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Dieses Jahr fällt es mir schwerer, dir zu schreiben.
Wir haben die Hölle eines Jahres hinter uns.

Das letzte halbe Jahr hat uns beziehungstechnisch mehr abverlangt als all die Tiefen zuvor. Selbst die hilflose Schwärze von vor 10 Jahren verblasst daneben, weil wir gerade nicht in Schmerz und Hilflosigkeit nebeneinander verstummen, sondern weil wir aktiv und in aller Härte gegeneinander ankämpfen.

Wir lösen uns aus der Zeit der kümmernden Elternschaft, wir geraten mit unseren neuen Bedürfnissen und Beziehungsvorstellungen und Ansprüchen an die Gestaltung unseres bald erstmals zweisamen Lebens massiv aneinander, gegeneinander vor allem.

Diagnosen erleichtern alles und verändern nichts, habe ich vor nicht allzu langer Zeit geschrieben und bei Gott, ich hätte nicht falscher liegen können. Die Monate, in denen wir uns um dich und die Diagnose und um mich und die Hoffnungen gedreht haben, die ich nicht loslassen konnte, waren zermürbend für uns beide. Ich habe dir oft Unrecht getan und statt dir Halt und Sicherheit und Zuversicht zu sein, war ich ein weiterer Gegner, mit dem du es aufnehmen musstest. Ich bedaure dies zutiefst, auch wenn ich weiß, dass es mir anders nicht möglich war. Ich sehe aber, wie sehr du, wie sehr wir darunter gelitten haben, dass ich nicht über diesen Schatten springen konnte. Es tut mir leid um jeden Angriff, um jede Wut, um jede vergeudete Stunde, die wir uns gegenüberstanden, statt Seite an Seite die Herausforderung zu meistern.

Um Silvester herum eskalierte so ziemlich alles und nun, fünf harte Monate später entdecke ich eine neue Ruhe in unserem Miteinander. Auch und gerade wenn es um die Themen geht, die ich im November oder Dezember noch nicht mit dir besprechen konnte, ohne in Schmerz und Wut und Hoffnungslosigkeit zu ertrinken.

Wir verändern uns.
Vielleicht stehen wir uns so nackt gegenüber wie noch nie zuvor in unserer Beziehung.

Die letzten Mäntel des Schweigens wurden abgelegt, die rohe Wahrheit über uns, unsere Bedürfnisse und vor allem unsere Möglichkeiten liegen ungeschönt auf dem Tisch. Die Intimität, die daraus erwächst, ist enorm.

Unser seelisches, geistiges und körperliches Verlangen nacheinander ist ungebrochen. Das Wissen um die Unumstößlichkeit dieses Umstands ist vermutlich die Triebfeder, die uns weitermachen, weiterhoffen und weiterfunktionieren lässt.

Die unstillbare Sehnsucht nacheinander ist das, was uns über die Jahre auch durch dunkle Zeiten getragen hat. Es ist egal, was mit uns passiert ist, in der Nacht ist da diese andere Hand, die immer die meine umschließen wird.

Und weil es ein sehr besonderes Beziehungsjahr war, möchte ich es mit einem stärkeren Bekenntnis als nur der Liebe abschließen:

Ich sehe dich.

Mein geliebter dunkler Engel.

Wir befinden uns zwischen den Jahren und leben und lieben uns intensiv durch diese Tage.

Volljährig, habe ich im Mai geschrieben und das damals noch so naiv anders gemeint als ich es heute fühle. Wer hätte gedacht, dass wir uns schon jetzt auf diese schwindelerregende Fahrt begeben würden?

Ich nicht. Ich habe wenn überhaupt, erst sehr viel später damit gerechnet.

Wir sind hart aneinander geprallt die letzten Monate. Ich streife gerade die letzten Reste des Harmoniebedürfnisses meiner fruchtbaren Jahre ab und wandle mich nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich zum Kern dessen, was mich ausmacht.

Wir sind längst nicht mehr so sehr daran gebunden, dass nur mein Operating System im Alltag oben ist. Die Kinder sind selbständig und schon verdammt groß und das erlaubt mir mehr Freiheiten, mich in Gänze entfalten zu können. Ich weiß, wie schwierig das für dich mitunter ist. Ich weiß, wie hart ich dich mit dir selber konfrontiere. Der Spiegel, den du mir in aller Liebe in den letzten Jahren so oft vorgehalten hast, damit ich mich weiterentwickeln und finden kann, ruht nun in meinen Händen.

