Lieber Opa.

Dein 14. Todestag ist schon über einen Monat her und ich habe dieses Jahr tatsächlich nur ein paar Tage vorher daran gedacht und am Tag selber nicht.

Ich nehme an, dass sich die Trauer um dich langsam verändert und das ist okay so.

Die Kirsche blühte dieses Jahr früher als sonst. Ich werde den Baum fällen, seine Zeit ist um. Auch damit habe ich mich mehrere Jahre getragen, aber es ist wie es ist. Wir haben eine Pflaume, die ich gepflanzt habe, als wir die Zusatzkinder aufnahmen und sie trägt jedes Jahr reichlich Früchte. Und ich habe mir Rosen gekauft. Nur rosafarbene. Ich muss immer ein wenig lächeln, wenn ich an ihnen vorbeigehe und mir vorstelle, wie sehr du darüber schimpfen würdest.

Dad ist tot. Das weißt du natürlich, aber ich habe dir bisher nicht darüber geschrieben. Er hat sich selbst getötet. Ich erinnere mich nicht, dass wir je darüber gesprochen haben, wie du zu Suizid stehst. Ich unterstütze das Recht eines jeden Menschen, sein Leben zu beenden, aber ich wünschte, es gäbe schon die Umsetzung dieses Rechts durch Medikamente, die einen würdevollen Tod ermöglichen. Er musste sich selber etwas zusammenmischen und ich glaube, dass ich zumindest dazu deine Meinung kenne. Das letzte dreiviertel Jahr war hart für mich. Es wird langsam. Ziemlich langsam.

Vorgestern hat mein großer Sohn seinen ersten Anzug in Auftrag gegeben. Und ich musste an dich denken. Den ganzen Tag. „Kind, ein Anzug muss vor allem eines tun: Passen.“

Du hast immer gesagt, dass man sich in etwas, in dem man sich nicht wohlfühlt, automatisch benimmt wie ein Clown und ich versuche, das an die Kinder weiterzugeben.

Und als ich das Foto von ihm gesehen habe, wie er da stand, so hochgewachsen und schlank und schön, in Anzug und Weste, da hat mir jemand gefehlt, dem ich das Foto schicken kann.

Du.

Es gibt zwei Menschen, die das Foto gesehen haben, aber das war nicht dasselbe. Ich hätte es gerne dir geschickt.

Hätte dir gerne gezeigt, dass dieses Kind, das dir so ähnlich ist, langsam zum Mann übergeht. Zu einem guten, ehrlichen und anständigen Mann. Ich weiß, dass du wohlwollend genickt hättest, ich weiß es.

Ich trage dich jeden Tag so allgegenwärtig in mir, in meinem Leben, in meinem Lieben, in meinem Handeln, dass es eigentlich egal ist, dass du tot bist, aber manchmal tut es doch noch ziemlich weh.

Lieb dich. Danke, dass du in meiner Kindheit mein Licht warst.

Ich wünschte, ich hätte das früh genug in seinem ganzen Ausmaß erkannt, um es dir persönlich mal gesagt haben zu können.

Hej.

Ich habe wieder von dir geträumt.

Von uns. Seit der Obduktionsbericht da ist, kreist mein Herz darum. Jeden Abend vor dem Einschlafen wälze ich deine letzten Momente im Leben hin und her. Worte im Gehirn, Risse in der Seele. Mitleid. Mitgefühl. Zum Bersten gefüllt mit Emotion. Es tut mir so unendlich leid.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass unser Frieden – ich glaube, der einzig Echte, den wir beide jemals hatten – genau dort stattfand, wo wir Leben genommen haben. Beim Jagen, beim Fischen. Ich habe so viele Lebewesen sterben sehen und gehört. Vor allem gehört. Und ich habe so viele davon selber getötet. Stolz war das, was in deinen Augen dabei aufblitzte. Qualvolle Pein, was ich empfand.

