Großmutter, mütterlicherseits

Das Hamburger Staatsarchiv hat angerufen und meine Telefonphobie wurde sehr früh heute Morgen von einem wasserschwallartig Wörter von sich gebenden, rede- und wortgewandten, leicht plattdeutsch sprechenden und sehr sympathischen Mann niedergerungen, der aber offensichtlich gelernt hat, in minimal zu Verfügung stehender Zeit die maximale Menge an Inhalt zu transportieren.

Eigentlich wollte er mir nur persönlich mitteilen, dass er meinen Antrag auf Schutzfristverkürzung ablehnen wird.
Uneigentlich haben wir danach eine halbe Stunde nach einer Antwort gesucht, die weitere Fragen aufwirft.

Es gibt zwar eine Möglichkeit, wie ich an die Informationen zu meiner Großmutter komme, aber das Heiratsdatum wirft eine ganz andere Frage auf: Wie konnte eine Romni Ende 1943 – zum Zeitpunkt systematischer Verfolgungen und Deportierungen und während des Verbotes von Eheschließungen mit sogenannten „Deutschblütigen“ in Hamburg offiziell eine Ehe mit genau so einem Menschen schließen?

Es gibt inzwischen also mehrere Arbeitshypothesen:

Vielleicht wurde sie nicht als Romni erkannt oder erfasst (ich habe heute den Begriff „Rassehygienische Forschungsstelle“ gelernt und bin einmal mehr entsetzt über diesen Teil unserer Geschichte).

Vielleicht kannte man ihre Herkunft, ordnete sie innerhalb der absurden NS-Rassenkategorien aber so ein, dass eine Ehe möglich war.

Vielleicht gab es eine Ausnahmegenehmigung oder einen besonderen Verwaltungsvorgang.

Die damals auch als Auflage für die Hochzeit erzwungene Sterilisation von „Mischlingen“ fällt hierbei ziemlich sicher raus, da sie nach der Eheschließung mehrere Kinder bekommen hat.

Und schließlich die schlichteste und fatalste Variante: Sie war keine Romni.

Bevor ich mich damit auseinandersetze, was das mit meinem ethnischen Selbstverständnis tun würde, warte ich nun mehr oder weniger geduldig auf die Post, die in ein paar Wochen hier ankommen soll.

USA

Mit der Kriegerin heute den Umschlag aus dem Stadtarchiv im Norden geöffnet und plötzlich mehrere Abzweigungen mütterlicherseits erschlossen. Da standen sie plötzlich alle – die Namen, mit denen ich meine Kindheit verbracht habe, die ich aber nie offiziell zuordnen konnte, weil Wilhelmine nun mal Tante Minna war, Joseph Onkel Joe aus Texas, Elise das Lieschen war, usw.

Ich weiß, dass 6 der 8 Geschwister meines Großvaters mütterlicherseits direkt nach dem Krieg gemeinsam nach New York übergesiedelt sind und bislang verlor sich dort jede Spur. Nun stehen dort alle Namen, die ihrer Ehepartner und MyHeritage pingt seitdem eigentlich ununterbrochen.

Das war ein erfolgreicher Tag.

Plus drei Generationen

Die nette Frau aus dem Kommunalarchiv hat weiter gegraben und mir erfreuliche Neuigkeiten gemailt.

Ich erhalte die Daten meiner Großvaterlinie mütterlicherseits plus drei Generationen vor ihm zugesandt. Alle Sterbeurkunden inklusive Zeitungsberichten und Todesanzeigen, wenn vorhanden.

Das wird mich schon ein gutes Stück voranbringen, auch wenn so viele Ungereimtheiten einfach nicht zueinander passen wollen.
So viele Puzzleteile.

Noch keine Nachricht vom Staatsarchiv in Hamburg bezüglich des Familienbuchs, das die Identität meiner Großmutter enthüllen würde und auch momentan keine Idee, wo ich sonst suchen könnte, wenn meine Wurzeln auf dieser Seite in Ungarn liegen. Nach allem, was überliefert wurde, auch ohne Dokumente in der Form wie wir sie kennen.

Dabei interessiert mich der Roma-Teil meiner Familie noch mit am meisten.

wtf

Und warum zur Hölle ist ein schwerkranker, bettlägriger, pflegebedürftiger 86jähriger über 100km entfernt von seinem Bett gestorben?

Schutzfristverkürzung

ist mein Unwort des Tages.

Nachdem ich seit Anfang der Woche mit einer Stadtarchivfrau hin und her maile und wir schriftlich einfach nicht weiterkommen, schreibt sie mir gestern, ich soll sie doch bitte anrufen.

Anrufen.

Der Telefonphobiker in mir ist also einen halben Tag schreiend im Kreis gerannt, hat äußerst schlecht geschlafen und ist dann heute Morgen um Punkt 8 Uhr in die Höhle des Löwen getreten und hat eine wirklich nette Gesprächspartnerin erlebt, die sich bemüht hat, etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Meinen Großvater habe ich Dank ihr mit allen Lebensdaten ziemlich gut aufgestellt, doch dann kamen wir in den Bereich Eheschließung. Und obwohl sie mir das Heiratdatum, das Standesamt und sogar die Aktennummer sagen kann, steht dort kein Wort darüber, wen mein Großvater eigentlich geheiratet hat. Also meine Großmutter, klar, aber bis auf ihren Spitznamen, Erinnerung an einen handgenähten Rock und eine Frau, die an einer Krebserkrankung zerfallend nur noch im Bett vor sich hinstöhnte und mir eine ziemliche Angst einjagte, habe ich keine Erinnerungen mehr.

Meine Mutter ist tot, mein Vater hat alle Familienunterlagen vernichtet, bevor er sich schlussendlich selbst getötet hat, die Geschwister meiner Mutter sind tot oder können sich nicht mehr verständlich machen, andere Nachkommen als mich gibt es nicht.

Ich stehe also allein auf weiter Flur und habe keine Ahnung, wie meine eigene Großmutter hieß.

Eine halbe Stunde Telefonat später bin ich mit mehreren Seiten eng beschriebener Zettel und um einige Informationen seitens der Großvaterlinie reicher zum Staatsarchiv nach Hamburg gewechselt und da erwartete mich der Anfragen-, Mail- und Formularirrsinn aus der Hölle.

Ich kann das Buch sehen, in das ich schauen will, es ist da, das ist schon mal eine gute Nachricht. Das ist exakt das Familienbuch, in dem steht, wer meine Großmutter war. Und das ist auch exakt das Familienbuch, das bis zum 31.12.2047 unter Schutz steht.

Drei Stunden Irren durch die – ich möchte es mal vorsichtig als „komplex“ bezeichnen – Navigation des Staatsarchivs habe ich mehrere Mailanfragen weggeschickt, einen Antrag auf Schutzfristverkürzung gestellt und noch mal hervorgehoben [denn man muss das wirklich. ausführlich. begründen, warum man in sein eigenes Familienbuch schauen möchte], dass ich wirklich nur die Information aus diesem einen bestimmten Abschnitt haben möchte, mehr nicht.

5 Minuten später kam eine Mail, dass das alles. wirklich. ein sehr komplexer Sachverhalt sei und man eventuell, vermutlich, vielleicht sogar dem Antrag gar nicht stattgeben könne, aber man werde das prüfen.

Okay. Das war noch kein Nein.

Ich warte.