Wann immer ich dieser Tage auf deinen Rücken sehe – den schwarzen gefallenen Engel betrachtend, der demütig und trotzdem unbeugsam dort kniet – verschwimmt das Motiv mit dem Träger. Du hast wieder begonnen zu schreiben. Du hast dein Mitleid für dich selber überwunden. Du stellst dich mir, jeder Konfrontation, jedem Gespräch, jedem Schmerz.

Vor allem dem Schmerz. Ich kenne keinen Menschen, der weniger zurückweichen würde als du es tust, wenn es unangenehm wird.

Du hältst die Wahrheit aus, die wir uns geschworen haben. Immer.

Ich weiß, dass du nicht gut schläfst. Ich kenne die Gedanken, die dich umtreiben. Ich kenne die Zweifel. Und ich weiß, dass ich oft grausam bin. Du willst nicht geschont werden. Und das tue ich nicht.

Ich bete dafür, dass wir eine Balance finden. Seit wir aus der Schwärze unserer Beziehung wieder ans Licht geschwommen sind, arbeiten wir Tag um Tag daran, ein besseres Ganzes zu sein als nur zwei Hälften, die zusammengefügt wurden. 10 Jahre sind es nächstes Jahr und wir sind in diesem Prozess weiter gelaufen als ich jemals für möglich hielt. Du hast mich so oft getragen, wenn ich nicht mehr weiterwollte. Wenn ich keinen Sinn mehr gesehen habe in all dem Kampf gegen mich selbst, die Schuldgefühle, die Last, die auf uns und unserer Erinnerung liegt.

Unsere Beziehung war nie leicht.

Nie unbeschwert, nie frei von großer und schwerer Verantwortung.

Der Wandel, den wir die letzten Monate erlebt haben, wäre vor 5, 10, 15 Jahren nie möglich gewesen.

Es ist wie es ist.

Es bringt nichts, das Was wäre gewesen wenn Spiel zu spielen.

Wir sind jetzt an dem Punkt, an den uns die gesamte Beziehungsarbeit der letzten 18 Jahre getragen hat. Jedes Gespräch, jeder Streit, jede Zärtlichkeit, jede Berührung, alle Liebe hat uns hierhin geführt. Und wir sind bereit für den nächsten Schritt. Ich weiß das und ich glaube an uns, mehr denn je.

Ich liebe dich jeden Tag ein bisschen mehr als gestern und ich würde jeden Tag schwören, dass ich dich nicht mehr lieben könnte als genau heute.

Die große Diagnose, die für dich im Raum steht, treibt dich um. Mir schenkt sie Frieden. Die Jahre, die seit dem ersten Verdacht vergangen sind, haben in mir einen Prozess in Gang gesetzt, der mich mit vielem versöhnt. Ich sehe dich in unseren Kindern, die ich anders auf ein Leben vorbereiten kann, in dem der Großteil der Menschheit nicht ihre Sprache spricht. Ich versuche ihnen mehr Werkzeug in die Hände zu legen als es deinen Eltern für dich möglich war. Ich möchte nicht, dass sie das Potential ihres ebenfalls überragenden Intellekts nur dafür nutzen müssen, zu funktionieren wie ihre Umgebung das von ihnen erwartet. Dir wurde so viel Unrecht getan. Auch von mir. Gerade von mir. Das tut mir unendlich leid, ohne dass ich wüsste, wie ich es hätte anders machen können.

Es ist wie es ist.

Es wird wie es sein soll.

Emi

Wenn ein Kind stirbt, trauert man lange um die Zukunft.

Ich spüre auch 17 Jahre später noch deine Tritte gegen meinen Bauch.
Und als du gestorben bist, stand meine Welt still.
Ich musste irgendwann weiterleben und heute ist es wie es ist.

Danke, dass du kurz bei uns warst.

Staub zu Staub

Erde zu Erde

Asche zu Asche

Staub zu Staub

Ein Jahr ist vergangen seit meinem Mitternachtsbad und noch ein paar Tage mehr, seit du meine letzte lange WhatsApp Nachricht gelesen und mir nicht mehr geantwortet hast. Ich habe dieser Tage in unserem WhatsAppChat gestöbert, weil ich mich ein Jahr nicht entscheiden konnte, was ich damit mache, aber diese letzten blauen Haken bleiben im Fleisch stecken.