Aber die Jagd – nie waren wir uns näher als hier. Die endlose Ruhe in uns beiden, perfekt aufeinander abgestimmte Bewegungen, absolute Stille, nur Natur um und der Himmel über uns. Glück. Pures Glück. Es gibt einen Akt der Milde, den ich dir nie vergessen werde. Eine Lüge, die ich nur zu gerne geglaubt habe.

Ein Tier ist mir schwer verletzt entkommen und ich bin panisch schreiend und in Tränen aufgelöst vor dir auf die Knie gesunken, während der Schmerz in mir implodierte. Die Schuld, die Teile von mir schon als kleines Kind fast erdrückt hat, die Grundfähigkeit zur Empathie, die alles, was du von mir je verlangt hast, nur darin gipfeln ließ, dass die Trennung in mir so unumkehrbar erfolgte, dass ich den Rest meines Lebens damit verbringen werde, die Bruchstücke meiner Selbst zu finden und mit dem Rest Liebe, der mir bleibt, willkommen zu heißen und in Sicherheit zu wiegen, wie es dir und euch nie möglich war.

Aber an diesem einen Tag, als ich mich nicht beruhigen konnte, als ich nicht aufhören konnte, zu schreien, als die Spiegelneuronen in mir explodierten und mein gesamtes Sein nur aus diesem verletzten und blutendem Wesen im Wald bestand, so dass ich dachte, ich muss an dieser Schuld selber sterben, da hast du mich angelogen.

Es war eine so alberne und barmherzige Lüge, wie nur Kinder sie glauben können, weil sie wollen. Ich hab sie nicht hinterfragt. Als wir zusammenpackten, zum Boot gingen und ich mich darin schluchzend zusammenrollte und einschlief, warst du in meiner Nähe und ich spürte dich.

Als Mensch.

Du hast mich nicht umarmt, nicht berührt, das hast du nie getan, aber da war Menschlichkeit. Ein Funken Verletzlichkeit. Das eine Mal. Ich denke noch heute, so viele Jahrzehnte später, oft an dieses Tier und diesen Moment.

Und an dich, wie du in diesem einen Augenblick warst.

Asche zu Asche

Erde zu Erde.

Asche zu Asche.

Dein Obduktionsbericht ist da. Ich weiß eigentlich gar nicht, ob ich dir heute schreiben will. Meine Nacht war grauenvoll, schwedische Worte mischten sich mit den Bildern, die mein Gehirn malte, wie du deine letzten Momente auf diesem Planeten verbracht hast. Wortfetzen, repetitiv blinkend, grausame Szenen übermalend, bis ich schweißgebadet aufgewacht bin. Zustand nach… Perforation der…

In einer Woche ist Weihnachten, ich habe Post vom Nachlassgericht, das Erbe ist freigegeben, wir haben eine tief verletzte Seele, um die wir uns gerade kümmern, wir haben Sorge um Tiere, völlige Erschöpfung am Ende eines Jahres, das für mich in weiten Teilen einfach nur horrende Erfahrungen und Reaktivierung alter und im Griff zu haben geglaubter Traumata bereithielt.

Und nun halte ich deinen Obduktionsbericht in Händen, fange an zu lesen, weil ich erwarte, dass eine der Fragen, die mich seit 5 Monaten nachts wachhalten, endlich beantwortet werden kann.

Mehrere Chemikalienflaschen unter dem Stuhl…

Ich sitze hier und bin zum ersten Mal nicht wütend, nicht eingeschüchtert, nicht voller Hass, nicht voller Angst, nicht voller Sehnsucht, nichts von all meinen bekannten Gefühlen für dich.

Gar nichts.

Nur eines, das ich noch nie bei dir oder für dich empfunden habe: Mitgefühl.

Tüte in der Hand, gefüllt mit…
Da sind sie wieder, die Wortfetzen.
Mein Magen dreht sich.
Nicht aus Ekel, nicht aus Abscheu, nur aus Mitgefühl.
Du warst allein. So verzweifelt.

