Gebären

„Wissen wir schon, ob wir unter der Geburt Schmerzmitt…“

RUF DEINE SCHWESTER AN!!

„Wir haben doch gestern beim Abendbrot darüber geredet, wie deine Fruchtblase geplatzt ist?“

Butz, Ich möchte gerade nicht über Körperflüssigkeiten sprechen. Vielleicht rufst du deine Schwester an?

„Du wirst eine SO schlecht vorbereitete Oma sein!“

[Ich riskiere das.]

Liebe

Wie kann ein erwachsenes Kind nur so anbetungswürdig selbstwirksam und wunderbar sein?

Bei jedem Telefonat das Gefühl haben, als würden alle Teile meiner Seele in Frieden wieder zueineinanderfinden.

Es ist ein Fest, an diesem Leben teilhaben zu dürfen.

Sichtbarkeit

Habe mich heute Morgen bereits mehrfach erbrochen, Panikattacken weggeatmet und bin dann mit sehr viel Angst trotzdem zum Zahnarzt gegangen.

Wie jedes Mal.

Traumafolgen sind ein Arschloch, aber ich bin nicht bereit, mir davon mein Leben diktieren zu lassen.

Die Kinder wissen inzwischen schon viel zu viel und gleichzeitig nur ein winziges Bruchstückchen aus meiner Vergangenheit und trotzdem werde ich an diesen Tagen einfach liebevoll von ihnen ins Bett geschickt, bekomme einen Obstteller, eine stille Umarmung, ein leises „Du bist super.“

Und je älter sie werden, desto wichtiger sind diese Lücken im Superheldenumhang von Eltern.

Ich erlaube mir inzwischen eine Durchlässigkeit, die vor Jahren noch undenkbar gewesen wäre, die aber unabdingbar für die Abnabelung ist, damit wir uns als Erwachsene neu begegnen dürfen.

Fehlentscheidungen

Ein überdrehter Butz kommt nach Hause, als ich gerade im Aufbruch bin und fragt, ob er mit einkaufen kommen kann.
Butz und ich sind unterwegs ja eine eher schwierige Kombination, aber ich denke mir, ich gebe dem Ganzen eine weitere Chance.

Sein Stresslevel ist anscheinend jenseits von Gut und Böse, denn schon während der Fahrt zieht er im Sekundentakt am Türgriff bis kurz vor den Punkt, an dem die Tür dann tatsächlich aufgeht und ich drohe, ihn auf den Rücksitz zu verfrachten und die Kindersicherung zu aktivieren.

Kurz hält er still und wütend die Luft an, bis ich weiteratmen befehle und er dazu übergeht, die Lüftungsklappen im Takt der Musik beidhändig zu öffnen und zu schließen. Ich atme selber ein bisschen und versuche mit mäßigem Erfolg, ein Gespräch zu beginnen.

Auf dem Parkplatz muss er sich beweisen, wie nah sein Körper an Autos herankommt ohne sie zu berühren und ich sehe ihn schon halb auf der Motorhaube des Sportwagenfahrers liegen, der entsetzt wieder aussteigen will, als Butz einen gekonnten Limbo unter einem Spiegel vollführt.

Im Laden teile ich ihm einen Sack Leergut zu, den er in den Automaten eingeben muss und denke mir, was soll schiefgehen, unterschätze aber die Dringlichkeit, Flaschen gerade, richtig herum und nach Getränkeart geordnet in den Automaten zu sortieren.

43 Pfandzettel im Wert von 0,25 Euro später freue ich mich schon auf das Gesicht des Angestellten an der Kasse und versuche, Butz verschiedene Aufträge zum Holen von bestimmten Dingen zu erteilen. Das Zählen und Antippen von Waren in Regalen ist aber minimal interessanter.

Während das Kind im Stechschritt die Gänge abschreitet und völlig vergisst, dass es nicht mehr klein und niedlich sondern groß wie ein ausgewachsener Mann und genauso breit ist, reißt es verschiedene herrenlose Einkaufswagen mit. Beim dritten Beinahezusammenstoß greife ich ein.

Hand an den Einkaufswagen it is und ich verfluche mich, dass ich nicht besser eingeschätzt habe, wie gestresst er tatsächlich ist. Also Zähne zusammenbeißen und durch. Ich werfe in der verzweifelten Hoffnung, Butz mit Quengelwaren ablenken zu können, den Einkauf aufs Kassenband.

Nicht mit Butz. Entsetzt entfährt ihm ein Aufschrei, während er anfängt, Waren nach Größe, Form, Aussehen und Kategorie zu ordnen. Als er vorne angelangt ist, kann ich ihn nur durch körperlichen Einsatz daran hindern, die Bierdosen des Kunden vor uns nach Sorte zu sortieren.

Das Kassieren verlangsamt sich durch Scannen der 43 Pfandbons und Butz‘ Zeigefinger auf dem Kundenmonitor, der mit bedrohlich wirkender Akribie jeden Artikel noch zweimal prüft, während der Kassierer sich immer unwohler fühlt und aufgrund der Verzögerung eine zweite Kasse öffnet.

Ich murmle beruhigend vor mich hin, da wagt es der Kassierer, das letzte Teil selber und mit einer an Arroganz grenzenden Willkür einfach oben auf Butzis Ordnung in den Einkaufswagen zu legen.
Ich schiebe Butz Richtung Ausgang und halte im Gehen noch schnell die Karte vor.

