leer

Ich schleppe mich durch die Tage.

Natürlich weiß ich, warum ich seit Wochen krank bin und mich nicht auskurieren kann. Natürlich weiß ich, wo der Schwindel herkommt. Natürlich weiß ich, warum ich so viel schlafen muss. Natürlich weiß ich, wo die Schmerzen herkommen. Natürlich…

Ich habe mich die letzten Monate leer geredet, leer gehört, leer geschrieben, leer geweint. Viel Substanz bleibt nicht mehr, also schleppe ich diese Hülle, die mal so voller Leben, Liebe und Hoffnung war, mit aller Kraft zusammengehalten durch die Tage, um den Anschein zu wahren, dass ich weitergehen … kann? Will?

Ich weiß es nicht.

Ich habe bald alle Jahre aus meinen offline-Archiven herausgeschaufelt. Alles noch mal durchgelesen, angesehen, durchlitten, durchwütet. Ertragen, mit all der Wut und Frustration, die ich als Zukunft bereits kenne und mir als Vergangenheit doch nicht vermitteln kann. Werde ich das in 10 Jahren ebenfalls denken, wenn ich dies hier nachlese? Bin ich dann überhaupt noch da?

Ich weiß es nicht.

Ich kann meine Einträge nicht korrigieren, nicht mal anfassen, weil es in der Vergangenheit die Gegenwart spiegelt, in seligem Unwissen dessen, wieviel Leid und Ernüchterung die Zukunft bringen würde.
Ich bin so wütend auf dieses naive Menschenkind, das so fest an die Macht der Liebe geglaubt hat.

Heute weiß ich, dass Liebe ewig, aber nicht allmächtig sein kann.
Es war ein harter Fall.

Ich kann aber wählen, was ich behalte. Das ist erstaunlich viel. Ich habe mich nur bei sehr wenigem entschieden, es zu löschen oder nicht hierher zu übertragen. Einiges war zu intim, einiges zu heiß, einiges so kalt, dass es in Vergessenheit geraten darf. Ich schreibe hier zwar nicht nur für mich, ich schreibe auch für jene, die später wissen wollen, wer ich war und warum ich so geworden bin, aber es gibt einige klare und harte Entscheidungen, was jetzt im Nebel meiner Erinnerung verschwinden darf.

Ich bin die Letzte, die all diese Geheimnisse trägt und die meisten davon werde ich mit ins Grab nehmen. Die Geschichte von Gewalt und Missbrauch endet bei mir.

Das ist meine Superkraft.

Einsam

Meine Welt kippt wieder.

Der verhärtete, verkrampfte, hochgezogene, durchgehende Panzer, zu dem mein Schultergürtel tranformiert ist, holt den Lagerungsschwindel wieder hoch. Neun Jahre ist es her und man sollte meinen, ich hätte meine Lektion gelernt.

Und ich mache jeden Tag meine Übungen, ich trainiere, ich sorge für mich, ich kümmere mich um mich selber, bis meine Kraft auch dafür erschöpft ist. Das Einzige, das mein Bemühen Lügen straft, ist mein Stresslevel. Mit zunehmendem Bestreben, dies zu senken, steigt es in schier unermessliche Höhen. Weil die Fähigkeit, sich zu entspannen, eben nicht mit noch mehr Anstrengung, mit noch mehr Durchhalteparolen, mit noch mehr Weiterpeitschen steigt, sondern fällt.

Ins Bodenlose.

Ich bin nicht nur allein, ich werde auch verlassen. Seelisch. Körperlich. Kommuniziere ich, was mir nicht guttut, werde ich in höchster Not, in Schmerz und Verzweiflung alleingelassen.
Kommuniziere ich, was mir guttut, überfordere ich.
Kommuniziere ich nichts mehr, werde ich bedrängt.
Werde ich wütend, muss ich auffangen.
Werde ich traurig, muss ich erklären.
Werde ich deutlich, bin ich unfair.

Ich kann mich kaum kleiner machen als ich im Moment bin, aber ich lasse diese letzte Bastion nicht mehr fallen.
Ich bin ein Mensch und ich habe das verzweifelte Bedürfnis, gesehen, gehalten und umsorgt zu werden.

Ich habe es satt, allein und im Stich gelassen zu werden.
Ich habe es satt, anderer Menschen Gefühle regulieren zu müssen.
Ich habe es satt, die Böse zu sein, wenn ich ein Minimum an echter Zuwendung verlange.

Erbitte.

Erflehe.

Erhoffe.

Verstumme.

