Ich

Wenn man nach einem Haarschnitt in den Spiegel sieht und der erste Gedanke ist ein überglückliches Oh Gott, das bin ja endlich wieder ich!, dann hat man definitiv die richtige Entscheidung getroffen.

Die letzten vier Jahre waren in mehr als nur einer Hinsicht unerträglich. Und irgendwo in all dem Wust aus wirren Gedanken zu Attraktivität und dem würdevollen Altern, der Frage, was noch angemessen und was schon vermessen zu erwarten ist und was es mit mir macht, als Großmutter noch weiter in der Versenkung der Unbedeutsamkeit zu verschwinden, habe ich die Haare wachsen lassen. Wäre doch schön, nicht mehr so aufzufallen, wäre doch an der Zeit, mal wieder lange Haare zu tragen, wäre doch irgendwie würdevoller, mit schwarzgrauen langen Locken den Oma-Look zu kultivieren statt irgendwann vielleicht damit konfrontiert zu werden, nicht altern zu wollen, nicht so, wie Gesellschaft und Patriarchat es vorgeben.

Die Haare sind bei mir immer Symbol des Seins und Werdens, der sichtbare Teil dessen, was mich innerlich umtreibt und so wundert es nicht, dass ich nur wenige dauerhafte Perioden meines Lebens über einfach nur lange Haare hatte. Und mit jeder Strähne, die fiel, wurde meine Seele leichter.

Da bin ich noch, beim Blick in den Spiegel.

Auch wenn mich sonst keiner sieht, ich habe mich selbst wiedergefunden.

30042026

Die Intensität der Schmerzen hat inzwischen ihr Maximum erreicht. Ich kann seit Monaten nichts mehr ohne starke Schmerzen tun, ich möchte mich einfach nur noch hinlegen und aufgeben. Ich muss zumindest für die Arthroseschmerzen dringend abnehmen. Gleichzeitig wate ich durch die wohl schwerste Depression meines Lebens und esse, um Trauer und Schmerz überhaupt zu überleben. Es ist ein Teufelskreis und es ist meiner. Hier zuhause bleibt einfach alles liegen, weil ich mich nur in Mikrofortschritten überhaupt bewege und die Tage voll sind mit Kinderbegleitung, Traumaarbeit und Weinen. Ich versuche das alles anzunehmen und auszuhalten, jeden Morgen wieder. Und über allem hängt die Frage, wieviel Sinn es überhaupt noch macht. Ich würde so gerne mal einen kleinen Moment davon abgeben. Mich anlehnen. Im Wissen, gesehen und gehalten zu werden. All das ist gerade so fern, wenn nicht gar unmöglich zu erreichen.

Ich weiß das.

Ich habs ja verstanden.

Man hat es mir oft genug mitgeteilt.

