Perseiden

Seit wir in diesem Haus wohnen, habe ich jahrelang in der Nacht vom 12. auf den 13. August Bettzeug, Matratzen und Decken in den Garten geschleppt, damit die ganze Familie unter freiem Himmel schlafen und Sternschnuppen beobachten kann. Jedes Jahr. Und es ist bitter, wenn man irgendwann erkennt, wie wichtig einem etwas geworden ist, niemand sonst aber Interesse daran hat, es weiterzuführen. Das habe ich letztes Jahr eindrucksvoll an Weihnachten vorgeführt bekommen. Vielleicht ist es auch hierbei an der Zeit, sich von Dingen zu verabschieden, die ihre Zeit hatten, aber nun einfach vorbei sind. Wie so vieles dieser Tage.

Vergessen

Ich habe es vergessen. Ich habe Mitte Juli nicht daran gedacht, wie es war, als vor vier Jahren die Kripo nachts vor dem Tor stand und ich habe vor einigen Tagen den Geburtstag vergessen. Das Datum hab ich wohl gesehen, allein es war nicht wichtig. Ich werte das als gutes Zeichen. Alles heilt.

Vor 21 Jahren

…habe ich meine Sachen in mein Auto geworfen, habe alle Bücher, meine Tochter und meinen Hund gepackt und bin zu dir gefahren.

Es war erst wenige Tage her, dass wir telefoniert hatten, wie immer nachts, unterm Sternenhimmel. Ich lag verwundet und traurig draußen im Garten auf der Liege und hielt mir das Telefon ganz dicht ans Ohr, um deine Stimme zu hören. Du wusstest nicht, dass der Mann, von dem ich schon seit Monaten getrennt war, mich an diesem Tag morgens ein letztes Mal vergewaltigt hatte. Ich wollte es dir nicht erzählen, weil ich solche Angst hatte, dass du Mitleid haben würdest. Und ich wollte dein Mitleid nicht. Ich wollte immer nur deine Liebe. Also habe ich es dir nicht erzählt. Erst Jahre später.

Bei diesem Telefonat ging es um uns beide. Wie sehr du mich vermisst. Wann wir uns wiedersehen. Wie einfach es sein könnte. Und dann, irgendwann nach Mitternacht, hast du gesagt: Ich liebe dich. Kommt doch einfach zu mir. Für immer.

Es gibt in meinem Leben nichts, wobei ich weniger gezögert habe.

Integrität

In Familien, in denen sexueller Missbrauch, Gewalt, Vernachlässigung, Folter und Misshandlungen vertuscht werden müssen, ist das Infragestellen der Wahrheit des Kindes ein elementarer Teil zum Schutz des Systems.

Kinder, die benennen, was ihnen geschieht, gefährden das familiäre Gleichgewicht. Der sicherste Weg, dieses Gleichgewicht zu schützen, ist aktives Infragestellen der Wahrheit: „Du lügst.“ „Nichts kann man dir glauben.“ „Fantasierst du wieder?“ oder „Ah, da ist wieder unsere Dramaqueen.“.

Das Ziel ist immer eindeutig: Das Auslöschen der Glaubwürdigkeit des Kindes.

Als ich mich endlich dem Vertrauenslehrer der Schule anvertrauen konnte, wurde hinter meinem Rücken eine wahre Lawine losgetreten. Und meine Eltern, gut angezogen, Repräsentation in Perfektion, reich, gebildet, einflussreich, hatten den Auftritt ihres Lebens. Denn man wisse ja schon lange, wie sehr ich mich in meine Fantasien flüchten würde. Persönlichkeitsstörung. Pathologische Lügnerin. Dramatik. Es sei ihnen sehr unangenehm, dass ich jetzt auch die Schule damit belästigen würde. Zeit verschwenden würde.

Sie haben sich für mich entschuldigt. Nachsichtig lächelnd.

Für ein Kind ist das existenziell. Ein Kind kann seine Eltern nicht einfach als ungerecht oder manipulativ einordnen, schon gar nicht, wenn es in einem solchen System geprägt wurde. Kinder sind emotional von ihren Eltern abhängig. Also beginnt etwas zutiefst Selbstzerstörerisches: Das Kind zweifelt an sich selbst. An seiner Wahrnehmung. An seiner Sprache. An dem, was Richtig und was Falsch ist. An seinem Recht, die Wahrheit auszusprechen.

