Wer das Wasser hat, braucht für den Schaden nicht zu sorgen…

Die Vorbesitzer konnten keine Elektroleitungen legen.
Sie konnten keinen Fußboden verlegen.
Sie hatten keine Ahnung von Pflanzen oder Gartenbefestigungen.
Und – ganz neu: Sanitärinstallationen konnten sie auch nicht.

Das gesamte Duschwasser aus dem Bad oben läuft mangels vernünftiger Anschlüsse durch den Abfluss unter die Fliesen des Badezimmers in die Verlegeplatten, zwischen den Verlegeplatten hindurch in die Dämmung der Zwischendecke und tropft dann am Lampenkabel entlang in die darunter liegende Waschküche.

Nach einem hysterischen Anfall meinerseits heute morgen um halb sieben Uhr nahm der Mann sich einen Tag Urlaub, kam nach einer halben Stunde Arbeit wieder nach Hause und riss erst einmal die Zwischendecke heraus.

Was wir jetzt sehen können, darf in den nächsten Tagen die Versicherung begutachten. Alles nass, alle Verlegeplatten durchgeweicht und löchrig. Wir werden das ganze Badezimmer im ersten Stock rausreißen müssen. Alle Fliesen, der ganze Fußboden. Hoffe, dass die Eichenbalken unversehrt sind.

[Immerhin ist keiner mit der Dusche eine Etage tiefer geknallt. Auch schon mal was.]

Spuren

Schon seit Wochen begleiten sie mich.

Verbergen sich, bis sie sich in stillen Moment plötzlich offenbaren.

Der Faustabdruck in Rigips. Die Brüche, die von ihm weggehen, ganz hinten, im Zimmer oben. Meine Faust passt dort nicht hinein, der Abdruck ist zu groß.

Das verbogene Scharnier, das gesplitterte Türblatt. Massivholz. In Tritthöhe.

Die nächste Tür, die ich heute saubermachte und an der ich bestimmt schon dutzende Male vorbeigegangen bin, ohne mir die Zarge genauer anzusehen. Beim Putzen sah ich dann, dass das Schließblech mit einigen Holzteilen neu verleimt und verschraubt wurde, nachdem es ganz offensichtlich mit Gewalt aus der Zarge herausgebrochen wurde. 

Das Blut hinter der Zimmertür.

Einige Tapetenschichten weiter kommen mit Pinsel geschmierte Parolen ans Tageslicht.

Eingeritzte Hakenkreuze auf der Fensterbank. Das Puzzle liegt nicht einmal ansatzweise erkennbar auf dem Tisch und doch lässt es mich schaudern.

Alle alle.

Geld ist alle.

Deutlich vor Renovierungsende und für deutlich mehr Ungeplantes als errechnet.

Und plötzlich steht da ein dickes Minus.

Das ist jetzt schon das bislang teuerste Jahr meines Lebens.

Gartenwahn[sinn]

Beim Versuch, den Garten von einer Pflasterstein/Waschbetonplatten/Schieferplatten-Landschaft in so etwas wie eine Natur zu verwandeln, haben wir mehrere Dinge festgestellt.

Bauschutt im Garten zu entsorgen ist total praktisch (Vorbesitzer). Bis man gerne Rasen haben möchte (wir).

Große Betontreppen brauchen kein Fundament. Total albern. Man verkauft das Haus einfach, wenn die Vordertreppe wegsackt. (Spaß!)

Bei einem mehrere hundert Jahre alten Haus liegen schon noch mal ein paar Bruchsteine vom Hausbau herum.

Der Mann muss bei 150kg Stein dann auch (endlich mal) kräftetechnisch die Segel streichen, was ihn sehr empört und mich wiederum sehr amüsiert hat.

Die Vorbesitzer dieses Hauses waren vernarrt in Pflanzsteine. Warum wiegen diese hässlichen Scheißdinger eigentlich so viel? Hat jemand Interesse an gefühlten 5000 Pflanzsteinen (rot) in verschiedenen Formen und Größen? Oder an 100 Waschbetonplatten? Bruchsteinen? Roten Backsteinen? *seufz*

Metall. Lange dicke Metallstangen und Rohre in der Erde, bei denen man sich unweigerlich fragt: Ist es eine Leitung? Ein Zünder? Irgendwas wichtiges? Immer kurz davor, die Feuerwehr zu verständigen.

Wir besitzen auf nicht mal 1000 Quadratmetern ungefähr 50 rote Johannisbeersträucher. Die alle so 2 Meter hoch sind und reichlich Fruchtansatz tragen. Ich habe eigenhändig 5 davon ausgegraben und die anderen wachsen innerhalb einer Woche einfach in die Lücken nach. Wenn die Kinder dazwischen toben, habe ich oft Angst, dass eines nicht wieder nach Hause findet.

