Erschöpfungszustand

Wir haben das Elternhaus unserer Kinder gefunden.

Was so romantisch daherkommt, wird harte Arbeit werden, aber dafür müssten wir es kaufen dürfen. Die Eigentümer leben in zweiter Generation in diesem Haus, das immer schon ein Elternhaus war und wollen es theoretisch zwar verkaufen, aber eher nicht so schnell.

Und wenn, dann nur an eine Familie.

Und bevorzugt an uns, die Katze haben(hätten) wir im Sack, wenn da nicht die Theorie wäre. Theoretisch verkaufen – „es eilt ja nicht, oder?“ – „also bis März wäre schon schön, so den Winter über noch hierbleiben zu können. Danach können wir langsam ausräumen.“

Und der Preis.

Wir bekommen für das Geld quasi zwei Häuser oben im Nobelviertel der Stadt, fertig renoviert und auf neuestem Stand. Die Eigentümer wollen diesen Preis für ein Gebäude, das auf dem Stand von 1950 ist.

Theoretisch alles kein Problem, sagt zumindest die Bank, aber da kommt dann für die nächsten Jahre noch mal ein sechsstelliger Betrag für die Renovierung drauf und ich habe wirklich keine Lust, mit vier größer werdenden Kindern an unser Finanzierungslimit zu gehen.

Da steht es also, unser Haus.

Ich halte mich mit depressiven Gedanken von allzu viel Hoffnung ab und auch von dem Drang, jeden Tag hinzufahren und mich einfach im Garten nackt an einen der 20 Meter hohen Bäume zu binden, bis sie uns das Haus verkaufen.

Die Kinder… ich weiß um das Unrecht, ihnen Hoffnung zu machen.

Seit Wochen trage ich nun dieses Haus schon bei mir und ich habe sie gesehen, wie sie dort fangen spielten, wie sie aufblühten… und es geht nur so schleppend voran.

Vorfühlen, Angebote, Besuche, Präsenz zeigen.
Ich bin kurz vorm Durchdrehen.

Remis

„Du bist frei, flieg davon!“, wispert die kleine Elfe mir zu und öffnet unsere Käfigtüren, während sie schon aufgeregt mit ihren zarten glitzernden schwarzen Flügeln in Freiheit hin und her flattert.

Nur ich sitze da wie ein bockiger dicker Vogel und finde, dass so ein Käfig mit offener Tür eigentlich keiner mehr ist.

Außerdem kann ich gerade nicht losfliegen – ich bin in der Mauser.

Abschied.

Es geht los.

Langsam, schnell, manchmal schleichend, manchmal überwältigt es mich mit aller vorhandenen Intensität. Wenn jemand Urlaub macht und ich mich frage, ob ich ihn noch mal sehe. Wenn man mündliche Vorabeinladungen für in zwei Monaten erhält und zusagt, obwohl man nicht weiß, ob man dann überhaupt noch hier wohnt.

In jedem Geschäft dieser kleinen Stadt, in der man mit vier Kindern nun mal einfach gekannt wird und die Kinder Süßigkeiten, Lob, Obst, kleine Geschenke etc. zugesteckt bekommen und man sich leise fragt, wie lange es dauern wird, in der neuen Heimat Fuß zu fassen.

Am Fluss, schlussendlich, dort fühle ich den Aufbruch am schmerzhaftesten. Die Insel. Unsere Insel.

Es gibt keinen, wirklich keinen einzigen Grund, jemals wieder hierher zurückzukehren. Mein Herz nehme ich mit. Meine Lieben ebenfalls. Die Erinnerungen auch. Es gibt keinen Grund. Niemanden, den ich in mein Herz gelassen habe, weil ich mich gegen diese Art von Sozialität entschieden habe.

Alles, was wichtig ist, kommt mit.

Und trotzdem ist das hier momentan noch Zuhause. Hier ist soviel passiert. So viel Glück, so viel Leid, Trauer, Geburten, Tod, Leben. Sieben Jahre.

Ich bin unglaublich organisiert, aufgeräumt, kühl, effektiv. Ich weiß nicht, ob die Tränen kommen werden, die ich als so natürlich empfinden würde bei einem solchen Abschied. Vielleicht sind sie aber auch nicht nötig, weil es einfach an der Zeit ist, aufzubrechen.

Vielleicht.