Einige Betroffene entwickeln aus dieser Erfahrung im Laufe ihrer Traumaarbeit eine fast kompromisslose Form von Integrität.

Sie werden zu Menschen, die keine leichtfertigen Versprechen geben. Niemals. Die in engen Beziehungen lieber schweigen, als etwas Unwahres zu sagen. Die so schonungslos transparent und ehrlich sind, wie ein Mensch es nur sein kann. Die extrem verbindlich sind und zu all ihren Entscheidungen stehen, ohne Murren alle Konsequenzen tragen.

Weil ihr Wort nicht Kommunikation ist, sondern Identität.

Ehrlichkeit in dieser Form beinhaltet den verzweifelten Wunsch, in ihrer Makellosigkeit endlich zu verhindern, dass einem die Realität erneut abgesprochen werden kann.

Ich sammle bis heute Screenshots, Nachrichten, Daten, Briefe, Karten, Videos, Anmerkungen als Beweise. Archiviere innerlich Gespräche, führe Protokolle, Tagebücher. Hebe jeden Schnippsel menschlicher Kommunikation auf, um lückenlos alles nachweisen zu können.

Wer einem Menschen – insbesondere in der Kommunikation tiefer Gefühle – abspricht, glaubwürdig zu sein, greift dessen Fundament an.

Für Menschen aber, die ihr Leben lang systematisch emotional entwertet wurden und die prägenden Jahre ihres Lebens täglich darum kämpfen mussten, überhaupt als wahrnehmende und ernstzunehmende Individuen existieren zu dürfen, greifen solche Sätze zusätzlich tief in alte Wunden.

Und irgendwann entscheidet man sich, dass man sich in seinem Leben nicht mehr mit Menschen umgibt, die versuchen, die eigene Wahrnehmung anzugreifen.

17 Jahre

Du bist seit 17 Jahren tot. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, als ich um 21 Uhr ein so schmerzhaftes Ziehen in der Seele gespürt habe, dass ich den Mann gebeten habe, jetzt sofort im Krankenhaus anzurufen und zu fragen wie es dir geht. Die Frau am Telefon hat nicht geantwortet, sie hat nur gesagt, sie bringt das Telefon jetzt zu Oma, die die ganze Zeit an deinem Bett saß. Und Oma flüsterte leise, dass du vor wenigen Minuten eingeschlafen bist.

Du fehlst mir jeden Tag. Ausnahmslos.

Traumaantwort

Zeit meines Lebens wurde durchgehend meine Privatsphäre missachtet.

Ich hatte schon früh das verstörende Gefühl, dass das Schlimmste, was insbesondere meine Mutter mir antat, gar nicht der Missbrauch und die körperliche Gewalt an sich war, sondern die Momente, in denen ich völlig schutzlos aus dem Schlaf gerissen wurde, in denen Türen zum Badezimmer aufgestoßen wurden, in denen ich nackt unter der Dusche stand und plötzlich von gierigen Augen begutachtet und von schmierigen Fingern betastet wurde, in denen ich krank und mit Schmerzen im Bett oder im Krankenhaus lag und mich gegen ihre Übergriffe innerlich nicht wappnen konnte.

Es war immer der verletzliche Moment, in dem ich nicht vorbereitet war.

Ich lernte im Laufe der Zeit, wann sie am tiefsten schlafen, am unaufmerksamsten sind, am wenigsten Interesse an mir haben. Bin über Jahre hinweg zwischen 3 und 4 Uhr nachts aufgestanden, um heimlich duschen zu können, heimlich in Ruhe zu essen, heimlich einen Moment durchatmen zu können. Nur einen Moment Privatsphäre, nur einen Moment Ruhe, nur einen winzigen Moment Sicherheit. In einem Zuhause, das mich hätte schützen sollen und müssen, an einem Ort, der mir Zuflucht hätte sein sollen. Ich zog Dinge an, die sich möglichst mühsam ausziehen ließen, quetschte mich in Hosen, die nur schwer über meine Hüften rutschten, schlief komplett angezogen, lief so oft es ging nach draußen in den Wald, um auf Toilette zu gehen, damit sie mich nicht wieder im Bad überfallen konnte, um „die Zeit zu nutzen“, mich anzustarren, zu untersuchen oder einfach nur zu demütigen.

