Wolfswelpe [Cailean]

Wir sind gerannt.

Hand in Hand. Über den Fluss. Über die Felder.

Es ist Mitternacht vorbei und ich nehme dich mit auf die Wege meiner Kindheit. Irgendwann bleiben wir stehen, völlig außer Puste, erschöpft, lachend, glücklich, frei.

Der Vollmond scheint hell auf uns nieder und ich kann dich so deutlich sehen. Ich liebe dich mit allem, was ich habe, mit allem, was ich bin und mit allem, was ich jemals sein werde.

Keiner von uns beiden weiß, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits unseren Sohn unter dem Herzen trage.
Unser erstes und unser einziges Kind.

Ich ziehe ungeduldig meine Kleidung aus, bis ich dort im Mondlicht nackt vor dir stehe, mitten in der Nacht, nur den Sternenhimmel als Zeuge. Du blickst mich liebevoll an, lachst, umfasst meine Taille, ziehst mich an dich und küsst mich. Bei dir bin ich zuhause.

Das Universum hält für einen winzigen Moment den Atem an.

[21 Jahre später ist diese Erinnerung noch genauso hell wie der Mond damals. Meine Liebe ebenfalls. Wir nicht mehr.]

Zugehörigkeit

Was auf eine zwar eher akademische Art nichtsdestotrotz nicht weniger faszinierend ist: Als Babys und Kleinkinder haben die Kinder uns instinktiv auseinanderhalten können gefolgt von vielen Jahren, in denen das unwichtig war.

Je älter die Kinder werden, desto schneller erkennen sie mich wieder.

Und ich glaube, dass sie nicht einmal einen Namen dafür haben.

Müssen sie auch nicht.

Verloren

Ab Ende Januar fiel ich in ein Loch aus Erschöpfung, absoluter Müdigkeit, Angst, Trauer und Schmerzen.

10 Monate sind es nun fast, die ich nur durch Watte wahrgenommen habe. Mit wachen Momenten, aber im Rückblick ist da – nichts.

Ich sehe mir die gespeicherten Bilder auf meinem Computer an und da ist – nichts.

Kein Gefühl, keine Gewissheit, daran teilgenommen zu haben.

Nur das theoretische Konstrukt, dass diese 10 Monate zu meinem Leben dazugehört haben sollen.

Ich merke, wie ich langsam wacher werde.

Wie es heller wird.

Dezember, schon fast.

Adventszeit.

Weihnachten, bald.

Ich sehe meine Kinder an und staune, wie groß sie geworden sind.

Sehe in die Augen meines Mannes und entdecke dort viel Einsamkeit und Trauer.

In etwas mehr als einem Monat werde ich entscheiden können, ob es ein gutes Jahr war.

Im Moment kommt es mir noch so vor, als hätte ich mich irgendwann darin verloren. Traurig.

Zeitsprung

Als ich das Baby dem Mann nach meinem völligen seelischen und körperlichen Zusammebruch überantwortete, war es noch ein Neugeborenes.

Ich weiß nicht, womit er es in den letzten anderthalb Wochen gefüttert hat, aber heute wache ich auf und neben mir liegt eine breit grinsende dicke Speckmade, die viel zu wach in die Welt kuckt.

Und während ich versuche, die Zeit zu greifen, die für mich stehen geblieben ist und für alle anderen so munter weiter läuft, macht der dicke Drops neben mir munter Spucke- und Milchschaumbläschen mit dem Mund.

Bleibt alles anders.

Die Antibiotika haben ihre Schuldigkeit getan, die Schmerzmittel werden weniger, das Trauma bleibt. Wir tasten uns langsam wieder ans Stillen heran, Ausgang ungewiss. Momentan eher Trost als Nahrung. Für uns beide, irgendwie. Keine Kraft für irgendetwas anderes außer mir. Nicht mal für mich ausreichend.

Und doch heute wieder so etwas wie Alltag. Ein Versuch.
Stur, hat der Mann mich heute Nacht angeschrien, wäre ich.
Und ich weiß, wie Recht er hat.

Ich will… Ich will alleine, ich will selber, ich will alles im Griff haben, ich will mein altes Leben zurück, ich will keine Schmerzen mehr haben, ich will so nicht weitermachen, ich will mir nicht helfen lassen.

Und doch bin ich drauf angewiesen, auf diese Scheißhilfe, die ich so gar nicht brauchen will. Also schweige ich stumm, wenn er meine Arbeit erledigt. Die Kinder morgens fertig macht und in den Kindergarten bringt. Essen kocht. Backt. Aufräumt. Entscheidungen trifft.
Dem Baby eine Mutter ist…

Vielleicht ist das das Härteste. Vor Schmerzen das Baby nicht versorgen können.