Draußen angekommen schnaufe ich einmal tief durch und füttere das Kind mit Milchschnitten. Das verschafft mir etwas Zeit, die Einkäufe in Tourbus zu laden und den Wagen zurückzubringen. Ihm das aufzutragen traue ich mich gerade nicht obwohl das eigentlich Kinderaufgabe ist.

Ich ziehe mich auf den Fahrersitz hoch und lächle Butz an: ‚Das war anstrengend, hm?‘
Er nickt, zieht auf der Fahrt ein paar Male am Türgriff, hört aber gleich wieder auf. Zuhause legt er sich auf die Terrasse, winkt Ludwig herbei und 40 Kilo Labrador legen sich auf ihn.

Ich sehe, dass mit jedem Kilo Gewicht, das auf ihn herabsinkt, die Unruhe weicht. Ein paar Momente später zieht er Lu liebevoll an Ohren und Lefzen, erzählt von seinem Tag und genießt das tiefe wohlige Brummen, das aus dem Hund kommt.

Heute ist ein Tag, an dem ich nicht weiß, ob wir Fortschritte machen, ob es vorwärts oder rückwärts geht, ob wir auf einem guten Weg oder davon abgekommen sind, aber letzten Endes können wir eh immer nur einen Schritt vor den anderen setzen und schauen, wo das Leben uns hinführt.

17

Wir sitzen am Geburtstagstisch und der Kobold liest sich mühsam durch den Klappentext eines der Bücher, die die Tochter geschenkt bekam:

„Ein Liebesroman über eine 17jährige? Hast du die Kriegerin mit meiner großen Schwester verwechselt?“

Hast DU gelesen, dass die Protagonistin eine Auftragsmörderin ist?

„Oh.“

Am Nachmittag höre ich ihre Stimme aus dem Wohnzimmer:

„Das im Bild ist nur mein bescheuerter Bruder, den könnt ihr ignorieren!“

Motte, LANGUAGE!

„Mami, chill mal, ich update gerade meine Followis, dass sie in ein neues Handy umgezogen sind.“

[Natürlich. Dann ist jetzt halt die uncoole Mutter mit auf dem TikTok zu hören.]

Und wie jedes Jahr an diesem Tag steht der Mann in seiner Mittagspause lächelnd mit einer Bäckertüte vor mir, in der sich zwei Käsebrötchen befinden und katapultiert uns gedanklich kurz 17 Jahre zurück in eine andere Zeit.

Ich sitze mit einem 2 Stunden alten Menschen auf dem Rücksitz, wir sind auf dem Weg nach Hause, meine Welt ist im Gleichgewicht, aber ich habe solchen Hunger, dass ich ihn bitte, eben kurz beim Bäcker zu halten und mir dick mit Butter und Käse belegte Brötchen zu kaufen.

Herzlichen Glückwunsch zum 17. Geburtstag, meine wunderbare Tochter.

Nacht

Wie ich diese letzte halbe Stunde des Tages mit den Hunden draußen gerade genieße.

Nur die drei Bären, der Sternenhimmel, die milde Frühlingsluft und ich. Haben sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt, betrachte ich ehrfürchtig diesen wunderbaren Garten, den ich Jahr um Jahr mehr nach meinen Vorstellungen formen kann. Ich rieche den Duft der Hyazinthen, ich freue mich über die Robinie, die neu austreibt und in einigen Jahren mit ihren einzigartig riechenden Blütentrauben ebenfalls blühen wird. Streiche über die zarten Weidenblättchen, wuschel durch Katzenminze, Zitronenmelisse und Pfefferminze und ergebe mich den Gerüchen, die ich endlich wieder wahrnehmen kann.

Nicht so wie früher, aber ich kann wieder riechen. Und ich habe die leise Hoffnung, dass es besser wird. Irgendwann.

Der Liguster ist so herrlich dicht, mit diesen unvergleichlich glänzenden Blättchen, in denen ich ertrinken möchte. Der Holunder, unter dem unser geliebter Norbert liegt. Die Blutberberitze, die dieses Jahr vielleicht fast schon den Namen Hecke verdient, das Brennesselfeld, das hunderten von Schmetterlingen Geburtsstätte sein wird, der Ginko, der von Hasi genährt wird, den wir vor so vielen Jahren gehen lassen mussten.

Das blaue Tulpenfeld, die unzähligen Funkien, die ich überall im Garten verteilt habe, die Lebkuchensträucher, die im Moment noch nichts von dem erahnen lassen, was sie uns im Herbst schenken werden. Die Rosensträucher, die mich an meinen Großvater erinnern, wanni mmer ich sie sehe.

Die Fetthennen, der Mauerpfeffer, meine absoluten Lieblingspflanzen, was Anpassung an Umstände angeht. Noch das kleinste Teil überlebt und bildet eine neue kräftige Pflanze, egal, wie oft man es zerrupft, auseinanderreißt, zertrampelt, austrocknen lässt.

Die Pfeifenwinde, die schon so schön flauschig grün wird, meine Hibiskussträucher, der Knöterich und Efeu einfach überall. Der Pflaumenbaum, der vor Jahren nur ein armseliges Stöckchen war und nun meterhoch in den Himmel ragt, voller Blüten, kräftig, mit seinen vier Stämmen und der jedes Jahr kiloweise köstliche Früchte trägt.

Ich liebe alles daran, im Schutz der Nacht all dies abzugehen, innezuhalten und demütig und dankbar für dieses Leben zu sein, das mir so oft so viel mehr abzunötigen scheint als ich geben kann.