Und ich hätte so gerne festgehalten an diesem Bild, wie du da sitzt und auf deinen See siehst, deine Heimat, in Frieden…

Wissen kann man nicht zurückgeben.

Hier schließt sich ein Kreis, nicht wahr?

Ich spüre, wie sich mein Herz öffnet.

Das echte Gefühl.
Da, wo du nie hinkamst.
Und jetzt musstest du dich erst selber auf solch qualvolle Art töten, damit mein Schutzpanzer einen Riss bekommt?

Weitere Substanzen im Haus…
Niemand sollte so sterben. Niemand.
Nicht in der Humanmedizin zugelassen…

Ich will mein Bild wieder zurück. Veranda, See, Schaukelstuhl.

Ich habe genug medizinisches Wissen um anhand der Rückstände in deinem Blut erahnen zu können, wie die Minuten sich gezogen haben müssen.

Und es tut mir leid. Es tut mir so unendlich leid, Dad.
Ich wünschte, wir wären uns in einem anderen Leben begegnet.
Ich wäre gerne ein Kind gewesen, das deine eigenen Wunden heilt.

Ich denke, es ist bald an der Zeit, dass wir uns voneinander verabschieden.

Von der Liebe

Heute vor 11 Jahren wurden wir das letzte Mal Eltern.

Allein der GeBUTZtag ist ein Grund zum Feiern, aber neben all dem Glück über ein ganz besonderes letztes Kind gelten meine Erinnerungen von diesem Morgen vor allem dir.

Du bist mir in Extremsituationen mein Rettungsring, mein Anker, mein Leuchtturm und warst das schon immer. Alles gleichzeitig. Du schaffst es, die ganze Welt um mich herum auszublenden, bis ich durch den Tunnel nur noch mein Ziel im Fokus habe. Gleich ist das Baby da. Du machst das großartig! Du kannst das! Du schaffst das! Noch einmal.

Deine Hände sind die erste Berührung, die all unsere Babys auf dieser Welt Willkommen geheißen haben und dabei hast du nie mich aus dem Blick verloren. Als ich nach dieser letzten Geburt völlig zusammengeklappt bin, da hast du mich und das Baby gehalten. Mit aller Liebe, zu der du fähig bist. Und das ist so unendlich viel mehr, als ich jemals geglaubt hätte, in diesem Leben verdient zu haben.

Ich lag da mit Gebärmuttervorfall, die Hebamme hatte Sorgen, der Bragi lag an meiner Brust und ich konnte ihn nicht festhalten, weil alles schwarz vor Augen wurde und ich nur noch zitterte.

Also hast du ihn festgehalten, damit er weitertrinken konnte. Und mich gleich mit.

Wie du das immer tust.

Ich fluche so oft über deinen Pragmatismus, aber letzten Endes ist er genau das, was dich ausmacht. Die Zärtlichkeit, die du selbst dann noch aufbringen kannst, wenn der Sturm alles wegzureißen droht, erwächst aus dieser Fähigkeit.

Ich habe mich selten mehr geliebt gefühlt als an diesem Morgen, als ich später da lag, mit all meinen Körperflüssigkeiten beschmiert, völlig fertig und die Hebamme mit dem Waschlappen kam und dich mit dem Baby kurz zur Seite schieben wollte.

Denn du hast mich nur angelächelt, ihr den Waschlappen aus der Hand genommen, das Baby in den Arm gedrückt und mit liebevoller Stimme leise gesagt:

Nein. Das ist meine Aufgabe.

Erde zu Erde

Die Bilder sind da.

Ein Video sogar.

