Die Rose

„Das war die letzte Pflanze, die meine Frau vor ihrem Tod gepflanzt hat. Sie liebte Rosen.“, sagt er mir so beiläufig, wie er mir gerade erzählt hat, dass dort oben am Hang mehrere Katzenskelette liegen würden und er dort kein Gemüse anbauen würde.

Er deutet auf die Rosenpflanze direkt neben der Gartentür. Dann seufzt er ein wenig sehnsüchtig und ich höre mir ein viertes Mal die Geschichte an, wie seine Frau in diesem Haus in seinen Armen gestorben ist.

Viel zu früh. Ich weiß, dass er in diesem Haus mit ihr alt werden wollte. Nun ist es viel zu groß für ihn alleine und der Abschied fällt ihm sichtlich schwer.

Ich hasse Rosen. Mein Großvater hat sie geliebt und das war wohl auch das einzige, das ich nie nachvollziehen konnte. Ich fand sie immer nur pieksig und hässlich.

Es kam, wie es kommen musste.

Wir rissen Büsche aus dem Garten, wir gruben Steine, Platten und Pflanzen aus, entsorgten Zäune und bauten neu. Inzwischen ist nichts mehr, wie wir es vor drei Jahren übernommen haben, als wir dieses Haus kauften.

Nichts.

Wir haben wohl jeden Quadratzentimeter Garten mindestens einmal umgegraben, jeden Stein berührt und wirklich alles ganz grundlegend umgestaltet.

Alles.

Bis auf diese verdammte Rose, die direkt neben meiner Küchentür wuchert und mich bei jedem Gang auf die Terasse sticht.

In einem Anfall von Jähzorn habe ich sie vor zwei Wochen mit Kabelbindern an der Außenleuchte festgezurrt und seitdem wächst sie besser als zuvor. Sie wird auch diesen Mai wieder blühen und ich werde mir wohl auch dieses Jahr wieder vornehmen, sie im Herbst ganz auszugraben und zu entsorgen.

Genau wie letztes und vorletztes Jahr…

Haus

3000 Quadratmeter.

Krümeliger, schwarzer Mutterboden.

3 Meter hohe Rhododendrenbüsche überall auf dem Grundstück verteilt.

10 Zimmer.

3 Bäder.

Wald.

Ein Bach.

Hohe alte Bäume.

Noch 8 Tage bis zur Entscheidung. Zwischen Hoffen und Bangen.

Warten, Weihnachtsmann, Wünsche…

Mein Weihnachtswunsch?

Ich habe keinen. Ich bin glücklich. Ich habe einen Freund und Gefährten für mein Leben, ich habe vier lebende Kinder, wir sind eine Familie und ich lebe ein Leben, das ich gewählt habe.

Manchmal ist es tatsächlich so einfach.

Bedenkzeit wollen sie haben. Bis nach Weihnachten. Ich nehme es als gutes Zeichen, dass sie das neue höhere Gebot nicht einfach abgelehnt haben. Sie wollen Bedenkzeit. Das ist kein Nein, oder? Oder? ODER?

„Weißt du, was jetzt das Wichtigste ist, Mamimausi?“, fragte mich der Kobold vorhin, als ich den Kindern am Mittagstisch die neue Situation erklärte.

„Hm?“, machte ich leicht verwirrt und sah ihn fragend an.

– „Dass wir jetzt mal so viele Kekse backen, dass wir nicht immer alle aufessen. Sonst können wir dem Weihnachtsmann ja gar keine rausstellen, wenn er unsere Geschenke bringt.“

Wo er Recht hat… Ich habe mich in den letzten Wochen tatsächlich in Gedanken sehr gehen lassen, seit meine Eltern wieder präsent sind.

Habe mich einige Male dabei ertappt, dass ich gar nicht bei ihnen bin, wenn ich mit ihnen zusammen bin. Bin ungeduldig, sehr.

Ich bin dann mal Kekse backen und konzentriere mich auf das Wesentliche im Leben.

Licht [hell]

Und plötzlich steht auf dem Kostenvoranschlag ein dicker Batzen weniger Geld als eingeplant. Und man verbringt einen Nachmittag mit Keksen und Kaffee und drei im Schnee tobenden Kindern vor dem Küchenfenster mit den Besitzern des Hauses und schließt sie endgültig ins Herz.

Wir haben Kekse mitgebracht und die Diele vollgematscht.

Und alles, was diese Frau tut, ist entzückt quietschen, als meine Dreckferkel wunderbaren Kinder ihren Flurteppich ruinieren.