Es war ein Zukunftsausblick – für uns, für die Kinder – direkt vor der großen Operation des Sohnes, ein Einblick in meine Gefühlslage und du hast dich entschieden, mir nicht mehr zu antworten.

Mir nichts mehr mit auf den Weg zu geben, kein Revue passieren, keine Wünsche, nichts.

Du hast dich verabschiedet, du hast dich entschuldigt, aber nicht bei mir.

Für mich bleibt als letzte Amtshandlung für dich eine ungewollte Schnitzeljagd, die auch nach einem Jahr noch nicht vollkommen abgeschlossen ist.

Als letzter Gedanke an dich bleibt mir die Gewissheit, dass Worte der Zugewandtheit, des Abschieds, der guten Wünsche auch dann nicht mir galten, wo du deine letzte Wahl zu treffen hattest.

Das ist kein emotionaler Abschiedsbrief. In meinen Gedanken war der letzte Brief an dich ein Paukenschlag der Emotionen, ein letztes Aufbäumen meiner enttäuschten kindlichen Gefühle, eine Liebeserklärung vielleicht, mit geringer Wahrscheinlichkeit ein Akt des Vergebens vor mir selber.

Und nun sitze ich hier und bin nicht wütend. Nicht traurig. Nicht bewegt.

Überlege, wofür ich dankbar bin, dir im Speziellen.

Für Härte, vielleicht.

Für die Erkenntnis, dass jeder Mensch einen Preis hat.

Dass es nicht viel braucht, seine Menschlichkeit zu verlieren.

Für das Wissen, dass alle Menschen im Grunde ihres Herzens bösartig sind.

Ich lehne es aber auch nach 44 Jahren noch ab, dies zur Maxime meines Lebens zu machen. Mein Universum ist zum Bersten gefüllt mit Begriffen, mit denen du nie etwas anfangen konntest. Liebe. Vertrauen. Zuversicht. Hoffnung. Glaube.

Und jetzt löse ich die letzte Verbindung zwischen uns Beiden.

Ich wünschte, ich hätte andere Worte, irgendetwas Bedeutsames zu sagen, eine Essenz aus deinem Dasein und Wirken, die ich mit in meine Zukunft nehmen werde…

Es ist wie es ist.

Ruhe in Frieden.

Lieber Opa.

Dein 14. Todestag ist schon über einen Monat her und ich habe dieses Jahr tatsächlich nur ein paar Tage vorher daran gedacht und am Tag selber nicht.

Ich nehme an, dass sich die Trauer um dich langsam verändert und das ist okay so.

Die Kirsche blühte dieses Jahr früher als sonst. Ich werde den Baum fällen, seine Zeit ist um. Auch damit habe ich mich mehrere Jahre getragen, aber es ist wie es ist. Wir haben eine Pflaume, die ich gepflanzt habe, als wir die Zusatzkinder aufnahmen und sie trägt jedes Jahr reichlich Früchte. Und ich habe mir Rosen gekauft. Nur rosafarbene. Ich muss immer ein wenig lächeln, wenn ich an ihnen vorbeigehe und mir vorstelle, wie sehr du darüber schimpfen würdest.

Dad ist tot. Das weißt du natürlich, aber ich habe dir bisher nicht darüber geschrieben. Er hat sich selbst getötet. Ich erinnere mich nicht, dass wir je darüber gesprochen haben, wie du zu Suizid stehst. Ich unterstütze das Recht eines jeden Menschen, sein Leben zu beenden, aber ich wünschte, es gäbe schon die Umsetzung dieses Rechts durch Medikamente, die einen würdevollen Tod ermöglichen. Er musste sich selber etwas zusammenmischen und ich glaube, dass ich zumindest dazu deine Meinung kenne. Das letzte dreiviertel Jahr war hart für mich. Es wird langsam. Ziemlich langsam.

Vorgestern hat mein großer Sohn seinen ersten Anzug in Auftrag gegeben. Und ich musste an dich denken. Den ganzen Tag. „Kind, ein Anzug muss vor allem eines tun: Passen.“

Du hast immer gesagt, dass man sich in etwas, in dem man sich nicht wohlfühlt, automatisch benimmt wie ein Clown und ich versuche, das an die Kinder weiterzugeben.

Und als ich das Foto von ihm gesehen habe, wie er da stand, so hochgewachsen und schlank und schön, in Anzug und Weste, da hat mir jemand gefehlt, dem ich das Foto schicken kann.

