Der Mann grabbelt verliebt an meinen Speckrollen herum: „Du bist wie Keksteig!“
[Ich glaube, das Plätzchenbacken hat seine Spuren hinterlassen…]
Der Mann grabbelt verliebt an meinen Speckrollen herum: „Du bist wie Keksteig!“
[Ich glaube, das Plätzchenbacken hat seine Spuren hinterlassen…]
Das Schwerste daran ist vielleicht die fehlende Selbstwirksamkeit, so wie ich sie kenne. Training, Wut, Wollen, sich durchbeißen führt plötzlich nicht mehr dazu, dass man stärker und zäher wird, es macht schwächer. Und so muss ich nicht nur ein Kräftemanagement betreiben, um nicht meinen Allgemeinzustand noch schlimmer werden zu lassen, ich wurde mit der Krankheit auch all meiner Bewältigungsstrategien beraubt, die sich ein halbes Jahrhundert so tief in all mein Leben, mein Verhalten und mein Kämpfen gebrannt haben, dass es einer seelischen Apokalypse gleicht, nicht auf sie zurückgreifen zu dürfen.
In einem Anfall von Selbstmitleid habe ich gestern auf einem körperlichen Tiefpunkt mal wieder heulend das Spiel „HätteHätteFahrradkette“ durchgespielt und Überraschung: Das ändert genau gar nichts.
Also. Aufstehen, weitermachen.
Aufgeben kann ich morgen immer noch.
Nassgeschwitzt, panisch, am Rande meines Könnens und Wollens, aber alles erledigt.
Fick dich, PostCovid, fick dich einfach.
[Jetzt kurz hinlegen, damit ich den Alltag hier schaffe, der ja nun auch nicht immer nur Tierestreicheln ist.]
Natürlich ist es Trauma. Ich Idiot. Warum ich immer denke, dass Trauma nur in der Kindheit existieren darf und nicht in etwas so Belanglosem wie zwischenmenschlicher Erwachsenenbeziehung, ist mir manchmal auch schleierhaft. Und Retraumatisierung führt zu Veränderungen im System. Nur war es noch nie wie jetzt. Ich kann die Kopfschmerzen nicht mehr aushalten. Sie lassen sich an nichts messen, das ich jemals erleben musste, es ist, als würde mein Kopf gleich einfach bersten, weil wir nicht alle hineinpassen. Ich kann jeden Gedanken hören, riechen, schmecken, es macht mich wahnsinnig, mich diesen Menschen nicht entziehen zu können, die sich so vertraut und so fremd gleichermaßen anfühlen. Ich will das nicht, aber das hab ich in den letzten Tagen vielleicht auch einfach so oft wiederholt, dass es inzwischen mehr einem Mantra gleicht als einer echten Aktion vorausgeht. Ich fühle mich gelähmt und gleichzeitig so lebendig, als wäre jeder Sinn um ein Tausendfaches verstärkt ohne dass ich irgendeine Ahnung habe, wie ich das nutzen könnte. Ich weiß, dass ich damit alleine bleibe. Es gibt keine Lehrbücher zu diesem Thema und auch in meinem Netzwerk von Gleichen gibt es keinen Vergleichsfall. Fast wünsche ich mich zu Professor Dr. L. zurück, der mir in seiner unsympathischen und kaltschnäuzigen Art aber immerhin fachlich so fähig wie ich danach niemanden mehr erlebt habe, erklärt, dass ich nur nach gängigen Maßstäben verrückt wirke, aber alles, was mein Gehirn im Zuge der dissoziativen Identitätsabspaltung jemals getan hat oder tut, einem wissenschaftlichen Wunder für die psychische Überlebensfähigkeit der menschlichen Rasse gleicht. Und dann würde er seine Brille zurechtrücken, sich Notizen machen, ein paar Mal gedankenlos aber intellektuell kompetent vor sich hinmurmeln und mich in meinen Alltag entlassen, wo ich wie eine kleine Laborratte wieder eine Woche lang versuchen darf, mich in einer Welt zurechtzufinden, die nie meine war.
