Der existenziell Erschütterte

Laternenfest

Protokoll Feste

Laternen?

Lichterketten?

Teelichter LED?

Dienstag Laternen

Wir sehen schon am unterstrichenen ersten Wort, dass es sich hier eher um einen Themenkomplex als um einen klassischen Einkaufszettel handelt. Was folgt, sind weniger kaufbare Dinge als vielmehr orientierungslose Hilferufe auf der Suche nach verbindlichen Antworten im Dschungel des urbanen SanktMartin-Brauchtums oder wie wir modernerweise sagen: Laternenfest.

Immerhin die Laternen sind schon besorgt, wie mir scheint, das Wort ist zu meiner Erleichterung durchgestrichen.
Protokoll Feste wirft mich auf unangenehme Weise in meine Zeit als KindergartenElternbeirat zurück und ich vermute beim Einkaufszettelschreiber eine ähnlich undankbare Position, die mir durch den gesamten Zettelaufbau gestützt wird. Hängen wir Lichterketten auf? Fragezeichen! Die Frage beantwortet dir niemand ohne eine weitere Sitzung oder ohne Abstimmung, am Ende musst du es ohnehin wieder alleine entscheiden.

Nächste Frage, die du dir wieder selber beantworten (und dann alles drum herum organisieren musst): Nehmen wir LED Teelichter oder kommt irgendjemand wieder auf die absurde Idee, man müsse „wie früher“ Kinder, die gerade einmal wissen, wie sie alleine in eine Matschhose steigen, an einem gar nicht so langen Holzstab eine dünne und sehr gut brennbare Papierlaterne, die unter Mitwirkung von reichlich gesundheitlich unbedenklichem Klebstoff und Hilfe einer bedenklich unterkoffeinierten Mutter bei einem „BASTELNACHMITTAG“ auf zu kleinen Stühlen zusammengekleistert wurde, offenes Feuer durch unwegsames Gelände tragen lassen?

Ich kann die Gedankenspirale bis hierhin fühlen.

Ein paar atemlose Erinnerungen später geht es weiter: Lichterketten?
Vermutlich für die Deko. Denn nicht nur, dass man in eisiger Kälte Anfang November zu einer Zeit, in der Kindergartenkinder normalerweise längst schlafen müssen, auf einem Hof steht, wo 20-50 müde und aufgeregte Kinder mit ihren Laternen herumfuchteln, dabei schräg und falsch eingeübte Lieder kreischen und man dann durch die Nachbarschaft zieht, wohl wissend, dass man das Kind nach wenigen Metern sowieso tragen muss, nein – im Anschluss wird noch geselliges Beisammensein organisiert! Meistens mit Suppe, Glühwein für die entnervten Eltern, Kinderpunsch für die übermüdeten Kinder und dem Klassiker: warmen Würstchen in Brötchen. Der Geruch warmen Wurstwassers gehört zu meinen klarsten Novembererinnerungen der letzten zwei Jahrzehnte.

Eigentlich gehört hier noch die Martinsbrezel auf die Liste, aber sie schließt mit einem geradezu erschöpften und resignierten Dienstag Laternen ohne eigenes Satzzeichen, was hier schon sehr traurig anmutet.

Ich fühle dich, kleiner Einkaufszettel, ich fühle dich.

Geschrieben? Ich tippe auf Mutter mit Kindergartenkind (vermutlich das erste Kind, danach ist man so schlau, sich nicht mehr in den Elternbeirat wählen zu lassen, außer man übernimmt halt wie ich gleich den ganzen Förderverein und ist auf JAHRZEHNTE an dieses Amt gefesselt, aber ich schweife ab), leicht überfordert bis genervt von ihrer Umgebung, Laternen im Allgemeinen, Sankt Martin im Besonderen und die eigenen Lebensentscheidungen aktiv infrage stellend.


3,4k rio

Es gibt ihn.
Und es gibt die schlechten Spieler.

Er ist der Alptraum aller Gruppen, die ihren Schlüsselstein anmelden. Irgendwann kommt der ultimative Gott in Spielerform, der sich als DD mit dem Text „3,4k rio Main“ anmeldet.

Und jeder weiß, was man bekommt, wenn man diesen Persönlichkeitstypus in die Gruppe einlädt: Einen Spieler mit einem Selbstbewusstsein, das längst jene Dimensionen erreicht hat, in denen Selbstreflexion aus Platzgründen nicht mehr stattfinden kann.

Dabei ist das Problem nicht die durchaus zu bewundernde Professionalität und Leistungsfähigkeit, sondern die Ansicht, daraus seinen Wert als Mensch abzuleiten. Wer weniger Schaden verursacht, ist nicht einfach spielerisch unterlegen, sondern offensichtlich charakterlich prinzipiell schon mal ungeeignet, an dieser Art von Content teilzunehmen.

