Agonie

Ich bin wach.

Deutlich vor meiner Zeit bin ich wach.
Ich betrete leise ihr Zimmer.
Das erste, das mir auffällt, ist der Geruch.
Dem Hund auch.
Leise jaulend steht er in der Tür und fiept mich an.
Er dreht sich um und flüchtet.

Es riecht… süß. Und faulig.
Es ist eine einmalige Kombination, und ich kenne sie.
Uroma schnurchelt leise vor sich hin.
Schnelle Atemzüge.
Augen, Schläfen und Wangen sind eingefallen, die Gesichtshaut fahl.

Aber sie sieht friedlich aus.
Ich lasse sie noch einen Moment schlafen.
Oder wird es mehr als ein Moment sein?

Ein Todeskampf ist das nicht.
Für heute Morgen wünsche ich uns Ruhe.
Einfach nur Ruhe.

Worauf wartet er?

Oder wartet sie?

gebären [Warten auf den Tod]

Wir warten.

Er ist schon hier. So greifbar, so spürbar. Überall.
In jeder Bewegung, in jedem Moment, in jedem Atemzug.
Sie keucht mehr als das sie atmet.
Von Zeit zu Zeit gehen die Augen auf.

„Wasser, Uroma?“

Nein. Die Bewegung ist kaum wahrnehmbar.
Aber es ist ein Kopfschütteln.
Sie ist klar in diesen Momenten.
Sie weiß, wohin der Weg führt und sie muss ihn nicht einmal mehr gehen.

Nur warten.
Er sieht uns zu.
Heute Nacht, als ich um halb 2 Uhr in ihr Zimmer geschlichen bin, um zu sehen, ob sie noch atmet, habe ich ihn spüren können.
Nicht kalt, nicht erschreckend.
Nur dort.

So wie er auch während meiner Geburten spürbar war.
Leben und Tod gehören untrennbar zusammen.
Er steht an ihrem Bett und wartet.
So wie wir warten.
Und sie.

Die Kinder gehen abwechselnd in ihr Zimmer.
Das Zusatzkind, das der eigenen Mutter letztes Jahr beim Sterben nicht zusehen durfte, holt hier nach, was ihre Seele braucht. Heilung.

Sie erzählt. Von Gott und der Welt.
Hält ihre Hand und weint.
So kostbar, diese Tränen.

Das große Tochterkind bricht seinen Urlaub ab und wird gleich mit seinem Vater und der Stiefmutter hier sein.
Und mit uns warten.
Die kleinen Kinder streicheln Uroma, gehen um ihr Bett und horchen auf ihre Atmung. Horchen auf ihren Herzschlag.
Begreifen den Tod ohne es zu wissen.

Wir warten. Gemeinsam.

Zerfaserung

Es sind Sommerferien.

Ich erhole mich langsam von meinem Schwindel von vor drei Wochen und arbeite an der Stressreduktion. Es ist 7 Uhr morgens.
Die Notfallklingel klingelt. Laut.
Ich falle aus dem Bett und hetze zum Empfänger, um ihn auszuschalten, bevor die Ferienkinder davon wach werden.

T-Shirt an, Hose an, bei Uroma rein.
Mit Lächeln auf dem Gesicht.
Es fällt an vielen Tagen inzwischen schwer, aber das muss außer mir ja niemand wissen.

„Guten Morgen, was kann ich für dich tun?“

– „Weiß ich nicht.“

Gesicht zur Wand gedreht, mehr ein Krächzen als ein Flüstern.
Augen zu.
Es ist wieder einer dieser Tage.
Vor genau einem Monat hat sie ihren 90. Geburtstag gefeiert.
Seit drei Jahren wartete sie auf diesen Tag, weil mein Vater hoch und heilig versprochen hat, er würde sie dann noch einmal besuchen kommen.

Er kam nicht.
Zwei Tage später wurde sie bettlägrig.
Eine Woche später war der Arzt da.
Höhere Medikamentendosierung, Mobilisierung, Physiotherapie, Ergotherapie, weiß der Kuckuck was noch alles.

