Der Bund fürs Leben

So, wir kommen langsam wieder im Alltag an, das Hochzeitsadrenalin schwindet allmählich, übrig bleiben wunderbare und sehr emotionale Erinnerungen an ein gelungenes Fest und an die allerschönste Braut, die es überhaupt hätte geben können.

Mein Baby ist verheiratet.

Ich musste bei den Feierlichkeiten sehr die Tränen zurückblinzeln, als die Braut kurz durch und durch älteste Schwester war und den Butz mit den Worten an ihre Seite holte: „Komm, du sitzst neben mir, ich erklär dir alles und wir machen das zusammen! Keine Panik!“

Ich liebe diese Kinder.

Hochzeitsvorbereitungen

Ludwig hat endgültig mitbekommen, dass ich packe und zerrt Decken wieder aus Taschen heraus, maßregelt die anderen Bären, hängt mir am Hosenbein und badet in Dramatik, im Hintergrund sagt Butz den Tagesablauf auf.

[Ich spüre mein inneres Enton…]

Butz wiederholt mantraartig den Ablauf des morgigen Tages und jedes Mal, wenn er eine neue Information erhält, geht es wie beim Spiel „Ich packe meinen Koffer“ von vorne los.

Ich schrei gleich einfach nur noch laut vor mich hin.

Ich bin ja auch so fucking unkorrekt in meinen Angaben.

Dann muss er wieder googeln und findet heraus, dass es 332km statt 330km sind und solche Sachen.

„Wer hat sich um unsere Freistellung von der Schule gekümmert?“

Papa.

„Ah gut, da kann man sich ja drauf verlassen, dass das geklappt hat.“

[Entschuldigung?]

Ambivalent

Wie kann man so hin- und hergerissen sein, wenn es um etwas eigentlich Schönes geht?

Mein Kind heiratet. Und ich will der Einladung nachkommen.
Und das bedeutet, dass ich mit ihm an einem Tisch sitzen muss. Etwas, das ich endlich nicht mehr tun musste, seit sie volljährig ist.

Und ich habe mir geschworen: Nie wieder. Ich entscheide mich dafür, mit diesem einen Menschen keinen Kontakt mehr zu haben. Weil ich das endlich wählen darf nach 16 Jahren, in denen er mich nie hat vergessen lassen, dass gemeinsames Sorgerecht für mich vor allem darin besteht, dass ich ihm uneingeschränkt Rechenschaft schuldig bin.

Wenn die Umstände nicht wären, könnte ich mich vorbehaltlos freuen? Und ich wusste doch, dass der Tag kommen würde, an dem ich ihm wieder begegnen würde? Ich weiß nicht, ob er noch manchmal an die Vergewaltigungen denkt. Ich weiß nicht, ob er noch weiß, wie er mich in der brennenden Wohnung ans Bett gefesselt zurückgelassen hat. Ich weiß nicht, ob er noch daran denkt, wie er mir das Schlüsselbein gebrochen hat.

Ich vermute, es hat keinerlei Relevanz mehr für ihn.

Ausschleichen

Ich habe zwei funktionierende Strategien, mich zu regulieren ohne andere Menschen zu verletzen und die sind Sex und Essen. Meine Libido ist seit fast 10 Wochen verschwunden, genauso lange kann ich nichts mehr riechen und nichts mehr schmecken. Dazu kommt seit Wochen die Therapie mit Cortison, die mir Heißhunger auf etwas beschert, das ich nicht befriedigen kann. Alles in allem eine fatale Kombination, ich wiege so viel wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich mag nicht mehr. Ich habe Schmerzen durch das Gewicht, die Arthrose macht es mir fast unmöglich, zu laufen, jeder Schritt, jede Gewichtsverlagerung auf die Knie ist ein kreischender Schmerz, der macht, dass ich einfach nur noch sterben will. Meine Beine sind geschwollen und voller Wasser, mir passen meine Schuhe nicht mehr, ich bin aufgedunsen, ich möchte aus meinem Körper flüchten und ich kann nicht. Ich verdamme diesen Tag, ich verdamme meine Entscheidungen und ich hasse alles, aber nichts davon hilft, hier wieder weg zu kommen.

