Mein wunderbarer geliebter kleiner Butz,

klein bist du schon lange nicht mehr, hast du mich doch schon längst an Körpergröße eingeholt. Aber mein Nesthäkchen, mein Baby, mein letztes Kind – das bist du.

Ich will gar nicht so sehr in Erinnerungen schwelgen, stehe ich doch in Ehrfurcht vor dem jungen Mann, der du heute schon bist.

Dein Name kommt nicht von ungefähr. Du bist mein Weltenwanderer, der, dem so vieles fremd ist. Ein wacher Geist mit einem schier unermesslichen Verstand und so viel Potential, das du nur zu gerne nutzt, um dich in Schwierigkeiten zu bringen oder aus ihnen herauszureden. Du wurdest nach einer gigantischen Superintelligenz aus den Büchern deines Vaters benannt, die auf ihrem Wahlheimatplaneten Wanderer den Kosmos durchstreift, immer bemüht, das Mysterium Menschheit zu verstehen und zu prüfen.

Und vielleicht passt das erschreckend gut zu dem Menschen, den ich heute so sehr liebe und der mich fasziniert wie kaum ein anderer: Du bewegst dich durch diese Welt, ohne vollends zu ihr zu gehören. Als gäbe es die Menschheit, das Universum, den Kosmos an sich und auf der anderen Seite dich, der du versuchst, sie zu verstehen.

Du kannst aus dem Stehgreif lateinische Gedichte erschaffen, du scheinst Zugriff auf jegliches Wissen zu besitzen, mit dem du jemals in Berührung gekommen bist und du hast keine Ahnung, wo in diesem Haus das Tesafilm ist. Die Leichtigkeit, mit der du dich durch die Sphären von Wissenschaft, Philosophie und Fakten bewegst, endet dort, wo du mit etwas so profanem wie Alltag konfrontiert wirst.

Du bist mein zerstreuter Professor, mein Butzemann, mein Baby, mein närrischer kleiner Tuk, mein Herz und meine Seele gleichzeitig.

Ich liebe dich.

20 Jahre

20 Jahre.

Meine Güte. Was hätten wir erlebt haben können. Wannimmer ich an dich gedacht habe, musste ich um die Zukunft trauern, die wir nie gehabt haben. 20 Jahre. Du wärst erwachsen. Inzwischen läge ein ganzes junges Leben zwischen dem heute und dem gestern.

Es blieb uns verwehrt.

Ich habe meinen Frieden gefunden, als wir dich nach Jahren endlich offiziell benennen durften. Du besitzt eine Geburts- und eine Sterbeurkunde. Du warst da. Du trägst 3 Namen, wie alle deine Geschwister. Du trägst denselben 3. Namen wie die anderen Kinder, die dein Vater und ich auf diese Welt brachten.

Du gehörst zu uns.
Und dann doch wieder nicht.
Du hast diese 20 Jahre nicht mit Erinnerungen füllen dürfen.

Wenn ich an deine Geburt denke, ist inzwischen vieles dem Wabern der Erinnerung gewichen. Was immer noch präsent ist, ist der breite Brustkorb, gegen den ich mein Gesicht gedrückt habe. Die Arme, die mich umschlossen haben, als ich dich tot in Händen hielt und das Blut durch meine Ohren rauschte und aus meinem Körper floss. Dein Vater hat mich gehalten, so allumfassend gegen alles abgeschirmt, dass wir beide diese kostbaren Momente für uns hatten, in denen die Welt draußen blieb.

An den Rest möchte ich heute nicht mehr denken, es tut weh.
Immer noch. Und für immer.

Du warst so gewollt. So geliebt. So ersehnt.

Es ist wie es ist.

Vom Vermissen

Ich vermisse dich. Ich vermisse die Nachrichten, unsere Geplänkel am Morgen, das Geläster, den Austausch, die Herzchen, die Umarmungen, deinen Wortwitz, deine Kompetenz, deine Liebenswürdigkeit, deine Stimme, alles an dir.

Aber ich habe auch verstanden, dass du diese Dinge vermutlich anders bewertet hast als ich. Vermissen tue ich dich trotzdem, auch nach all den Monaten noch.

9 Jahre

Es ist nun schon neun Jahre her, dass du hier deinen letzten Atemzug getan hast.

Ich vermisse dich. Manchmal möchte ich dich noch anrufen und mit dir tratschen, dir alle Neuigkeiten von den Kindern erzählen und mir anhören, was du dazu zu sagen hast.

Ich bin nun selber Oma, Oma und ich hoffe, ich kann diese Rolle auch nur mit annähernd so viel Liebe und Bravour ausfüllen wie du.