Verweigerung auf ganzer Linie.
Verweigerung bei der Körperpflege, Verweigerung bei der Lagerung, passive Aggression. Jeden Tag ein bisschen weniger.

Eine, zwei, drei, vier Wochen.
Nahrungsverweigerung.
Und dann schließlich: Medikamentenverweigerung.

Unser Hausarzt befragt sie und erklärt ihr die Konsequenzen.
Wir klären die rechtliche Lage, die persönliche, die emotionale.

Freier Wille. Ihre Entscheidung.

Und ja, wir begleiten das..
Hier stehen wir nun und sehen dem Verfall zu.
Im Hinterkopf fragt mich eine müde Stimme, warum ich jetzt aufstehen musste. Ich straffe die Schultern und lächle.

Wie jeden Morgen.

„Oma, du hast gerade geklingelt. Was können wir denn mal für dich machen?“

Schulterzucken. „Will sterben.“

„Ja, ich weiß.“, antworte ich.

Sie schweigt.

Wie jeden Tag.

Mein geliebter Held,

als ich noch klein war, da hast du immer gesagt:

„Wenn Oma mal tot ist und ich ganz alt bin, dann komme ich zu dir. Du kümmerst dich dann um mich.“

Und ich sagte jedesmal: „Na klar. Aber jetzt bist du ja noch fit!“

Dann nicktest du und deine großen Pranken schlossen sich wieder sanft um mich.
Jetzt ist 30 Jahre später, Opa.
Du hast dein Versprechen gebrochen.
Du hast gesagt, du stirbst nicht, bevor ich nicht bereit dafür bin.
Und du bist als erstes gestorben.

Oma wohnt jetzt hier.

Als wir vor fünf Monaten die Entscheidung getroffen haben, sie zum Sterben zu uns zu holen, da war es auch der Tribut an dich, der mir diesen Weg so leicht machte.

Ich glaube nicht, dass du Oma allein lassen wolltest.
Aber du bist eben auch schon 8 Jahre tot.
Also beschloss ich, dass ich nun für sie da sein würde.
Sie lag in den letzten Zügen. Hat sich verabschiedet.
Und ja, ihre letzten Tage sollte sie nicht in diesem tristen Heimzimmer verbringen, in dem sie seit einigen Jahren lebte und seit Ende letzten Jahres nur noch vor sich hinvegetierte.

Eine Begleitung auf den letzten Metern. Absehbar.
Das ist nun vier Monate her und ich weiß inzwischen gar nicht so recht, wer hier mit uns lebt.

Es ist nicht die Oma, die ich von früher kenne.
Es ist auch nicht die Oma, mit der du verheiratet warst.
Der wir beide so viele Schandtaten beichten mussten, die meine Kindheit so bunt gemacht haben.

Ich unterhalte mich manchmal mit ihr über dich, aber es scheint, als hätten wir nicht denselben Menschen gekannt.
Als wäre nur ich da, die dich so abgöttisch geliebt hat.
Sie hat es nicht getan.
Wenn sie über dich spricht, zerreißt es mir mein Herz.

Das bist nicht du.
Den Mann, der du für mich warst, den kennt sie nicht.

Es ist gerade schwer für mich.

Verwaltungsirrsinn

„Ist der/die Pflegebedürftige orientiert?“

Ich sitze an meinem Schreibtisch an der Seite 4 des Formulars des medizinischen Dienstes, der in Kürze feststellen wird, ob die knapp 90jährige mit Pflegestufe 2, die wir aus dem Altenheim gerettet geholt haben, eventuell nicht plötzlich doch wieder laufen, springen und sich selbst versorgen kann. Haha.

Der Mann winkt beschwichtigend ab.
„Das müssen die kontrollieren, sonst könnte man ja sonstwas machen.“

[Achja? Was denn? Sie im Keller anketten und das ach so hohe Pflegegeld kassieren?]

