Wie ich einmal einem Internettroll die Stützstrümpfe hochzog

Es passiert ja eher selten, dass Oma sprachlos ist.

Aber als die neue Zimmernachbarin im Krankenhaus laut schimpfend und um sich schlagend in einem Rollstuhl ins Zimmer gefahren wurde, blieb selbst ihr der Mund offen stehen und sie hörte mitten im Satz auf zu reden.

„Ich kann nicht hierbleiben! Ich muss an meinen Computer!“

Die große Frau, die im Rollstuhl saß, hatte wirres graues Haar, eine dicke Warze und eine Lesebrille auf der Nase, einen babyblauen Strickpullover, eine Windel und Stützstrümpfe an. Sonst nichts.

„Ich.muss.an.meinen.Computer.“, erklärte sie dem Pfleger, als wäre dieser geistesgestört. „Sie hatten einen Schlaganfall. Sie müssen jetzt im Krankenhaus bleiben und sonst nichts. Wir rufen ihre Angehörigen an, die können ihren Computer ja ausschalten.“, antwortete er freundlich und es war, als hätte er in ein Wespennest gestochen.

„Sind Sie WAHNSINNIG???“, brüllte die alte Frau ihn an. „Ich habe meine Texte von heute noch nicht abgeschickt!“
Der Pfleger hob sie mit einer Kollegin ins Krankenbett und mir wurde klar, dass das Tochterkind, Uroma und ich gerade sehr unhöflich starrten, als wären wir Schaulustige bei einem Autounfall.

Ich räusperte mich.
„Oma, wir gehen mal kurz raus, damit die Frau sich hier einrichten kann.“
Oma sah mich entgeistert an.
„Dann verpasst du doch das ganze Schauspiel hier, Kind!“

Es muss schön sein, sich mit 90 keine Gedanken mehr über Umgangsformen machen zu müssen, denke ich so bei mir und schiebe das Tochterkind kurzerhand aus dem Zimmer.
Als immer mehr Schwestern und Pfleger ins Zimmer eilen und ich immer lauteres Gebrüll von drinnen höre, überlege ich kurz, ob ich Oma vielleicht retten sollte, aber das würde sie mir im Leben nicht verzeihen.

Nach einer viertel Stunde ist Ruhe. Ich sehe Klinikpersonal leicht derangiert aus dem Zimmer kommen und durchschnaufen.
Ich lächle den Pfleger aufmunternd an, der mir zunickt, wir könnten jetzt gerne wieder zu Oma gehen.
Leise und vorsichtig betreten wir das Zimmer.

Die Frau liegt in ihrem Bett, Bettwäsche und Kissen liegen im Zimmer verstreut. Sie scheint sie wütend rausgeworfen zu haben.

„Dieser Saftladen.“, murmelt sie mit ihrer herben, dunklen Stimme vor sich hin. Allerdings schon längst nicht mehr so laut wie vorhin. Ob sie ihr ein Beruhigungsmittel gegeben haben? „Ich werde denen schon zeigen, was ich davon halte. Die werden schon noch sehen…“, brummelt sie und scheint in einen Dämmerzustand zu wechseln.

Ich sehe Oma an.
Missbilligend schüttelt sie den Kopf. „Wie kann man sich mit 91 Jahren nur so aufführen?“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch.

Oma thront in ihrem Zuhälter-Bademantel aus Leopardenplüsch und Fellbesatz an Kragen und Ärmeln in ihrem Bett und hat ihrer anderen Zimmernachbarin, die immer nur schläft, anscheinend wieder den Joghurt geklaut. Sie löffelt gedankenverloren vor sich hin. „Schlimm, schlimm.“

—

Einige Stunden später sind wir wieder im Krankenhaus.
Die Frau neben Oma ist wach – sehr wach – und hat Besuch. Ihr Sohn, vermute ich.
Die Art, wie sie den geschätzt fast 70jährigen durchs Zimmer scheucht, spricht Bände.
„Manfred. Du musst dir aufschreiben, wie die Leute hier heißen. Dann kann ich Beschwerden schreiben. Ich muss wieder an den Computer. Im Internetz kann man das machen. Ich brauche Namen!“ Sie sieht erschöpft aus. „Namen, Manfred! Hörst du?“

Der Mann hat hochrote Wangen und sieht aus, als würde er sich extrem unwohl fühlen. „Du musst auch deinen Kindern Bescheid geben. Sie können mich heute Abend besuchen. Hörst du? Ich kann nicht lange hierbleiben! Ich muss unbedingt bald wieder nach Hause an den Computer.“

Der Mann reicht ihr eine Tupperdose mit geschälten Äpfeln, die sie mit einer Zange herausnimmt und sich in den Mund steckt. „Das Essen hier ist so furchtbar. Ich muss nach Hause. Muss…“

Oma ist derweil nicht in ein Gespräch zu verwickeln, weil sie völlig fasziniert starrt. Und ab und zu den Kopf schüttelt.