17 Jahre

Du bist seit 17 Jahren tot. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, als ich um 21 Uhr ein so schmerzhaftes Ziehen in der Seele gespürt habe, dass ich den Mann gebeten habe, jetzt sofort im Krankenhaus anzurufen und zu fragen wie es dir geht. Die Frau am Telefon hat nicht geantwortet, sie hat nur gesagt, sie bringt das Telefon jetzt zu Oma, die die ganze Zeit an deinem Bett saß. Und Oma flüsterte leise, dass du vor wenigen Minuten eingeschlafen bist.

Du fehlst mir jeden Tag. Ausnahmslos.

Timing

Natürlich erinnere ich mich an dich. Ich habe im Laufe der Jahre oft an dich gedacht und mich gefragt, was du wohl inzwischen tust.

17 Jahre ist es her, dass wir uns begegnet sind und ich habe den Austausch mit dir sehr geschätzt bis er sich auf eine Ebene verlagerte, für die es die falsche Zeit und der falsche Ort war.

Ich weiß nicht, was passieren würde, würden sich unsere Universen heute erneut berühren.

Und ich glaube, es ist kein guter Moment, um das herauszufinden.

50

Fünfzig. Uff.

Das ist eine große Zahl.

In unser beider Köpfen sind Menschen mit 50 Jahren irgendwie weit weg von unserer Lebensrealität und wir haben gefühlt noch mindestens Jahrzehnte, bis wir in dieses Alter kommen. In innigen Momenten schwebt manchmal der Gedanke an ein weiteres Baby zwischen uns und das ist nichts, das im Rahmen des Unmöglichen liegen würde. Gleichzeitig sind wir auf dem Weg zu Großeltern und diese beiden Welten sind manchmal schwer überein zu bekommen.

Ich habe dich kennengelernt, als du 30 warst und der Mann von damals ist mir auf Bildern vertraut und lieb, aber auch so weit weg wie ich mir das nicht hätte vorstellen können. Der rundliche Junge von damals ohne Ecken und Kanten, in Ablösung begriffen und noch so verdammt unreif in all seinen Werten und Moralvorstellungen hat auf den ersten Blick nichts mehr mit dem Mann zu tun, der du geworden bist.

Ich blättere durch die Jahre und sehe deine Ent-wicklung.

Manchmal denke ich, dass du dich innerhalb unserer Beziehung durch eine Häutung nach der anderen kämpfst und ich weiß nur zu gut, dass das ein schmerzhafter Prozess für uns beide ist, dem viel innerer Kampf vorausgeht. Diese deine Häutung ist ein repetitives Abschälen von Gewohnheiten, Vorstellungen, Ansichten und nicht zuletzt auch Körpermasse. 40 Kilo sind im Laufe der Jahre weggeschmolzen und haben dein reifendes Innen auch aufs Außen projiziert. Du bist heute trotz aller Einschränkungen in der besten und gesündesten Form deines Lebens.

Der lüsterne Satyr ist von einem erfahrenen Mann gezügelt worden, der seine grenzenlose Potenz in sehr kontrollierte Bahnen lenken kann und unser beider Verlangen mit allen Sinnen auskostet. Du bist von mir besessen und scheust dich nicht, diesen Umstand auszusprechen und in unserem Alltag lebendig zu halten.

Ich weiß, dass ich alles von dir haben kann. Trotz und wegen dieses Umstandes bist du mir immer meine höchste moralische Instanz, denn du schuldest mir und dir letzten Endes nur die Wahrheit. Du bist der Mann meiner Träume, mein Gefährte, mein bester Freund, mein Liebhaber, mein Verbündeter, mein Vorbild, mein Fels und meine Hoffnung.

Gemeinsam sind wir ein Ganzes.

Herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag, mein dunkler Engel.

19

Dieses Jahr fällt es mir schwerer, dir zu schreiben.
Wir haben die Hölle eines Jahres hinter uns.

Das letzte halbe Jahr hat uns beziehungstechnisch mehr abverlangt als all die Tiefen zuvor. Selbst die hilflose Schwärze von vor 10 Jahren verblasst daneben, weil wir gerade nicht in Schmerz und Hilflosigkeit nebeneinander verstummen, sondern weil wir aktiv und in aller Härte gegeneinander ankämpfen.

Wir lösen uns aus der Zeit der kümmernden Elternschaft, wir geraten mit unseren neuen Bedürfnissen und Beziehungsvorstellungen und Ansprüchen an die Gestaltung unseres bald erstmals zweisamen Lebens massiv aneinander, gegeneinander vor allem.

