Der Tod lässt ausrichten, er sei verhindert

 „Ich werde jetzt sterben. Habt Dank für alles und macht es gut.“

Das waren die letzten Worte, die wir von ihr hörten. Altenheim und Ärzte bestätigten die Situation. Depressionen, Nahrungsverweigerung, massiver Gewichtsverlust, absoluter Verfall, Krankenhaus.

Das Tochterkind und ich fuhren also auf große Fahrt in die Stadt, die so weit von uns entfernt ist. Zumindest noch persönlich Lebewohl sagen, einmal noch in den Arm nehmen, einmal noch die Hand streicheln, einmal noch…

Es sollte anders kommen.
Die Fahrt dorthin war grauenhaft. Halb rechnete ich damit, dass uns unterwegs der Anruf erreichen würde, dass sie gestorben sei, dass wir zu spät kämen und der Tod schon vor uns da gewesen sei.
Wettlauf gegen die Zeit mit dem Tod.
Großes Lebenskino.
Nur schnell ein paar hundert Kilometer fahren, schnell ins Hotel, schnell die Sachen aufs Zimmer bringen, Schlüssel einstecken und ab ins Krankenhaus.

Wir stürmten halb ihr Zimmer und auf einem riesigen Krankenhausbett saß klein, schrumpelig und weiß, in einem viel zu großen Nachthemd mit lila Punkten darauf: meine Großmutter.
„Wir sind es!“, stellte ich das Offensichtliche fest und nahm sie in den Arm.

„Ich will dir mal eins sagen, Kind!“, zeterte sie als Begrüßung los: „Der Tod will mich anscheinend nicht!“

Ich schnaufe ein wenig amüsiert, als ihre Bettnachbarin zusammenzuckt und murmelt: „Das sagt man doch nicht…“

„Die ist noch grün hinter den Ohren. Erst 86. Hier!“, fuchtelt Oma mit ihrer Leberwurststulle vor meiner Nase herum. „Setzt euch und erzählt mir, warum ihr hier seid!“

„Ähm. Oma. Du hast gesagt, du stirbst jetzt einfach? Das geht doch nicht ohne tschüss zu sagen…“  Sie lacht.

Das Tochterkind sammelt sich ob einer sehr fidelen und motzigen Urgroßmutter, die weit von dem entfernt ist, auf das ich sie auf der Fahrt hierher schonend vorbereitet habe.
Sie isst. Trinkt. Bewegt sich.
Es scheint besser zu gehen als im Heim, in dem sie sich auch nach drei Jahren noch nicht eingelebt hat.
Trotz Medikation gegen ihre Depressionen, trotz Ablenkung.
Es ist nicht ihres.
Sie hat es sich nicht ausgesucht, von meinen Eltern dort hineingesteckt zu werden und dann nichts mehr von ihnen zu sehen.
Sie will seit langen Monaten nur noch sterben, ich weiß das.

Wir sprechen jedes Telefonat darüber, doch es klappt einfach nicht.
Doch noch nie war es so ernst wie dieses Mal.
Sie hat alles verschenkt, alles geregelt, sich von allen verabschiedet.

Ein hellwacher Geist in einem langsam verfallenden Körper.
Es ist ein Alptraum, der sie nicht mehr loslassen wird.

„Ich gehe nicht mehr zurück ins Heim. Kuck mal, ob man die Fenster öffnen kann. Das ist doch der 6. Stock, oder?“

Ich seufze. „Du kommst doch nicht mal aufs Fensterbrett, Oma.“

„Ach Scheiße!“, flucht sie laut und ihre Zimmernachbarin starrt sie mit weit aufgerissenen Augen entsetzt an.

Das andere Ende

„Kind, ich bin soweit, dass ich jetzt sterben kann. Aber das Leben lässt mich ja nicht.“

Sie seufzt. Ich seufze mit. Was soll ich auch schon sagen?

Oma, ich möchte nicht, dass du stirbst? Wie bescheuert.