Der Mann versucht mehrfach, sich zu verabschieden. „Du willst mich doch nicht unglücklich machen, und schon gehen, oder Manfred?“ Er sieht sich hilfesuchend um. Fängt aber nur Omas Blick auf, die ihn neugierig ansieht.

Nach einer weiteren halben Stunde schafft er es endlich. Er hat noch einen Termin. Einen wichtigen. Und ja, er wird sich gleich die Namen der Schwestern aufschreiben. Und ja, auch die des Pflegers, der sie so grob misshandelt hätte. Als er geht, ist es kurz still im Zimmer.

Die Frau fängt wieder an zu brummeln und mit sich selbst zu sprechen. Dass sie nicht hierbleiben könne. Und dass sie dem Krankenhaus mehrere schlechte Bewertungen schreiben würde. Die würden schon sehen, was sie davon haben. Sie wälzt sich im Bett herum und strampelt die Decke weg.

Einer ihrer Stützstrümpfe ist heruntergerutscht und sie versucht, ihn mit steifen Armen wieder hochzuziehen. Es klappt nicht. Sie fängt an zu weinen.

Oma boxt mich sehr entschlossen in die Seite und schubst mich. „Geh mal helfen, Kind. Du siehst doch, dass sie das nicht schafft.“

Ich sehe sie skeptisch an. Aber ihr Blick duldet keine Widerworte. Also gehe ich ein Bett weiter und warte, bis ich die Aufmerksamkeit der Frau habe. „Darf ich Ihnen helfen?“, frage ich vorsichtig und mache mich darauf gefasst, dass sie etwas nach mir wirft.

Stattdessen strahlt sie mich an. „Das ist ja sehr nett von Ihnen. Sie sind doch keine Schwester hier, oder?“

Ich schüttle den Kopf. „Nein.“

„Ja, dann machen Sie mal.“

Ich ziehe ihr vorsichtig den Stützstrumpf hoch und sie lächelt erleichtert.

„Hach, das ist schön. Können Sie die Decke noch aufschütteln?“

Im frisch aufgeschüttelten Bett lässt sie sich in die Kissen sinken und wendet sich uns zu.

„Hier werden alle noch bereuen, dass sie mich so behandeln.“ Sie blickt Oma an. „Sind Sie auch im Internetz unterwegs?“

Oma antwortet, dass sie mit dem neumodischen Kram nichts am Hut hat. Sie würde Fernsehen kucken. Die alte Frau schüttelt den Kopf.

„Im Internetz ist es viel lustiger, als ständig vor der Röhre zu hängen. Ich bin den ganzen Tag da drin. In unserem Alter haben wir ja Zeit, nech? Morgens mache ich mir einen Kaffee und dann schreibe ich Kommentare. Auf Forummen. Auf Homm-Päitsches! Auf Blocks! Das ist so lustig! Niemand weiß, wer ich bin. Und dann regen sich alle auf und ich habe den ganzen Tag was zu lesen!“

Sie strahlt überglücklich und ich sehe sie fassungslos an.

Ich habe mich meine gesamte Internet-Zeit über gefragt, was Internettrolle wohl für Menschen sind.

Jetzt weiß ich es.

Der Tod lässt ausrichten, er sei verhindert

 „Ich werde jetzt sterben. Habt Dank für alles und macht es gut.“

Das waren die letzten Worte, die wir von ihr hörten. Altenheim und Ärzte bestätigten die Situation. Depressionen, Nahrungsverweigerung, massiver Gewichtsverlust, absoluter Verfall, Krankenhaus.