Mir fehlt da der Sinn für Humor, um nachvollziehen zu können, warum hier ein bestehender Pflegegrad kontrolliert werden muss. Zumal es für die Pflegekasse deutlich billiger wird, weil ich ja umsonst arbeite.

Immerhin wird es auf meine Rente angerechnet. Hurra.

Vielleicht komme ich – nachdem ich seit 15 Jahren 6 Kinder großgezogen und eine Großmutter gepflegt habe – ja sogar auf 200 Euro Rente im Monat. Später, wenn ich alt bin. Hossa, da freue ich mir aber einen Ast. Mein Lebensmodell rentiert sich für alle, aber nicht für mich.

Zurück zu Frage 27.

Orientiert? Hm.

Als ich sie vor vier Tagen geweckt habe, hat sie Adolf Hitler ein Geburtstagsständchen gesungen. Ja, sie weiß, welcher Tag da war.

Den Todestag meines Großvaters am Tag zuvor hatte sie vergessen. Nach dem aktuellen Jahr fragt sie öfter mal, kann mir aber genau sagen, was das amerikanische Staatsoberhaupt für ein Arschloch ist. Mit genau diesen Worten. Ich werde entweder mit dem Namen meiner Mutter oder dem Namen meiner ältesten Tochter angesprochen.

Als meine große Tochter letztens ins Zimmer kam, wollte sie für ihre Physiotherapie unbedingt einen blauen Seidenblouson anziehen und fragte meine Tochter, warum sie denn nicht zum Termin gekommen sei.

Gestern hat sie mir eine halbe Stunde etwas von Harald erzählt. Und was sie mit ihm besprechen möchte, wenn er gleich nach Hause kommt. Nach ungefähr 20 Minuten habe ich gemerkt, dass sie von meinem Exmann redet, von dem ich seit 10 Jahren geschieden bin. Er heißt aber nicht Harald.

Ist die Frau orientiert?

Ich kann „Ja“ ankreuzen oder „Nein“.

Mehr nicht. Ich verkneife mir gerade noch, beide Antworten durchzustreichen und in Großbuchstaben eine unflätige Bemerkung auf das Formular zu schreiben.

Kaffeekränzchen mit dem Tod

„Kind, vielleicht sterbe ich heute. Ich bin schon seit Tagen so müde und könnte nur noch schlafen.“

Ich sehe sie skeptisch an.

„Und Hunger habe ich auch ü-ber-haupt keinen. Nicht mal Appetit.“

Ich schiebe die Schale mit Erdbeeren zur Seite und fange an, das Mittagessen abzuräumen.

„Die Erdbeeren nicht. Die lass mir mal für nachher noch da.“

Ich grinse in mich hinein. „Und das Sterben?“

Sie blickt irritiert. „Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es gar nicht das Sterben. Vielleicht bin ich ja doch nur müde. Ich bin ja noch nie gestorben, wer weiß schon, wie sich das anfühlt…“

Die Kriegerprinzessin kommt herein und hört ihre letzten Worte. „Stirbst du heute schon?“ Sie beißt von ihrem Muffin ab und wartet auf Antwort.

Uroma beäugt den Muffin. „Was isst du da?“

„Einen Kaffeemuffin von Papa, warum?“

Ich ahne schon, was kommt.

„Dann hol mir auch mal einen.“

Ich nehme den leergegessenen Teller vom Tablett. „Möchtest du einen Kaffee zu deinem Muffin, Oma?“

„Ach, eigentlich habe ich ja überhaupt keinen Appetit. Aber bevor er mir so trocken im Halse stecken bleibt und ich dann daran sterbe… Das ist ja auch kein schöner Tod.“

Als sie mit Kaffee und Kuchen in ihrem Bett sitzt, uns huldvoll  herauswedelt weil sie ihre Ruhe haben möchte und wir das Zimmer verlassen, flüstere ich dem kleinen Tochterkind zu: „Ich glaube, heute stirbt Uroma eher nicht.“

Sie zwinkert mir zu: „Naja. Zumindest nicht, so lange wir ihr genug Kaffee und Süßkram bringen…“

Der vorletzte Umzug

Interessiert sehen die älteren Damen mich an, als ich einen Umzugskarton nach dem nächsten aus Uromas Zimmer durch den Flur an ihnen vorbeitrage. Sie sitzen auf den Sesseln im Empfangsbereich der zweiten Etage und blicken mir wortlos nach, als ich Karton um Karton in den Fahrstuhl trage.