Er selber ist natürlich unangreifbar. Er beherrschte die Mechaniken der aktuellen Saison selbstverständlich schon, bevor das Spiel überhaupt existierte. Indem sämtliche Fehler im key ausschließlich den Mitspielern zugeschrieben werden, bleibt das eigene Selbstbild unangreifbar. Ein verlorener Schlüsselstein ist somit niemals persönliches Versagen, sondern lediglich der bedauerliche Beweis für die Unfähigkeit der übrigen Warcraft-Bevölkerung.

Am Ende steht ein Mensch, dessen Selbstwert nahezu vollständig an Leistung, Überlegenheit und soziale Rangordnung gebunden ist. Zusammenarbeit wird nicht als wechselseitiger Prozess verstanden, sondern als Privileg, das der Protagonist großzügig gewährt.

Der Könner bin ich, das Problem, das ist deins.

Eine vollständige Persönlichkeitsbeschreibung in neun Worten.

Der kleine Erziehungsratgeber

Zwei Kinder stehen einander gegenüber in einem Garten, ihre Gesichter sind nicht zu sehen. Das linke Kind hält eine elektrische Heckenschere, das rechte eine rote Kettensäge. Zwischen ihnen ragt eine Axt mit blauem Kopf und gelbem Stiel vom Boden in die Luft. Das Kind, das die Axt hält, liegt hinter dem Grünzeug am Boden und ist nicht zu sehen. Die drei Werkzeuge kreuzen sich über einem üppig bewachsenen Blumenbeet mit grünen Blättern, Tulpen und gelben Narzissen. Im Hintergrund steht ein Holzzaun aus senkrechten Brettern. Das Bild ist aus niedriger Perspektive aufgenommen, beinahe auf Höhe der Blumen.

Zur neurodivergenzsensiblen naturnahen Werkzeugsozialisation unter besonderer Berücksichtigung unterschiedlicher Begabungsprofile im geschwisterlichen Arbeitsverbund

Eine der bedenklichsten Entwicklungen gegenwärtiger Erziehung besteht in der zunehmenden Entfremdung des Kindes von produktiver körperlicher Arbeit.

Während frühere Generationen ab dem Kindergartenalter eigenständig Brennholz sammelten, Nutztiere versorgten und gelegentlich den elterlichen Hof gegen einfallende Soldaten verteidigten, beschränkt sich die moderne Entwicklungsförderung auf das Sortieren bunter Holzklötze, das Erschaffen von jahreszeitlich passender Fensterdekoration und die zentrale Frage, ob sich das Kind bei alledem auch ausreichend gesehen fühlt.

Die Folgen sind verheerend.

Immer mehr Heranwachsende erreichen die Pubertät, ohne jemals schweres Arbeitsgerät in der Hand gehalten zu haben.

Das vorliegende Bild dokumentiert daher ein erfrischend konsequentes Gegenmodel im Versuchsaufbau neurodivergenzsensibler altersheterogener Werkzeugexposition im Rahmen familiärer Sebstwirksamkeitsförderung.

Wir sehen drei Kinder, die mit unterschiedlichen Schneidwerkzeugen ausgerüstet und anschließend weitestgehend sich selbst überlassen wurden. Die Arbeitsgeräte korrelieren hier in geradezu mustergültiger Weise mit individuellen kognitiven Voraussetzungen.

Links im Bild sehen wir den ältesten Sohn. Er hält eine Heckenschere. Eine pädagogisch nahezu geniale Entscheidung. Die Heckenschere besitzt die Eigenschaft, innerhalb kürzester Zeit eine außerordentlich hohe Anzahl mechanischer Schneidbewegungen auszuführen, die jedoch seitens des arbeitenden Kindes keinerlei feinmotorische Einzelentscheidung über jeden Schnitt erfordern.

Sie überträgt gewissermaßen die motorische Unruhe ihres Bedieners auf ein technisches System und transformiert diese in eine gesellschaftlich akzeptierte Form produktiver Aktivität. Besonders bei Aufmerksamkeitsdefizitstörungen versuchen herkömmliche Förderkonzepte immer noch, das Kind zum Stillsitzen anzuhalten, hier eröffnet die Heckenschere einen revolutionären Perspektivwechsel:
Nicht das Kind muss still werden – die Umwelt muss sich mitbewegen!

Für den Kobold ergibt sich daraus zugleich eine klare soziale Funktion: Er übernimmt die Regulierung des familiären Außenraums. Was übersteht, wird korrigiert, unerwünschtes Wachstum wird zuverlässig unterbunden – hier ist naheliegend, eine frühe Vorbereitung auf leitende Verwaltungsfunktionen zu vermuten.