Das Tochterkind und ich fuhren also auf große Fahrt in die Stadt, die so weit von uns entfernt ist. Zumindest noch persönlich Lebewohl sagen, einmal noch in den Arm nehmen, einmal noch die Hand streicheln, einmal noch…

Es sollte anders kommen.
Die Fahrt dorthin war grauenhaft. Halb rechnete ich damit, dass uns unterwegs der Anruf erreichen würde, dass sie gestorben sei, dass wir zu spät kämen und der Tod schon vor uns da gewesen sei.
Wettlauf gegen die Zeit mit dem Tod.
Großes Lebenskino.
Nur schnell ein paar hundert Kilometer fahren, schnell ins Hotel, schnell die Sachen aufs Zimmer bringen, Schlüssel einstecken und ab ins Krankenhaus.

Wir stürmten halb ihr Zimmer und auf einem riesigen Krankenhausbett saß klein, schrumpelig und weiß, in einem viel zu großen Nachthemd mit lila Punkten darauf: meine Großmutter.
„Wir sind es!“, stellte ich das Offensichtliche fest und nahm sie in den Arm.

„Ich will dir mal eins sagen, Kind!“, zeterte sie als Begrüßung los: „Der Tod will mich anscheinend nicht!“

Ich schnaufe ein wenig amüsiert, als ihre Bettnachbarin zusammenzuckt und murmelt: „Das sagt man doch nicht…“

„Die ist noch grün hinter den Ohren. Erst 86. Hier!“, fuchtelt Oma mit ihrer Leberwurststulle vor meiner Nase herum. „Setzt euch und erzählt mir, warum ihr hier seid!“

„Ähm. Oma. Du hast gesagt, du stirbst jetzt einfach? Das geht doch nicht ohne tschüss zu sagen…“  Sie lacht.

Das Tochterkind sammelt sich ob einer sehr fidelen und motzigen Urgroßmutter, die weit von dem entfernt ist, auf das ich sie auf der Fahrt hierher schonend vorbereitet habe.
Sie isst. Trinkt. Bewegt sich.
Es scheint besser zu gehen als im Heim, in dem sie sich auch nach drei Jahren noch nicht eingelebt hat.
Trotz Medikation gegen ihre Depressionen, trotz Ablenkung.
Es ist nicht ihres.
Sie hat es sich nicht ausgesucht, von meinen Eltern dort hineingesteckt zu werden und dann nichts mehr von ihnen zu sehen.
Sie will seit langen Monaten nur noch sterben, ich weiß das.

Wir sprechen jedes Telefonat darüber, doch es klappt einfach nicht.
Doch noch nie war es so ernst wie dieses Mal.
Sie hat alles verschenkt, alles geregelt, sich von allen verabschiedet.

Ein hellwacher Geist in einem langsam verfallenden Körper.
Es ist ein Alptraum, der sie nicht mehr loslassen wird.

„Ich gehe nicht mehr zurück ins Heim. Kuck mal, ob man die Fenster öffnen kann. Das ist doch der 6. Stock, oder?“

Ich seufze. „Du kommst doch nicht mal aufs Fensterbrett, Oma.“

„Ach Scheiße!“, flucht sie laut und ihre Zimmernachbarin starrt sie mit weit aufgerissenen Augen entsetzt an.

Das andere Ende

„Kind, ich bin soweit, dass ich jetzt sterben kann. Aber das Leben lässt mich ja nicht.“

Sie seufzt. Ich seufze mit. Was soll ich auch schon sagen?

Oma, ich möchte nicht, dass du stirbst? Wie bescheuert.

Natürlich möchte ich nicht, dass sie stirbt, aber wer bin ich, dass ich mich darüber erhebe, was für sie das Richtige ist?

Das Leben ist für sie nicht mehr lebenswert und das ist ihre ganz persönliche Sache, die ich respektiere. Zu einem selbstbestimmten Leben gehört auch ein selbstbestimmter Tod.

Ja. Leider geht das nicht immer so, wie man sich das vorstellt.

„Meine Nachbarin, die ist ja einfach gesprungen. Natürlich haben sie uns gesagt, es war ein Unfall. Aber wie unbeabsichtigt kann man über ein Geländer klettern und aus dem Fenster springen? Naja, ist auch nicht verkehrt. Aber ne Riesensauerei.“ Ich muss schmunzeln. Ja, das ist eher nichts für meine Großmutter. Alles, was mit einer Sauerei verbunden ist, scheidet schon mal aus.

„Aber jedes Mal wenn ich mich hinlege und mir vornehme, ich sterbe jetzt – was glaubst du, was dann passiert? Genau. Ich wache einfach am nächsten Morgen wieder auf. So ein Schiet.“

Ich lache laut los.