Diagnosen erleichtern alles und verändern nichts, habe ich vor nicht allzu langer Zeit geschrieben und bei Gott, ich hätte nicht falscher liegen können. Die Monate, in denen wir uns um dich und die Diagnose und um mich und die Hoffnungen gedreht haben, die ich nicht loslassen konnte, waren zermürbend für uns beide. Ich habe dir oft Unrecht getan und statt dir Halt und Sicherheit und Zuversicht zu sein, war ich ein weiterer Gegner, mit dem du es aufnehmen musstest. Ich bedaure dies zutiefst, auch wenn ich weiß, dass es mir anders nicht möglich war. Ich sehe aber, wie sehr du, wie sehr wir darunter gelitten haben, dass ich nicht über diesen Schatten springen konnte. Es tut mir leid um jeden Angriff, um jede Wut, um jede vergeudete Stunde, die wir uns gegenüberstanden, statt Seite an Seite die Herausforderung zu meistern.

Um Silvester herum eskalierte so ziemlich alles und nun, fünf harte Monate später entdecke ich eine neue Ruhe in unserem Miteinander. Auch und gerade wenn es um die Themen geht, die ich im November oder Dezember noch nicht mit dir besprechen konnte, ohne in Schmerz und Wut und Hoffnungslosigkeit zu ertrinken.

Wir verändern uns.
Vielleicht stehen wir uns so nackt gegenüber wie noch nie zuvor in unserer Beziehung.

Die letzten Mäntel des Schweigens wurden abgelegt, die rohe Wahrheit über uns, unsere Bedürfnisse und vor allem unsere Möglichkeiten liegen ungeschönt auf dem Tisch. Die Intimität, die daraus erwächst, ist enorm.

Unser seelisches, geistiges und körperliches Verlangen nacheinander ist ungebrochen. Das Wissen um die Unumstößlichkeit dieses Umstands ist vermutlich die Triebfeder, die uns weitermachen, weiterhoffen und weiterfunktionieren lässt.

Die unstillbare Sehnsucht nacheinander ist das, was uns über die Jahre auch durch dunkle Zeiten getragen hat. Es ist egal, was mit uns passiert ist, in der Nacht ist da diese andere Hand, die immer die meine umschließen wird.

Und weil es ein sehr besonderes Beziehungsjahr war, möchte ich es mit einem stärkeren Bekenntnis als nur der Liebe abschließen:

Ich sehe dich.

Mein geliebter dunkler Engel.

Wir befinden uns zwischen den Jahren und leben und lieben uns intensiv durch diese Tage.

Volljährig, habe ich im Mai geschrieben und das damals noch so naiv anders gemeint als ich es heute fühle. Wer hätte gedacht, dass wir uns schon jetzt auf diese schwindelerregende Fahrt begeben würden?

Ich nicht. Ich habe wenn überhaupt, erst sehr viel später damit gerechnet.

Wir sind hart aneinander geprallt die letzten Monate. Ich streife gerade die letzten Reste des Harmoniebedürfnisses meiner fruchtbaren Jahre ab und wandle mich nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich zum Kern dessen, was mich ausmacht.

Wir sind längst nicht mehr so sehr daran gebunden, dass nur mein Operating System im Alltag oben ist. Die Kinder sind selbständig und schon verdammt groß und das erlaubt mir mehr Freiheiten, mich in Gänze entfalten zu können. Ich weiß, wie schwierig das für dich mitunter ist. Ich weiß, wie hart ich dich mit dir selber konfrontiere. Der Spiegel, den du mir in aller Liebe in den letzten Jahren so oft vorgehalten hast, damit ich mich weiterentwickeln und finden kann, ruht nun in meinen Händen.

Wann immer ich dieser Tage auf deinen Rücken sehe – den schwarzen gefallenen Engel betrachtend, der demütig und trotzdem unbeugsam dort kniet – verschwimmt das Motiv mit dem Träger. Du hast wieder begonnen zu schreiben. Du hast dein Mitleid für dich selber überwunden. Du stellst dich mir, jeder Konfrontation, jedem Gespräch, jedem Schmerz.

Vor allem dem Schmerz. Ich kenne keinen Menschen, der weniger zurückweichen würde als du es tust, wenn es unangenehm wird.

Du hältst die Wahrheit aus, die wir uns geschworen haben. Immer.

Ich weiß, dass du nicht gut schläfst. Ich kenne die Gedanken, die dich umtreiben. Ich kenne die Zweifel. Und ich weiß, dass ich oft grausam bin. Du willst nicht geschont werden. Und das tue ich nicht.

Ich bete dafür, dass wir eine Balance finden. Seit wir aus der Schwärze unserer Beziehung wieder ans Licht geschwommen sind, arbeiten wir Tag um Tag daran, ein besseres Ganzes zu sein als nur zwei Hälften, die zusammengefügt wurden. 10 Jahre sind es nächstes Jahr und wir sind in diesem Prozess weiter gelaufen als ich jemals für möglich hielt. Du hast mich so oft getragen, wenn ich nicht mehr weiterwollte. Wenn ich keinen Sinn mehr gesehen habe in all dem Kampf gegen mich selbst, die Schuldgefühle, die Last, die auf uns und unserer Erinnerung liegt.

