20 Jahre

20 Jahre.

Meine Güte. Was hätten wir erlebt haben können. Wannimmer ich an dich gedacht habe, musste ich um die Zukunft trauern, die wir nie gehabt haben. 20 Jahre. Du wärst erwachsen. Inzwischen läge ein ganzes junges Leben zwischen dem heute und dem gestern.

Es blieb uns verwehrt.

Ich habe meinen Frieden gefunden, als wir dich nach Jahren endlich offiziell benennen durften. Du besitzt eine Geburts- und eine Sterbeurkunde. Du warst da. Du trägst 3 Namen, wie alle deine Geschwister. Du trägst denselben 3. Namen wie die anderen Kinder, die dein Vater und ich auf diese Welt brachten.

Du gehörst zu uns.
Und dann doch wieder nicht.
Du hast diese 20 Jahre nicht mit Erinnerungen füllen dürfen.

Wenn ich an deine Geburt denke, ist inzwischen vieles dem Wabern der Erinnerung gewichen. Was immer noch präsent ist, ist der breite Brustkorb, gegen den ich mein Gesicht gedrückt habe. Die Arme, die mich umschlossen haben, als ich dich tot in Händen hielt und das Blut durch meine Ohren rauschte und aus meinem Körper floss. Dein Vater hat mich gehalten, so allumfassend gegen alles abgeschirmt, dass wir beide diese kostbaren Momente für uns hatten, in denen die Welt draußen blieb.

An den Rest möchte ich heute nicht mehr denken, es tut weh.
Immer noch. Und für immer.

Du warst so gewollt. So geliebt. So ersehnt.

Es ist wie es ist.

666

Inzwischen 666 Blogeinträge nachgetragen und etwas geschmunzelt, als ich ohne Kenntnis des Zählerstandes heute Nacht um halb 3 mal wieder beschlossen habe, dass es für den Tag reicht.

Zäh tropfen die Gedanken durch das Sieb der Erinnerung.

Jeder Blogeintrag das Tor zu einer alten Welt, die durch Verarbeitung so taub wurde, dass sie eingebettet in den gnädigen Nebel der Vergangenheit in der Gegenwart schon längst nur noch leise puckert, nicht mehr pulsiert.

Und nun muss der Neocortex mit Unbehagen genau dort eintauchen, wo Hippocampus und Amygdala als ungleiche Zwillinge bewahrt haben, was sich heute längst nicht mehr so heiß anfühlt wie es damals in Worte geflossen ist.

Und doch bin ich da. Unvermögen, mich mir selbst zu entziehen. Ja, da bin ich. Da war ich. Ich sehe mich.

Ich sehe, wie gnadenlos ich die Arbeitshypothese verteidigt habe, ich sei zu viel, verlange zu viel, stelle mich an, sei zu empfindlich, müsse mich nur mehr anstrengen, besser funktionieren…
Und sehe auch so deutlich, in welch körperlicher und seelischer Agonie ich mich damals befand, auf weiter Flur einfach nur allein. Für Dinge dankbar seiend, die niemals etwas anderes als selbstverstänlich hätten sein dürfen.

Ich bin wütend für diese junge Frau. Auf diese junge Frau. Will sie schütteln, will sie tragen, will sie schützen, will ihr versichern, dass sie nie falsch war. Dass die Dinge über jedes Maß der Erträglichkeit hauptsächlich von ihr getragen, organisiert, orchestriert wurden.

Will ihr zurufen, innezuhalten. Will ihr zuflüstern, dass sie ihr Licht nicht kleiner machen muss. Will sie anbrüllen, sich nicht selbst zu verraten. Will ihr die Augen öffnen, will sie zwingen, anzusehen, was sie verleugnet hat und doch wusste.

Weine meine Tränen heute ohne Scham um all den Schmerz, den sie mal laut, mal leiser ertragen hat, aber immer ungehört. Möchte sie behutsam in Geborgenheit für einen Moment die Augen schließen lassen, um Kraft zu sammeln, die sie in den nächsten Jahren bitter nötig haben wird, ohne das nun wissen zu können.

Es wäre so einfach gewesen.

Und wäre ich dann noch, wer ich jetzt bin? Müßig.

Es ist wie es ist.

Perseiden

Seit wir in diesem Haus wohnen, habe ich jahrelang in der Nacht vom 12. auf den 13. August Bettzeug, Matratzen und Decken in den Garten geschleppt, damit die ganze Familie unter freiem Himmel schlafen und Sternschnuppen beobachten kann. Jedes Jahr. Und es ist bitter, wenn man irgendwann erkennt, wie wichtig einem etwas geworden ist, niemand sonst aber Interesse daran hat, es weiterzuführen. Das habe ich letztes Jahr eindrucksvoll an Weihnachten vorgeführt bekommen. Vielleicht ist es auch hierbei an der Zeit, sich von Dingen zu verabschieden, die ihre Zeit hatten, aber nun einfach vorbei sind. Wie so vieles dieser Tage.