Natürlich möchte ich nicht, dass sie stirbt, aber wer bin ich, dass ich mich darüber erhebe, was für sie das Richtige ist?

Das Leben ist für sie nicht mehr lebenswert und das ist ihre ganz persönliche Sache, die ich respektiere. Zu einem selbstbestimmten Leben gehört auch ein selbstbestimmter Tod.

Ja. Leider geht das nicht immer so, wie man sich das vorstellt.

„Meine Nachbarin, die ist ja einfach gesprungen. Natürlich haben sie uns gesagt, es war ein Unfall. Aber wie unbeabsichtigt kann man über ein Geländer klettern und aus dem Fenster springen? Naja, ist auch nicht verkehrt. Aber ne Riesensauerei.“ Ich muss schmunzeln. Ja, das ist eher nichts für meine Großmutter. Alles, was mit einer Sauerei verbunden ist, scheidet schon mal aus.

„Aber jedes Mal wenn ich mich hinlege und mir vornehme, ich sterbe jetzt – was glaubst du, was dann passiert? Genau. Ich wache einfach am nächsten Morgen wieder auf. So ein Schiet.“

Ich lache laut los.

Wir diskutieren ausführlich über verschiedene Sterbearten und über das Altwerden im Allgemeinen und über ihre grauenhaften Mitbewohner im Heim.

Das Übliche und ich spüre, wie ihre Stimmung sich etwas aufhellt. Sie fragt nach den Kindern. Ich erzähle aus unserem Alltag und von unseren Problemen und den Fortschritten, die wir machen.Sie lauscht andächtig, fragt zwischendurch immer wieder nach und ich höre, wie sehr sie Anteil nimmt. Es ist so furchtbar, dass sie soweit weg wohnt.

Wir haben so viele Möglichkeiten durchdacht, aber wir schaffen es einfach nicht, sie hierhin zu holen. Ein Heim in der Nähe wäre nicht das Richtige und ein Platz hier zuhause ist kaum realisierbar.

Selbst wenn wir es emotional schaffen würden, was in unserer momentanen Situation auch schon fraglich ist – der Umbau wäre zu umfangreich, um ihn bezahlen oder selbst realisieren zu können. Der mangelnde Platz ist ein weiteres Problem.

Ich seufze erneut. Sie seufzt mit. „Ach Kind.“

„Ach Oma.“, sage ich und sie summt ein bisschen, wie ich es schon aus Kindertagen von ihr kenne.

Mir tut das Herz weh. Ich weiß, worauf sie wartet.

Sie wartet auf meinen Vater.
Und ich weiß, dass sie vergeblich auf ihn warten wird.

Wunschkonzert [keins]

Gerade erklärt sie mir noch, wie sie mit dem neuen Elektro-Rollstuhl auf dem Altenheimflur Höchstgeschwindigkeit erreicht (und wen sie dabei am liebsten überfahren würde), als ihre Stimme plötzlich die Klangfarbe wechselt.

„Was gibt es Neues?“, fragt sie unvermittelt und ich staune einmal mehr über die Wendigkeit ihres fast 90jährigen Geistes.

Ich brumme ein wenig vor mich hin und bringe sie auf den neuesten Stand der Dinge. Ich weiß, dass sie sich gleich aufregen wird. Ich habe Recht.

„Früher…“, fängt sie an und ich muss trotz der Ernsthaftigkeit des Themas ein wenig in mich hineinschmunzeln. Sie springt ein wenig von einem Thema ins nächste und ich kann förmlich spüren, wie ihr Blutdruck ansteigt. „Das Leben ist kein Wunschkonzert, Kind.“, endet sie schließlich resigniert.

Ich brumme zustimmend und höre mir noch Ratschläge zum Spargelkauf an, während meine Gedanken abschweifen. Früher hätten weder wir noch die Kinder eine Wahl gehabt. Früher hätte man wohl viele Fragen gar nicht gestellt.

Aber ob das so viel besser gewesen wäre?