Mürbe

Wie soll man denn mit jemandem kommunizieren, der einem nicht mehr zuhören kann? Der alles, was aus meinem Mund kommt, seiner eigenen Interpretation unterzieht, aus eigener Unsicherheit Dinge hinzuphantasiert und Aussagen zwischen meine Zeilen legt, die dort nie standen, gedacht wurden, geschweige denn ausgesprochen?

Und wie soll man noch den Mut und die Kraft aufbringen, immer wieder dagegen anzulaufen, wenn man doch inzwischen weiß, dass man ohne diese Begegnungen friedvoller leben könnte?

Wie soll man sich denn noch sicher fühlen, wenn jede Berechenbarkeit verschwunden ist und man im Sekundentakt einem wahlweise ängstlichen, wütenden, beleidigten, verständnisvollen, lieblosen, zärtlichen, respektlosen, freundlichen Gegenüber begegnet?

Mit jedem Vorfall lösen sich meine Versprechen ein Stück weiter aus ihren Verankerungen.

So mürbe.

Kollateralschaden

Das krankhafte Bestreben, alles im Leben sichtbar, diskutierbar und begreifbar machen zu müssen, dient weniger dem Zweck als solchen, sondern vielmehr der eigenen Unfähigkeit, Dinge in Schwebezuständen ertragen zu können.

Was bei Projekten, Strategien und Lebensplanung ein durchaus wünschenswertes Vorgehen ist, verliert in den zarten Zwischenräumen menschlicher Intimität nicht nur seine Wirkung, sondern zerstört genau den Zauber, der sich nur im Vagen halten kann.

Und so zerrt man den ersten zerbrechlichen Spross einer wertvollen Pflanze mit einer Vehemenz aus dem schützenden Boden ans grelle Sonnenlicht, um ihn genau betrachten, intellektuell sezieren zu können, um sich selbst nicht der Unsicherheit preisgeben zu müssen, bis er in gleißender Hitze einen qualvollen Tod stirbt.

Geopfert auf dem Altar der Angst, die nur dann ertragen werden kann, wenn restlos alles seine Unberechenbarkeit verloren hat.