Als ich kurze Zeit später mit den ersten Möbeln auf einem Rollwagen vorbeikomme, fasst sich eine von ihnen ein Herz und spricht mich direkt an.

„Hat sie’s endlich geschafft?“

Mit anteilnehmender Miene und gleichzeitig voller Neugierde wartet sie auf meine Antwort. Ich bin irritiert.

„Hat… was geschafft?“, frage ich verwirrt.

Ich bin es ja gewohnt, dass hier andere Regeln für zwischenmenschliche Kommunikation gelten, doch die Dame vor mir macht eigentlich einen geistig recht fitten Eindruck.

„Na, ihre Großmutter. Hat sie es endlich geschafft? Mein Beileid.“

Der Groschen fällt.

„Nein.“, grinse ich sie an. „Sie zieht nur um. Zu uns nach Hause. Das Heim ist einfach nichts für sie.“

Es geht ein kollektives Seufzen durch die Sesselreihen neben mir.
Langsam tätschelt die alte Frau meinen Arm.

„Gott segne sie. Wir würden alle lieber zuhause sterben. Aber unser nächster Umzug ist der zum Friedhof.“

Sie lächelt mich traurig an und mein Herz fließt fast über vor lauter Mitgefühl. Die Sehnsucht nach einem Zuhause wohnt uns allen inne.

Und wenn es ans Sterben geht, dann sollte man an einem Ort Abschied vom Leben nehmen dürfen, der diesen Namen auch verdient.
Als ich wieder in Uromas Zimmer zurückkehre, wo sie mit dem großen Tochterkind bereits die nächste Kiste gepackt hat, blickt sie mich an und lächelt leise.

Ja. Es war die richtige Entscheidung.

89 Jahre ohne Nutella

Eine Woche ist sie nun schon bei uns.
Eine Woche inklusive Schimpfwörter, wie nur fast 90jährige sie von sich geben können, eine Woche Kriegserzählungen, eine Woche Anderswelt für die Kinder.

Eine Woche Arbeit, Stress und Sich-finden-müssen.
Eine Woche, die gut war.

Der Kobold hört sich tapfer alte Kriegsgeschichten an, Sirenen, die von Bombenangriffen künden, zerbombte Häuser, erfrorene Kinder, tote Fallschirmjäger, die in den Bäumen hängen. Hitler, der plötzlich lebendig wird und so sehr im Kontrast zu dem geschildert wird, was in der Schule trocken in Büchern steht.

Erlebte Geschichte.

„Uroma, das ist ja alles supergruselig.“, verkündet er.

Ich vergesse manchmal, dass ich von Klein an damit aufgewachsen bin und meine Kinder dieses Vorwissen nicht haben. Alles ist neu, alles groß und erschreckend und auf erschreckende Weise auch faszinierend.

Wir sitzen beim Abendbrot.

Der Kobold hat natürlich Nutella auf seinem Platz stehen und natürlich schmiert er sich ein halbes Kilogramm davon auf sein Brot. Wie könnte es auch anders sein.

Uroma sieht aus, als würde sie die Augenbrauen hochziehen, wenn sie noch welche hätte. Hat sie aber nicht.

„Dieses Nougatding hatten wir ja auch nie.“

Der Kobold erstarrt.