Du.

Es gibt zwei Menschen, die das Foto gesehen haben, aber das war nicht dasselbe. Ich hätte es gerne dir geschickt.

Hätte dir gerne gezeigt, dass dieses Kind, das dir so ähnlich ist, langsam zum Mann übergeht. Zu einem guten, ehrlichen und anständigen Mann. Ich weiß, dass du wohlwollend genickt hättest, ich weiß es.

Ich trage dich jeden Tag so allgegenwärtig in mir, in meinem Leben, in meinem Lieben, in meinem Handeln, dass es eigentlich egal ist, dass du tot bist, aber manchmal tut es doch noch ziemlich weh.

Lieb dich. Danke, dass du in meiner Kindheit mein Licht warst.

Ich wünschte, ich hätte das früh genug in seinem ganzen Ausmaß erkannt, um es dir persönlich mal gesagt haben zu können.

Hej.

Ich habe wieder von dir geträumt.

Von uns. Seit der Obduktionsbericht da ist, kreist mein Herz darum. Jeden Abend vor dem Einschlafen wälze ich deine letzten Momente im Leben hin und her. Worte im Gehirn, Risse in der Seele. Mitleid. Mitgefühl. Zum Bersten gefüllt mit Emotion. Es tut mir so unendlich leid.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass unser Frieden – ich glaube, der einzig Echte, den wir beide jemals hatten – genau dort stattfand, wo wir Leben genommen haben. Beim Jagen, beim Fischen. Ich habe so viele Lebewesen sterben sehen und gehört. Vor allem gehört. Und ich habe so viele davon selber getötet. Stolz war das, was in deinen Augen dabei aufblitzte. Qualvolle Pein, was ich empfand.

Aber die Jagd – nie waren wir uns näher als hier. Die endlose Ruhe in uns beiden, perfekt aufeinander abgestimmte Bewegungen, absolute Stille, nur Natur um und der Himmel über uns. Glück. Pures Glück. Es gibt einen Akt der Milde, den ich dir nie vergessen werde. Eine Lüge, die ich nur zu gerne geglaubt habe.

Ein Tier ist mir schwer verletzt entkommen und ich bin panisch schreiend und in Tränen aufgelöst vor dir auf die Knie gesunken, während der Schmerz in mir implodierte. Die Schuld, die Teile von mir schon als kleines Kind fast erdrückt hat, die Grundfähigkeit zur Empathie, die alles, was du von mir je verlangt hast, nur darin gipfeln ließ, dass die Trennung in mir so unumkehrbar erfolgte, dass ich den Rest meines Lebens damit verbringen werde, die Bruchstücke meiner Selbst zu finden und mit dem Rest Liebe, der mir bleibt, willkommen zu heißen und in Sicherheit zu wiegen, wie es dir und euch nie möglich war.

Aber an diesem einen Tag, als ich mich nicht beruhigen konnte, als ich nicht aufhören konnte, zu schreien, als die Spiegelneuronen in mir explodierten und mein gesamtes Sein nur aus diesem verletzten und blutendem Wesen im Wald bestand, so dass ich dachte, ich muss an dieser Schuld selber sterben, da hast du mich angelogen.

Es war eine so alberne und barmherzige Lüge, wie nur Kinder sie glauben können, weil sie wollen. Ich hab sie nicht hinterfragt. Als wir zusammenpackten, zum Boot gingen und ich mich darin schluchzend zusammenrollte und einschlief, warst du in meiner Nähe und ich spürte dich.

Als Mensch.

Du hast mich nicht umarmt, nicht berührt, das hast du nie getan, aber da war Menschlichkeit. Ein Funken Verletzlichkeit. Das eine Mal. Ich denke noch heute, so viele Jahrzehnte später, oft an dieses Tier und diesen Moment.

Und an dich, wie du in diesem einen Augenblick warst.

Asche zu Asche

Erde zu Erde.

Asche zu Asche.