Wir diskutieren ausführlich über verschiedene Sterbearten und über das Altwerden im Allgemeinen und über ihre grauenhaften Mitbewohner im Heim.

Das Übliche und ich spüre, wie ihre Stimmung sich etwas aufhellt. Sie fragt nach den Kindern. Ich erzähle aus unserem Alltag und von unseren Problemen und den Fortschritten, die wir machen.Sie lauscht andächtig, fragt zwischendurch immer wieder nach und ich höre, wie sehr sie Anteil nimmt. Es ist so furchtbar, dass sie soweit weg wohnt.

Wir haben so viele Möglichkeiten durchdacht, aber wir schaffen es einfach nicht, sie hierhin zu holen. Ein Heim in der Nähe wäre nicht das Richtige und ein Platz hier zuhause ist kaum realisierbar.

Selbst wenn wir es emotional schaffen würden, was in unserer momentanen Situation auch schon fraglich ist – der Umbau wäre zu umfangreich, um ihn bezahlen oder selbst realisieren zu können. Der mangelnde Platz ist ein weiteres Problem.

Ich seufze erneut. Sie seufzt mit. „Ach Kind.“

„Ach Oma.“, sage ich und sie summt ein bisschen, wie ich es schon aus Kindertagen von ihr kenne.

Mir tut das Herz weh. Ich weiß, worauf sie wartet.

Sie wartet auf meinen Vater.
Und ich weiß, dass sie vergeblich auf ihn warten wird.

Wunschkonzert [keins]

Gerade erklärt sie mir noch, wie sie mit dem neuen Elektro-Rollstuhl auf dem Altenheimflur Höchstgeschwindigkeit erreicht (und wen sie dabei am liebsten überfahren würde), als ihre Stimme plötzlich die Klangfarbe wechselt.

„Was gibt es Neues?“, fragt sie unvermittelt und ich staune einmal mehr über die Wendigkeit ihres fast 90jährigen Geistes.

Ich brumme ein wenig vor mich hin und bringe sie auf den neuesten Stand der Dinge. Ich weiß, dass sie sich gleich aufregen wird. Ich habe Recht.

„Früher…“, fängt sie an und ich muss trotz der Ernsthaftigkeit des Themas ein wenig in mich hineinschmunzeln. Sie springt ein wenig von einem Thema ins nächste und ich kann förmlich spüren, wie ihr Blutdruck ansteigt. „Das Leben ist kein Wunschkonzert, Kind.“, endet sie schließlich resigniert.

Ich brumme zustimmend und höre mir noch Ratschläge zum Spargelkauf an, während meine Gedanken abschweifen. Früher hätten weder wir noch die Kinder eine Wahl gehabt. Früher hätte man wohl viele Fragen gar nicht gestellt.

Aber ob das so viel besser gewesen wäre?

Grenzen

Jedes Mal, wenn wir von einem dieser Marathonwochenenden bei meiner Großmutter wiederkommen, spielt mein Körper verrückt.

Ich habe jedes Mal für drei bis vier Tage nach dem Besuch vereiterte Mandeln, Schluckbeschwerden, Husten, Übelkeit.

Da wir in Abständen von 2-4 Wochen dorthin fahren, ist das nicht gerade selten.

Ich weiß, woran es liegt, keine Frage. Der große Mann kann mittags um 12 Uhr Schluss machen, auch diese Zeit muss nachgearbeitet werden. Die Kinder HASSEN das Autofahren. Gerade die Kleinen. Es sind mindestens 3 Stunden. Wir fahren diese 3 Stunden auch nicht entspannt, da wir wissen, was auf uns zukommt. Wir haben versucht, das Ganze als „der Weg ist das Ziel“ zu probieren, aber nach 6 Stunden Autofahrt mit langen kindgerechten Pausen und Bewegung sind wir noch fertiger als nach 3 oder 4 Stunden. Kommen wir an, meistens am späten Nachmittag bis frühen Abend, tragen wir unser Gepäck hoch und versuchen uns zu fünft in dem größten Zimmer, das etwa 14qm hat und zwei große sperrige Einzelbetten beherbergt, einzurichten. Liegt die dritte Matratze auf dem Fußboden, ist das Zimmer voll. Voll im Sinne von: Man bekommt genau viermal einen Fuß auf den Fußboden, der Rest ist bedeckt.

