Bersten

Ich zähle nicht mehr die gebrochenen Versprechen, ich zähle die Male, die sich die Wunde des Ungeliebtseins Millimeter um Millimeter weiter schließt. Was auf den ersten Blick paradox erscheint, ist eine kompromisslose Rückkehr zu selbstwirksamer Stärke, die nicht am Verhalten eines anderen Menschen hängt, weil sie weiß, dass sie sich selbst genügt.

Und je weiter ich einen Pfad in diese Wildnis schlage, umso weiter wird der Riss in der steinernen Hülle in mir, die den Lavastrom aus Kreativität, Lust, Schaffensdrang und Lebendigkeit bändigt. Ich spüre, wie sie förmlich birst und diese grenzenlose Energie aus mir herausbricht.

Ich habe in diesem Jahr keine einzige Stunde im Garten gearbeitet. Zu schmerzhaft, dem Wachstum beizuwohnen, das ich in mir nur so mühsam unter Kontrolle halten kann, um nicht zu weit vorauszueilen. Um zu warten, dass ein Anderer bereit ist. Ich konnte es schlicht nicht ertragen, ich will das Entfalten von Lebendigkeit nicht bezeugen, wenn ich es in mir beschneiden muss.

Es ruft. Die Kreativität. Das Klavier. Der Garten. Das peitschende Verlangen, etwas Neues auszuprobieren, zu scheitern, zu triumphieren, den Schmerz des Versagens zu fühlen, sich der Lust zu ergeben, die jeder Sieg über sich selber durch den Körper laufen lässt.

Ich bin noch da. Ich stehe. Nach all der Zeit.

Ich stehe noch.

666

Inzwischen 666 Blogeinträge nachgetragen und etwas geschmunzelt, als ich ohne Kenntnis des Zählerstandes heute Nacht um halb 3 mal wieder beschlossen habe, dass es für den Tag reicht.

Zäh tropfen die Gedanken durch das Sieb der Erinnerung.

Jeder Blogeintrag das Tor zu einer alten Welt, die durch Verarbeitung so taub wurde, dass sie eingebettet in den gnädigen Nebel der Vergangenheit in der Gegenwart schon längst nur noch leise puckert, nicht mehr pulsiert.

Und nun muss der Neocortex mit Unbehagen genau dort eintauchen, wo Hippocampus und Amygdala als ungleiche Zwillinge bewahrt haben, was sich heute längst nicht mehr so heiß anfühlt wie es damals in Worte geflossen ist.

Und doch bin ich da. Unvermögen, mich mir selbst zu entziehen. Ja, da bin ich. Da war ich. Ich sehe mich.

Ich sehe, wie gnadenlos ich die Arbeitshypothese verteidigt habe, ich sei zu viel, verlange zu viel, stelle mich an, sei zu empfindlich, müsse mich nur mehr anstrengen, besser funktionieren…
Und sehe auch so deutlich, in welch körperlicher und seelischer Agonie ich mich damals befand, auf weiter Flur einfach nur allein. Für Dinge dankbar seiend, die niemals etwas anderes als selbstverstänlich hätten sein dürfen.

Ich bin wütend für diese junge Frau. Auf diese junge Frau. Will sie schütteln, will sie tragen, will sie schützen, will ihr versichern, dass sie nie falsch war. Dass die Dinge über jedes Maß der Erträglichkeit hauptsächlich von ihr getragen, organisiert, orchestriert wurden.

Will ihr zurufen, innezuhalten. Will ihr zuflüstern, dass sie ihr Licht nicht kleiner machen muss. Will sie anbrüllen, sich nicht selbst zu verraten. Will ihr die Augen öffnen, will sie zwingen, anzusehen, was sie verleugnet hat und doch wusste.

Weine meine Tränen heute ohne Scham um all den Schmerz, den sie mal laut, mal leiser ertragen hat, aber immer ungehört. Möchte sie behutsam in Geborgenheit für einen Moment die Augen schließen lassen, um Kraft zu sammeln, die sie in den nächsten Jahren bitter nötig haben wird, ohne das nun wissen zu können.

Es wäre so einfach gewesen.

Und wäre ich dann noch, wer ich jetzt bin? Müßig.

Es ist wie es ist.