14.03.2026

Krank. Bin seit Tagen richtig fies krank und es scheint mir, als hätte mein Körper dem Stress der letzten Wochen jetzt endlich nachgegeben. Ich huste, wache jeden Tag mit Kopfschmerzen oder wahlweise Migräne auf, habe mal wieder eine Nasennebenhöhlenvereiterung, die mir bei jedem nach vorne lehnen den Kopf explodieren lässt, zusätzlich zu Ganzkörperschmerzen, Schwindel und dem allgemeinen Gefühl, einfach gleich völlig unspektakulär zusammenzubrechen. Irgendwo in einer Ecke, damit es auch niemanden stört. Passend dazu lasse ich mein Handy inzwischen mal wieder ab und zu ganz vorsichtig auf höchster Lautstärke in einer Ecke liegen und hab es nicht mehr 24 Stunden an meinem Körper klebend, damit ich auch ja keinen verzweifelten Anruf eines weinenden Kindes verpasse, der Dauerstrom im Gehirn lässt ganz allmählich nach und das ist so nötig. Ich schlafe morgens, nachdem ich die Kinder aus dem Haus geschubst habe, ich schlafe mittags, wenn sie irgendwann in ihren Zimmern verschwunden sind, ich schlafe nachmittags bis ich Abendbrot kochen muss und ich gehe viel zu früh ins Bett um auch noch den nächsten Tag zu schaffen. Ich schlafe am Wochenende ganze Tage durch in der Hoffnung, dass irgendetwas davon besser wird, nachlässt oder vielleicht auch einfach nur aufhört. Die Sorgen bleiben. Meine Grenzen sind so deutlich fühlbar, was Arbeit angeht, dass auch hier nur noch Verzweiflung dominiert. Ich werde etwas finden. So lange verkaufe ich gerade Dinge, die in unserem Besitz und nicht mehr von Nöten sind. Ich zähle jeden Cent und so unangenehm die ganze Thematik auch ist, umso stärker werde ich aus ihr herausgehen. Die Ausbildung von Kindern ist  teuer. Das Leben mit Kindern und Tieren in einem Haus ist teuer. Wir wussten das. Der Preis muss gezahlt werden, so oder so. Ich hoffe, ich erhole mich einigermaßen schnell von dieser Krankheit, ich wollte, musste, sollte eigentlich noch mal zur Tochter zum Baby, in zwei Wochen ist schon Konfirmation ganz im Norden, zu der ich unbedingt hinwill, sind doch so viele Herzensmenschen dort. Auch hier Probleme, die noch gelöst werden müssen, ich bin so müde, allumfassend müde.

06.03.2026 [zu müde für Überschriften]

Ich wache mit Migräne auf und Schwindel, Kopfschmerzen und Kreislaufbeschwerden multiplizieren sich mit jedem Kind, das die Treppe runtertrampelt. Meine Sorgen kreisen laut kreischend in meinem Kopf, während ich meine kleine Müslischale voller Medikamente als Frühstück zu mir nehme. Sofort wieder ins Bett ist nicht, ich muss mich gleich fertigmachen, absagen ist wie versagen, geht mich, mach ich nicht. Der erste Anruf des großen Kindes, ich halte aus, höre zu, bestätige, beruhige, vermisse, wäre gerne näher und weine ein paar stumme Tränen, das kann ich ja gut. Asgard hat gestern alle Probekekse für die Konfirmation gefressen, weil ein Kind die Küche aufgelassen hat, immerhin waren sie noch unverziert, sonst wären nicht nur teure Zutaten sondern auch Stunden an Arbeit für die Katz im Hund. Ludwig altert gerade massiv, er wird dieses Jahr 10 Jahre alt, ist grau, wird langsamer, doch so liebevoll ergeben, so aufmerksam, so pflichtbewusst und regeltreu wie eh und je, wann immer ich darüber nachdenke, ihn verlieren zu können, kommen wieder die Tränen. Ich weiß, man findet seinen Seelenhund immer nur einmal im Leben. Und ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass er und ich einmalig sind. Nach ihm wird es keinen Hund mehr für mich geben. Die Kriegerin hat Henriette inzwischen komplett vereinnahmt, Henriette ist nicht mehr mein Hund. War sie vielleicht auch nie. Die Kinder sind allesamt so verliebt in sie wie in keinen der beiden sturen Bollerköppe, die mein Herz tragen. Hunde finden ihre Menschen, schätze ich. Es ist, wie es sein soll. Ich muss heute Cookies für den Schwiegersohn backen und eine riesige Lasagne für die große Tochter. Beides können der Mann und die Kinder morgen mitnehmen, wenn sie dorthin fahren, um das Baby kennenzulernen und zu bestaunen. Ich möchte auch wieder hin. Möchte mein Kind umarmen, bewundern, sicher sein, dass es ihm gut geht. Ich verfluche all die Mitgroßeltern, die nicht erkennen, wieviel emotionalen Druck sie gerade aufbauen, indem sie um ein Neugeborenes rangeln und die Grenzen der Mutter missachten. Ich hasse Menschen.