Und während alle anderen einfach weitermachen, hänge ich hier mit den Nachwirkungen dieser Scheißkrankheit und fühle mich so allein und im Stich gelassen.

8 Wochen, 1 Tag

Acht Wochen und einen Tag nach positivem Test.

Ich habe meinen Geruchs- und Geschmackssinn immer noch nicht wieder.
Ich kann den Mann nicht mehr riechen, die Kinder nicht, das Wetter und die Natur nicht, all meine Lieblingsgerüche nicht und ich finde mich in der Welt nur noch unzureichend zurecht. Es ist ein herber Verlust, den ich massiv betrauere.

Ich habe jeden Zugang zu meiner Sexualität verloren. Meine Libido, die seit 20 Jahren mit diesem Mann ununterbrochen hochtourig läuft, ist einfach verschwunden und das ist ein nicht in Worte zu fassender Tiefschlag in unserem Leben.

Ich bin schwach – in jeder Hinsicht. Ich brauche lange Erholungsphasen, ich denke immer noch langsamer als gewöhnlich, ich kann nicht mehr mehrere Dinge gleichzeitig tun, jede Handlung, jeder Gedanke, alles, was mir jemals mühelos zugänglich war, erfordert Anstrengung und resultiert in Erschöpfung, die umfassender ist als bloße Müdigkeit.

Meine Defizite erfordern im Moment einen Großteil meiner Kraft, um Fähigkeiten auf ein normales Maß zu heben. Die Aggressivität ist noch immer laut in mir. Ich stelle eine gewisse Kompromisslosigkeit fest, die mir im Normalfall fremd ist. Ich mag mich oft selber nicht mehr.

Meine Gehirnchemie hat sich massiv gewandelt und ich wechsle trotz krampfhaft diszipliniert eingehaltenen Tagesplänen so oft wie zuletzt Anfang bis Mitte 20. Es scheint kein Regulativ mehr zu geben, das es uns ermöglicht, dies irgendwie zu kontrollieren und das macht mir panische Angst.

Mein ganzes Leben ist auf Prinzipien und Regularien aufgebaut, um genau diesen einen Punkt so berechenbar machen zu können, wie es irgend möglich ist. Und wenn ich unkontrollierbar wechsle und sollten dabei tiefere Ebenen wieder freigelegt werden, hat nichts mehr Bestand, wofür ich seit Jahrzehnten arbeite.  Ich bemühe mich, die Tage so zu nehmen wie sie kommen, aber in so viel emotionaler Unsicherheit wie ich sie momentan auch hier zuhause erfahre, fällt es schwer, so etwas wie Zuversicht oder Hoffnung zu schöpfen.

O Holy Night

In der Eröffnungsphase bei Butzis Geburt habe ich während der 4 Stunden bis 9cm Muttermund alleine in der Dunkelheit im Wohnzimmer auf einem Kissen gesessen – das Fenster zur sternenklaren Nacht geöffnet – und habe in Dauerschleife ‚O Holy Night‘ von Mariah Carey gehört.

Es ist vielleicht DIE kraftvollste und friedlichste Erfahrung meines gesamten Lebens.
Wannimmer ich es in den vergangenen 13 Jahren gehört habe, war ich sofort wieder Teil dieser kompromisslosen Verschmelzung von mir mit dem Universum.

Es ist ein Geschenk wie kein anderes.

Covidnachwirkungen Tag 23

Am Freitag war ich das erste Mal wieder „draußen“. Heißt – weiter als kurz auf die Terrasse, um dann vor Erschöpfung zusammenzubrechen. Ich war beim Orthopäden, konnte mich einmal von oben bis unten wieder geraderuckeln lassen und es ging mir danach zumindest von den Sturzfolgen und den Muskelverspannungen deutlich besser als vorher.