Er versucht zu begreifen, was sie ihm da gerade erzählt. „Was meinst du damit?“

Uroma verkündet, dass sie noch nie in ihrem ganzen Leben Nutella probiert hätte und ich kann sehen, wie dem Kobold alles aus dem Gesicht fällt. Fassungslos und entsetzt starrt er sie an und bemüht sich, die ganze Tragweite ihrer Aussage zu erfassen.

Langsam sickert es in sein Gehirn.
Er erschauert. Fast ehrfürchtig stellt er die Frage.

„Du meinst – du hast jetzt 89 Jahre lang ohne Nutella leben müssen?“

 Ich sehe, wie der Schrecken der vorangegangenen Kriegsgeschichten langsam der völlig verstörenden Erkenntnis weicht, dass es einen Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung gibt, der fast 90 Jahre lang auf Nutella verzichtet hat.

Neunzig. Jahre.

Während ich am nächsten Morgen das Frühstück vorbereite, kommen die Kinder nacheinander zu mir in die Küche und animieren mich dazu, Uroma doch auf jeden Fall ein kleines Brot mit Nutella zu schmieren.

[Es schmeckt ihr]

Neun?

Natürlich haben der Mann und ich überlegt, ob wir sie nicht einfach hierher holen können. Auch unter diesem Aspekt beobachte ich sie während der Tage, die wir in der großen Stadt sind.

Schätze ab, wieviel Hilfe sie benötigt. Ob ich das leisten könnte.
Zusätzlich zu den eigenen vier Kindern, den zwei Zusatzkindern, Haus, Garten, Tieren und Ehrenamt.

Ich springe ins kalte Wasser. Ausziehen, anziehen, umziehen, waschen, zur Toilette bringen. Ich habe vorher Youtube-Videos angesehen, wie man das macht. Für irgendwas muss das ja gut sein.
(„Die machen Tutorials für ALLES, Mama!“, erklärte mir das große Kind professionell und so ist es tatsächlich)

Es ist überschaubar, aber fordernd. Wenn sie aktiv ist, ist sie es im wahrsten Sinne des Wortes. Aufstehen, zum Tisch, auf den Stuhl, einmal essen, trinken, Tabletten, zur Toilette, waschen, wieder zurück. Über das Weltgeschehen diskutieren, über Donald Trump herziehen, die Flüchtlingssituation erörtern, großer Bogen zum zweiten Weltkrieg,  als sie im Februar des letzten Kriegsjahres die Weserbrücken zerbombt haben. Zurück in die Gegenwart und in den Krankenhausalltag.

Wenn sie dann erschöpft ist, dann kippt ein Schalter um, der sie in den Dämmermodus versetzt. Zack. Noch kurz ins Bett, winken, bis später.
Dann gehen das Tochterkind und ich für drei Stunden in die Innenstadt, essen, bummeln und haben Spaß und finden sie beim Ankommen im Krankenhaus genau so, wie wir sie verlassen haben.

Das ginge dann auch nicht mehr.
Wenn sie hier zuhause wäre.
Oma kann nicht alleine bleiben.

Können wir das leisten? Wir haben eine absolut belastende Situation mit den Zusatzkindern hier und sind aus-gelastet. Andererseits läuft für Oma die Zeit. Ich will nicht, dass sie auf Dauer wieder ins Heim zurück muss. Wir würden denselben Zyklus von Depression, Verfall und Aufpäppeln im Krankenhaus doch immer wieder erleben. Alleine leben kann sie auf gar keinen Fall mehr. Zu viel ist vorgefallen.

Der Mann und ich sind ratlos, alle beide.

Auf der einen Seite steht der Kopf, auf der anderen Bauch und Herz.
Wer wird Recht behalten?

Für das Richtige plädiert bei uns keiner mehr.

Das ist letztes Jahr schon schief gegangen.

Wie ich einmal einem Internettroll die Stützstrümpfe hochzog

Es passiert ja eher selten, dass Oma sprachlos ist.