Der Schwiegersohn zeigt eine derart ausgeprägte emotionale Reife, dass mir die Luft wegbleibt. Er übernimmt so viel Verantwortung, zeigt Rückgrat, steht vor anderen Menschen für meine Tochter und ihre Bedürfnisse ein und stellt sich vor sie wie der Schild, der er ihr geschworen hat, zu sein.

Ich lerne gerade, ihn auf eine sehr besondere Art zu lieben.

04.03.2026

Drei telefonische Bewerbungsgespräche später muss ich mich den bitteren Tatsachen stellen. Mein Körper wird die kommunizierten Anforderungen nicht schaffen. Die Stelle im Hospiz steht noch aus, ich habe gesagt ich melde mich noch einmal, um ein Treffen zu vereinbaren, nachdem sie sagten, ich bringe perfekte Voraussetzungen mit und sie möchten mich nur noch persönlich kennenlernen. Aber um ganz ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Ich verzeichne seit etwa drei Monaten einen vergleichsweise rasanten Anstieg meiner körperlichen Belastungsfähigkeit nach dieser ganzen Post-Covid-Scheiße, aber habe letzte Woche sehr deutlich gemerkt, wie mich einige Tage Schlafmangel, Stress und lange Autofahrten außer Gefecht setzen.

Ich kann schon seit Jahren nicht mehr schmerzfrei laufen und die ständigen Treppen und gelaufenen Kilometer bei der Tochter haben meinen Knien nicht gut getan. Aber ich brauche dieses Geld, um die Rechnungen abzufangen. Die Führerscheine der Kinder, die große Tochter und das Baby, die mich doch deutlich intensiver brauchen als ich mir das je hätte vorstellen können, die Nachzahlungen fürs Gas, Strom, Wasser, der ganz normale Alltagswahnsinn, wir stehen mit dem Rücken zur Wand.

Ich weiß, ich werde einen Weg finden, auch wenn ich ihn noch nicht sehe. Und die Suche nach ihm beschäftigt mich zumindest, während meine brennenden Träume mir die Umgebung erleuchten.

Einfach immer weiter, nur noch ein paar Jahre durchhalten.

Ausschleichen

Ich habe zwei funktionierende Strategien, mich zu regulieren ohne andere Menschen zu verletzen und die sind Sex und Essen. Meine Libido ist seit fast 10 Wochen verschwunden, genauso lange kann ich nichts mehr riechen und nichts mehr schmecken. Dazu kommt seit Wochen die Therapie mit Cortison, die mir Heißhunger auf etwas beschert, das ich nicht befriedigen kann. Alles in allem eine fatale Kombination, ich wiege so viel wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich mag nicht mehr. Ich habe Schmerzen durch das Gewicht, die Arthrose macht es mir fast unmöglich, zu laufen, jeder Schritt, jede Gewichtsverlagerung auf die Knie ist ein kreischender Schmerz, der macht, dass ich einfach nur noch sterben will. Meine Beine sind geschwollen und voller Wasser, mir passen meine Schuhe nicht mehr, ich bin aufgedunsen, ich möchte aus meinem Körper flüchten und ich kann nicht. Ich verdamme diesen Tag, ich verdamme meine Entscheidungen und ich hasse alles, aber nichts davon hilft, hier wieder weg zu kommen.

Und während alle anderen einfach weitermachen, hänge ich hier mit den Nachwirkungen dieser Scheißkrankheit und fühle mich so allein und im Stich gelassen.

Covidnachwirkungen Tag 23

Am Freitag war ich das erste Mal wieder „draußen“. Heißt – weiter als kurz auf die Terrasse, um dann vor Erschöpfung zusammenzubrechen. Ich war beim Orthopäden, konnte mich einmal von oben bis unten wieder geraderuckeln lassen und es ging mir danach zumindest von den Sturzfolgen und den Muskelverspannungen deutlich besser als vorher.

