Extrawurst [2026]

Wir werden unmittelbar an den Ort des Geschehens gebracht.
Vereinssitzung eines dörflichen Tennisclubs.

Es soll ein neuer Grill angeschafft werden, die Sitzung wird um ein Haar völlig unspektakulär beendet, da steht die zugezogene Großstädterin auf und schlägt vor, einen zweiten Grill für Muslime anzuschaffen. Also für den einen Muslim, der sich im Club befindet. Für „den Türken“, der eigentlich gebürtiger Deutscher ist und ab diesem Punkt nimmt das Drama seinen Lauf.

Vorneweg: Ich habe selten einen Film gesehen, bei dem so viel geredet wird. Im Grunde genommen kann man den Film auch hören, denn Dialog ist hier kein notwendiges Nebengeräusch für Handlung, sondern Handlung selber. Allerdings würde einem dann hier auch wieder ein allen voran mimisch großartiger Christoph Maria Herbst als hochgradig korrekt erscheinen wollender vegetarischer linker atheistischer liberaler Großstädter entgehen und das will man ja auch nicht.

Die erste Stunde vergeht wie im Flug. Es ist ein wahres Fest den Darstellern zuzuhören, wie sie die ihnen zugewiesenen Rollen immer weiter auflösen bis schließlich niemand mehr dem Klischee entspricht, das er so verzweifelt versucht, nicht zu sein.

Wir werden also von einem schnellen intellektuellen Schlagabtausch mitgerissen, in dem die Beteiligten so vehement darauf bestehen, selber vollkommen vorurteilsfrei zu sein, dass sie immer mehr Vorurteile bemühen müssen, um ihre eigene Vorurteilsfreiheit zu beweisen. In diesem Rahmen demontiert Sprache ihren eigenen Inhalt so konsequent selbst, dass man erfreulich aufmerksam bleiben muss, um die Widersprüche zwischen dem Gesagten, dem Gemeinten und dem Offenbarten zu erkennen.

Was ich besonders mag: In Extrawurst wird niemandem die komfortable Position der moralisch überlegenen Hauptfigur übergeben, im Gegenteil. Jeder kämpft innerhalb der Verteidigung seiner eigenen Toleranz mit wahlweise Eitelkeiten, Widersprüchen, Empfindlichkeiten und großen blinden Flecken in der eigenen Weltoffenheit.

Parallel dazu geht es auch um die berühmte Goldwaage als Instrument der Gesprächsführung. Über weite Strecken kann man im Film sehr gut nachvollziehen, was die Figuren „eigentlich“ sagen wollen und trotzdem berechtigt kritisieren, dass wir inzwischen in einer Welt leben, in der wir die sprachliche Diversität besitzen, uns präzise ausdrücken zu können. Eine gute Absicht macht eine unglückliche Formulierung mit Wohlwollen vielleicht verständlich. Sie macht sie darum aber nicht unangreifbar.

Umgekehrt beweist eine unglückliche Formulierung alleine noch keinen Rassismus, Vorurteile oder schlechte Absicht, doch die Grenze zur Frage, wieviel Mühe und Weiterbildung wir einander beim Formulieren unserer Anliegen eigentlich schulden, bleibt fließend. Die Goldwaage darf kein Instrument werden, das man ausschließlich an die Worte der Anderen anlegt.

Was ich ebenfalls bemerkenswert finde ist die Umsetzung des Themas frühkindliche rassistische bzw. vorurteilsbehaftete Prägung. Es ist ein Unterschied, ob ein Mensch eine Überzeugung theoretisch intellektuell entwickelt hat oder ob er diese Überzeugung bereits so tief verinnerlicht hat, dass sie auch unter emotionaler Belastung sein Handeln bestimmt.

So lange ein Thema noch entspannt und ohne persönliche Beteiligung diskutiert wird, kann jeder Mensch vollkommen aufrichtig weltoffen, tolerant und vorurteilsbewusst argumentieren, keine Frage. Aber sobald Kränkung, Scham, Wut, oder das Gefühl, persönlich angegriffen zu werden, hinzu kommen, reduziert sich diese Fähigkeit.

Die Bereitschaft zu differenzierter Betrachtung nimmt ab, das ist evolutionsbiologisch völlig nachvollziehbar, die Krone der ethisch erhabenen Zivilisation kommt hierbei jedoch bedenklich ins Rutschen.

Unter emotionalem Druck greift der Mensch gerne auf vertraute Deutungsmuster zurück. Das können auch rassistische Stereotype sein, die auf einer bewussten Ebene eigentlich längst abgelegt wurden. Das heißt nicht, dass alle Reflexion Lüge war, nur, dass sie unter Belastung noch nicht tragfähig ist. Vielmehr zeigt sich die tatsächliche Tiefe einer Überzeugung weniger daran, wie überzeugend jemand sie in einem ruhigen Gespräch vertreten kann, sondern eher daran, was von ihr übrig bleibt, wenn er wütend ist, brüskiert wird oder sich gedemütigt fühlt.

Zurück zum Grill.

Erol, der unfreiwillig zum Grund des moralisch unanfechtbaren Aktionismus‘ in Form der Forderung nach einem zweiten Grill geworden ist, möchte diesen Grill eigentlich gar nicht. Er ist der einzige Mensch, den dieses Thema betrifft und er lehnt diese „Extrawurst“ zunächst ruhig und besonnen ab.

Das Thema ist aber damit nicht erledigt.

Stattdessen verschiebt sich das Ziel.

Es geht plötzlich nicht mehr darum, dass dieser Mensch etwas bekommt, was er bruacht oder möchte – es geht darum, dass die anderen etwas fordern können, was sie selbst für moralisch richtig und unangreifbar halten. Erols Ablehnung wird nicht als selbstbestimmte Entscheidung anerkannt, sondern als Störung des moralisch „richtigen“ Vorhabens behandelt – damit bügeln gerade die Personen, die für Toleranz, Respekt und Gleichberechtigung eintreten, seine Selbstbestimmung unter dem Deckmäntelchen moralischer Überlegenheit einfach ab.

Die gute Absicht wird zur Legitimation, sich über alles und jeden hinwegzusetzen, der den eigenen Zielen nicht mehr dient.

Vielleicht ist das auch das Fazit. Moral an sich ist kein unabänderlicher Ist-Zustand. Moral muss erkämpft, überprüft und verteidigt werden.

Auch und gerade gegen sich selber.