Aber als die neue Zimmernachbarin im Krankenhaus laut schimpfend und um sich schlagend in einem Rollstuhl ins Zimmer gefahren wurde, blieb selbst ihr der Mund offen stehen und sie hörte mitten im Satz auf zu reden.

„Ich kann nicht hierbleiben! Ich muss an meinen Computer!“

Die große Frau, die im Rollstuhl saß, hatte wirres graues Haar, eine dicke Warze und eine Lesebrille auf der Nase, einen babyblauen Strickpullover, eine Windel und Stützstrümpfe an. Sonst nichts.

„Ich.muss.an.meinen.Computer.“, erklärte sie dem Pfleger, als wäre dieser geistesgestört. „Sie hatten einen Schlaganfall. Sie müssen jetzt im Krankenhaus bleiben und sonst nichts. Wir rufen ihre Angehörigen an, die können ihren Computer ja ausschalten.“, antwortete er freundlich und es war, als hätte er in ein Wespennest gestochen.

„Sind Sie WAHNSINNIG???“, brüllte die alte Frau ihn an. „Ich habe meine Texte von heute noch nicht abgeschickt!“
Der Pfleger hob sie mit einer Kollegin ins Krankenbett und mir wurde klar, dass das Tochterkind, Uroma und ich gerade sehr unhöflich starrten, als wären wir Schaulustige bei einem Autounfall.

Ich räusperte mich.
„Oma, wir gehen mal kurz raus, damit die Frau sich hier einrichten kann.“
Oma sah mich entgeistert an.
„Dann verpasst du doch das ganze Schauspiel hier, Kind!“

Es muss schön sein, sich mit 90 keine Gedanken mehr über Umgangsformen machen zu müssen, denke ich so bei mir und schiebe das Tochterkind kurzerhand aus dem Zimmer.
Als immer mehr Schwestern und Pfleger ins Zimmer eilen und ich immer lauteres Gebrüll von drinnen höre, überlege ich kurz, ob ich Oma vielleicht retten sollte, aber das würde sie mir im Leben nicht verzeihen.

Nach einer viertel Stunde ist Ruhe. Ich sehe Klinikpersonal leicht derangiert aus dem Zimmer kommen und durchschnaufen.
Ich lächle den Pfleger aufmunternd an, der mir zunickt, wir könnten jetzt gerne wieder zu Oma gehen.
Leise und vorsichtig betreten wir das Zimmer.

Die Frau liegt in ihrem Bett, Bettwäsche und Kissen liegen im Zimmer verstreut. Sie scheint sie wütend rausgeworfen zu haben.

„Dieser Saftladen.“, murmelt sie mit ihrer herben, dunklen Stimme vor sich hin. Allerdings schon längst nicht mehr so laut wie vorhin. Ob sie ihr ein Beruhigungsmittel gegeben haben? „Ich werde denen schon zeigen, was ich davon halte. Die werden schon noch sehen…“, brummelt sie und scheint in einen Dämmerzustand zu wechseln.

Ich sehe Oma an.
Missbilligend schüttelt sie den Kopf. „Wie kann man sich mit 91 Jahren nur so aufführen?“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch.

Oma thront in ihrem Zuhälter-Bademantel aus Leopardenplüsch und Fellbesatz an Kragen und Ärmeln in ihrem Bett und hat ihrer anderen Zimmernachbarin, die immer nur schläft, anscheinend wieder den Joghurt geklaut. Sie löffelt gedankenverloren vor sich hin. „Schlimm, schlimm.“

—

Einige Stunden später sind wir wieder im Krankenhaus.
Die Frau neben Oma ist wach – sehr wach – und hat Besuch. Ihr Sohn, vermute ich.
Die Art, wie sie den geschätzt fast 70jährigen durchs Zimmer scheucht, spricht Bände.
„Manfred. Du musst dir aufschreiben, wie die Leute hier heißen. Dann kann ich Beschwerden schreiben. Ich muss wieder an den Computer. Im Internetz kann man das machen. Ich brauche Namen!“ Sie sieht erschöpft aus. „Namen, Manfred! Hörst du?“