Ich konnte immer spüren, wie sie hinter mir stand und mich schweigend beobachtete. Meinen Körper musterte. Noch heute bekomme ich kalte Schweißausbrüche, wenn jemand schweigend in meinem Rücken steht und mich beobachtet. Türen versperrt oder schlimmer, einfach in Räume kommt und sich nicht vorher bemerkbar macht.

Ich musste schlafen erst lernen. Nicht mehr in der Sekunde, in der ich wach wurde, sofort alle Sinne beisammen haben zu müssen, weil man entweder schon angefasst wird oder eine Übung anstand oder jemand in einer Zimmerecke sitzt und mich beobachtet. Auch heute ist mein Schlaf noch das Intimste, das ich jemandem anvertrauen kann.

Wir haben im Hier und Heute strikte Regeln. Niemand betritt ein Zimmer, ohne anzuklopfen und darauf zu warten, dass geantwortet wird. Das war mit so vielen Kindern, die Privatsphäre von Eltern erstmal als quasi nicht existent betrachten, ein harter und schlafloser Weg.

Ich kann meine Traumaantwort nicht ändern, ich weiß, dass das nicht möglich sein wird. Der Mechanismus wird immer anspringen. Aber ich habe mir ein Leben geschaffen, in dem ich damit über weite Strecken gut umgehen kann.

An Tagen wie diesen, wo ich weiß, ein fremder Mensch wird mein Grundstück, meine Grundfeste, mein Haus, meine Zuflucht betreten, kreischt die Programmierung wieder laut im Gehirn. Auch das ist okay. Es ist wie es ist. Ich habe nur dieses eine Leben und ich werde mich wohl nie wirklich sicher fühlen.

Aber hier, mit einem Bären an der Seite, der mich vehement anbrummelt, wenn ich mich in Erinnerungen zu verlieren drohe und mich zurückholt, wenn ich innerlich zersplittere, kann ich ein Stück Verletzlichkeit zulassen und weine nicht mehr aus Panik, sondern um das Kind, das ich nie sein durfte.

10 Jahre

10 Jahre sind es heute und es ist nach wie vor die schmerzhafteste Lektion unseres gemeinsamen Lebens. Mein Gott und mein Glaube haben mich damals verlassen und es war mühsam, mit dir durch das Scherbenfeld zu humpeln, vor dem wir plötzlich standen. Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Und trotzdem möchte ich der damaligen Schwärze in mir zuflüstern: „Es wird. Und es wird gut.“

Gleichzeitig bin ich froh, den Weg nicht gekannt zu haben, der uns hierher geführt hat.

Ich weiß nicht, ob ich daran geglaubt hätte, die Kraft dafür zu besitzen.

Von der Sehnsucht

Ich spürte seine Anwesenheit hinter mir, bevor ich ihn hörte. Und ich musste mich umdrehen. Musste sehen, musste fühlen, dass nicht er es war, sondern ein anderer. Ich hörte das tiefe, volle, tönende Lachen und ich sah in ein lachendes Gesicht. Er ist es nicht., flüsterte eine atemlose Stimme in mir. Er ist tot. Lange schon. Geh weiter.

Aber ich konnte nicht. Ich sah.

Und ich stand mitten im Gang eines Supermarktes, starrte diesen Mann an und konnte mich nicht rühren. Er sah mich. Fragend, wundernd sah er mich an. Lächelte. Ich lächelte zurück und sah ihm hinterher, wie er an mir seinen Wagen vorbeischob und sich lauthals mit seiner Frau über die Angebote unterhielt. Dieselbe Stimme. Dieselbe Haltung. Ähnliches Aussehen. Und diese Liebe. In allen Worten diese Liebe.

Heiße Tränen schossen mir in die Augen und ich wandte mich dem Regal mit Schokolade zu, wo ich blinzelnd versuchte, meine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Eine halbe Stunde bin ich hinter ihm und seiner Frau hergeschlichen. Habe mir beim Einkaufen Zeit gelassen und habe jedes Lachen, jedes Necken, jedes Wort in mein Herz geschlossen.

