Man will ja immer das…

Ich wette, sobald das Baby da ist und mein Körper wieder mir allein gehört, habe ich keine – aber auch wirklich gar keine – Ambitionen mehr, aus einem Flugzeug zu springen, den Dschungel zu durchkämpfen oder einen Ozean zu durchschwimmen.

Von der terminlich gerade leider nicht in meinen Kalender passenden Kampfpilotenausbildung mal ganz zu schweigen, die mir aktuell heute Morgen heiße Tränen in die Augen trieb, weil ich mit einem Babybauch und kleinen Kindern an ein Leben gefesselt bin, das in Stimmungsschwankungen aussieht wie ein kleines Kerkerloch bei Wasser und Brot.

Ich hasse diese Scheißhormone.

Bah

Immerhin, das Paracetamol puffert den Schmerz ein wenig. Bei der Menge vielleicht auch kein Wunder, ich bezahls wie immer mit Magenkrämpfen. Aber gut.
Dafür beim Nachhausefahren festgestellt, dass das Zahnfleisch an mehreren Stellen einfach angefangen hat zu bluten.
Krönender Abschluss für einen Montag.

Problemlösungen

Heute Morgen in einem akuten Anfall von Luftnot und Bauchschmerzen die Boxershorts des Mannes angezogen. Hölle, ist das bequem.

[Und Oma sagt ja auch immer nur: „Kind, zieh dir IMMER einen frischen Schlüpfer an!“ – von Männer- oder Frauenunterwäsche hat sie nichts gesagt]

Wehen

Sie begleiten mich schon einige Wochen, immer mal wieder, immer nur kurze Zeit – eine Stunde, zwei Stunden… aber als deutliches Zeichen: Stopp – bis hierhin und nicht weiter.
Und so absurd es mir vorkommt, denn ich habe nur 3 Kinder, die auch noch in einem Alter, in dem sie notfalls wirklich alles alleine machen können und ein relativ geordnetes und übersichtliches Leben, ich mache langsam.
Ich watschle durch Supermärkte, über Spielplätze, durch die Gegend, ich brauche gefühlt 20 Minuten für 4 Treppen – ich watschle so durch mein Leben, um dieses Kind nicht zu gefährden.

Die einfachsten Sachen sind nur noch sehr eingeschränkt und sehr langsam möglich und das kotzt mich sehr an. Im gleichen Atemzug bin ich grundlegend dankbar, nicht liegen zu müssen, noch die Wahl zu haben, die Dinge überhaupt tun zu können, wenn auch auf eine Art, die mich innerlich Amok laufen lässt.

Ich bin unruhig, innerlich. Sehr. Meine Haut spiegelt meine Seele wie immer durch massive Neurodermitisanfälle, Juckreiz und Schmerzen. Meine Narben haben sich in den letzten Tagen dort wieder intensiv rosarot gefärbt, wo schon ein sanftes Perlmutt schimmerte, das ihr Alter verrät. Bah, alles. Erinnerungen hängen leuchtend bunt und kreischend in der Luft, wo ich auch hinsehe. Meine Mutter, an vorderster Front, und Ekel und Würgereiz überkommt mich.

Auch hier, Wehen. Geistig. Ich versuche, die Bilder zuzulassen, in sie hineinzuatmen, die Tränen zuzulassen, wenn sie kommen und Schritt für Schritt weiterzugehen. Ich bin sicher. Ich kann das. Ich schaffe das. Berührungen sind fast unerträglich geworden, mir graut es wie jedes Mal vor dem Stillen des Babys. Immer noch triggert gerade der Brustbereich auf grausame Art und Weise.

Ich sehe sie wieder vor meinem Bett sitzen, streicheln, sich langsam vortasten, mir in meine Abwehr sagen, ich solle mich doch nicht so anstellen…
Hier fahren die Wächter aus ihrem Schlaf und lassen mich in tröstender Dunkelheit versinken.