Niemand hier mag Johannisbeeren. Außer als Gelee zwischen Weihnachtsplätzchen. Ich habe noch nie in meinem Leben Gelee gekocht.

Spaß. Spaaaaß.

andere Menschen

Während ich knietief durch Kotze und Durchfall wate, klingelt es an der Tür.

Der Tischler, unangekündigt, der jetzt den Fenstergriff austauschen wollte, weil er eh gerade hier in der Gegend war.

Ich sehe ihn etwas verdutzt an, da wir um eine Terminabsprache gebeten hatten und er fragt (um halb neun Uhr) augenzwinkernd und chauvinistisch lächelnd tatsächlich, ob er mich aus dem Bett geklingelt hat.

Augenzwinkernd.

Mein Adrenalin wäre kurz vorm Überschwappen, wäre ich wach genug…

Ich antworte:

[Jetzt hör mir mal zu, Jungchen. Du warst vor zwei Tagen hier und hast gesehen, dass ich vier Kinder habe. Eines davon läuft gerade aus allen Körperöffnungen aus. Seit 16 Stunden. Ich habe nicht geschlafen. Ich habe heute Nacht um 2 Uhr neben einem weinenden Kind vor der Dusche gestanden und gewartet, bis sich ein Magen und ein Darm völlig entleert haben und glaub mir, es passt viel rein in so ein Kind. Ich habe heute Nacht ununterbrochen beruhigende Geräusche von mir gegeben, habe unbequem neben einem Baby gelegen und bin 12 Mal Kotze wegtragen gewesen, habe mehrfach ein Bett und ein Kind neu bezogen und habe dem großen Sohn den Kopf gehalten. Außerdem ist so ziemlich alles in diesem Haus nun mit Kot oder Mageninhalt beschmiert. Ich habe keinen vernünftigen Haushalt. Wir leben auf einer Baustelle. Und du kleiner Muck, der du fast mein Sohn sein könntest, fragst mich, ob ich Hausfrau und Mutti, die sonst nichts zu tun hat, gerade dekadent aus dem Bett gefallen bin?]

– kurze Disziplinierung meinerseits –

„Nein haben Sie nicht, aber Sie können hier jetzt leider nicht herein, Sie würden sich sonst eventuell mit Noroviren infizieren.“

Entsetzen breitet sich in seinem Gesicht aus und er weicht zurück, als hätte ich ihm Pest, Lepra und Cholera an den Hals gewünscht.

„Oh Gott…“, stammelt er bleich.

Dass er kein Kreuz und Knoblauch hochhielt, war eigentlich alles.

[Ich wäre so gerne eine Insel…] [so müde manchmal]

Tag 29

Wir haben Mäuse. Niedliche plauschige kleine weiche Nager.

Leider nicht freiwillig.

Leider wohnen sie seit mehreren Generationen in der Decke der Waschküche, die uns gestern mitsamt mehreren Kilo Mäusekot und ausgetrockneten Leichen bzw. Leichenteilen auf den Kopf gefallen ist.

Die Glaswolle ist komplett durchsetzt mit Nestern, Exkrementen, Leichen, Schimmel, anderen Tieren.

Das zu entfernen war unser gestriges Tagwerk.

Heute ist es noch nicht ganz Mittag, dafür habe ich beim Fliesen abschlagen in der Küche bereits herausgefunden, dass mehrere Kolonien Ameisen in der Abdeckleiste der Heizungsrohre leben. Als ich sie aufscheuchte, indem ich die Fliesen darüber entfernte, fingen sie an, hektisch ihre Eier wegzutragen.

Wohin, habe ich noch nicht gefragt.

Ich habe zunächst beschlossen, ihnen eine Pause lang Zeit zu gewähren, einen Teil ihrer Nachkommen zu retten.

Der Elektriker werkelt unten vor sich hin und ich warte nur auf die nächste Hiobsbotschaft.

Arbeit

Die letzten eineinhalb Stunden auf den Knien im Esszimmer verbracht, um 14qm dieser grottenhässlichen weißen sechseckigen Fliesen zu schrubben, die hier überall verlegt wurden, bevor der neue Fußboden drauf kommt.

Der wiederum atmet unten gerade entspannt vor sich hin, während ich meine Pause zum Bloggen nutze und dazu, das Chaos, das der liebenswerte Herr Honig in der Zeit veranstaltet hat, zu beseitigen.

Wieder neue benutzte Wattestäbchen für die Ohren gefunden. Diesmal in den Heizungen im Esszimmer. Überlege in boshaften Momenten, alle zu sammeln und dem Vorbesitzer zu schicken.

Als ich mit dem Tochterkind gestern wieder über den reichen Jungen aus der Villa von gegenüber, der immer so traurig aussieht, gesprochen habe, sagte sie: „Mama, da sieht alles so perfekt aus. Ich glaube, der hat überhaupt keinen Spaß.“

Ich grinste wissend in mich hinein und antwortete vorsichtig: „Tochterkind, ich glaube, die meisten Menschen hätten wesentlich mehr Spaß in der Villa drüben als in dem Chaos hier.“ und zwinkerte ihr zu.

