Dunkelzeit

Die Nacht des Winteranfangs ist vorüber.

Wir sind aus dem goldenen Oktober ins Winterhalbjahr gerutscht und der heutige Tag macht dem November bereits alle Ehre.

Es wird nicht richtig hell, es ist nicht richtig dunkel. Es ist trüb und selbst die golden leuchtenden Blätter der großen Hainbuche vor dem Haus hängen leb- und farblos am Baum.

Alles steht still.

Ich bin gut durch die Nacht gekommen. Mit unerwarteter Begleitung. Ich habe geträumt. Vom Leben. Von der Liebe. Von Küssen und Versprechen und Helligkeit, die den heutigen Tag Lügen strafen möchte.

Und doch habe ich Angst.

Ich weiß, dass das Grau mich nicht in den Abgrund reißt. Ab morgen wird das Licht hier einziehen, wie jedes Jahr. Schon einige Wochen macht der Mann mir mein Licht im Erdgeschoss an, damit ich morgens nicht in die Dunkelheit hinabsteige. Und ab morgen kommt unter dem Deckmäntelchen der Weihnachtsdekoration Licht um Licht hinzu, bis wir es alle heil in die Julnacht geschafft haben.

Es ist die anspruchsvollste Zeit des ganzen Jahres. Ich begleite das Dunkle, das noch so wenig zuverlässige Schilde gegen das Schwarz in der eigenen Seele besitzt, dass ich ihr zeitweise meine leihen muss. Ich sehe, wie sie strauchelt. Wie das Feuer in ihrem Inneren flackert, dieses Wesen aus Energie und Schaffensdrang an Antrieb verliert und nach sich selbst tastend im Grau herumirrt.

Ich habe nun schon so viele Jahre Erfahrung in dieser Begleitung und hoffe immer wieder inständig, dass es uns nicht zurückreißt in die Zeit, die auch heute in der Erinnerung noch unerträglich scheint. Ich weiß nicht, wie wir es hindurch geschafft haben. Sie und ich.

Wir haben uns aneinander geklammert.

Sie hat viele Wunden geschlagen, die mir auch heute noch weh tun. Und ich habe mein Bestes getan, diese Wunden nie als Angriff sondern immer nur als Verteidigung zu sehen, aber ja, da sind sie.

Ich erinnere mich an den absoluten Tiefpunkt – wie wir uns beide weinend gegenüberstanden und ich sie aus tiefster Seele mit aller Verzweiflung aus Leibeskräften anbrüllte, dass ich ihr Recht darauf, ihr Leben zu beenden, bis zu meinem letzten Atemzug verteidigen werde, aber dass es mir Herz und Seele zerreißen wird, sie gehen lassen zu müssen und dass ich keine Ahnung habe, wie ich jemals ohne sie leben soll.

Dankbar.

Dafür, dass ich an Samhain für sie keine Kerze ins Fenster stellen musste.
Dafür, dass ich sie hier bei mir habe.

Noch 50 Nächte bis zur Julnacht.
Wir schaffen das.

Alltag in Azeroth

Vom harten Los eines durchschnittlichen Helden in Azeroth.

Wer glaubt, das Leben eines Helden in Azeroth bestünde aus epischen Schlachten, sagenumwobenen Schätzen und grenzenloser Freiheit, die Welt zu erkunden, hat offensichtlich noch nie auf eigene Kosten seine Rüstung repariert.

Bereits um 5 Uhr morgens beginnt in Sonnenfels der erbarmungslose Überlebenskampf.

Seit es Housing gibt, darf der Held wenigstens in seiner eigenen Hütte statt im Gasthaus mit all den anderen Champions der Horde übernachten, aber 5 Uhr ist 5 Uhr. Während die Allianz noch friedlich schläft, kämpft unsere Hauptfigur mit seinem ersten Endgegner: Der eigenen Rüstung. Die sitzt dank täglicher Festmahlzeiten etwas strammer, aber was nicht passt, wird eben passend geatmet.

Anschließend erfolgt die tägliche Begrüßung durch das Haus- und Reittier. Anders als handelsübliche Hunde verfügt dieses über Flügel, mehrere hundert Zähne und eine ausgesprochen mangelhafte Speichelkontrolle.

Danach ruft auch schon die Arbeit.

Unser Held schlägt die Angriffe der Leere schon längst nicht mehr aus moralischer Überzeugung zurück sondern aufgrund ihrer attraktiven Vergütung. Er sammelt Blumen, beutet Bodenschätze aus, erschlägt überdimensionierte Lebewesen und verkauft hinterher all sein Zeug an den Meistbietenden im Auktionshaus.

Abends beginnt endlich die wohlverdiente Freizeit.
Man trifft seine Freunde, betritt gefährliche Dungeons und … stirbt. Was andernorts als katastrophaler Betriebsausflug gelten würde, nennt die Jagdgesellschaft einen gelungenen Gildenabend.

Natürlich darf das gesellige Beisammensein in der Arkantine nicht fehlen. Dort wird geredet, gefeiert, getrunken, gelacht und die mühsam erwirtschaftete Tagesleistung innerhalb kürzester Zeit wieder ausgegeben.

Unser Held endet dort, wo er morgens startete: Pleite.

Um zwei Uhr nachts kehrt er noch heim, deckt liebevoll seinen Drachen zu und morgen geht das Ganze von vorne los.

Denn ob in Azeroth oder anderswo: Man arbeitet den ganzen Tag, gibt abends sein Geld mit Freunden aus und fragt sich anschließend, wo es geblieben ist.

Wenigstens darf man in Azeroth gelegentlich einen Weltboss erschlagen.