Es ist an der Zeit.

Weiter.

Wenn ich in meinem Leben irgendetwas wirklich gut machen kann, dann weiter. Und für den Fall, dass ich irgendwann an einen Punkt komme, an dem auch diese letzte Fähigkeit, dieser erste und existenziellste Skill versagt, dann hab ich wenigstens alles vorbereitet, dass alle anderen genau das machen können, wozu ich mich immer gezwungen habe.

Weiter.

Tourbus

Die weltlichen Probleme werden auch nicht geringer.

Tourbus ist nun seit zwei Wochen in der Werkstatt und alle Beteiligten – einschließlich des Autoherstellers – sind ratlos, was er haben könnte.
Nun wird morgen für 1.750 Euro ein Steuergerät ersetzt und im günstigsten Fall ist das Problem damit gefunden und erledigt, im ungünstigsten Fall zeigt dann das neue Steuergerät endlich das richtige Problem. Was wir machen, wenn gar nichts passiert, hat niemand erwähnt.

Vielleicht auch besser so.

Ich ärgere mich also seit zwei Wochen mit dem klapprigen Kleinstwagen herum, den wir als Ersatzwagen für einen NEUNSITZER mit gigantischem Kofferraum bekommen haben und fühle mich furchtbar. Das Auto ist meine Teilhabe an der Welt. Ich kann nicht einfach den Berg runterlaufen und dann zum Hundestrand spazieren, denn meine Knie können bergab nicht mehr. Ich kann keine Kilometer auf Asphalt mehr. Ich fahre also zum Hundestrand, ich fahre zur Wiese, ich fahre zum Wald mit den Hunden und kann dort mit Grundschmerzen laufen, das kann ich aushalten, das ist mein Alltag. Eine weitere Entzündung der Kniegelenke, die ich wieder monatelang im Liegen auskurieren muss, kann ich mir nicht erlauben.

Nun passen Labradore nur schlecht in einen Kleinwagen, der nicht mal zuverlässig meinen Tageseinkauf im Kofferraum unterbekommt. Abgesehen davon, dass ich in einem geliehenen Auto keine Hunde transportieren will, Unterlagen und Decken hin oder her, die SIND dreckig und sie haaren wie blöd.

Ich fühle mich also auch hier deutlich eingeschränkt und habe keine Ahnung, wo ich das Geld für das Steuergerät herzaubern soll, was das alles bedeutet und wie lange wir noch finanziell durchhalten, ohne dass ich arbeiten gehe, was angesichts meiner körperlichen und seelischen Verfassung ja auch ein ziemliches Unterfangen ist.

Ich habe keine Kapazitäten mehr, ich bin jenseits jeder Belastungsgrenze. Seit Jahren.

Poi

Tag 4 mit den Pois.

Ich gebe zu, in meiner grenzenlosen Arroganz als jemand, der sowohl jonglieren als auch Klavier spielen kann, also durchaus darin geübt ist, mit zwei verschiedenen Extremitäten unterschiedliche Dinge zu tun, attestierte ich mir nach dem Konsum einiger TikTok Videos selbstbewusst die notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse, direkt mit FeuerPois anzufangen. Leider hatte ich da schon die „extraweichen“ Übungspois bestellt und ergab mich notgedrungen in mein Schicksal, mit minderwertigem (aber immerhin leuchtendem) Übungsgerät starten zu müssen.

Ja.

[So extraweich ist so ein Übungspoi übrigens gar nicht, wenn man ihn mit voller Geschwindigkeit in die Fresse bekommt.]

Ich

Wenn man nach einem Haarschnitt in den Spiegel sieht und der erste Gedanke ist ein überglückliches Oh Gott, das bin ja endlich wieder ich!, dann hat man definitiv die richtige Entscheidung getroffen.

Die letzten vier Jahre waren in mehr als nur einer Hinsicht unerträglich. Und irgendwo in all dem Wust aus wirren Gedanken zu Attraktivität und dem würdevollen Altern, der Frage, was noch angemessen und was schon vermessen zu erwarten ist und was es mit mir macht, als Großmutter noch weiter in der Versenkung der Unbedeutsamkeit zu verschwinden, habe ich die Haare wachsen lassen. Wäre doch schön, nicht mehr so aufzufallen, wäre doch an der Zeit, mal wieder lange Haare zu tragen, wäre doch irgendwie würdevoller, mit schwarzgrauen langen Locken den Oma-Look zu kultivieren statt irgendwann vielleicht damit konfrontiert zu werden, nicht altern zu wollen, nicht so, wie Gesellschaft und Patriarchat es vorgeben.

