Es gibt Kinder, die lässt man mit schwererem Herzen in die Welt hinaus.
Nicht, weil sie weniger könnten oder man ihnen weniger zutrauen würde, sondern weil man nach zwei Jahrzehnten Begleitung sehr genau weiß, wie hoch der Preis ist, den sie für all das zahlen müssen, das anderen Menschen zufliegt.
Weil man erlebt hat, dass Rückschläge nicht einfach nur kleine Stolpersteine sind, sondern zu großen unverrückbaren Felsen werden, die das eigene Selbst und dessen Bild zu einem unbewegbaren Häufchen Mutlosigkeit zusammenquetschen, das lange brauchen wird, um sich davon zu erholen und neu Anlauf zu nehmen.
Und all dieses Wissen darf trotzdem nie zur Maxime meiner Handlung werden. Im Gegenteil. Meine Angst gehört mir. Nur mir. Sie ist nichts, was meine Kinder tragen dürfen.
Also blicke ich auf den Weg, der schon zurückgelegt wurde. Auf all die Momente, in denen ich als Mutter innerlich verzweifelt bin, ob dieser Mensch, an den ich so vorbehaltlos glaube, für den sich die Welt aber immer einen Ticken zu schnell dreht, wieder einen Preis würde zahlen müssen, den er kaum aufbringen kann.
Ich sehe, wieviel alles kostet. Ich sehe, wie sorgfältig dieses Kind alles ausbrütet, wo seine Geschwister fröhlich juchzend ins Abenteuer springen. Wie lange die Verpuppung dauert, wo um ihn herum gefühlt jeder andere schon die gesamte Transformation durchlaufen ist.
Und ich kenne den Moment, in dem er springt.
Und dann kommt die Angst. Meine Angst. Nicht seine.
Denn er hat in der Deckung seiner Verpuppung diese Ängste schon längst bewegt, hat in einem langwierigen Prozess bereits alle Fürs und Widers durchgekaut und ist zu einem Schluss gekommen, den er mir erst mitteilt, wenn er schon in Bewegung ist.
Und dann kann ich nur noch innehalten. Atmen. Hoffen.
Glauben.
An dieses wunderbare Kind, diesen jungen Mann, der immer ein bisschen Gewicht zu viel im Rucksack hat, um wirklich frei laufen und springen zu können und es dann irgendwann trotzdem tut.