Ich kam mir albern vor. Gestört. Verstört. Verstörend. Aber ich konnte nicht anders. Als wir an der Kasse waren, warf ich einen langen letzten Blick auf ihn und winkte innerlich ein leises Lebwohl.

Wie damals schon.
Du fehlst mir.
So sehr.
Auch nach all den Jahren noch.

Selbstzweck

Ich verlange viel von meinen Kindern.

Dinge, die sie können müssen, bevor ich sie gehen lasse.
Dazu gehört nicht nur das obligatorische Schwimmen und Fahrradfahren, sondern noch so einiges mehr.

Meine Kindheit bestand aus dem Drill und der täglich immerwährenden zwanghaften Anspruchshaltung meines Vaters an mich, alles können zu müssen.

Egal, ob Segeln, Wasserski fahren, mit dem Bohrhammer umgehen, chemische oder mathematische Gleichungen lösen, mehrere Musikinstrumente beherrschen, mehrere Sprachen sprechen, auf ein Dach klettern, in einem Strudel nicht ertrinken, in einem fremden Land allein aus dem Wald finden, sich aus Gefangenschaft befreien, Schmerzen aushalten, Fahrzeuge beherrschen… die Liste ist so end- wie sinnlos (Ich habe in über 30 Jahren zum Beispiel noch nie gesagt: „Mensch, jetzt hilft nur noch Eiskunstlauf und dabei das Periodensystem der Elemente auswendig aufsagen, was ein Glück, dass man mir das beigebracht hat!“. Aber gut – ich könnte zumindest – ob ich damit jemanden rette oder die Welt zu einem besseren Ort mache, ist fraglich).

Ich musste es tun und ich musste es perfekt beherrschen.
Heute bin ich ein Mensch, der weiß, dass er so gut wie alles kann.
Das ist etwas Gutes.
Der Weg dorthin war es nicht.

Und so möchte ich für meine Kinder das Gute daraus weitergeben – nämlich zu Menschen heranzuwachsen, die ihre Fähigkeiten und Höchstleistungen kennen (der Inbegriff von Selbst-Bewusstsein) und bei Bedarf auch abrufen können.

Menschen, die verschiedenartige elementare Erfahrungen machen durften und die die daraus entstandende Sicherheit mit ins Erwachsenleben nehmen können.
Das bedeutet, dass sie andersartige Erfahrungen machen als es der Alltag der meisten Kinder hergibt.
Ganz ohne Schubs geht es oft dennoch nicht.
Im Idealfall bringt es ihnen Spaß.

Als die Kriegerin das erste Mal auf einem Pferd saß, hat man gesehen: Ja, dieses Feuer brennt.

Als Der Kobold das erste Mal auf einem Pferd saß, waren wir froh, dass hinterher das Pferd nicht brennt.

Reiten gelernt wird trotzdem.
Es gibt Dinge, die nicht diskutiert werden.
Ich frage ja auch nicht jeden Morgen, ob sie Lust haben, in die Schule zu gehen.
Aber es ist ein Unterschied, ob man die Kinder führt und begleitet, oder ob man sie existenziell bedrohlichen Erfahrungen alleine überlässt.

Und so kann man ein Kind unter Wasser drücken, damit es lernt, über zwei Minuten lang die Luft anzuhalten (und heute bei jedem Schnupfen Panikattacken bekommt), oder man kann in ihm den Ehrgeiz wecken, diese Dinge selbst erreichen zu wollen.

Man kann das Kind von einem Fremden überfallen lassen, damit es das Kämpfen um sein eigenes Leben lernt oder man integriert Kampfsport von klein auf ganz selbstverständlich in das Leben der Kinder. Weil 12 Jahre Übung unter der Führung eines erfahrenen Lehrers einfach einen Unterschied machen.

Wenn sie die Bewegungen so verinnerlicht haben, dass es in ihrer Natur liegt, ihren Körper zu schützen. Und weil sie nicht wissen, dass sie im Grunde genommen darauf trainiert werden, im Notfall einen Menschen zu überwältigen. Angst hat keinen Platz dort und das ist auch gut so.

Der Zweck heiligt eben nicht immer die Mittel.