erstarren

Ich liege wach und höre dem Regen zu, der am offenen Fenster vorbeifällt. Es ist zwei Uhr nachts, ich bin um 23 Uhr ins Bett gegangen und ich habe noch nicht geschlafen, es gelingt mir einfach nicht.

Es ist zwei Jahre her, dass du das letzte Mal meinen Namen genannt hast. Als wir dem Regen gelauscht haben. Dein Kopf an meiner Brust, eingemummelt in einen Stapel Decken, in unserer kleinen Blase aus Intimität und Sicherheit mit einem Geheimnis, das nur wir beide kennen.

Du sagst, du denkst gelegentlich an mich. Nicht häufig, das würde zu weh tun. Und ich frage mich, wie du uns so wegwerfen konntest. Das, was wir hatten. Wie du einfach immer nur immer wieder die Angst wählst.

Ich wünschte, es wäre mir möglich, nicht jeden Tag zu vermissen, was wir hatten. Ich bin da. Ich war immer da. Aber du hast dich entschieden, nicht mehr nach mir zu rufen.

Und nun resignieren wir. Eine nach der anderen. Verlassen eine Beziehung, in der es keine Versprechen und keine Sicherheiten mehr gibt. Und bald ist alles weg, was wir jemals hatten. Weil du dich nur noch durch die Tage fürchtest. Nicht mehr hören kannst, was ich sage, nicht mehr verstehen kannst, was ich schreibe, nicht mehr fühlen kannst, was ich liebe. Die Dogmen deiner Prägung verzerren alles, was von mir ausgeht zu einer Fratze dessen, was du erwartest.
Und du kannst dem nicht entfliehen.

Weil du nicht begreifst, dass Handlungsfähigkeit nicht auf Angstfreiheit basiert.

Der kleine Erziehungsratgeber III

Zur literarischen Zwangssozialisation als Instrument frühkindlicher Berufsorientierung unter besonderer Berücksichtigung geschwisterlicher Rangordnung

Das Foto zeigt drei Jugendliche, die dicht nebeneinander unter einem beigefarbenen Pavillon sitzen und jeweils ein aufgeschlagenes Buch vor sich halten. Die Bücher verdecken ihre Gesichter fast vollständig.

Links hält eine Person mit rötlich-braunen Haaren und einem dunklen Minnie-Mouse-Pullover das Buch „Leadership by Game of Thrones“ hoch. Auf dem Einband sind mehrere Figuren aus der Fernsehserie abgebildet.

In der Mitte sitzt ein Jugendlicher im grauen Kapuzenpullover mit angezogenen, weit auseinandergewinkelten Knien. Er hält das knallrote Kinderbuch „Die schlimmsten Kinder der Welt“ von David Walliams vor sich. Auf der Rückseite steht in großen Buchstaben: „Bitte, bitte, bitte, tausend und ein weiteres Mal bitte: LEST DIESES BUCH BLOSS NICHT!“ Besonders auffällig ist seine Handhaltung: Er streckt demonstrativ den Mittelfinger vor dem Buch nach oben. Über dem Buchrand sind seine gesenkten Augen und seine tief gerunzelte Stirn zu sehen.

Rechts sitzt ein weiteres Kind in grauer Kleidung mit neongrünen Akzenten. Er hält das weiß-graue Sachbuch „Grundformen der Angst“ von Fritz Riemann hoch, das sein Gesicht vollständig verdeckt.

Im Hintergrund ist eine Hauswand aus Bruchsteinen zu sehen.


Aus bildungswissenschaftlicher Perspektive verwässert wohl nichts so sehr das berufliche Potential von angehenden Erwachsenen, wie die völlig überholte Vorstellung, Kinder sollten freiwillig lesen. Diese Auffassung ist nach neuesten Erkenntnissen der Forschung kaum haltbar.

Lesen ist keine Freizeitbeschäftigung.
Lesen ist eine präventive Arbeitsmarktmaßnahme.

Das vorliegende Bild dokumentiert hier die erfolgreiche Implementierung eines familieninternen, altersheterogenen Literaturzwangprogramms mit bemerkenswerter berufsbiografischer Aussagekraft.

Drei Kinder wurden mit Lektüre ausgestattet und befinden sich in einem Zustand weitgehender äußerlicher Bewegungslosigkeit. Dieser Umstand allein darf ja schon als pädagogischer Erfolg gewertet werden: Kinder soll man sehen, aber am besten nicht hören. In Bewegung sind sie Erwachsenen in weiten Teilen unzumutbar.

Wir richten unseren Blick auf die individuelle Literaturauswahl:

Die Kriegerin, in diesem Haushalt das mittlere Kind der Geschwisterhierarchie, beschäftigt sich mit dem Fachwerk „Leadership by Game of Thrones“.
Aus berufsorientierender Perspektive ist diese Wahl außerordentlich vielversprechend. Während andere Jugendliche mühsam Sozialkompetenzen erwerben, setzt sich die Kriegerin bereits mit hochentwickelten Verfahren strategischen Machterhalts, politischer Intrigenbildung und der nachhaltigen Entfernung innerbetrieblicher Konkurrenz auseinander.