Und dann ist da Hoffnung.

So.viel.Hoffnung.
Nächste Runde.

Erschöpfungszustand

Wir haben das Elternhaus unserer Kinder gefunden.

Was so romantisch daherkommt, wird harte Arbeit werden, aber dafür müssten wir es kaufen dürfen. Die Eigentümer leben in zweiter Generation in diesem Haus, das immer schon ein Elternhaus war und wollen es theoretisch zwar verkaufen, aber eher nicht so schnell.

Und wenn, dann nur an eine Familie.

Und bevorzugt an uns, die Katze haben(hätten) wir im Sack, wenn da nicht die Theorie wäre. Theoretisch verkaufen – „es eilt ja nicht, oder?“ – „also bis März wäre schon schön, so den Winter über noch hierbleiben zu können. Danach können wir langsam ausräumen.“

Und der Preis.

Wir bekommen für das Geld quasi zwei Häuser oben im Nobelviertel der Stadt, fertig renoviert und auf neuestem Stand. Die Eigentümer wollen diesen Preis für ein Gebäude, das auf dem Stand von 1950 ist.

Theoretisch alles kein Problem, sagt zumindest die Bank, aber da kommt dann für die nächsten Jahre noch mal ein sechsstelliger Betrag für die Renovierung drauf und ich habe wirklich keine Lust, mit vier größer werdenden Kindern an unser Finanzierungslimit zu gehen.

Da steht es also, unser Haus.

Ich halte mich mit depressiven Gedanken von allzu viel Hoffnung ab und auch von dem Drang, jeden Tag hinzufahren und mich einfach im Garten nackt an einen der 20 Meter hohen Bäume zu binden, bis sie uns das Haus verkaufen.

Die Kinder… ich weiß um das Unrecht, ihnen Hoffnung zu machen.

Seit Wochen trage ich nun dieses Haus schon bei mir und ich habe sie gesehen, wie sie dort fangen spielten, wie sie aufblühten… und es geht nur so schleppend voran.

Vorfühlen, Angebote, Besuche, Präsenz zeigen.
Ich bin kurz vorm Durchdrehen.

Remis

„Du bist frei, flieg davon!“, wispert die kleine Elfe mir zu und öffnet unsere Käfigtüren, während sie schon aufgeregt mit ihren zarten glitzernden schwarzen Flügeln in Freiheit hin und her flattert.

Nur ich sitze da wie ein bockiger dicker Vogel und finde, dass so ein Käfig mit offener Tür eigentlich keiner mehr ist.

Außerdem kann ich gerade nicht losfliegen – ich bin in der Mauser.

Abschied.

Es geht los.

Langsam, schnell, manchmal schleichend, manchmal überwältigt es mich mit aller vorhandenen Intensität. Wenn jemand Urlaub macht und ich mich frage, ob ich ihn noch mal sehe. Wenn man mündliche Vorabeinladungen für in zwei Monaten erhält und zusagt, obwohl man nicht weiß, ob man dann überhaupt noch hier wohnt.

In jedem Geschäft dieser kleinen Stadt, in der man mit vier Kindern nun mal einfach gekannt wird und die Kinder Süßigkeiten, Lob, Obst, kleine Geschenke etc. zugesteckt bekommen und man sich leise fragt, wie lange es dauern wird, in der neuen Heimat Fuß zu fassen.

Am Fluss, schlussendlich, dort fühle ich den Aufbruch am schmerzhaftesten. Die Insel. Unsere Insel.

Es gibt keinen, wirklich keinen einzigen Grund, jemals wieder hierher zurückzukehren. Mein Herz nehme ich mit. Meine Lieben ebenfalls. Die Erinnerungen auch. Es gibt keinen Grund. Niemanden, den ich in mein Herz gelassen habe, weil ich mich gegen diese Art von Sozialität entschieden habe.

Alles, was wichtig ist, kommt mit.

Und trotzdem ist das hier momentan noch Zuhause. Hier ist soviel passiert. So viel Glück, so viel Leid, Trauer, Geburten, Tod, Leben. Sieben Jahre.

Ich bin unglaublich organisiert, aufgeräumt, kühl, effektiv. Ich weiß nicht, ob die Tränen kommen werden, die ich als so natürlich empfinden würde bei einem solchen Abschied. Vielleicht sind sie aber auch nicht nötig, weil es einfach an der Zeit ist, aufzubrechen.

Vielleicht.