Ich kann gerade noch die Sachen so hinstellen, dass wir wenigstens einigermaßen die Kinder fertig machen können, ohne uns (der große Mann und ich) gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Der Mann trägt das ganze Computerzeugs ins Wohnzimmer, denn der Bürokram muss ja auch noch erledigt werden. Inzwischen sind wir eine Stunde da und sind bereits 7 Mal gefragt worden, wann wir essen wollen, was wir die nächsten Tage essen wollen und ob wir mal dies, mal jenes erledigen könnten. Das machen wir zwischendurch, keine Frage, immer die todmüde Motte, die meistens an Papas Hemdzipfel hängt, dabei, das große Tochterkind, das sich so gar nicht wohl fühlt und mit großen Krokodilstränen in den Augen meistens nach der Fahrt völlige Ruhe bräuchte.

Der Kobold, dieses besondere Kind, bei dem eine falsche Handlung, ein falsches Wort, ein blöder Zufall reicht, ihn explodieren zu lassen. Zu einem Kind werden zu lassen, dass sich in uns festbeißen muss, uns schlagen muss, laut kreischen, dutzende von Minuten lang, ununterbrochen, um den Druck abzubauen. Eine Wohnung, die es uns nicht erlaubt, mit diesem Kind einen dunklen geschützten Ort aufzusuchen, an dem es ruhig ist.

Ich erinnere mich an die Szene, als der große Mann den Kobold auf dem Arm wiegte, ich ein Milchfläschchen machte und versuchte, mich zu beeilen und meine Großmutter mir entweder im Weg stand oder – obwohl der Mann mehrfach sagte, dass sie das nicht dürfe – den Kobold anfasste. Der zuckte nur vor Pein und der Mann wandte sich ab und hob ihn höher. Das interessierte aber nicht. Das zu verarbeiten schafft sie leider nicht mehr – dieses Verständnis kann sie nicht aufbringen. Sie fragte mehrfach ungläubig, ob er denn tatsächlich noch eine Flasche bräuchte. Mit Sauger. Er sei schließlich schon drei Jahre alt. Und ich war unglaublich entnervt.

Wir gehen dieses enorme Risiko ein, den Kobold außer Haus zu bringen, wohl wissend, dass uns das mit ihm um Monate zurückwerfen kann und ich war kurz davor, sie einfach nur undankbar anzufahren, sie solle den Mund halten.

Als sie dann wieder einen Schritt auf den Mann zumachte und versuchte, unser Kind zu berühren, dass gerade die Schulter des Mannes blutig biss, um das Leben zu ertragen, ging er diesen Schritt.

Er drehte den Kobold weg und sah sie an und fuhr sie an: „Nicht. Jetzt. Oma.“

Und ich war so dankbar. Ich hab das in meinem Kopf nicht hinbekommen, die frische Witwe in ihre Schranken zu weisen, in ihrer Wohnung, kurz nach dem Tod meines Opas. Obwohl ich ganz klar die Prioritäten auf meinem Kind hätte liegen haben müssen.

Ich habs nicht geschafft.

Oma

Ich habe mit meiner Großmutter telefoniert. Sie isst wieder nicht. Schläft viel. Fällt hin.

Und ich habe es nicht geschafft, sie einzuladen. Ich habe so lange gegrübelt, warum. Vielleicht wäre das das letzte Eingeständnis, dass er tatsächlich tot ist.

Einfach nur tot.

Uroma

War das jetzt nur die Vorbereitung?

Ganz ehrlich, hast du mich durch dieses beschissene Jahr geschickt, damit ich dann JETZT auf das Finale vorbereitet bin? Ich dachte, das wäre es jetzt endlich??? Manchmal mag ich dich nicht. Überhaupt nicht.

Den Ärzten bleibt nichts anderes übrig, als sie ins Krankenhaus zu schicken. Sie ist 82, sie hat ihren Mann vor wenigen Monaten verloren, ihr Sohn hat sie abgewiesen. Sie altert doch nur.

Warum nun schon wieder das Krankenhaus?
Ja, sie isst nicht mehr, ja, sie trinkt zu wenig.
Ja, die Blutwerte werden schlechter.
Meine Güte,sie nimmt seit Jahrzehnten Medikamente und ist 82.
Und dann dieses Jahr.
Was erwarten die Ärzte denn?
Was soll den jetzt noch therapiert werden?
Nach dem letzten Krankenhausaufenthalt vor einigen Wochen ging es ihr schlechter als vorher. Das Krankenhaus ist der denkbar schlechteste Ort für jeden Menschen, dem es eigentlich nur an Fürsorge und Gesellschaft fehlt.