Der Rest ist nach wie vor eine Katastrophe. Die Nasennebenhöhlen sind immer noch zu, ich habe jeden Tag Zahn- und Gelenkschmerzen, am letzten Wochenende war ich mitten in einem Gichtschub, obwohl ich nichts außer Kartoffeln und Eiscreme esse. Ich rieche und schmecke nichts. Mein Gehirn scheint sich deutlich zu regenerieren, meine Laune und seelische Allgemeinverfassung auch, die Hoffnungslosigkeit erwischt mich meistens nur noch abends und nachts.

Libido hängt bei mir anscheinend existentiell am Geruchssinn, solange ich nichts wahrnehme, komme ich geistig und körperlich nicht mal in die Nähe dieses Themas. Das belastet vor allem mich außerordentlich.

Der eingebildete Ammoniakgestank ist verschwunden und dem intensiven Aroma von verbranntem Plastik gewichen – wahlweise Essen oder Menschen „riechen“ für mich manchmal danach. Ich habe inzwischen gelernt, wahrzunehmen, wo ich auch ohne riechen zu können bestimmte Gerüche fühlen kann. Ich spüre an der Haut, dass gekocht wird, ich kann die Öfen der Nachbarn draußen am Kratzen im Hals „riechen“, die Kinder hinterlassen eine Wärmespur, die ich früher nie wahrgenommen habe.

Aber unterm Strich hasse ich alles an diesem Zustand.

Vanille geht immer noch, mein Lichtblick und ein Feuerwerk im Gehirn, so dass ich in den ganz trostlosen Momenten am Backschrank stehe und weinend am Glas mit den Vanilleschoten schnuppere.

Zwei ganze Sinne, einfach weg.

Covidnachwirkungen Tag 13 – Freitag

Ich bin in einem desaströsen Allgemeinzustand, da möchte ich mir nichts vormachen. Zahnfleischbluten beim Aufwachen scheint der neue heiße Scheiß zu sein. Ich sitze hier und frühstücke ein weiteres Mal Pellkartoffeln, weil diese das Einzige sind, was ich nicht schmeckend im Mund beim Essen einigermaßen gut ertragen kann. Eiscreme geht auch noch, die esse ich aber abends, wenn der Hals maximal weh tut. Einiges Tierisches hat nach wie vor intensiven Ammoniakgestank und der Rest verschwindet in der geruchlichen Versenkung. Manche Gerüche nehme ich als existent wahr, ich kann sie aber nicht riechen. Es ist gruselig faszinierend. Parfum nehme ich als „vorhanden“ wahr, ich rieche es aber nicht. Ich kann sagen, dass jemand kocht, aber es scheint irgendeinen anderen Sinn zu kitzeln als den Geruch.

Für ein Raubtier ist das schon eine ziemlich schwache Leistung – sollte man doch denken, dass einige Inhalte eigentlich immer irgendwie Alarm im Gehirn auslösen sollten, aber auch da muss ich passen.

Ich stecke meine Nase inzwischen in Dinge, die die anderen aus 5 Meter Entfernung schon als viel zu intensiv wahrnehmen und es passiert exakt gar nichts.

Was ich nach wie vor deutlich rieche, ist Vanille.

Apex Predator eben.

Covidnachwirkungen Tag 12 – Donnerstag

Davon aufgewacht, dass ich den Mund voller Blut habe. Nach dem Übergeben festgestellt, dass ich im gesamten Mund aus dem Zahnfleisch blute. In einer Stärke, die an starkes Nasenbluten erinnert. Eine halbe Stunde später war der Spuk vorbei, es bleiben pochende Zahnschmerzen. Der Husten ist wieder schlimmer geworden, der Allgemeinzustand im Gesamten aber eigentlich besser. Irgendwie. Immer noch wochenbettähnliche Periodenblutungen ohne Pause.

Bin erschöpft davon, zuzusehen, wie Maike und Tobias nach überstandener Erkrankung einfach wieder in den Alltag wechseln.