Ein Schritt, heute. Er geht einige Stunden zur Arbeit.
Und ich stehe noch.

Nicht fest, nicht sicher, mit Schmerzen, mit Wut und Verzweiflung, aber ich stehe aufrecht.

Weiter. Immer. Weiter.

Bleibt alles anders

Ich habe in den letzten Tagen gleich mehrere Versprechen gebrochen, die ich mir im Laufe der letzten Jahre mühsam abgerungen habe.

Der Boden, auf dem ich gehe, ist dünn.

Ich spüre sein Beben, die Haltlosigkeit bei jedem einzelnen Schritt. Atemlos lenke ich meine Schritte weiter. Weiter, immer weiter.

Immer darauf gefasst, im nächsten Moment in die Tiefe gerissen zu werden.

Und jedes Mal, wenn ich denke, es passiert nun, jeden Moment, jetzt, gleich… dann mache ich einen weiteren Schritt.

Ich spüre das Vibrieren unter mir.

Es ist nur eine Frage der Zeit.

Wie sehr habe ich mein Leben gelebt?

Verführung

So verlockend, einfach zu fliehen. So oder so.

Sucht, Tod, was auch immer. Ist im Grunde vielleicht sogar das Gleiche.
Die Rückkehr ist es, die Probleme bereitet.
Kleines zahnloses Lächeln, das mich in dieser Welt hält.
Dieser Geruch, der mehr als nur fünf Sinne anspricht…
Der Hauch einer Ahnung nur, was noch kommen könnte.
Müde.
Trostlos.
Es muss nicht gut sein, um weiterzugehen.
Ab einem bestimmten Punkt geht es nur noch um die Sache als solche.

Weiter, immer weiter.

Ankommen

Schnelle Geburt, schnuffeliges Baby, viel Milch, Stillen, Träumereien, Kennenlernen, Ruhe, Muße, im Bett bleiben, sich verwöhnen lassen, ankommen…

Ich habe in nun 5 Tagen gelernt, dass das diesmal nicht klappt.

Mein Körper ist schwer traumatisiert nach der Geburt, ich habe unter den Presswehen einige grausame Flashbacks erlebt, die auch 5 Tage später immer noch meinen Geist in die Knie zwingen, wenn ich mir einen flüchtigen Blick darauf erzwinge, es mischen sich grenzenlose Energie und die körperliche Erschöpfung aus 9 Monaten Schwangerschaft, in der sich Muskeln und Kapazitäten enorm zurückgebildet haben und ich schwanke zwischen Schlafmangel, viel zu viel Blut, Tränen der Verzweiflung und der Freude und körperlichen Schmerzen, die ihresgleichen suchen.

Romantisch ist das alles wohl nicht.

Mitten im Kampf traf ich Sonntagnacht eine Entscheidung, die eine Gute war.

Loslassen.

Immer noch gebären, dies alles.

Ein neues Leben. Seins wie unseres.

Das neue Leben als Familie muss nicht so klappen, wie wir uns das wünschen oder gedacht haben oder wir es kennen.

Es muss für uns funktionieren. Im Hier. Im Jetzt. Jeden Tag und jedes Mal neu. Ich darf mich verwundet fühlen. Ich bin es. Damals wie heute, wo das alles wieder hochgeholt wurde.

Wenn mein Geist von Erinnerungssequenzen überflutet wird, wie ich angebunden und geknebelt dort liege, Geschlechtsteile und Brüste blutig und verletzt, dann muss ich kein Kind stillen.

Dann darf ich auf den Schrank mit den Flaschen zeigen und einfach nur warten. Langsam weitergehen. Allein. Um dann einige Stunden später freiwillig und nur der Liebe geschuldet mein Kind wieder ans Herz zu drücken und es zu ernähren. Weil ich bereit bin. Achtsam. Mir selbst gegenüber. Ich habe diese Wahl.

Und seit ich mich selbst nicht mehr ans Licht zwinge, sondern es ertragen kann, einen Moment in der Dunkelheit zu kauern, wird es wieder heller.

Ein entspannter kleiner Mensch ist er, der kleine Wanderer.

Er macht es mir so leicht, weiterzugehen.
Mit Tränen.
Mit viel Wut und Verzweiflung und Trauer.
Mit viel Liebe.
Immer Hand in Hand.
Seite an Seite.

Ankommen.