Der Rest ist nach wie vor eine Katastrophe. Die Nasennebenhöhlen sind immer noch zu, ich habe jeden Tag Zahn- und Gelenkschmerzen, am letzten Wochenende war ich mitten in einem Gichtschub, obwohl ich nichts außer Kartoffeln und Eiscreme esse. Ich rieche und schmecke nichts. Mein Gehirn scheint sich deutlich zu regenerieren, meine Laune und seelische Allgemeinverfassung auch, die Hoffnungslosigkeit erwischt mich meistens nur noch abends und nachts.

Libido hängt bei mir anscheinend existentiell am Geruchssinn, solange ich nichts wahrnehme, komme ich geistig und körperlich nicht mal in die Nähe dieses Themas. Das belastet vor allem mich außerordentlich.

Der eingebildete Ammoniakgestank ist verschwunden und dem intensiven Aroma von verbranntem Plastik gewichen – wahlweise Essen oder Menschen „riechen“ für mich manchmal danach. Ich habe inzwischen gelernt, wahrzunehmen, wo ich auch ohne riechen zu können bestimmte Gerüche fühlen kann. Ich spüre an der Haut, dass gekocht wird, ich kann die Öfen der Nachbarn draußen am Kratzen im Hals „riechen“, die Kinder hinterlassen eine Wärmespur, die ich früher nie wahrgenommen habe.

Aber unterm Strich hasse ich alles an diesem Zustand.

Vanille geht immer noch, mein Lichtblick und ein Feuerwerk im Gehirn, so dass ich in den ganz trostlosen Momenten am Backschrank stehe und weinend am Glas mit den Vanilleschoten schnuppere.

Zwei ganze Sinne, einfach weg.

Covidnachwirkungen Tag 13 – Freitag

Ich bin in einem desaströsen Allgemeinzustand, da möchte ich mir nichts vormachen. Zahnfleischbluten beim Aufwachen scheint der neue heiße Scheiß zu sein. Ich sitze hier und frühstücke ein weiteres Mal Pellkartoffeln, weil diese das Einzige sind, was ich nicht schmeckend im Mund beim Essen einigermaßen gut ertragen kann. Eiscreme geht auch noch, die esse ich aber abends, wenn der Hals maximal weh tut. Einiges Tierisches hat nach wie vor intensiven Ammoniakgestank und der Rest verschwindet in der geruchlichen Versenkung. Manche Gerüche nehme ich als existent wahr, ich kann sie aber nicht riechen. Es ist gruselig faszinierend. Parfum nehme ich als „vorhanden“ wahr, ich rieche es aber nicht. Ich kann sagen, dass jemand kocht, aber es scheint irgendeinen anderen Sinn zu kitzeln als den Geruch.

Für ein Raubtier ist das schon eine ziemlich schwache Leistung – sollte man doch denken, dass einige Inhalte eigentlich immer irgendwie Alarm im Gehirn auslösen sollten, aber auch da muss ich passen.

Ich stecke meine Nase inzwischen in Dinge, die die anderen aus 5 Meter Entfernung schon als viel zu intensiv wahrnehmen und es passiert exakt gar nichts.

Was ich nach wie vor deutlich rieche, ist Vanille.

Apex Predator eben.

Covidnachwirkungen Tag 12 – Donnerstag

Davon aufgewacht, dass ich den Mund voller Blut habe. Nach dem Übergeben festgestellt, dass ich im gesamten Mund aus dem Zahnfleisch blute. In einer Stärke, die an starkes Nasenbluten erinnert. Eine halbe Stunde später war der Spuk vorbei, es bleiben pochende Zahnschmerzen. Der Husten ist wieder schlimmer geworden, der Allgemeinzustand im Gesamten aber eigentlich besser. Irgendwie. Immer noch wochenbettähnliche Periodenblutungen ohne Pause.

Bin erschöpft davon, zuzusehen, wie Maike und Tobias nach überstandener Erkrankung einfach wieder in den Alltag wechseln.