So Tage, an denen es gefühlt 5 Schritte zurück geht, obwohl man die Hoffnung hatte, dass jetzt irgendetwas Bahnbrechendes passiert und man dann doch wieder auf die Nase fällt. Zweifel. An allem.
Ich habe zwei funktionierende Strategien, mich zu regulieren ohne andere Menschen zu verletzen und die sind Sex und Essen. Meine Libido ist seit fast 10 Wochen verschwunden, genauso lange kann ich nichts mehr riechen und nichts mehr schmecken. Dazu kommt seit Wochen die Therapie mit Cortison, die mir Heißhunger auf etwas beschert, das ich nicht befriedigen kann. Alles in allem eine fatale Kombination, ich wiege so viel wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich mag nicht mehr. Ich habe Schmerzen durch das Gewicht, die Arthrose macht es mir fast unmöglich, zu laufen, jeder Schritt, jede Gewichtsverlagerung auf die Knie ist ein kreischender Schmerz, der macht, dass ich einfach nur noch sterben will. Meine Beine sind geschwollen und voller Wasser, mir passen meine Schuhe nicht mehr, ich bin aufgedunsen, ich möchte aus meinem Körper flüchten und ich kann nicht. Ich verdamme diesen Tag, ich verdamme meine Entscheidungen und ich hasse alles, aber nichts davon hilft, hier wieder weg zu kommen.
Und während alle anderen einfach weitermachen, hänge ich hier mit den Nachwirkungen dieser Scheißkrankheit und fühle mich so allein und im Stich gelassen.
Acht Wochen und einen Tag nach positivem Test.
Ich habe meinen Geruchs- und Geschmackssinn immer noch nicht wieder.
Ich kann den Mann nicht mehr riechen, die Kinder nicht, das Wetter und die Natur nicht, all meine Lieblingsgerüche nicht und ich finde mich in der Welt nur noch unzureichend zurecht. Es ist ein herber Verlust, den ich massiv betrauere.
Ich habe jeden Zugang zu meiner Sexualität verloren. Meine Libido, die seit 20 Jahren mit diesem Mann ununterbrochen hochtourig läuft, ist einfach verschwunden und das ist ein nicht in Worte zu fassender Tiefschlag in unserem Leben.
Ich bin schwach – in jeder Hinsicht. Ich brauche lange Erholungsphasen, ich denke immer noch langsamer als gewöhnlich, ich kann nicht mehr mehrere Dinge gleichzeitig tun, jede Handlung, jeder Gedanke, alles, was mir jemals mühelos zugänglich war, erfordert Anstrengung und resultiert in Erschöpfung, die umfassender ist als bloße Müdigkeit.
Meine Defizite erfordern im Moment einen Großteil meiner Kraft, um Fähigkeiten auf ein normales Maß zu heben. Die Aggressivität ist noch immer laut in mir. Ich stelle eine gewisse Kompromisslosigkeit fest, die mir im Normalfall fremd ist. Ich mag mich oft selber nicht mehr.
Meine Gehirnchemie hat sich massiv gewandelt und ich wechsle trotz krampfhaft diszipliniert eingehaltenen Tagesplänen so oft wie zuletzt Anfang bis Mitte 20. Es scheint kein Regulativ mehr zu geben, das es uns ermöglicht, dies irgendwie zu kontrollieren und das macht mir panische Angst.
Mein ganzes Leben ist auf Prinzipien und Regularien aufgebaut, um genau diesen einen Punkt so berechenbar machen zu können, wie es irgend möglich ist. Und wenn ich unkontrollierbar wechsle und sollten dabei tiefere Ebenen wieder freigelegt werden, hat nichts mehr Bestand, wofür ich seit Jahrzehnten arbeite. Ich bemühe mich, die Tage so zu nehmen wie sie kommen, aber in so viel emotionaler Unsicherheit wie ich sie momentan auch hier zuhause erfahre, fällt es schwer, so etwas wie Zuversicht oder Hoffnung zu schöpfen.