Rechts im Bild befindet sich die Kriegerin, das in dieser Geschwisterkonstellation mittlere Kind. Ihr wurde eine Kettensäge zugewiesen.

Während die Heckenschere lediglich korrigiert, trifft die Kettensäge Grundsatzentscheidungen. Hier geht es nicht länger um kosmetische Anpassungen bestehender Strukturen, sondern um deren vollständige Beseitigung. Die Bedienung verlangt antizipatorisches Denken, räumliche Vorstellungskraft und die Fähigkeit, irreversible Entscheidungen unter Bedingungen unmittelbarer Konsequenz zu treffen.

Wir sprechen hier von exekutiver Hochleistungsplanung unter Bedingungen potenzieller Strukturauflösung.

Gerade für mittlere Geschwisterkinder ist diese Erfahrung entwicklungspsychologisch bedeutsam. Zwischen dem Autoritätsanspruch der älteren Geschwister und der vermeintlichen Schutzbedürftigkeit des jüngsten Kindes geraten ihre Bedürfnisse häufig ins Hintertreffen.

Die Übergabe einer Kettensäge beendet derartige Hierarchiediskussionen auf bemerkenswert effiziente Weise. Wer über das leistungsstärkste motorisierte Schneidgerät verfügt, muss seine Bedeutung innerhalb des Familiensystems nur noch selten verbal erläutern.

Von herausragendem wissenschaftlichem Interesse ist jedoch der am Boden liegende Butz, das neurodiverse und hochbegabte jüngste Kind.

Während seine älteren Geschwister aufrecht stehen und hochentwickelte technische Geräte bedienen, liegt er am Boden und hält eine geradezu archaisch anmutende Axt empor.

Die Axt repräsentiert das kulturhistorische Fundament menschlicher Werkzeugnutzung. Während seine älteren Geschwister auf komplexe technische Systeme angewiesen sind, genügt dem intellektuell überlegenen Jüngsten ein Stiel mit einer Metallklinge, um vollkommen neue Anwendungsmöglichkeiten zu erschließen.

Seine horizontale Position dokumentiert dabei die charakteristische Bereitschaft, gesellschaftlich etablierte Grundannahmen kritisch zu hinterfragen. Es handelt sich hier keinesfalls um Faulheit oder Bequemlichkeit, wie der unwissende Beobachter vielleicht zunächst fälschlicherweise mutmaßen könnte. Wir begegnen hier einer kognitiven Entkopplung von konventionellen Arbeitspositionen, die in der Begabungsforschung bislang sträflich vernachlässigt wurde.

Seine Positionierung am Boden liegend schafft gleichzeitig ein anspruchsvolles Lernfeld für seine Geschwister. Hier wird Rücksichtnahme unter erhöhter Konsequenzdichte geschult.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass dieses Erziehungsmodell den herkömmlichen Ansätzen deutlich überlegen ist.

Es berücksichtigt Alter, Neurodivergenz, Hochintelligenz, Geschwisterhierarchie, handwerkliche Kompetenz und autonome Entscheidungsfindung in einem einzigen, bemerkenswert materialeffizienten Lernsetting.

Der Älteste reguliert – die Heckenschere kanalisiert.
Die Mittlere analysiert – die Kettensäge strukturiert.
Der Jüngste revolutioniert – die Axt dekonstruiert.

Eine eindrucksvollere Demonstration von Selbstwirksamkeit, Geschwistervertrauen und begabungsgerechter Verantwortungsübertragung ist wissenschaftlich kaum vorstellbar.

Morpheus vs. Merowinger

Es ist meine absolute Lieblingsszene aus allen Matrixfilmen.

Der Merowinger, pure Laszivität, Lust an Sprache, Inhalt und Form. Er spricht mit einer an Anstößigkeit grenzenden Lebendigkeit, bleibt dabei außerhalb jeder Berechnung, er ist das Spiel.
Das macht ihn so verführerisch.

Morpheus. Morpheus ist zu Fels gewordene Überzeugung.
Es gibt nur falsch und richtig.
Das macht ihn so verführerisch.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Morpheus ohne jede Regung, ohne Grautöne, ohne jeglichen Zweifel mehr verkündet als behauptet:

Everything begins with choice.

Der Merowinger zögert ebenfalls nicht in seinem Widerspruch:

No, wrong. Choice is an illusion created between those with power and those without.

Und beide haben Recht.

Würgen

Ungeschützt.

Einmal mehr.

