Körperlichkeit

Ich habe ein großes Problem mit meinem Körper.
Das heißt, eigentlich habe ich gar kein Problem mit meinem Körper, nur mit meiner Eitelkeit.
Dabei bin ich nicht mal ein besonders eitler Mensch.
10 Jahre, 9 Schwangerschaften.
Gleich die erste Geburt endete mit einem Kaiserschnitt, der dem Unterbauch eine für mich extrem hässliche Form gab und dafür sorgte, dass ich bis heute nicht wirklich Gefühl vom Nabel abwärts habe.

Nach der xten Fehlgeburt kam eine extreme Gewichtszunahme, dann wieder Abnahme mit der Geburt der Motte. Dann drei Fehlgeburten in Folge, Tod eines geliebten Menschens, Abschied von den Eltern, private Probleme, bei denen ich mir auch ziemlich viel Panzer zugelegt habe.
Das Gewicht ging Ende letzten Jahres wieder zurück, als ich beschloss, dass drei Kinder reichen.
In der Neujahrsnacht standen der Mann und ich vor dem Bett mit den drei schlafenden Kindern und nickten aus vollem Herzen: Ja. Das wars. Und es ist gut so.
Nur 29 Tage später legte ich den Schwangerschaftstest auf die Fensterbank und weigerte mich, zuerst draufzusehen. Das tat der Mann. Der Rest… naja. Ein paar Tage noch, dann sind wir zu sechst. Und eine Operation wird dafür sorgen, dass das auch so bleibt.

So langsam schnuppere ich Freiheit und damit verbunden ist die Frage, wie mein Körper nun wohl aussehen wird, wenn er erst mal leer ist und für den Rest meines Lebens mir alleine gehören wird. Es ist tatsächlich die erste Schwangerschaft, in der ich mich das frage. Ich bin der Meinung, dass man dem Körper einer Frau – Bauch, Brüsten… ansehen darf, dass er Kinder ausgetragen und ernährt hat.
Aber diesmal…
Ich muss dieser Tage manchmal an früher denken. An meine Arbeit mit und an meinem Körper.
Und das ist so weit weg, dieser Körper von damals, dass ich ungläubig lachen muss, wenn ich an diese Zeit denke. So surreal. Ich weiß noch nicht, wie ich in einem Monat meinen Körper im Spiegel betrachten kann. Ob ich mich aussöhnen kann. Liebe, Respekt oder zumindest Wohlwollen aufbringe.
Es gab Zeiten, in denen habe ich meinem Körper alles abgetrotzt, was ich wollte. Er war mir immer zu Diensten, ist immer geheilt… bis zu diesen Fehlgeburten.

Bis er versagte und ich das erste Mal ein totes Kind auf der Hand hielt.
Vieles hasse ich an meinem Körper, weil es meine Mutter erregt hat.
Vieles verachte ich an ihm, weil es gestandene Männer zum betteln brachte.
Vieles liebe ich an ihm, weil mein Mann es anbetet.

Aber das sind die Sachen, die von außen prägen.
Innen… da werden er und ich bald alleine sein und einen Weg finden müssen.

Einen Neuen.

Familienplanung

…abgeschlossen.

Oder so. Nein. Ja. Irgendwie. Doch nicht. Gezwungen. Gewählt.
Es ist das Beste so. Und doch wieder nicht.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Nicht so lange warten wollen.
Sondern in Hoffnung, mit Zuversicht, eine Entscheidung… Alles doof. Alles wird gut.

Unser letztes Kind.
Unser letztes Kind?

Philosophien

Der Mann stählt Körper und Geist in friedvoller Kampfkunst, während ich hier unter Schmerzen überlege, was ich möglichst aggressiv kaputthauen kann, um mich zu erleichtern.

Dreck, blöder. Ich würd mit dem Fuß aufstampfen, wenn es nicht so weh tun würde.

Abschied

Der Abschied rückt näher. Nur noch ein paar Wochen, Tage nur noch, die gezählt werden können.

Es fällt mir schwer, mich damit anzufreunden und doch merke ich, wie Ruhe einkehrt. Die größte Wegstrecke ist geschafft.
 Neun Schwangerschaften.
Mein Körper hat sich diese Ruhe verdient. Ich möchte ihn nicht mehr zwingen.

Es ist gut wie es ist.

Die Sehnsucht bleibt.

Ich werde sie einfach mitnehmen, in dieses andere Leben.

Letzte Male.

Spaß mit Arzthelferinnen

Eigentlich hatte ich ja heute Glück in der Zuteilung der Arzthelferin beim Frauenarzt. Eigentlich.

Denn der graue Haus- und Hofdrachen der Praxis hat nun mal so einige Wehwehchen und meckert darum nur vom Tresen aus, was sehr wohltuend ist, wenn man dort nicht verweilen sondern von Labor zu Toilette zu CTG zu Arztzimmer muss und dabei von der jungen sehr empathischen Arzthelferin begleitet wird, die einen Patienten tatsächlich neben der Karteikarte noch als Menschen wahrnimmt. Blutabnehmen, messen, wiegen, in einen Becher pinkeln, CTG, all das lief hervorragend, bis… ja bis sie zur Ärztin rein musste um zu assistieren und der Drache kam, mich vom CTG abzukabeln. „Sie liegen ja auf dem Rücken!!“ (Weit aufgerissene Augen, als hätte ich gerade einen Mitpatienten erschossen.)