Vergessen

Ich habe es vergessen. Ich habe Mitte Juli nicht daran gedacht, wie es war, als vor vier Jahren die Kripo nachts vor dem Tor stand und ich habe vor einigen Tagen den Geburtstag vergessen. Das Datum hab ich wohl gesehen, allein es war nicht wichtig. Ich werte das als gutes Zeichen. Alles heilt.

Vor 21 Jahren

…habe ich meine Sachen in mein Auto geworfen, habe alle Bücher, meine Tochter und meinen Hund gepackt und bin zu dir gefahren.

Es war erst wenige Tage her, dass wir telefoniert hatten, wie immer nachts, unterm Sternenhimmel. Ich lag verwundet und traurig draußen im Garten auf der Liege und hielt mir das Telefon ganz dicht ans Ohr, um deine Stimme zu hören. Du wusstest nicht, dass der Mann, von dem ich schon seit Monaten getrennt war, mich an diesem Tag morgens ein letztes Mal vergewaltigt hatte. Ich wollte es dir nicht erzählen, weil ich solche Angst hatte, dass du Mitleid haben würdest. Und ich wollte dein Mitleid nicht. Ich wollte immer nur deine Liebe. Also habe ich es dir nicht erzählt. Erst Jahre später.

Bei diesem Telefonat ging es um uns beide. Wie sehr du mich vermisst. Wann wir uns wiedersehen. Wie einfach es sein könnte. Und dann, irgendwann nach Mitternacht, hast du gesagt: Ich liebe dich. Kommt doch einfach zu mir. Für immer.

Es gibt in meinem Leben nichts, wobei ich weniger gezögert habe.

Integrität

In Familien, in denen sexueller Missbrauch, Gewalt, Vernachlässigung, Folter und Misshandlungen vertuscht werden müssen, ist das Infragestellen der Wahrheit des Kindes ein elementarer Teil zum Schutz des Systems.

Kinder, die benennen, was ihnen geschieht, gefährden das familiäre Gleichgewicht. Der sicherste Weg, dieses Gleichgewicht zu schützen, ist aktives Infragestellen der Wahrheit: „Du lügst.“ „Nichts kann man dir glauben.“ „Fantasierst du wieder?“ oder „Ah, da ist wieder unsere Dramaqueen.“.

Das Ziel ist immer eindeutig: Das Auslöschen der Glaubwürdigkeit des Kindes.

Als ich mich endlich dem Vertrauenslehrer der Schule anvertrauen konnte, wurde hinter meinem Rücken eine wahre Lawine losgetreten. Und meine Eltern, gut angezogen, Repräsentation in Perfektion, reich, gebildet, einflussreich, hatten den Auftritt ihres Lebens. Denn man wisse ja schon lange, wie sehr ich mich in meine Fantasien flüchten würde. Persönlichkeitsstörung. Pathologische Lügnerin. Dramatik. Es sei ihnen sehr unangenehm, dass ich jetzt auch die Schule damit belästigen würde. Zeit verschwenden würde.

Sie haben sich für mich entschuldigt. Nachsichtig lächelnd.

Für ein Kind ist das existenziell. Ein Kind kann seine Eltern nicht einfach als ungerecht oder manipulativ einordnen, schon gar nicht, wenn es in einem solchen System geprägt wurde. Kinder sind emotional von ihren Eltern abhängig. Also beginnt etwas zutiefst Selbstzerstörerisches: Das Kind zweifelt an sich selbst. An seiner Wahrnehmung. An seiner Sprache. An dem, was Richtig und was Falsch ist. An seinem Recht, die Wahrheit auszusprechen.

Einige Betroffene entwickeln aus dieser Erfahrung im Laufe ihrer Traumaarbeit eine fast kompromisslose Form von Integrität.

Sie werden zu Menschen, die keine leichtfertigen Versprechen geben. Niemals. Die in engen Beziehungen lieber schweigen, als etwas Unwahres zu sagen. Die so schonungslos transparent und ehrlich sind, wie ein Mensch es nur sein kann. Die extrem verbindlich sind und zu all ihren Entscheidungen stehen, ohne Murren alle Konsequenzen tragen.

Weil ihr Wort nicht Kommunikation ist, sondern Identität.

Ehrlichkeit in dieser Form beinhaltet den verzweifelten Wunsch, in ihrer Makellosigkeit endlich zu verhindern, dass einem die Realität erneut abgesprochen werden kann.

Ich sammle bis heute Screenshots, Nachrichten, Daten, Briefe, Karten, Videos, Anmerkungen als Beweise. Archiviere innerlich Gespräche, führe Protokolle, Tagebücher. Hebe jeden Schnippsel menschlicher Kommunikation auf, um lückenlos alles nachweisen zu können.

Wer einem Menschen – insbesondere in der Kommunikation tiefer Gefühle – abspricht, glaubwürdig zu sein, greift dessen Fundament an.