Das Werk bereitet damit hervorragend auf eine Tätigkeit im gehobenen Management vor. Insbesondere die in Westeros bewährten Führungsinstrumente – Drohung, Erpressung, Bündnisbruch, rohe Gewalt und gelegentliche Hinrichtungen – besitzen ein beachtliches Transferpotential für mordende moderne Unternehmensführung.

Die Position als mittleres Kind verstärkt diese Prognose erheblich. Mittlere Geschwisterkinder entwickeln häufig ein besonderes Gespür für Machtverhältnisse, da sie weder über das historische Erstgeburtsrecht noch über die institutionalisierte Schutzbedürftigkeit des Letztgeborenen verfügen. Sie müssen ihre Interessen folglich strategisch unter Anwendung von verfügbaren Mitteln durchsetzen. „Der Zweck heiligt die Mittel“ ist ein Satz, den man häufig von mittleren Geschwisterkindern hört.

Im Zentrum befindet sich der Kobold, das in diesem Haushalt zurzeit älteste Kind.
Seine Thronfolgerposition findet durch die Positionierung in der Mitte eine äußerliche Entsprechung. Er ist das Zentrum, um das sich alles dreht. Er übernimmt nach dem Auszug der älteren Geschwister nun die traditionelle Rolle des erstgeborenen Kindes inklusive Beanspruchung aller damit einhergehenden Rechte.

Er liest „Die schlimmsten Kinder der Welt“ und hält dabei demonstrativ den Mittelfinger empor. Diese Kombination ist entwicklungsdiagnostisch von besonderem Interesse.

Das Buch ermöglicht zunächst eine literaturgestützte Selbstverortung innerhalb devianzorientierter Vergleichsgruppen. Das Kind beschäftigt sich mit gesellschaftlich unerwünschtem Verhalten und erhält hierdurch Gelegenheit, das eigene Handlungsspektrum kritisch zu reflektieren. Die zeitgleich gezeigte Handgeste lässt vermuten, dass dieser Reflexionsprozess bereits zu einem individuellen Ergebnis geführt hat: Der Kobold hat die gesellschaftliche Norm erkannt, sie verstanden und entschieden, sich ihr nicht zu beugen.

Hier offenbart sich eine bemerkenswert frühe Form der nonverbalen institutionellen Opposition bei fortbestehender Bildungsbeteiligung.

Anders als bei gewöhnlicher Schulverweigerung wird hier die Lektüre keineswegs abgelehnt, vielmehr gelingt es dem Kind, die elterlich geforderte Bildungsleistung zu erbringen und gleichzeitig seine Haltung gegenüber dem zugrundeliegenden Erziehungssystem unmissverständlich mitzuteilen.

Wir erkennen hier bereits erhebliches berufliches Potential:
Insbesondere Tätigkeiten als Gewerkschaftsführer, Betriebsratsvorsitzender, Oppositionspolitiker oder Sprecher einer unzufriedenen Berufsgruppe erscheinen naheliegend. Auch eine spätere Karriere im Bereich diplomatischer Kommunikation kann nicht ausgeschlossen werden, wenngleich dafür eine geringfügige Anpassung des gestischen Vokabulars erforderlich scheint.

Rechts im Bild befindet sich das Nesthäkchen der Familie.
Es liest „Grundformen der Angst“ von Fritz Riemann.

Während seine älteren Geschwister sich mit Macht und gesellschaftlicher Regelabweichung auseinandersetzen, beschäftigt sich der Butz mit den psychischen Grundlagen menschlicher Existenz.

Diese Wahl lässt eine ausgesprochen anspruchsvolle Berufsprognose zu. Der Butz dürfte zum Leidwesen seiner Mitmenschen später entweder Psychotherapeut, forensischer Psychiater oder Leiter einer internationalen Kriseninterventionseinrichtung werden.

Als jüngstes Kind befindet er sich in der beneidenswerten Position, die familären Machtkämpfe der älteren Geschwister über Jahre hinweg beobachten zu können ohne deren Entstehung mitverantworten zu müssen. Das schafft ideale Voraussetzungen für eine eher distanzierte klinische Betrachtungsweise.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass konsequenter Lesezwang in der Kindheit keineswegs die Individualität des Kindes unterdrückt, im Gegenteil: Es bringt sie in bemerkenswerter Deutlichkeit zum Vorschein.

Die Kriegerin wird herrschen.
Der Kobold wird rebellieren.
Der Butz wird diagnostizieren.

Und die Eltern können nur hoffen, dass nicht ausgerechnet diese drei Kinder eines Tages beschließen, ein gemeinsames Unternehmen zu gründen.