Der Mann hat hochrote Wangen und sieht aus, als würde er sich extrem unwohl fühlen. „Du musst auch deinen Kindern Bescheid geben. Sie können mich heute Abend besuchen. Hörst du? Ich kann nicht lange hierbleiben! Ich muss unbedingt bald wieder nach Hause an den Computer.“

Der Mann reicht ihr eine Tupperdose mit geschälten Äpfeln, die sie mit einer Zange herausnimmt und sich in den Mund steckt. „Das Essen hier ist so furchtbar. Ich muss nach Hause. Muss…“

Oma ist derweil nicht in ein Gespräch zu verwickeln, weil sie völlig fasziniert starrt. Und ab und zu den Kopf schüttelt.

Der Mann versucht mehrfach, sich zu verabschieden. „Du willst mich doch nicht unglücklich machen, und schon gehen, oder Manfred?“ Er sieht sich hilfesuchend um. Fängt aber nur Omas Blick auf, die ihn neugierig ansieht.

Nach einer weiteren halben Stunde schafft er es endlich. Er hat noch einen Termin. Einen wichtigen. Und ja, er wird sich gleich die Namen der Schwestern aufschreiben. Und ja, auch die des Pflegers, der sie so grob misshandelt hätte. Als er geht, ist es kurz still im Zimmer.

Die Frau fängt wieder an zu brummeln und mit sich selbst zu sprechen. Dass sie nicht hierbleiben könne. Und dass sie dem Krankenhaus mehrere schlechte Bewertungen schreiben würde. Die würden schon sehen, was sie davon haben. Sie wälzt sich im Bett herum und strampelt die Decke weg.

Einer ihrer Stützstrümpfe ist heruntergerutscht und sie versucht, ihn mit steifen Armen wieder hochzuziehen. Es klappt nicht. Sie fängt an zu weinen.

Oma boxt mich sehr entschlossen in die Seite und schubst mich. „Geh mal helfen, Kind. Du siehst doch, dass sie das nicht schafft.“

Ich sehe sie skeptisch an. Aber ihr Blick duldet keine Widerworte. Also gehe ich ein Bett weiter und warte, bis ich die Aufmerksamkeit der Frau habe. „Darf ich Ihnen helfen?“, frage ich vorsichtig und mache mich darauf gefasst, dass sie etwas nach mir wirft.

Stattdessen strahlt sie mich an. „Das ist ja sehr nett von Ihnen. Sie sind doch keine Schwester hier, oder?“

Ich schüttle den Kopf. „Nein.“

„Ja, dann machen Sie mal.“

Ich ziehe ihr vorsichtig den Stützstrumpf hoch und sie lächelt erleichtert.

„Hach, das ist schön. Können Sie die Decke noch aufschütteln?“

Im frisch aufgeschüttelten Bett lässt sie sich in die Kissen sinken und wendet sich uns zu.

„Hier werden alle noch bereuen, dass sie mich so behandeln.“ Sie blickt Oma an. „Sind Sie auch im Internetz unterwegs?“

Oma antwortet, dass sie mit dem neumodischen Kram nichts am Hut hat. Sie würde Fernsehen kucken. Die alte Frau schüttelt den Kopf.

„Im Internetz ist es viel lustiger, als ständig vor der Röhre zu hängen. Ich bin den ganzen Tag da drin. In unserem Alter haben wir ja Zeit, nech? Morgens mache ich mir einen Kaffee und dann schreibe ich Kommentare. Auf Forummen. Auf Homm-Päitsches! Auf Blocks! Das ist so lustig! Niemand weiß, wer ich bin. Und dann regen sich alle auf und ich habe den ganzen Tag was zu lesen!“

Sie strahlt überglücklich und ich sehe sie fassungslos an.

Ich habe mich meine gesamte Internet-Zeit über gefragt, was Internettrolle wohl für Menschen sind.

Jetzt weiß ich es.