Fehlentscheidungen

Ein überdrehter Butz kommt nach Hause, als ich gerade im Aufbruch bin und fragt, ob er mit einkaufen kommen kann.
Butz und ich sind unterwegs ja eine eher schwierige Kombination, aber ich denke mir, ich gebe dem Ganzen eine weitere Chance.

Sein Stresslevel ist anscheinend jenseits von Gut und Böse, denn schon während der Fahrt zieht er im Sekundentakt am Türgriff bis kurz vor den Punkt, an dem die Tür dann tatsächlich aufgeht und ich drohe, ihn auf den Rücksitz zu verfrachten und die Kindersicherung zu aktivieren.

Kurz hält er still und wütend die Luft an, bis ich weiteratmen befehle und er dazu übergeht, die Lüftungsklappen im Takt der Musik beidhändig zu öffnen und zu schließen. Ich atme selber ein bisschen und versuche mit mäßigem Erfolg, ein Gespräch zu beginnen.

Auf dem Parkplatz muss er sich beweisen, wie nah sein Körper an Autos herankommt ohne sie zu berühren und ich sehe ihn schon halb auf der Motorhaube des Sportwagenfahrers liegen, der entsetzt wieder aussteigen will, als Butz einen gekonnten Limbo unter einem Spiegel vollführt.

Im Laden teile ich ihm einen Sack Leergut zu, den er in den Automaten eingeben muss und denke mir, was soll schiefgehen, unterschätze aber die Dringlichkeit, Flaschen gerade, richtig herum und nach Getränkeart geordnet in den Automaten zu sortieren.

43 Pfandzettel im Wert von 0,25 Euro später freue ich mich schon auf das Gesicht des Angestellten an der Kasse und versuche, Butz verschiedene Aufträge zum Holen von bestimmten Dingen zu erteilen. Das Zählen und Antippen von Waren in Regalen ist aber minimal interessanter.

Während das Kind im Stechschritt die Gänge abschreitet und völlig vergisst, dass es nicht mehr klein und niedlich sondern groß wie ein ausgewachsener Mann und genauso breit ist, reißt es verschiedene herrenlose Einkaufswagen mit. Beim dritten Beinahezusammenstoß greife ich ein.

Hand an den Einkaufswagen it is und ich verfluche mich, dass ich nicht besser eingeschätzt habe, wie gestresst er tatsächlich ist. Also Zähne zusammenbeißen und durch. Ich werfe in der verzweifelten Hoffnung, Butz mit Quengelwaren ablenken zu können, den Einkauf aufs Kassenband.

Nicht mit Butz. Entsetzt entfährt ihm ein Aufschrei, während er anfängt, Waren nach Größe, Form, Aussehen und Kategorie zu ordnen. Als er vorne angelangt ist, kann ich ihn nur durch körperlichen Einsatz daran hindern, die Bierdosen des Kunden vor uns nach Sorte zu sortieren.

Das Kassieren verlangsamt sich durch Scannen der 43 Pfandbons und Butz‘ Zeigefinger auf dem Kundenmonitor, der mit bedrohlich wirkender Akribie jeden Artikel noch zweimal prüft, während der Kassierer sich immer unwohler fühlt und aufgrund der Verzögerung eine zweite Kasse öffnet.

Ich murmle beruhigend vor mich hin, da wagt es der Kassierer, das letzte Teil selber und mit einer an Arroganz grenzenden Willkür einfach oben auf Butzis Ordnung in den Einkaufswagen zu legen.
Ich schiebe Butz Richtung Ausgang und halte im Gehen noch schnell die Karte vor.

Draußen angekommen schnaufe ich einmal tief durch und füttere das Kind mit Milchschnitten. Das verschafft mir etwas Zeit, die Einkäufe in Tourbus zu laden und den Wagen zurückzubringen. Ihm das aufzutragen traue ich mich gerade nicht obwohl das eigentlich Kinderaufgabe ist.

Ich ziehe mich auf den Fahrersitz hoch und lächle Butz an: ‚Das war anstrengend, hm?‘
Er nickt, zieht auf der Fahrt ein paar Male am Türgriff, hört aber gleich wieder auf. Zuhause legt er sich auf die Terrasse, winkt Ludwig herbei und 40 Kilo Labrador legen sich auf ihn.

Ich sehe, dass mit jedem Kilo Gewicht, das auf ihn herabsinkt, die Unruhe weicht. Ein paar Momente später zieht er Lu liebevoll an Ohren und Lefzen, erzählt von seinem Tag und genießt das tiefe wohlige Brummen, das aus dem Hund kommt.

Heute ist ein Tag, an dem ich nicht weiß, ob wir Fortschritte machen, ob es vorwärts oder rückwärts geht, ob wir auf einem guten Weg oder davon abgekommen sind, aber letzten Endes können wir eh immer nur einen Schritt vor den anderen setzen und schauen, wo das Leben uns hinführt.

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