Dein Obduktionsbericht ist da. Ich weiß eigentlich gar nicht, ob ich dir heute schreiben will. Meine Nacht war grauenvoll, schwedische Worte mischten sich mit den Bildern, die mein Gehirn malte, wie du deine letzten Momente auf diesem Planeten verbracht hast. Wortfetzen, repetitiv blinkend, grausame Szenen übermalend, bis ich schweißgebadet aufgewacht bin. Zustand nach… Perforation der…

In einer Woche ist Weihnachten, ich habe Post vom Nachlassgericht, das Erbe ist freigegeben, wir haben eine tief verletzte Seele, um die wir uns gerade kümmern, wir haben Sorge um Tiere, völlige Erschöpfung am Ende eines Jahres, das für mich in weiten Teilen einfach nur horrende Erfahrungen und Reaktivierung alter und im Griff zu haben geglaubter Traumata bereithielt.

Und nun halte ich deinen Obduktionsbericht in Händen, fange an zu lesen, weil ich erwarte, dass eine der Fragen, die mich seit 5 Monaten nachts wachhalten, endlich beantwortet werden kann.

Mehrere Chemikalienflaschen unter dem Stuhl…

Ich sitze hier und bin zum ersten Mal nicht wütend, nicht eingeschüchtert, nicht voller Hass, nicht voller Angst, nicht voller Sehnsucht, nichts von all meinen bekannten Gefühlen für dich.

Gar nichts.

Nur eines, das ich noch nie bei dir oder für dich empfunden habe: Mitgefühl.

Tüte in der Hand, gefüllt mit…
Da sind sie wieder, die Wortfetzen.
Mein Magen dreht sich.
Nicht aus Ekel, nicht aus Abscheu, nur aus Mitgefühl.
Du warst allein. So verzweifelt.

Und ich hätte so gerne festgehalten an diesem Bild, wie du da sitzt und auf deinen See siehst, deine Heimat, in Frieden…

Wissen kann man nicht zurückgeben.

Hier schließt sich ein Kreis, nicht wahr?

Ich spüre, wie sich mein Herz öffnet.

Das echte Gefühl.
Da, wo du nie hinkamst.
Und jetzt musstest du dich erst selber auf solch qualvolle Art töten, damit mein Schutzpanzer einen Riss bekommt?

Weitere Substanzen im Haus…
Niemand sollte so sterben. Niemand.
Nicht in der Humanmedizin zugelassen…

Ich will mein Bild wieder zurück. Veranda, See, Schaukelstuhl.

Ich habe genug medizinisches Wissen um anhand der Rückstände in deinem Blut erahnen zu können, wie die Minuten sich gezogen haben müssen.

Und es tut mir leid. Es tut mir so unendlich leid, Dad.
Ich wünschte, wir wären uns in einem anderen Leben begegnet.
Ich wäre gerne ein Kind gewesen, das deine eigenen Wunden heilt.

Ich denke, es ist bald an der Zeit, dass wir uns voneinander verabschieden.

Von der Liebe

Heute vor 11 Jahren wurden wir das letzte Mal Eltern.

Allein der GeBUTZtag ist ein Grund zum Feiern, aber neben all dem Glück über ein ganz besonderes letztes Kind gelten meine Erinnerungen von diesem Morgen vor allem dir.

Du bist mir in Extremsituationen mein Rettungsring, mein Anker, mein Leuchtturm und warst das schon immer. Alles gleichzeitig. Du schaffst es, die ganze Welt um mich herum auszublenden, bis ich durch den Tunnel nur noch mein Ziel im Fokus habe. Gleich ist das Baby da. Du machst das großartig! Du kannst das! Du schaffst das! Noch einmal.

Deine Hände sind die erste Berührung, die all unsere Babys auf dieser Welt Willkommen geheißen haben und dabei hast du nie mich aus dem Blick verloren. Als ich nach dieser letzten Geburt völlig zusammengeklappt bin, da hast du mich und das Baby gehalten. Mit aller Liebe, zu der du fähig bist. Und das ist so unendlich viel mehr, als ich jemals geglaubt hätte, in diesem Leben verdient zu haben.

Ich lag da mit Gebärmuttervorfall, die Hebamme hatte Sorgen, der Bragi lag an meiner Brust und ich konnte ihn nicht festhalten, weil alles schwarz vor Augen wurde und ich nur noch zitterte.

Also hast du ihn festgehalten, damit er weitertrinken konnte. Und mich gleich mit.

Wie du das immer tust.

Ich fluche so oft über deinen Pragmatismus, aber letzten Endes ist er genau das, was dich ausmacht. Die Zärtlichkeit, die du selbst dann noch aufbringen kannst, wenn der Sturm alles wegzureißen droht, erwächst aus dieser Fähigkeit.