Die Haare sind bei mir immer Symbol des Seins und Werdens, der sichtbare Teil dessen, was mich innerlich umtreibt und so wundert es nicht, dass ich nur wenige dauerhafte Perioden meines Lebens über einfach nur lange Haare hatte. Und mit jeder Strähne, die fiel, wurde meine Seele leichter.

Da bin ich noch, beim Blick in den Spiegel.

Auch wenn mich sonst keiner sieht, ich habe mich selbst wiedergefunden.

30042026

Die Intensität der Schmerzen hat inzwischen ihr Maximum erreicht. Ich kann seit Monaten nichts mehr ohne starke Schmerzen tun, ich möchte mich einfach nur noch hinlegen und aufgeben. Ich muss zumindest für die Arthroseschmerzen dringend abnehmen. Gleichzeitig wate ich durch die wohl schwerste Depression meines Lebens und esse, um Trauer und Schmerz überhaupt zu überleben. Es ist ein Teufelskreis und es ist meiner. Hier zuhause bleibt einfach alles liegen, weil ich mich nur in Mikrofortschritten überhaupt bewege und die Tage voll sind mit Kinderbegleitung, Traumaarbeit und Weinen. Ich versuche das alles anzunehmen und auszuhalten, jeden Morgen wieder. Und über allem hängt die Frage, wieviel Sinn es überhaupt noch macht. Ich würde so gerne mal einen kleinen Moment davon abgeben. Mich anlehnen. Im Wissen, gesehen und gehalten zu werden. All das ist gerade so fern, wenn nicht gar unmöglich zu erreichen.

Ich weiß das.

Ich habs ja verstanden.

Man hat es mir oft genug mitgeteilt.

14.03.2026

Krank. Bin seit Tagen richtig fies krank und es scheint mir, als hätte mein Körper dem Stress der letzten Wochen jetzt endlich nachgegeben. Ich huste, wache jeden Tag mit Kopfschmerzen oder wahlweise Migräne auf, habe mal wieder eine Nasennebenhöhlenvereiterung, die mir bei jedem nach vorne lehnen den Kopf explodieren lässt, zusätzlich zu Ganzkörperschmerzen, Schwindel und dem allgemeinen Gefühl, einfach gleich völlig unspektakulär zusammenzubrechen. Irgendwo in einer Ecke, damit es auch niemanden stört. Passend dazu lasse ich mein Handy inzwischen mal wieder ab und zu ganz vorsichtig auf höchster Lautstärke in einer Ecke liegen und hab es nicht mehr 24 Stunden an meinem Körper klebend, damit ich auch ja keinen verzweifelten Anruf eines weinenden Kindes verpasse, der Dauerstrom im Gehirn lässt ganz allmählich nach und das ist so nötig. Ich schlafe morgens, nachdem ich die Kinder aus dem Haus geschubst habe, ich schlafe mittags, wenn sie irgendwann in ihren Zimmern verschwunden sind, ich schlafe nachmittags bis ich Abendbrot kochen muss und ich gehe viel zu früh ins Bett um auch noch den nächsten Tag zu schaffen. Ich schlafe am Wochenende ganze Tage durch in der Hoffnung, dass irgendetwas davon besser wird, nachlässt oder vielleicht auch einfach nur aufhört. Die Sorgen bleiben. Meine Grenzen sind so deutlich fühlbar, was Arbeit angeht, dass auch hier nur noch Verzweiflung dominiert. Ich werde etwas finden. So lange verkaufe ich gerade Dinge, die in unserem Besitz und nicht mehr von Nöten sind. Ich zähle jeden Cent und so unangenehm die ganze Thematik auch ist, umso stärker werde ich aus ihr herausgehen. Die Ausbildung von Kindern ist  teuer. Das Leben mit Kindern und Tieren in einem Haus ist teuer. Wir wussten das. Der Preis muss gezahlt werden, so oder so. Ich hoffe, ich erhole mich einigermaßen schnell von dieser Krankheit, ich wollte, musste, sollte eigentlich noch mal zur Tochter zum Baby, in zwei Wochen ist schon Konfirmation ganz im Norden, zu der ich unbedingt hinwill, sind doch so viele Herzensmenschen dort. Auch hier Probleme, die noch gelöst werden müssen, ich bin so müde, allumfassend müde.