Unsere Beziehung war nie leicht.

Nie unbeschwert, nie frei von großer und schwerer Verantwortung.

Der Wandel, den wir die letzten Monate erlebt haben, wäre vor 5, 10, 15 Jahren nie möglich gewesen.

Es ist wie es ist.

Es bringt nichts, das Was wäre gewesen wenn Spiel zu spielen.

Wir sind jetzt an dem Punkt, an den uns die gesamte Beziehungsarbeit der letzten 18 Jahre getragen hat. Jedes Gespräch, jeder Streit, jede Zärtlichkeit, jede Berührung, alle Liebe hat uns hierhin geführt. Und wir sind bereit für den nächsten Schritt. Ich weiß das und ich glaube an uns, mehr denn je.

Ich liebe dich jeden Tag ein bisschen mehr als gestern und ich würde jeden Tag schwören, dass ich dich nicht mehr lieben könnte als genau heute.

Die große Diagnose, die für dich im Raum steht, treibt dich um. Mir schenkt sie Frieden. Die Jahre, die seit dem ersten Verdacht vergangen sind, haben in mir einen Prozess in Gang gesetzt, der mich mit vielem versöhnt. Ich sehe dich in unseren Kindern, die ich anders auf ein Leben vorbereiten kann, in dem der Großteil der Menschheit nicht ihre Sprache spricht. Ich versuche ihnen mehr Werkzeug in die Hände zu legen als es deinen Eltern für dich möglich war. Ich möchte nicht, dass sie das Potential ihres ebenfalls überragenden Intellekts nur dafür nutzen müssen, zu funktionieren wie ihre Umgebung das von ihnen erwartet. Dir wurde so viel Unrecht getan. Auch von mir. Gerade von mir. Das tut mir unendlich leid, ohne dass ich wüsste, wie ich es hätte anders machen können.

Es ist wie es ist.

Es wird wie es sein soll.

Staub zu Staub

Erde zu Erde

Asche zu Asche

Staub zu Staub

Ein Jahr ist vergangen seit meinem Mitternachtsbad und noch ein paar Tage mehr, seit du meine letzte lange WhatsApp Nachricht gelesen und mir nicht mehr geantwortet hast. Ich habe dieser Tage in unserem WhatsAppChat gestöbert, weil ich mich ein Jahr nicht entscheiden konnte, was ich damit mache, aber diese letzten blauen Haken bleiben im Fleisch stecken.

Es war ein Zukunftsausblick – für uns, für die Kinder – direkt vor der großen Operation des Sohnes, ein Einblick in meine Gefühlslage und du hast dich entschieden, mir nicht mehr zu antworten.

Mir nichts mehr mit auf den Weg zu geben, kein Revue passieren, keine Wünsche, nichts.

Du hast dich verabschiedet, du hast dich entschuldigt, aber nicht bei mir.

Für mich bleibt als letzte Amtshandlung für dich eine ungewollte Schnitzeljagd, die auch nach einem Jahr noch nicht vollkommen abgeschlossen ist.

Als letzter Gedanke an dich bleibt mir die Gewissheit, dass Worte der Zugewandtheit, des Abschieds, der guten Wünsche auch dann nicht mir galten, wo du deine letzte Wahl zu treffen hattest.

Das ist kein emotionaler Abschiedsbrief. In meinen Gedanken war der letzte Brief an dich ein Paukenschlag der Emotionen, ein letztes Aufbäumen meiner enttäuschten kindlichen Gefühle, eine Liebeserklärung vielleicht, mit geringer Wahrscheinlichkeit ein Akt des Vergebens vor mir selber.

Und nun sitze ich hier und bin nicht wütend. Nicht traurig. Nicht bewegt.

Überlege, wofür ich dankbar bin, dir im Speziellen.

Für Härte, vielleicht.

Für die Erkenntnis, dass jeder Mensch einen Preis hat.

Dass es nicht viel braucht, seine Menschlichkeit zu verlieren.

Für das Wissen, dass alle Menschen im Grunde ihres Herzens bösartig sind.

Ich lehne es aber auch nach 44 Jahren noch ab, dies zur Maxime meines Lebens zu machen. Mein Universum ist zum Bersten gefüllt mit Begriffen, mit denen du nie etwas anfangen konntest. Liebe. Vertrauen. Zuversicht. Hoffnung. Glaube.

Und jetzt löse ich die letzte Verbindung zwischen uns Beiden.

Ich wünschte, ich hätte andere Worte, irgendetwas Bedeutsames zu sagen, eine Essenz aus deinem Dasein und Wirken, die ich mit in meine Zukunft nehmen werde…

Es ist wie es ist.

Ruhe in Frieden.