Sie nahm sich wieder den Hammer, mit dem sie gerade den Durchbruch zu ihrem zweiten Zimmer erweitert und zuckte mit den Schultern, als sie die Treppe nach oben ging: „Gut, dass wir nicht die meisten Menschen sind.“

[Weiter gehts. Ich habe jetzt noch genau zwei Stunden Zeit, den Fußboden zu verlegen, alles zuzuschneiden, abzudichten, sauber zu machen und wieder einzuräumen, um dann warmes Essen auf dem Tisch zu haben. Und das Baby muss zwischendurch auch noch in den Schlaf geschuckelt werden.]

Vom Glück

Ich hätte einfach sagen können „Du, ich kann heute nicht mehr.“

Hätte ich.

Ich hätte nicht mal aufzählen müssen, was mich gerade hindert, weder Husten noch Depression noch Übermüdung noch Sorgen noch Stress, nichts.

Ich weiß, dass er verstanden hätte.

Stattdessen spachtel ich weiter wie eine bekloppte Irre, die dafür bezahlt wird, weil ich ja so glücklich bin und denke, ich muss das jetzt tun, weil ich so gesegnet bin. Kein Meckern mehr erlaubt.

Wo ich doch die letzten drei Wochen täglich vor Augen geführt bekam, dass es die Ruhe und manchmal auch die Langsamkeit ist, die mich stark macht.

Wir lernen uns neu kennen.

Neu kennen, neu lieben, neu hassen, neu miteinander sein.

Und das ist noch mal etwas ganz anderes, jetzt.

Wir taumeln noch etwas verloren im Raum herum, wie zwei Sterne, die umeinander kreisen, jeder mit seinen Gedanken, Sorgen, Plänen, aber urplötzlich aus unserem Universum geworfen, in dem wir so lange verweilt haben.

Alles ist anders, die gewohnten Rituale sind alleine schon räumlich nicht mehr durchführbar, wir suchen einander, ohne uns schon wiedergefunden zu haben.

Alles, worauf wir hingearbeitet haben, ist da.

Vier Kinder, drei gemeinsame, Exfrau ausbezahlt, Scheidungsvertrag so lange Jahre erfüllt, Häuser verkauft, Exmann ausbezahlt, Schulden übernommen, komplett von den Eltern abgenabelt, wir allein, wir zwei, wir sechs, wir.

Jeder für sich.

Vieles, das es in den letzten Jahren dazu gab, wollten wir beide nicht, sind aber Schritt für Schritt weitergegangen. Fehlgeburten, Totgeburt, Anwaltsschreiben, Streitereien, Gerichtstermine, Rückschläge, Depression und völlige seelische Erschöpfung.

Und auch das harte letzte Jahr, in dem wir erkennen mussten, was es heißt: in schlechten Zeiten, als alles auf der Kippe stand, nicht der Liebe wegen, sondern der Umstände wegen, die plötzlich die Möglichkeit einer Trennung in den Raum stellten, um uns die Freiheiten zu ermöglichen, die wir gemeinsam niemals erfahren könnten, auch dieses Jahr liegt erst einmal hinter uns.

Wir haben unser Traumhaus gekauft, der Mann tritt in kurzer Zeit eine neue selbstgewählte Stelle an, wir sind frei, alles ist erst einmal so da, wie wir es 8 Jahre lang täglich bearbeitet und herbeibesprochen haben.

Und plötzlich macht es pffffff…. und man ist glücklich aber … leer.

Das Ziel ist plötzlich weg und hinterlässt eine Lücke. Eine große Lücke.

Wie bescheuert.

Ent-fesselt

Alles anders.

Denken, fühlen, tun.

Dinge, die ihre Prioritäten ändern.

Freie Gedanken, die nicht mehr damit beschäftigt sein müssen, Krach zu vermeiden, die Kinder so zu organisieren, dass sie möglichst wenig trampeln, schreien, spielen.

Luft, die einfach da ist, ohne dafür wegzufahren.

Kreativität, die gelebt werden kann. Für mich, für uns. Schaffensprozess, ohne sich über die Anzahl an erlaubten Bohrlöchern in Badezimmern Gedanken machen zu müssen.

Farbe.

Angst, die fehlt, weil niemand mehr klingeln oder an die Decke klopfen kann.

Spaß, der laut sein darf. Frei, entfesselt, unkontrolliert. Einer Explosion gleich. Das pure Leben.

Einschränkungen finanzieller Art, die nicht weh tun, weil ich einfach die Tür in der Gartenküche aufmachen kann und unter Kirsch- und Fliederblüten stehe und in der Tiefe meines Herzens fühle:

Alles ist gut.

Angekommen. Frei.