Und ich gehe weiter im Alltag. Aufstehen, mich um alles kümmern, 12 Stunden später dankbar sein, dass da noch zwei Hände sind, die die beiden Abendstunden übernehmen können, schlafen. Bis zum nächsten Morgen. Oft liege ich wach und denke über den nächsten Schritt nach. Keine Kinder mehr. Familienplanung abgeschlossen. Mein Herz schreit, wimmert, bittet… und der Bauch und der Kopf atmen auf. Ich merke, wie ich schwächer werde. Neunte Schwangerschaft. Mein Körper wehrt sich und ich verstehe ihn so gut.

Allein, mein Herz…
Wehen veratmen. Im realen Leben und auch hier im Schreiben.
Der Bauch kommt langsam wieder zur Ruhe, ich warte darauf, meinen Sohn heute vielleicht spüren zu dürfen, nur ein kleines Zeichen.

Vielleicht später.

Diäten

„Ach, Sie nehmen aber so viel ab, Mensch, wie machen Sie das nur?“

Meine Antwort: „Ich übergebe mich viel“, war nicht das, was mein Gegenüber hören wollte, auch wenn es der Wahrheit entspricht und ich nicht verstehe, wie Frauen so besessen auf Gewichtsreduktion sein können, dass sie eine massive Gewichtsabnahme in der Schwangerschaft als glückselig machend empfinden.

Mir ist das momentan relativ egal, weil ich andere Dinge habe, die mich beschäftigen. Ich freu mich dann später. Oder so.
Und da ich es von weiblicher Seite schon mehrfach gehört habe, dass die verlorenen Kilos bei mir durchaus einen Unterschied machen, habe ich vor einiger Zeit mal den Mann gefragt, wo ich denn seiner Meinung nach nun abgenommen hätte. Der sagte, er könne nicht erkennen, dass ich überhaupt abgenommen hätte.

Soviel dazu. Beweisvortrag abgeschlossen. Nächstes Thema.

„Wenn Sie noch ein totes Kind haben wollen, nehmen Sie ruhig was…“

Der Arzt auf meine sachliche Frage, ob und welche Art Schmerzmittel für mich in Betracht käme, weil die verrenkte Hüfte mich weder richtig schlafen noch laufen noch meinen Alltag bewältigen lässt.

Danke. Danke für diese einfühlsame nette und menschliche Art. Danke für den Beweis dafür, dass Ärzte sozial kompatible sachlich argumentierende Menschen sein können. Nicht.

Ich würde weinen, wenn ich mir diesen Moment der Schwäche zugestehen würde. Ich will nicht. Diese Schwangerschaft noch und dann wird final operiert.

Ich werde mich mein Leben lang weder noch einmal einem solchen Zustand aussetzen noch der Behandlung der Asozialen, die sich Ärzte nennen.

Montag…

Okay, bis zur Hälfte des Tages verbuche ich also eine weitere Talfahrt auf meiner ganz persönlichen Depressionsachterbahn, habe Kopfschmerzen und immer noch eine vereiterte Nasennebenhöhlenentzündung, habe mit dem Jugendamt, dem Amtsgericht und einer Anwaltskanzlei gesprochen, nach langer Zeit nenne ich wieder einen Anwalt mein eigen, habe mit dem Horrorhühnerhaufen des Kindergartens eine Grundsatzdiskussion über Impfen,  Schokolade, Geburtstage für 4jährige mit Schatzsuche mit geschriebenen Hinweisen, die keiner der Gäste lesen kann und unangeschnalltes Autofahren geführt und meine Hüfte ist nach wie vor ausgerenkt/verrenkt/ähnliches, während heute Morgen die Parkplatzsituation so war, dass jede Mutti zwei Parkplätze blockierte und ich somit vom nahegelegenen Supermarktparkplatz einen halben Kilometer mit besagter Hüfte und im siebten Monat schwanger den Berg hochhumpelte.

Zwanzig Minuten für eine Strecke. Ich liebäugle noch mit dem Marathon.