Was soll das?? Sie sitzt dort und wird gleich abgeholt und muss noch packen. Und wir kommen erst in drei Tagen hin. Meine Gedanken kreisen. Ich bin nicht vorbereitet. Und doch mussten der Mann und ich gestern nicht diskutieren. Wir haben uns  nur angesehen und genickt.

Was bleibt?

Ich habe diese Frau doch erst wiederbekommen, nach so vielen Jahren. Und jetzt? Jetzt im Zeitraffer? Die Kinder sind begeistert, auch wenn sie natürlich nicht abschätzen können, was es bedeutet. Das große Tochterkind plant schon, wie ihr Zimmer umgestellt wird, wenn die beiden Kleinen zu ihr kommen, weil Oma das andere Kinderzimmer bekommt.

Bleiben wir. Ich. Bin ich bereit?
Muss ich das überhaupt sein?

„Ich hab da was für euch rausgesucht, damit ihr das auch wirklich bekommt.“, sagte sie und ich merke, spüre, wie sie sich und ihre Dinge ordnet.

Ich möchte schreien, weinen, sie schütteln.
Nein, ich bin nicht bereit.

Überhaupt nicht.
Aber wir werden diesen Weg mit ihr gemeinsam gehen.

Es ist wie es ist.

Liebe.

vertraut

Seit gestern Abend grüble ich, warum mir der Name des Krankenhauses, in das meine Oma heute kommt, nur so seltsam vertraut ist.

Die Großstadt, in der sie lebt, hat viele Krankenhäuser und diesmal ist es eben jenes. Und ich denke auf dem Namen herum und mein Gehirn knotet sich noch ein wenig fester zusammen.

Eben lese ich die Adresse und es blinkt plötzlich vor meinen Augen.

Der Knoten hat sich gelöst.

Es ist das Krankenhaus, in dem mein Großvater starb.

Uroma

„Mir geht es im Moment nicht ganz so gut.“

Aus dem Satz fast jeden Menschen ist das eine Aussage, die ich erst mal einfach so hinnehme und gegebenenfalls noch einmal mitfühlend nachfrage, wenn es mich interessiert.

Aus dem Mund meiner 82-jährigen Großmutter, die ein Leben lang alles klaglos hingenommen hat und selbst jetzt nach dem Tod ihres Mannes eine Haltung bewahrt hat, die sich mir nicht immer erschlossen hat, setzt mich das in höchste Alarmbereitschaft.

In unserer Familie hatten Gefühle nie Platz. Wenn Besuch kam, hat meine Mutter vorne rum schön getan und sich hintenrum das Maul zerrissen. Wann immer meine Großeltern zu Besuch waren, haben meine Eltern beide vom ersten Tag des Besuchs an starke Beruhigungsmittel genommen, um nicht auszurasten. Das kam erst hinterher, wenn ich wieder mit ihnen alleine war.

Kurzum: Familie, Besuch – das war nichts. Man freut sich nicht, wenn jemand zu Besuch kommt. Und ich habe das lange sehr unreflektiert übernommen.

Seit ich alleine wohne, haben meine Großeltern mich nie besucht. Sie waren damals immer noch bei meinen Eltern, mehr schafften sie nicht mehr. Meine Großmutter war nie in einer meiner Wohnungen. Alles zu anstrengend und vor allem zu viele Treppen.

Und jetzt spreche ich mit dieser Frau, die tief verwundet und seelisch verletzt ganz beiläufig fragt, ohne das aufgeregte Zittern in ihrer Stimme verbergen zu können: „Vielleicht könnte ich ja mal bei euch zu Besuch…? So für 4 Wochen, dass ich mal rauskomme…? Ich soll ja in Kur gehen, aber ich brauche eigentlich nur eines: Familie…“

Als mein Herz anfing, laut ja zu schreien, habe ich das einfach zugelassen und sie herzlich willkommen geheißen.

In letzter Zeit häufen sich die Ereignisse, die mir zeigen, dass im Moment das Leben selber die Führung übernehmen möchte.

Und die Verantwortung so weit abgeben zu können, dass es mir gelingt, einfach anzunehmen, einfach JA zu sagen, mich auch mal führen zu lassen, entlastet enorm.

Die vielen Fragen, die auf mich einstürmen, prallen an mir ab.

Das wird schon.

Ein Gefühl, das mir noch so fremd ist. So eigenartig fremd.

Zuversicht.