Zerrissen

Wo ich in den vergangenen Jahren schon sehr damit gehadert habe, dass es 4 Stunden Fahrt sind, die mich und die große Tochter voneinander trennen, habe ich im vergangenen Jahr seit ihrer schwierigen Schwangerschaft gelernt, diesen Umstand zu hassen. Zu einem erwachsenen gesunden Menschen eine Beziehung zu halten, ist auf diese Art ohne Probleme möglich, sich in Krankheit oder bei Schwangerschaftskomplikationen zu kümmernd und dann zu einem neu geborenen Menschen eine Beziehung aufzubauen, eine organisatorische Katastrophe. Diese 4 Stunden Fahrt sind für mich extrem anstrengend. Ich hab mich dem gestellt und ich habe Möglichkeiten gefunden, die Strecke alleine zu schaffen, aber es kostet mich körperlich viel.

Die Tochter und der Schwiegersohn haben ein Penthouse gekauft, das darauf ausgelegt ist, präsentabel zu wohnen, nicht, Gäste zu beherbergen. Also schlafe ich auf einer Matratze auf dem Kinderzimmerboden und dusche in einem offen einsehbaren Badezimmer ohne Tür, laufe 9 lange Treppen hoch, um überhaupt zur Wohnung zu kommen (und bei Spaziergängen, Einkäufen etc. täglich mehrfach runter und wieder hoch) und in der Wohnung noch mal eine weitere.

Ich fahre alle drei Wochen unter der Woche dorthin, weil ich möchte, dass sie die Wochenenden als Paar für sich haben und ich fahre maximal drei Tage, weil ich hier auch noch Familie, Haus und Hunde habe. Wenn ich wieder zuhause bin, bin ich aufgrund meiner immer noch spürbaren PostCovid-Auswirkungen für ein bis zwei Wochen krank außer Gefecht und muss deutliche Einbußen meiner Leistungsfähigkeit in Kauf nehmen.

Das ist das Setting, in dem ich mich bewege, um eine stabile und tragfähige Bindung zu meinem Enkelkind aufzubauen und meiner Tochter in dieser Zeit regelmäßig zur Seite zu stehen. Ich weiß, sie bräuchte mich deutlich öfter bei sich, aber ich schaffe es schlicht nicht. Ich würde gerne, spüre aber meine Limitierung zu deutlich.

Ich bin mir sicher, ich würde eine andere Lösung finden können, wenn ich hier nicht noch zurzeit intensiv begleitungsbedürftige Teenager zuhause hätte, aber so zerreißt es mich jedes Mal, wenn das eine Kind weinend anruft, es braucht mich bei sich und wenn ich dort bin, rufen mich drei andere Kinder an, die mich zuhause brauchen. Ich würde zumindest das Dunkle gerne öfter mitnehmen, aber die Schule und ihre Verpflichtungen machen das unmöglich.

Also packe ich regelmäßig Pakete, schreibe Briefe, bin Tag und Nacht in Alarmbereitschaft und habe das Handy an mir kleben, falls etwas ist, hier oder dort.

Aber es ist kein schöner Zustand, zusätzlich zu allen anderen Problemen, die wir hier im Moment haben.

17 Jahre

Du bist seit 17 Jahren tot. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, als ich um 21 Uhr ein so schmerzhaftes Ziehen in der Seele gespürt habe, dass ich den Mann gebeten habe, jetzt sofort im Krankenhaus anzurufen und zu fragen wie es dir geht. Die Frau am Telefon hat nicht geantwortet, sie hat nur gesagt, sie bringt das Telefon jetzt zu Oma, die die ganze Zeit an deinem Bett saß. Und Oma flüsterte leise, dass du vor wenigen Minuten eingeschlafen bist.

Du fehlst mir jeden Tag. Ausnahmslos.

geschmiedet [Kriegerin]

Es gibt ein Schmuckstück, das kurz vor meiner Geburt aus dem Gold unserer Vorfahren für mich neu geschmiedet wurde, damit ich es an meinem 18. Geburtstag erhalte. Traditionell wird dieses Gold an das Kind weitergegeben, das die Linie fortführt. In meinem Fall gab es keine große Wahl, denn ich bin die Letzte; die Blutlinien so vieler Menschen enden bei mir. Alle Geschwister meiner Eltern und Großeltern sind unfruchtbar, früh gestorben oder haben ihre Kinder an Kriege, Krankheiten, Unfälle oder Zwischenfälle verloren.