06.03.2026 [zu müde für Überschriften]

Ich wache mit Migräne auf und Schwindel, Kopfschmerzen und Kreislaufbeschwerden multiplizieren sich mit jedem Kind, das die Treppe runtertrampelt. Meine Sorgen kreisen laut kreischend in meinem Kopf, während ich meine kleine Müslischale voller Medikamente als Frühstück zu mir nehme. Sofort wieder ins Bett ist nicht, ich muss mich gleich fertigmachen, absagen ist wie versagen, geht mich, mach ich nicht. Der erste Anruf des großen Kindes, ich halte aus, höre zu, bestätige, beruhige, vermisse, wäre gerne näher und weine ein paar stumme Tränen, das kann ich ja gut. Asgard hat gestern alle Probekekse für die Konfirmation gefressen, weil ein Kind die Küche aufgelassen hat, immerhin waren sie noch unverziert, sonst wären nicht nur teure Zutaten sondern auch Stunden an Arbeit für die Katz im Hund. Ludwig altert gerade massiv, er wird dieses Jahr 10 Jahre alt, ist grau, wird langsamer, doch so liebevoll ergeben, so aufmerksam, so pflichtbewusst und regeltreu wie eh und je, wann immer ich darüber nachdenke, ihn verlieren zu können, kommen wieder die Tränen. Ich weiß, man findet seinen Seelenhund immer nur einmal im Leben. Und ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass er und ich einmalig sind. Nach ihm wird es keinen Hund mehr für mich geben. Die Kriegerin hat Henriette inzwischen komplett vereinnahmt, Henriette ist nicht mehr mein Hund. War sie vielleicht auch nie. Die Kinder sind allesamt so verliebt in sie wie in keinen der beiden sturen Bollerköppe, die mein Herz tragen. Hunde finden ihre Menschen, schätze ich. Es ist, wie es sein soll. Ich muss heute Cookies für den Schwiegersohn backen und eine riesige Lasagne für die große Tochter. Beides können der Mann und die Kinder morgen mitnehmen, wenn sie dorthin fahren, um das Baby kennenzulernen und zu bestaunen. Ich möchte auch wieder hin. Möchte mein Kind umarmen, bewundern, sicher sein, dass es ihm gut geht. Ich verfluche all die Mitgroßeltern, die nicht erkennen, wieviel emotionalen Druck sie gerade aufbauen, indem sie um ein Neugeborenes rangeln und die Grenzen der Mutter missachten. Ich hasse Menschen.

Der Schwiegersohn zeigt eine derart ausgeprägte emotionale Reife, dass mir die Luft wegbleibt. Er übernimmt so viel Verantwortung, zeigt Rückgrat, steht vor anderen Menschen für meine Tochter und ihre Bedürfnisse ein und stellt sich vor sie wie der Schild, der er ihr geschworen hat, zu sein.

Ich lerne gerade, ihn auf eine sehr besondere Art zu lieben.

04.03.2026

Drei telefonische Bewerbungsgespräche später muss ich mich den bitteren Tatsachen stellen. Mein Körper wird die kommunizierten Anforderungen nicht schaffen. Die Stelle im Hospiz steht noch aus, ich habe gesagt ich melde mich noch einmal, um ein Treffen zu vereinbaren, nachdem sie sagten, ich bringe perfekte Voraussetzungen mit und sie möchten mich nur noch persönlich kennenlernen. Aber um ganz ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Ich verzeichne seit etwa drei Monaten einen vergleichsweise rasanten Anstieg meiner körperlichen Belastungsfähigkeit nach dieser ganzen Post-Covid-Scheiße, aber habe letzte Woche sehr deutlich gemerkt, wie mich einige Tage Schlafmangel, Stress und lange Autofahrten außer Gefecht setzen.

Ich kann schon seit Jahren nicht mehr schmerzfrei laufen und die ständigen Treppen und gelaufenen Kilometer bei der Tochter haben meinen Knien nicht gut getan. Aber ich brauche dieses Geld, um die Rechnungen abzufangen. Die Führerscheine der Kinder, die große Tochter und das Baby, die mich doch deutlich intensiver brauchen als ich mir das je hätte vorstellen können, die Nachzahlungen fürs Gas, Strom, Wasser, der ganz normale Alltagswahnsinn, wir stehen mit dem Rücken zur Wand.

Ich weiß, ich werde einen Weg finden, auch wenn ich ihn noch nicht sehe. Und die Suche nach ihm beschäftigt mich zumindest, während meine brennenden Träume mir die Umgebung erleuchten.

Einfach immer weiter, nur noch ein paar Jahre durchhalten.