In der Eröffnungsphase bei Butzis Geburt habe ich während der 4 Stunden bis 9cm Muttermund alleine in der Dunkelheit im Wohnzimmer auf einem Kissen gesessen – das Fenster zur sternenklaren Nacht geöffnet – und habe in Dauerschleife ‚O Holy Night‘ von Mariah Carey gehört.
Es ist vielleicht DIE kraftvollste und friedlichste Erfahrung meines gesamten Lebens.
Wannimmer ich es in den vergangenen 13 Jahren gehört habe, war ich sofort wieder Teil dieser kompromisslosen Verschmelzung von mir mit dem Universum.
Es ist ein Geschenk wie kein anderes.
Am Freitag war ich das erste Mal wieder „draußen“. Heißt – weiter als kurz auf die Terrasse, um dann vor Erschöpfung zusammenzubrechen. Ich war beim Orthopäden, konnte mich einmal von oben bis unten wieder geraderuckeln lassen und es ging mir danach zumindest von den Sturzfolgen und den Muskelverspannungen deutlich besser als vorher.
Der Rest ist nach wie vor eine Katastrophe. Die Nasennebenhöhlen sind immer noch zu, ich habe jeden Tag Zahn- und Gelenkschmerzen, am letzten Wochenende war ich mitten in einem Gichtschub, obwohl ich nichts außer Kartoffeln und Eiscreme esse. Ich rieche und schmecke nichts. Mein Gehirn scheint sich deutlich zu regenerieren, meine Laune und seelische Allgemeinverfassung auch, die Hoffnungslosigkeit erwischt mich meistens nur noch abends und nachts.
Libido hängt bei mir anscheinend existentiell am Geruchssinn, solange ich nichts wahrnehme, komme ich geistig und körperlich nicht mal in die Nähe dieses Themas. Das belastet vor allem mich außerordentlich.
Der eingebildete Ammoniakgestank ist verschwunden und dem intensiven Aroma von verbranntem Plastik gewichen – wahlweise Essen oder Menschen „riechen“ für mich manchmal danach. Ich habe inzwischen gelernt, wahrzunehmen, wo ich auch ohne riechen zu können bestimmte Gerüche fühlen kann. Ich spüre an der Haut, dass gekocht wird, ich kann die Öfen der Nachbarn draußen am Kratzen im Hals „riechen“, die Kinder hinterlassen eine Wärmespur, die ich früher nie wahrgenommen habe.
Aber unterm Strich hasse ich alles an diesem Zustand.
Vanille geht immer noch, mein Lichtblick und ein Feuerwerk im Gehirn, so dass ich in den ganz trostlosen Momenten am Backschrank stehe und weinend am Glas mit den Vanilleschoten schnuppere.
Zwei ganze Sinne, einfach weg.
Ich bin in einem desaströsen Allgemeinzustand, da möchte ich mir nichts vormachen. Zahnfleischbluten beim Aufwachen scheint der neue heiße Scheiß zu sein. Ich sitze hier und frühstücke ein weiteres Mal Pellkartoffeln, weil diese das Einzige sind, was ich nicht schmeckend im Mund beim Essen einigermaßen gut ertragen kann. Eiscreme geht auch noch, die esse ich aber abends, wenn der Hals maximal weh tut. Einiges Tierisches hat nach wie vor intensiven Ammoniakgestank und der Rest verschwindet in der geruchlichen Versenkung. Manche Gerüche nehme ich als existent wahr, ich kann sie aber nicht riechen. Es ist gruselig faszinierend. Parfum nehme ich als „vorhanden“ wahr, ich rieche es aber nicht. Ich kann sagen, dass jemand kocht, aber es scheint irgendeinen anderen Sinn zu kitzeln als den Geruch.
Für ein Raubtier ist das schon eine ziemlich schwache Leistung – sollte man doch denken, dass einige Inhalte eigentlich immer irgendwie Alarm im Gehirn auslösen sollten, aber auch da muss ich passen.
Ich stecke meine Nase inzwischen in Dinge, die die anderen aus 5 Meter Entfernung schon als viel zu intensiv wahrnehmen und es passiert exakt gar nichts.
Was ich nach wie vor deutlich rieche, ist Vanille.
Apex Predator eben.