Lauter Menschen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Sie gehörten nur zu Deinem. Als die Asche verstreut wurde, sagte eine Stimme: „Wir hoffen, dass du jetzt glücklich bist.“ Und das hinterlässt gerade so viel Leere in mir. Glücklich. Dein Leben war am 20. Juli zu Ende. Bist du jetzt glücklich? Bin ich glücklich? Du fehlst mir. Ich hatte so oft das Handy in der Hand, habe gedanklich formuliert, was ich dir schreibe – es ist so viel bei uns passiert. Und da ist jetzt niemand mehr. Keine Großeltern, keine Eltern, keine Geschwister, niemand.

Der Trost wandelt sich manchmal in Einsamkeit. Habe mich in den vergangenen Wochen häufig gefragt, ob es nötig ist, dass auch ich noch gehe. Ob ich überhaupt Ende und Anfang zugleich sein kann oder ob auch ich meinen Platz räumen muss, um die letzten Erinnerungen mitzunehmen. Ich vereine alles auf mir, was niemals weitergegeben werden darf. Ich bin die Letzte, die sich an die Gräueltaten unserer Familie erinnert, welche Berechtigung habe ich, weiterzuleben, wenn ich diese Geschichte beenden will?

Die Tage werden gerade wieder etwas heller, die Schmerzen weichen, aber die Maske sitzt fest wie immer.

In mir tobt der Sturm.

Ein letzter Brief.

Liebe Anne.

Vor 12 Jahren schon habe ich dir bei unserer Trennung etwas versprochen.

Niemand nach dir.

Ich wollte nie wieder so tief für jemanden empfinden. Wir haben uns gegenseitig fast zerstört. Wir waren so gleich und haben uns in den Abgrund gespiegelt.

Es war außerhalb meiner Ehe die emotionalste und tiefste Verbindung, die ich je erfahren habe. Ein tiefschwarzer Tanz unserer Seelen miteinander. Ich möchte keine Sekunde davon missen, die Zeit mit dir hat mich maßgeblich geprägt. Wir haben es später noch einmal in aller Heimlichkeit miteinander versucht, vorsichtiger und erwachsener diesmal, aber ohne die blutrote Schwärze waren wir nichts.

Nun bist du schon viele Jahre tot und ich habe mich in jeder neuen Freundschaft an mein Versprechen gehalten.
Niemand wird sehen, was du gesehen hast.
Nie wieder.
Niemand nach dir.

Ich habe es gebrochen.

Da ist jemand, der schleichend Teil meines Lebens wurde. Ich kann dir nicht mal mehr sagen, wann oder wie das angefangen hat.

Nur, dass ich Anfang diesen Jahres plötzlich irgendwo in der Natur stand, fassungslos auf eine Nachricht blickte und es mir wie Schuppen von den Augen fiel, dass das schon lange keine Freundschaft mehr war.

Gefährtin, stand dort.

Und ich hatte es ohne viel Nachdenken geschrieben.

Pause, am anderen Ende. Und ich spürte, wie die Angst hochkroch. Angst, nicht zu reichen. Zuviel zu sein. Zuviel zu wollen. Das hatte ich seit dir nicht mehr.

Aber ich bin anders heute. Ich bin erwachsener geworden.

Und auch wenn ich weiß, dass hier auf der anderen Seite die Dunkelheit lauert – ein Mensch, dem keine Form von Leid fremd ist, der Unsagbares erfahren hat – wir tanzen nicht in den Abgrund.

Wir tanzen ins Licht.

Ich weiß nicht, ob uns beiden das jemals möglich gewesen wäre.

Vielleicht hatten auch wir unsere Zeit und ich bemühe mich, es so zu betrachten, dass wir damals das waren, was uns möglich war.

Ich hab dich geliebt. Und ich habe dich losgelassen

Machs gut, Anne.

Und danke für alles.

Vier

Vier Wochen.

Vier. Das ist doch Irrsinn. Du bist tot, dein Haus ist ein Tatort, ich habe keine Ahnung, wo dein Leichnam inzwischen ist, ich kenne weder Todesursache noch Todeszeitpunkt, ich schwebe im Nichts und wenn ich nicht jeden Tag aufstehe und meinen Alltag abreiße, dann werde ich vermutlich einfach wahnsinnig. Ich kann nichts durchdenken, weil da nichts ist. Alles ist unklar. Ich kann nichts fühlen, weil ich weder jemanden habe, dem ich Fragen stellen könnte noch jemanden, der mir Antworten liefern würde.