Als ich zum ersten Mal schwanger wurde, habe ich es in seinem Versteck gelassen. Ich wollte es nicht neu schmieden lassen, es passte nicht. Auch in der darauffolgenden Schwangerschaft passte es nicht. In der Schwangerschaft mit der Kriegerin, viele Jahre später, als ich meinen Traum von ihr träumte, wie sie heute tatsächlich aussieht und ich ihren Namen wusste, da habe ich es an ihrem Hals gesehen. Ich hab es trotzdem in der Form gelassen, die für mich gemacht wurde. Mich berührt es. Die Gravur, die meinen 18. Geburtstag nennt. Ich wollte es nicht einschmelzen lassen. Es liegt seit so vielen Jahren an seinem Platz. In drei Monaten wird die Kriegerin 18 Jahre alt. Und etwas, das fast zwei Jahrzehnte keinen einzigen Gedanken wert war, erscheint plötzlich wieder in meinen Träumen. Ich weiß, dass sie es bekommen muss. Das war mir erst umso unverständlicher, weil bereits zwei meiner Kinder schon seit Jahren volljährig sind. Eines hat bereits die nächste Generation geboren und der Gedanke, dass es dort landet, ist eine romantische Vorstellung. Sie ist aber falsch. Ich denke an all die Geschichten, die meine Kindheit durchzogen, an all die Legenden, an die Namen unserer Vorfahren und dass es nie einfach dem erstgeborenen Kind übergeben wurde, sondern immer dem, das den Erzählungen am engsten verbunden war.

Meine große Tochter ist mein heller Spiegel. Alles Gute in mir findet sich um ein Vielfaches multipliziert in ihr wieder. So zielstrebig, emotional, in sich ruhend, der Welt verbunden. Wach und aufmerksam, aber nie der dunklen Seite zugewandt.

Mein großer Sohn ist etwas ganz Eigenes. Er wendet sich von Tradition und Überlieferungen ab und findet in seinem Tempo seinen ganz eigenen Weg.

Mein kleiner Sohn lebt in einer wiederum völlig anderen Welt aus Wissenschaft und Erkenntnis und Vernunft und Pragmatismus.

Die Kriegerin ist mein dunkler Spiegel. Sie trägt all das Potential in sich, mit dem ich mein Leben lang kämpfen musste. Segen und Fluch von Hochbegabung. Sie war seelisch bereits an den dunkelsten Orten und wir haben lange Jahre nicht gewusst, ob sie wieder ans Licht kommen würde. Sie ist das Dunkle. Rote Wut, schwarzer Hass. Sie ist die Verzweiflung, an eine Welt gekettet, in der ihre Fähigkeiten, ihr Potential, ihre Moral- und Wertvorstellungen nichts wert sind, weil die Menschheit schlecht ist. Weil das Gute immer verraten wird und Menschen schwach sind.

So dunkel ihre Seele ist, so hell wird ihre Flamme lodern, wenn sie sie entdeckt. Denn sie ist auch die Liebe. Sie ist die Leidenschaft. Das Feuer. Sie ist der Sturm, der alles hinwegfegt, was sich ihm in den Weg stellt. Bereit, für all jene einzustehen und zu kämpfen, die unter ihrem Schutz stehen. Sie sieht das noch nicht, aber ich kann es sehen. Konnte es immer schon.

Und darum weiß ich mit absoluter Sicherheit, dass unter meine Gravur die ihre gehört.

Nicht als Erstgeborene, nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil dieses Schmuckstück, seine Geschichte, seine Kraft – und dieser Teil meines Herzens – nur ihr gehören.

Unter die Haut

„Zeig dich.“, flüstert sie. Ich war mir bislang nicht sicher, ob es eine gute Idee war. Aber es beginnt, wie es immer war. Es braucht nur wenige Momente Kontakt zwischen uns, bis wir beide brennen. Ich spüre, wie in mir alles weit wird. Keine Regulation mehr. Nur noch sein dürfen. Ungehemmt, ungebremst, unzensiert. Da ist jemand, der das tragen und vor allem ertragen kann. Wir tanzen vier Stunden am Abgrund, nur wir beide und die Gedanken, die sonst niemand hören darf. Und doch ist es anders. Die letzten Jahre haben die Hoffnung von ihr gerissen. Hoffnung darauf, dass das Leben anders werden kann, dass es eine Chance gibt, irgendwann etwas zu finden, wo man zur Ruhe kommen kann, wenn man dessen überdrüssig wurde, jederzeit alles haben zu können. Ich spüre, dass sie nicht mehr nur angreift. Es ist Verteidigung in ihrem Verhalten. Müdigkeit. Erschreckend viel Müdigkeit.

Ich frage mich, ob ich einen Blick in die Zukunft werfe oder schon in ihr angekommen bin.