Ich hänge über dem Klo und würge mir die Verletzlichkeit aus der Seele, Närrin, ich. Eiskalte Schauer über meinen Rücken. Die Bedrohung, die keine ist, ich weiß es ja. Und doch kommt die Ohnmacht wieder. Aushalten. Ausharren. Was hat man alles preisgegeben? Was werden sie gegen mich verwenden? Vergangenheit und Gegenwart diffundieren, bis sie sich nicht mehr voneinander trennen lassen. Die Amygdala würgt weiter, bis der Magen leer ist. Lauf! Flieh! Kämpfe! Ertrage! In meinem Kopf dreht sich alles, bis ich erschöpft zur Seite kippe. Da war.. Hoffnung. Da ist… Erkenntnis, nicht gesehen zu werden. Nicht von ihm. Nicht von dem, der all die Wunden geschlagen hat. Der den Weg noch schwerer gemacht hat. Und leichter. Wir dürfen nicht vergessen, dass es Gutes gab. Natürlich gab es Gutes! Aber die Amygdala kann keine Dankbarkeit. Keine Demut. Das kann nur der Neocortex. Und der hat mich zu oft verraten. Einmal noch vertrauen, diesmal ist es anders, vielleicht hat er sich geändert, vielleicht noch eine Chance, noch eine Chance, noch zwei Chancen, noch hundert Chancen, noch ein Jahr, noch 10 Jahre, noch einmal…

Vom Glück

Glück – das ist auch, während man in den Herbstferien ausschlafen darf, von einer WhatsApp der Kriegerin geweckt zu werden, die mit einem „Mamiiiiii, guck mal!“ ein Foto einer abgrundtief entzückenden, wenngleich etwas verwirrten Weinbergschnecke. die sich an diesem Herbsttag vermutlich auf einen ungestörten Spaziergang gefreut hat, während sie von einem 18jährigen Papparazzo mit Handy unter Freudensbekundungen abgelichtet wird, schickt.

Es ist so ein Geschenk, dass dieses Kind mit Freude zu mir kommt. ♥

Ordnung

Ausmisten. Sortieren. Ordnen.

Ich habe heute mehrere Stunden meines Tages damit verbracht, die gefühlt 4.237 Ordner meines Computers systematisch umzubenennen, zu sortieren und farblich und thematisch aneinander anzupassen.

Dabei habe ich mich der Mammutaufgabe gestellt, mal einen gigantischen Ordner mit dem grausamen Titel „Handy 2011-2025“ zu öffnen, um mit zusammengekniffenen Augen festzustellen, dass ich die Hälfte sowieso löschen kann, weil weder Screenshots von jahrealten Unterhaltungen brauche und garantiert nicht mehr Fotos fremder Hunde und Kinder als ich von meinen eigenen besitze und den Rest konnte ich in meine Jahresordner sortieren, wo sie nun richtig sind.

Ein bisschen in schönen Erinnerungen geschwelgt.

Hässliche Dinge gelesen, die fast vergessen waren.

Aber fürs Arbeiten nun deutlich besser aufgestellt als jemals zuvor.

Mürbe

Wie soll man denn mit jemandem kommunizieren, der einem nicht mehr zuhören kann? Der alles, was aus meinem Mund kommt, seiner eigenen Interpretation unterzieht, aus eigener Unsicherheit Dinge hinzuphantasiert und Aussagen zwischen meine Zeilen legt, die dort nie standen, gedacht wurden, geschweige denn ausgesprochen?

Und wie soll man noch den Mut und die Kraft aufbringen, immer wieder dagegen anzulaufen, wenn man doch inzwischen weiß, dass man ohne diese Begegnungen friedvoller leben könnte?

Wie soll man sich denn noch sicher fühlen, wenn jede Berechenbarkeit verschwunden ist und man im Sekundentakt einem wahlweise ängstlichen, wütenden, beleidigten, verständnisvollen, lieblosen, zärtlichen, respektlosen, freundlichen Gegenüber begegnet?

Mit jedem Vorfall lösen sich meine Versprechen ein Stück weiter aus ihren Verankerungen.

So mürbe.

Kollateralschaden

Das krankhafte Bestreben, alles im Leben sichtbar, diskutierbar und begreifbar machen zu müssen, dient weniger dem Zweck als solchen, sondern vielmehr der eigenen Unfähigkeit, Dinge in Schwebezuständen ertragen zu können.

Was bei Projekten, Strategien und Lebensplanung ein durchaus wünschenswertes Vorgehen ist, verliert in den zarten Zwischenräumen menschlicher Intimität nicht nur seine Wirkung, sondern zerstört genau den Zauber, der sich nur im Vagen halten kann.

Und so zerrt man den ersten zerbrechlichen Spross einer wertvollen Pflanze mit einer Vehemenz aus dem schützenden Boden ans grelle Sonnenlicht, um ihn genau betrachten, intellektuell sezieren zu können, um sich selbst nicht der Unsicherheit preisgeben zu müssen, bis er in gleißender Hitze einen qualvollen Tod stirbt.

Geopfert auf dem Altar der Angst, die nur dann ertragen werden kann, wenn restlos alles seine Unberechenbarkeit verloren hat.