Damals, bei der Steißbeinwasauchimmer in der Schwangerschaft mit dem Kobold ließ man mich erst vier Stunden im Krankenhaus warten, während derer ich stehen musste, dann musste ich mich vor Schmerzen schreiend auf eine Krankenhausliege legen, während man mir sagte, dass man mich weder röntgen noch mir etwas gegen die Schmerzen geben würde. Schwangerschaft und so. Auf wiedersehen und sehen Sie doch zu, wie sie zurechtkommen.

Ich kam zurecht und deswegen erspare ich mir aus Effizienzgründen den Besuch dort, auch wenn ich gestern Nacht kurz davor war, den Krankenwagen zu rufen. Nur wofür?

Das Verhalten der meisten (Krankenhaus-)Ärzte ist der letzte Dreck, da diese zuallererst an ihre Haftpflichtversicherung denken. Und asozial noch dazu. Umgangsformen legt man zumindest im Krankenhaus wohl spätestens während des ersten Patientenkontaktes ab.

Heute dann nur noch eine kleine geschmeidige Frenektomie beim großen Kind (der Gefrierschrank ist RANDvoll mit Wassereis) und der Versuch, heute zumindest so lange aufzubleiben, bis die Kinder im Bett sind, um mit dem Mann den Streit von gestern Abend fortzusetzen.

Ein ganz normaler Montag also. Da geht noch was. Ist ja erst 1 Uhr.
Jetzt erst mal wieder eine Handvoll Schmerzmittel und weiter im Laufrad.

Schwangerschaft [ein letztes Mal]

Okay, lieber Körper. Ich tue, was ich kann. Ehrlich. Dieses eine Menschlein nur noch, nur dieses Eine noch heile ein paar Wochen beherbergen, okay? Dann gehörst du wieder dir und mir allein.
Ich finde es wirklich entzückend, wenn mir jeden gottverdammten Morgen Galle und Blut durch Nase und Rachen laufen, wenn ich kotzend unter der Dusche stehe, mit Wehen, Magenkrämpfen und in Gegenwart von drei Kindern, die bei dem dazugehörigen Wimmern nun mal um die Ecke schauen. Ich weiß, es ginge noch schlimmer, ehrlich. Das tröstet aber nur begrenzt. Und wenn ich wieder eine Nacht beschissen geschlafen habe, weil du mit deinem verfickten Gehirn jede einzelne Missbrauchssequenz mit meiner Mutter wieder hochholst, ich weiß, es ginge schlimmer. Du Arschloch.
Ich kümmere mich um dich. Ich passe auf mich auf. Ich schleppe dich zu jedem Arzttermin, damit du auf Herz und Nieren überprüft wirst und am Ende ist es sogar das, was diese enorme Abwehr hervorruft.

Aber dieses eine Baby noch, ja? Ich spare mir die schnöden Worte, ich könnte nicht mehr, denn ich kann noch. Ich kann noch sehr viel mehr ertragen als deine blöden Wehen und die panische Angst, dass dieses Baby jetzt stirbt. Jede gottverdammte Minute meines Lebens denke ich daran, warum ich meinen Sohn nicht spüre. Nur noch 15 Wochen. Das schaffen wir.
Pflaster mich meinetwegen zu mit deinen Kopfschmerzen und deinen Krämpfen und Wehen, dem massiven Gewichtsverlust und weiß der Teufel noch was. Ich stehe jeden Morgen wieder auf. Das ist etwas, das ich gelernt habe. Jeden verfluchten Scheißmorgen kannst du mich gängeln und geißeln bis ich abends um 8 Uhr erschöpft ins Bett falle. Um mich dann im Schatten der Nacht mit meinen Erinnerungen zu quälen. Bis um 6 Uhr, wenn ich wieder aufstehe, weil ich den Geschmack meiner eigenen Galle wieder im Mund habe.

Fick dich selber, wenn du mit mir durch bist.