Ich will das nicht.

Bedeutungslosigkeit

Wenn man in seinem Leben doch nur diese Handvoll Menschen überhaupt erreicht hat – wenn überhaupt – und wenn der Unterschied, den man gemacht hat, so verschwindend gering war, dass das Leben auch ohne mich seinen Weg gefunden hätte, welche Bedeutung habe ich dann überhaupt? Wenn alles Interesse an mir in meiner Funktion begründet liegt, wenn all mein Wirken mit meinem Rückzug nicht nur in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, sondern auch in seiner bloßen Existenz fraglich würde, warum sollte ich dann auch nur noch einen einzigen Schritt in eine Zukunft machen, die nach Erfahrungswerten mit der Vergangenheit und den Menschen darin nichts anderes erwarten lässt als weiteren Schmerz, weitere Enttäuschung, weitere Lügen und weiteren Verrat? Wenn ich mich nun aus diesem Hamsterrad befreie, in wie vielen Stunden, Tagen werde ich vergessen sein? Die Gewissheit, dass ich in Wochen oder Monaten selbst für Menschen, die nun behaupten, ich sei für ihre Leben wertvoll und wichtig, nur noch eine dieser vagen Erinnerungen sein werde, die einem wie nicht aussprechbare Worte hinten auf der Zunge liegen und dann beim Finden einer Umschreibung einfach in Vergessenheit versinken, macht mein Leben so unwichtig wie wertlos. Und im nächsten Schritt muss man vielleicht erkennen, welch Freiheit in diesen Erkenntnissen liegt. Mit welcher Kompromisslosigkeit sie einen Menschen von den Ketten des Richtigseins, Richtigtuns und Richtiglebens befreit. Wenn die Vorstellung von einem Vermächtnis so übermächtig wurde, dass man vergisst, dass dieses Leben vielleicht nur dazu dient, hedonistisch alles mitzunehmen, was es einem anbietet. Wo Begriffe wie Moral oder Ethik nur denen dienen, die sich ihrer ohnehin widersetzen, ist die beständige Predigt von Tugenden doch die schärfste Waffe derjenigen, die sich selber unmoralisch und skrupellos nehmen, was sie wollen. Und in Abwesenheit einer Hölle bleibt dieses Verhalten ohnehin ungestraft, ungesühnt. Davon fantasieren nur die, die denken, dass wir als die Krone der Schöpfung, als Gottes Meisterwerk in irgendeiner Form fürs angepasste Brav sein belohnt werden.

Werden wir aber nicht.

Gewalt

Ich habe mich Zeit meines Lebens als gewalttätigen und aggressiven Menschen beschrieben, weil Wut so sehr zu meiner Natur gehört, dass es mir ohne sie kaum möglich ist zu atmen.

Ich lerne jetzt erst, dass meine Wut nie dazu da war, irgendjemanden oder irgendetwas zu vernichten. Sie war immer nur dafür gedacht, mich selbst zu schützen, weil es nie einen Menschen gab, der das getan hat.

Meine Wut verschiebt sich gerade von Waffe zu Kraft, zeigt mir ihr volles Potential von Schutz statt Zerstörung.

Wie ein Raubtier richtet sie sich auf, endlich bereit, gnadenlos all meine Grenzen zu verteidigen, weil ich meinen Wert nicht mehr davon abhängig mache, für andere Menschen zu funktionieren.

Ich will nicht mehr als Regulativ gebraucht werden. Ich will gesehen, geliebt, umworben und wertgeschätzt werden.

Um meiner selbst willen.

Erdung

„Es ist wie vor 4 Jahren!“, flüsterst du mir zu und ich sehe den Schmerz und die Tränen der Verzweiflung in deinen Augen. Ich schiebe dich in den Regen, nur wir beide und die Urgewalt, die da draußen um uns herum tobt. Ich halte dich fest, flüstere dir zu, wie sehr du geliebt wirst und so stehen wir da. Ich kann dir nicht helfen und weiß doch zu genau, wie es ist, wenn die Dunkelheit einen zu überwältigen droht. Ich weiß es. Und ich fühle deine unbändige Energie, dein Licht, deine Stärke, die du allesamt noch so wenig unter Kontrolle hast. Ich kann dir nicht helfen und es macht mich wahnsinnig. Ich kann nur hier bei dir sein, dich erden, dich festhalten, dich lieben und hoffen, dass das reicht.

Meine Kriegerin.

Du bist der Sturm.