Für Menschen aber, die ihr Leben lang systematisch emotional entwertet wurden und die prägenden Jahre ihres Lebens täglich darum kämpfen mussten, überhaupt als wahrnehmende und ernstzunehmende Individuen existieren zu dürfen, greifen solche Sätze zusätzlich tief in alte Wunden.

Und irgendwann entscheidet man sich, dass man sich in seinem Leben nicht mehr mit Menschen umgibt, die versuchen, die eigene Wahrnehmung anzugreifen.

17 Jahre

Du bist seit 17 Jahren tot. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, als ich um 21 Uhr ein so schmerzhaftes Ziehen in der Seele gespürt habe, dass ich den Mann gebeten habe, jetzt sofort im Krankenhaus anzurufen und zu fragen wie es dir geht. Die Frau am Telefon hat nicht geantwortet, sie hat nur gesagt, sie bringt das Telefon jetzt zu Oma, die die ganze Zeit an deinem Bett saß. Und Oma flüsterte leise, dass du vor wenigen Minuten eingeschlafen bist.

Du fehlst mir jeden Tag. Ausnahmslos.

Traumaantwort

Zeit meines Lebens wurde durchgehend meine Privatsphäre missachtet.

Ich hatte schon früh das verstörende Gefühl, dass das Schlimmste, was insbesondere meine Mutter mir antat, gar nicht der Missbrauch und die körperliche Gewalt an sich war, sondern die Momente, in denen ich völlig schutzlos aus dem Schlaf gerissen wurde, in denen Türen zum Badezimmer aufgestoßen wurden, in denen ich nackt unter der Dusche stand und plötzlich von gierigen Augen begutachtet und von schmierigen Fingern betastet wurde, in denen ich krank und mit Schmerzen im Bett oder im Krankenhaus lag und mich gegen ihre Übergriffe innerlich nicht wappnen konnte.

Es war immer der verletzliche Moment, in dem ich nicht vorbereitet war.

Ich lernte im Laufe der Zeit, wann sie am tiefsten schlafen, am unaufmerksamsten sind, am wenigsten Interesse an mir haben. Bin über Jahre hinweg zwischen 3 und 4 Uhr nachts aufgestanden, um heimlich duschen zu können, heimlich in Ruhe zu essen, heimlich einen Moment durchatmen zu können. Nur einen Moment Privatsphäre, nur einen Moment Ruhe, nur einen winzigen Moment Sicherheit. In einem Zuhause, das mich hätte schützen sollen und müssen, an einem Ort, der mir Zuflucht hätte sein sollen. Ich zog Dinge an, die sich möglichst mühsam ausziehen ließen, quetschte mich in Hosen, die nur schwer über meine Hüften rutschten, schlief komplett angezogen, lief so oft es ging nach draußen in den Wald, um auf Toilette zu gehen, damit sie mich nicht wieder im Bad überfallen konnte, um „die Zeit zu nutzen“, mich anzustarren, zu untersuchen oder einfach nur zu demütigen.

Ich konnte immer spüren, wie sie hinter mir stand und mich schweigend beobachtete. Meinen Körper musterte. Noch heute bekomme ich kalte Schweißausbrüche, wenn jemand schweigend in meinem Rücken steht und mich beobachtet. Türen versperrt oder schlimmer, einfach in Räume kommt und sich nicht vorher bemerkbar macht.

Ich musste schlafen erst lernen. Nicht mehr in der Sekunde, in der ich wach wurde, sofort alle Sinne beisammen haben zu müssen, weil man entweder schon angefasst wird oder eine Übung anstand oder jemand in einer Zimmerecke sitzt und mich beobachtet. Auch heute ist mein Schlaf noch das Intimste, das ich jemandem anvertrauen kann.

Wir haben im Hier und Heute strikte Regeln. Niemand betritt ein Zimmer, ohne anzuklopfen und darauf zu warten, dass geantwortet wird. Das war mit so vielen Kindern, die Privatsphäre von Eltern erstmal als quasi nicht existent betrachten, ein harter und schlafloser Weg.

Ich kann meine Traumaantwort nicht ändern, ich weiß, dass das nicht möglich sein wird. Der Mechanismus wird immer anspringen. Aber ich habe mir ein Leben geschaffen, in dem ich damit über weite Strecken gut umgehen kann.

An Tagen wie diesen, wo ich weiß, ein fremder Mensch wird mein Grundstück, meine Grundfeste, mein Haus, meine Zuflucht betreten, kreischt die Programmierung wieder laut im Gehirn. Auch das ist okay. Es ist wie es ist. Ich habe nur dieses eine Leben und ich werde mich wohl nie wirklich sicher fühlen.

Aber hier, mit einem Bären an der Seite, der mich vehement anbrummelt, wenn ich mich in Erinnerungen zu verlieren drohe und mich zurückholt, wenn ich innerlich zersplittere, kann ich ein Stück Verletzlichkeit zulassen und weine nicht mehr aus Panik, sondern um das Kind, das ich nie sein durfte.