Zwischenzeit.

Zwielicht.

In der Seele.

Meine Wut ist da. Sie lauert. Ich merke, wie mich der Dauerschmerz im Kiefer seit dreieinhalb Wochen mürbe macht. Merke, wie nah ich der Grenze komme. Versuche, mit ausreichend Pausen, Schlaf und Rückzug nicht ins Gefühl zu rutschen, nicht zu explodieren, nicht herumzuschreien, nicht zu verzweifeln. Es fände kein Echo. Da ist nichts, was mir antworten würde.

Anhörung Mitte September, dann noch mal vier Wochen Bearbeitung zum endgültigen Termin, dann ist Oktober, dann noch mal Bürokratie, dann vielleicht… wenn alles seinen Gang geht…

Wie soll ich etwas abschließen, von dem mir die losen Enden nicht mal bekannt sind?

Wir können nicht mal dein Scheißadressbuch aus dem Haus holen, um die Leute über deinen Tod zu informieren, bei denen du dir das gewünscht hast.

Nicht mal dein verficktes Adressbuch, verstehst du?

Nein, natürlich nicht. Du bist tot. Irgendwo im Nirgendwo.

Ohne Glauben, ohne Hoffnung, ohne Abschied bist du aus dieser Welt gegangen.

Ich merke, wie ich mit jedem Wort schon wieder wütender werde. Suizid ist ein Menschenrecht. Ich werde das niemals in Frage stellen. Und ich finde gerade alles daran kacke. Alles. Was, wenn Kjell an diesem Tag seine Kinder dabeigehabt hätte? Deine Patenenkel? Was, wenn die Kinder dich gefunden hätten? Was, wenn er erst Tage später gekommen wäre? Du lebst da mit Wildtieren mitten im Wald. Meine Fresse. Ich bin so wütend – auf alles. Auf alles.

Und ich soll jetzt den einzigen Mann anrufen, den du für diesen Schritt um Verzeihung gebeten hast und ich schaffe es einfach nicht. Es frisst mich auf. Ich will meine letzten Worte, ich will meinen Abschiedsbrief, ich will meinen verdammten Abschluss.

Stattdessen spiele ich dein letztes Spiel gegen mich selber in den seelischen Untiefen meiner Vergangenheit.

Ich bin am Ende.

Ganz allumfassend.

Also mache ich das Einzige, das in meinem Leben immer funktioniert hat.

Weiter.

Die ewige Versagerin

Ich hatte versagt.

Ich war 13, 14? und hatte im Training auf ganzer Ebene versagt. Mal wieder. Ich habe geweint. Die Tränen liefen mir die Wangen runter und ich hatte mich mehr als einmal zu einem disziplinlosen Keuchen hinreißen lassen. Der Fuß schmerzte immer noch, wo du mir vor Tagen den Zehennagel rausgerissen hattest.

Blickkontakt. Hart bleiben. Entspannen. Schmerz existiert nicht. Schmerz ist nur ein Gedankenkonstrukt. Ich wartete auf den vernichtenden Schlag. Er kam nicht.

Sollte es einer deiner weichen Tage sein? Wir hatten einige davon. Mit Reden, Lachen, Abenteuer. Ich habe dich vergöttert.

Aber es sollte stattdessen eine Lektion folgen.

Ich hatte immer Schwierigkeiten mit dem Gewürgtwerden. War nicht entspannt genug, die Griffe saßen nicht richtig, ich war zu langsam, zu hektisch, zu panisch, zu .. irgendwas. Und dann sagtest du: „Umfass von hinten meinen Hals. Drück zu. Würg mich. Fixier deinen Griff. So wie du es gelernt hast.“

Das war das erste Mal, dass ich etwas üben sollte, bei dem du am Anfang in einer unterlegenen Position sein solltest.