– Ähm. Ja. So liege ich am besten. „Haben Sie jetzt etwa die GANZE DREIVIERTELSTUNDE so gelegen?????“ (Gefühlte 15 Fragezeichen und so ein wilder Ausdruck in den Augen.)
– Ja. Ich kann nicht anders liegen, ohne starke Schmerzen zu bekommen.
„Sie DÜRFEN in ihrem Zustand nicht auf dem Rücken liegen!!“
Ich seufze. Ich erkläre, dass ich beidseitig klemmenden Ischiasnerv habe und grundsätzlich auf dem Rücken liege. Seit 8 Monaten. Wie in jeder der bisher 9 Schwangerschaften.
„Das muss ich Frau Doktor mitteilen, die spricht mit Ihnen darüber. Sie DÜRFEN nicht so liegen.“

Ich seufze. Ich unterbreche sie. Ja, ich weiß das mit der Vene. Ja, ich bin aufgeklärt worden. Ja. Ja. Ja.  Ich frage mich, was aus der guten alten Anweisung geworden ist, dass man Schwangere nicht aufregen sollte, denn mein Puls ist trotz äußerer Ruhe inzwischen jenseits von Gut und Böse.

Rettung naht. Die nette Arzthelferin kommt ins Zimmer und will nachsehen, warum der Drache so brüllt. Und wird spontan selber angemeckert, dass sie mich auf dem Rücken hätte liegen lassen. Vene und so. Und mein Zustand. Ich lächle sie ein wenig gequält an, als sie einfach nur ruhig mitteilt, dass sie jetzt wieder übernehmen würde. (Beruf und Berufung, einmal mehr)

Nachdem ich mich an so ziemlich allen Körperteilen habe anfassen und begutachten lassen, darf ich nun jede Woche einmal zum Arzt. Ich habe absolute Vorzeigewerte, es ist alles in Ordnung, aber Risikoschwangerschaft. Ne? Ich wüsste ja. Müsste sein. Na klar. Ich weiß ja. Muss ja sein.

Noch maximal sechs Wochen und dann könnt ihr mich alle mal am Arsch lecken.

Ne? Wisst ja.

Vom BMI und anderen Lügen

Nachdem ich heute den Bericht aus der Praenataldiagnostik bekommen habe, musste ich mir erst ein Schmunzeln und dann ordentlich Wut verkneifen. Wenn man nicht mal in der Lage ist, eine (Gewichts-) Zahl richtig abzulesen, dann erhöht man nach der Berechnung mit dieser Zahl meinen BMI mal eben durch einen Zahlendreher um knappe 10 Punkte. 10 Punkte.

Gut, dass sie keine Anästhesistin geworden ist. Die Narkose hätte vermutlich gereicht, zwei Mammuts zu betäuben.
Und wenn man dann noch auf drei Seiten Bericht unter jedem einzelnen verfickten Punkt (mit einkringeln, sehr schön) schreibt, dass aufgrund dieses hohen BMIs eine genaue Aussage zum Thema Fehlbildungen und Herzfehler nicht möglich sei, dann zeugt das wirklich einfach nur von Inkompetenz.

Ich bin dann für heute wirklich fertig mit der Welt im Allgemeinen und mit Ärzten im Besonderen.

Seufzen

So dankbar, so demütig, dass die Zeiten vorbei sind, in denen es Schmerz brauchte, sich wahrhaft lebendig zu fühlen.

Missen möchte ich sie nicht, jene Zeiten meines Lebens, meine Narben trage ich stolz, aber nicht zur Schau.

Es fehlt die Sehnsucht zurück. Bereue nichts.

Dankbar, weitergegangen zu sein.

Es ist gut so wie es ist. Alles hat seine Zeit.

Kleiner Kollaps

Es ist zu heiß. Dabei ist es nicht mal heiß. Nur schwül und drückend und bah und ich will Regen und Kühle und dass alles so ist wie noch letzte Woche. (und Panama – Panama riecht nach Bananen…)

Es kommt mir vor, als ob alle Menschen außer mir bewegliche anmutige Gazellen wären und ich bin der Riesenpottwal an Land. Mit Asthma.

Mein Bauchumfang sprengt so ziemlich alles und der Mann sagt mir auf Spaziergängen (auf denen mich Schnecken überholen) so Dinge wie: Das ist ein süßes kleines Schwangerschaftsbäuchlein.

Ich sehe an mir runter, an diesem Fass von Bauch, das angeblich nur Gebärmutter, Fruchtwasser und ein winziges Baby enthält und kann nur ahnen, wo meine Füße sind, die vermutlich so von Wasser angeschwollen sind, dass ich in der Wüste damit 3 Wochen überleben könnte – wie ein Kamel, nur ohne Höcker. Dafür mit Wöcheln.

Der Mann ist beim Training – noch so ein Stachel – und bewegt sich… (obwohl ich persönlich jeden Gegner einfach plattwalzen würde, Energie hin oder her)… während ich mich selbst geißele und Videos von durchtrainierten Frauen ansehe, die auch noch singen können. Oder nicht singen können, dafür aber hammermäßig lange Beine auf Stühle stellen und dabei zum Niederknien aussehen.

Ich denke an meine Wöchel und daran, wie lange ich sitzen könnte, bevor der Stuhl unter mir einfach zusammenbrechen würde. Vermutlich würde der Mann dann etwas über die minderwertige Qualität von Stühlen im Allgemeinen von sich geben und mich damit noch wütender machen.

Ich atme nicht mehr, ich schnaufe. Ich hasse schnaufende Menschen. Ich habe 15 Kilo abgenommen, weil ich jeden Tag kotzen muss und schnaufe, als hätte ich im letzten halben Jahr zwei Zentner Gewicht zugelegt. Ich finde das unfair. Und doof.

In meiner Phantasie sind schwangere Frauen losgelöste ätherische Wesen, die mit offenen Haaren in Sommerkleidchen über Wiesen schweben und geradezu überirdisch schön von innen heraus strahlen.

Ich stampfe dann mal hinter ihnen her und kotze die Wiese voll.