.

666

Inzwischen 666 Blogeinträge nachgetragen und etwas geschmunzelt, als ich ohne Kenntnis des Zählerstandes heute Nacht um halb 3 mal wieder beschlossen habe, dass es für den Tag reicht.

Zäh tropfen die Gedanken durch das Sieb der Erinnerung.

Jeder Blogeintrag das Tor zu einer alten Welt, die durch Verarbeitung so taub wurde, dass sie eingebettet in den gnädigen Nebel der Vergangenheit in der Gegenwart schon längst nur noch leise puckert, nicht mehr pulsiert.

Und nun muss der Neocortex mit Unbehagen genau dort eintauchen, wo Hippocampus und Amygdala als ungleiche Zwillinge bewahrt haben, was sich heute längst nicht mehr so heiß anfühlt wie es damals in Worte geflossen ist.

Und doch bin ich da. Unvermögen, mich mir selbst zu entziehen. Ja, da bin ich. Da war ich. Ich sehe mich.

Ich sehe, wie gnadenlos ich die Arbeitshypothese verteidigt habe, ich sei zu viel, verlange zu viel, stelle mich an, sei zu empfindlich, müsse mich nur mehr anstrengen, besser funktionieren…
Und sehe auch so deutlich, in welch körperlicher und seelischer Agonie ich mich damals befand, auf weiter Flur einfach nur allein. Für Dinge dankbar seiend, die niemals etwas anderes als selbstverstänlich hätten sein dürfen.

Ich bin wütend für diese junge Frau. Auf diese junge Frau. Will sie schütteln, will sie tragen, will sie schützen, will ihr versichern, dass sie nie falsch war. Dass die Dinge über jedes Maß der Erträglichkeit hauptsächlich von ihr getragen, organisiert, orchestriert wurden.

Will ihr zurufen, innezuhalten. Will ihr zuflüstern, dass sie ihr Licht nicht kleiner machen muss. Will sie anbrüllen, sich nicht selbst zu verraten. Will ihr die Augen öffnen, will sie zwingen, anzusehen, was sie verleugnet hat und doch wusste.

Weine meine Tränen heute ohne Scham um all den Schmerz, den sie mal laut, mal leiser ertragen hat, aber immer ungehört. Möchte sie behutsam in Geborgenheit für einen Moment die Augen schließen lassen, um Kraft zu sammeln, die sie in den nächsten Jahren bitter nötig haben wird, ohne das nun wissen zu können.

Es wäre so einfach gewesen.

Und wäre ich dann noch, wer ich jetzt bin? Müßig.

Es ist wie es ist.

Wolfswelpe [Cailean]

Wir sind gerannt.

Hand in Hand. Über den Fluss. Über die Felder.

Es ist Mitternacht vorbei und ich nehme dich mit auf die Wege meiner Kindheit. Irgendwann bleiben wir stehen, völlig außer Puste, erschöpft, lachend, glücklich, frei.

Der Vollmond scheint hell auf uns nieder und ich kann dich so deutlich sehen. Ich liebe dich mit allem, was ich habe, mit allem, was ich bin und mit allem, was ich jemals sein werde.

Keiner von uns beiden weiß, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits unseren Sohn unter dem Herzen trage.
Unser erstes und unser einziges Kind.

Ich ziehe ungeduldig meine Kleidung aus, bis ich dort im Mondlicht nackt vor dir stehe, mitten in der Nacht, nur den Sternenhimmel als Zeuge. Du blickst mich liebevoll an, lachst, umfasst meine Taille, ziehst mich an dich und küsst mich. Bei dir bin ich zuhause.

Das Universum hält für einen winzigen Moment den Atem an.

[21 Jahre später ist diese Erinnerung noch genauso hell wie der Mond damals. Meine Liebe ebenfalls. Wir nicht mehr.]

Perseiden

Seit wir in diesem Haus wohnen, habe ich jahrelang in der Nacht vom 12. auf den 13. August Bettzeug, Matratzen und Decken in den Garten geschleppt, damit die ganze Familie unter freiem Himmel schlafen und Sternschnuppen beobachten kann. Jedes Jahr. Und es ist bitter, wenn man irgendwann erkennt, wie wichtig einem etwas geworden ist, niemand sonst aber Interesse daran hat, es weiterzuführen. Das habe ich letztes Jahr eindrucksvoll an Weihnachten vorgeführt bekommen. Vielleicht ist es auch hierbei an der Zeit, sich von Dingen zu verabschieden, die ihre Zeit hatten, aber nun einfach vorbei sind. Wie so vieles dieser Tage.

Vergessen

Ich habe es vergessen. Ich habe Mitte Juli nicht daran gedacht, wie es war, als vor vier Jahren die Kripo nachts vor dem Tor stand und ich habe vor einigen Tagen den Geburtstag vergessen. Das Datum hab ich wohl gesehen, allein es war nicht wichtig. Ich werte das als gutes Zeichen. Alles heilt.

Vor 21 Jahren

…habe ich meine Sachen in mein Auto geworfen, habe alle Bücher, meine Tochter und meinen Hund gepackt und bin zu dir gefahren.

Es war erst wenige Tage her, dass wir telefoniert hatten, wie immer nachts, unterm Sternenhimmel. Ich lag verwundet und traurig draußen im Garten auf der Liege und hielt mir das Telefon ganz dicht ans Ohr, um deine Stimme zu hören. Du wusstest nicht, dass der Mann, von dem ich schon seit Monaten getrennt war, mich an diesem Tag morgens ein letztes Mal vergewaltigt hatte. Ich wollte es dir nicht erzählen, weil ich solche Angst hatte, dass du Mitleid haben würdest. Und ich wollte dein Mitleid nicht. Ich wollte immer nur deine Liebe. Also habe ich es dir nicht erzählt. Erst Jahre später.

Bei diesem Telefonat ging es um uns beide. Wie sehr du mich vermisst. Wann wir uns wiedersehen. Wie einfach es sein könnte. Und dann, irgendwann nach Mitternacht, hast du gesagt: Ich liebe dich. Kommt doch einfach zu mir. Für immer.

Es gibt in meinem Leben nichts, wobei ich weniger gezögert habe.