Und das hat mich innerlich so entsetzt, dass ich vor lauter Überraschung einfach Nein sagte.

Der Jähzorn nahm dich sofort mit. Das Gebrüll war infernalisch und ich war so überfordert, dass ich weinend zusammenzuckte.

Das hat dich nur noch wütender gemacht. Meine Mutter kam irgendwann dazu und forderte mich genervt auf, doch einfach zu tun, was du verlangst. Und ich konnte nicht. Da war sie wieder, diese Sperre in mir. Ich konnte einfach nicht.

Luftnot ist meine Nemesis, damals wie heute. Waterboarding, Würgespiele, unter Wasser gedrückt werden, es war immer die größte Herausforderung für mich. Ewiger Versager. Zu hoher Herzschlag, Panik, keine Regulation. Ich kannte die Kritik. Und ausgerechnet dir das Unvorstellbare anzutun, und sei es nur im Spiel – ich konnte nicht. Ich konnte einfach nicht.

Wir brüllten inzwischen alle durcheinander und ich hatte keine Ahnung, wohin das führen würde. Du versuchtest, mich mit Gewalt dazu zu bringen, dich zu würgen und ich hing da an dir wie ein nasser schlaffer weinender Sack und brüllte nur wütend Nein!

Es entbehrt in der Rückschau nicht einer gewissen Komik, dass es ausgerechnet deine eigene Verzweiflung war, die dich immer zorniger hat werden lassen.

Und dann schrie ich aus Leibeskräften die Worte, die alles veränderten. Ich werde dir nicht wehtun, Dad. Ich kann nicht. Ich will nicht.

Die Enttäuschung, die über dein Gesicht zog, werde ich wohl nie vergessen. Es war der Moment, in dem du alle Hoffnung, die du jemals in mich gesetzt hast, aufgegeben hast. Kein Elitekämpfer. Kein Übermensch. Keine perfekt nach deinen Vorstellungen geformte und beliebig programmierbare neue Menschenklasse. Wir hatten beide versagt. Es war der Moment, der für dich wohl den Tiefpunkt deiner Vaterschaft darstellte.

20 Jahre später haben wir uns ausgetauscht und du hast dir immer verbeten, über „emotionalen Mist“ aus meiner Kindheit sprechen zu müssen.

Das Einzige, was du mir geschrieben hast, war, dass du mich einige Jahre geliebt hättest. Dass du große Erwartungen in mich gesetzt hattest. Und dass ich und meine Fehlentscheidungen eine solche Enttäuschung für dich waren, dass du nicht anders konntest, als dich von mir abzuwenden.

Vielleicht konnte mir nichts Besseres passieren.

Happy Birthday

Ich habe dir gestern nicht gratuliert.

Du wärst 75 geworden, wenn du dich nicht 16 Tage vor deinem Geburtstag getötet hättest. Ich habe versucht, an dich zu denken. Versuche, in Gedanken eine Rede zu schreiben, wie ich sie auf deiner Beerdigung halten würde, es gelingt mir nicht.

Ich bin die Tage wieder ein bisschen aus meiner Starre aufgewacht, habe wieder angefangen, hier im Haus und im Garten etwas zu tun, mich zu bewegen, etwas zu schaffen. Es ist zäher Morast, der an meinen Schuhen klebt. Ich komme nur mühsam vorwärts.

Meine schönste Erinnerung an dich? Ich versuche, eine zu finden, die ganz ohne Häme, blöde Bemerkungen, Demütigungen oder Alkohol auskommt. Es ist schwer – verdammt schwer – eine zu finden.

Die Stunden auf dem Boot sind vorne mit dabei. Das war Zeit, in der wir frei waren. Im Wald. Nachts, in der Dunkelheit unter Sternenhimmel. Es gibt sie, die schönen Momente, die mich geprägt haben. Gespräche, die bis heute kostbare Erinnerungen formen. Aber sie leuchten nicht hell in mir.