Ich habe mich selten mehr geliebt gefühlt als an diesem Morgen, als ich später da lag, mit all meinen Körperflüssigkeiten beschmiert, völlig fertig und die Hebamme mit dem Waschlappen kam und dich mit dem Baby kurz zur Seite schieben wollte.

Denn du hast mich nur angelächelt, ihr den Waschlappen aus der Hand genommen, das Baby in den Arm gedrückt und mit liebevoller Stimme leise gesagt:

Nein. Das ist meine Aufgabe.

Erde zu Erde

Die Bilder sind da.

Ein Video sogar.

Lauter Menschen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Sie gehörten nur zu Deinem. Als die Asche verstreut wurde, sagte eine Stimme: „Wir hoffen, dass du jetzt glücklich bist.“ Und das hinterlässt gerade so viel Leere in mir. Glücklich. Dein Leben war am 20. Juli zu Ende. Bist du jetzt glücklich? Bin ich glücklich? Du fehlst mir. Ich hatte so oft das Handy in der Hand, habe gedanklich formuliert, was ich dir schreibe – es ist so viel bei uns passiert. Und da ist jetzt niemand mehr. Keine Großeltern, keine Eltern, keine Geschwister, niemand.

Der Trost wandelt sich manchmal in Einsamkeit. Habe mich in den vergangenen Wochen häufig gefragt, ob es nötig ist, dass auch ich noch gehe. Ob ich überhaupt Ende und Anfang zugleich sein kann oder ob auch ich meinen Platz räumen muss, um die letzten Erinnerungen mitzunehmen. Ich vereine alles auf mir, was niemals weitergegeben werden darf. Ich bin die Letzte, die sich an die Gräueltaten unserer Familie erinnert, welche Berechtigung habe ich, weiterzuleben, wenn ich diese Geschichte beenden will?

Die Tage werden gerade wieder etwas heller, die Schmerzen weichen, aber die Maske sitzt fest wie immer.

In mir tobt der Sturm.

Ein letzter Brief.

Liebe Anne.

Vor 12 Jahren schon habe ich dir bei unserer Trennung etwas versprochen.

Niemand nach dir.

Ich wollte nie wieder so tief für jemanden empfinden. Wir haben uns gegenseitig fast zerstört. Wir waren so gleich und haben uns in den Abgrund gespiegelt.

Es war außerhalb meiner Ehe die emotionalste und tiefste Verbindung, die ich je erfahren habe. Ein tiefschwarzer Tanz unserer Seelen miteinander. Ich möchte keine Sekunde davon missen, die Zeit mit dir hat mich maßgeblich geprägt. Wir haben es später noch einmal in aller Heimlichkeit miteinander versucht, vorsichtiger und erwachsener diesmal, aber ohne die blutrote Schwärze waren wir nichts.

Nun bist du schon viele Jahre tot und ich habe mich in jeder neuen Freundschaft an mein Versprechen gehalten.
Niemand wird sehen, was du gesehen hast.
Nie wieder.
Niemand nach dir.

Ich habe es gebrochen.

Da ist jemand, der schleichend Teil meines Lebens wurde. Ich kann dir nicht mal mehr sagen, wann oder wie das angefangen hat.

Nur, dass ich Anfang diesen Jahres plötzlich irgendwo in der Natur stand, fassungslos auf eine Nachricht blickte und es mir wie Schuppen von den Augen fiel, dass das schon lange keine Freundschaft mehr war.

Gefährtin, stand dort.

Und ich hatte es ohne viel Nachdenken geschrieben.

Pause, am anderen Ende. Und ich spürte, wie die Angst hochkroch. Angst, nicht zu reichen. Zuviel zu sein. Zuviel zu wollen. Das hatte ich seit dir nicht mehr.

Aber ich bin anders heute. Ich bin erwachsener geworden.

Und auch wenn ich weiß, dass hier auf der anderen Seite die Dunkelheit lauert – ein Mensch, dem keine Form von Leid fremd ist, der Unsagbares erfahren hat – wir tanzen nicht in den Abgrund.

Wir tanzen ins Licht.

Ich weiß nicht, ob uns beiden das jemals möglich gewesen wäre.

Vielleicht hatten auch wir unsere Zeit und ich bemühe mich, es so zu betrachten, dass wir damals das waren, was uns möglich war.

Ich hab dich geliebt. Und ich habe dich losgelassen

Machs gut, Anne.

Und danke für alles.