Was werde ich Positives von dir mit in meine Zukunft nehmen? Dass du ein schwieriger Mensch warst? Dass du manchmal so gnädig warst, Menschen nicht völlig zu vernichten obwohl du das gekonnt hättest? Du hast mich oft stolz angesehen. Beim Ergebnis meiner IQ-Tests. Als mehrere tausend Menschen nach meinen Auftritten aufgestanden sind und applaudiert haben. Bei jeder Urkunde, bei jeder Eins, bei jedem arroganten Schritt nach ganz oben aufs Siegertreppchen. Ich glaube aber, da warst du nicht stolz auf mich. Du warst stolz auf deine Leistung, so jemanden geformt zu haben.

Die Form von zärtlichem Stolz, die man für ein geliebtes Wesen empfindet, einfach weil es ist, weil es existiert und sich treu bleibt – ich weiß nicht, ob du das jemals empfinden konntest.

Ich wünsche dir vielleicht heute einfach, dass du jetzt jenes Glück und jenen Frieden gefunden hast, die dir im Leben versagt blieben.

Happy Birthday, Dad.

Tag3

Hej Dad. Tag3? Tag3.

Ein weiterer Umschlag also.

Für mich.

Kein aktueller.

Einer, der schon vor Jahren deponiert wurde.

Du hast eine treue Gefolgschaft um dich geschart, ich habe nichts anderes erwartet.

Sie werden schweigen, wenn ich nicht genau das tue, was du wolltest, nicht wahr? Ich kann alles haben oder gar nichts. Aber nur nach deinen Regeln. Du würdest lieber alles zerstören als zuzulassen, eine Situation nicht mehr unter Kontrolle halten zu können. Aber soll ich dir was sagen?

Du bist tot. Du spielst das Spiel nicht mehr. Und ich – ich kann mich entscheiden, ob ich das will oder nicht. Ich bin schon lange nicht mehr finanziell von dir abhängig, ich habe ein vollkommen abgesichertes Leben und deine Gier nach Reichtum ist mir fremd.

Alles, was ich noch erreichen will, werde ich auch ohne dein Erbe tun und das war immer mein Maßstab.

Ich weiß, wo dein Geld herkommt.

Ich weiß, wie schmutzig unser Erbe ist.

Seit Generationen.

Ich will es nicht.

Wir hatten den Deal, dass du den Menschen, die dir dort in Schweden etwas bedeuten, zu deinen Lebzeiten ermöglichst, ein sicheres Leben zu führen.

Sie wissen nichts von unserer Vergangenheit und sie haben dich erst als alten Mann kennengelernt, der in der Lage ist, so etwas wie Gefühle zu empfinden, nicht als den Psychopathen, der du eigentlich bist.

Ich weiß nicht, ob das Alter dich wirklich weicher gemacht hat. Ich will daran glauben.

Ich will daran glauben, dass die letzten 4 Jahre Austausch mit mir nach dem Tod meiner Mutter etwas verändert haben.

Du hast dein Haus verschenkt. Dein Grundstück. Deinen Wald. Deinen See.

Ich weiß nicht, ob meine Ablehnung all dessen dir wehgetan hat.

Ob all das vielleicht sogar eine verquere Art von Strafe war, damit ich in anderer Hinsicht zur Besinnung komme.

Die Familie, in deren Eigentum dein Besitz jetzt übergehen wird, lebt schon dort.

Sie wird deine Wahlheimat mehr zu schätzen wissen als ich.

So sehr ich dein Land liebe – mein Zuhause ist hier.

Der Umschlag… Ich werde persönlich mit einem deiner Freunde reden müssen, wenn ich erfahren will, was es damit auf sich hat.

Ich werde eine Nacht darüber schlafen.

Denn ich habe Zeit.