Es ist 1997.
Wir waren im teuersten Café der Stadt verabredet.
Ich hatte am Telefon direkt ihn am Apparat, es sei dringlich, er würde mich gerne kurzfristig treffen, es ginge um eine Stelle als Fahrerin, er könne zurzeit nicht selber fahren.
Ich hatte alles dabei. Bewerbungsunterlagen, Referenzen. Ich war gut angezogen und zufrieden mit mir selber.
Ich fuhr mit dem Fahrstuhl in die oberste Etage und war wie erschlagen von der Rundum-Panoramasicht durch große Glasscheiben. Ich konnte die ganze Stadt überblicken. Für einen kurzen Moment hielt ich beeindruckt inne.
Eine Mitarbeiterin trat mir entgegen und blickte mich etwas unfreundlich an. Hm. Vielleicht doch nicht angemessen angezogen? Ich wünsche einen guten Tag und sagte, ich sei mit Herrn S. verabredet, er würde mich hier erwarten. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig.
„Natürlich!“, lächelte sie mir plötzlich verdächtig freundlich zu und bat mich, ihr zu folgen.
Sie führte mich an einen Zweier-Tisch, an dem ein gutaussehender Mann Mitte, vielleicht Ende 50 saß. Er stand auf und begrüßte mich herzlich. „Sie sind jung!“
Ich wusste nicht, ob das jetzt von Nachteil oder von Vorteil sein würde und nickte erst mal vorsichtig. Ohne dass ich irgendetwas bestellt hätte, wurde mir eine Tasse Kaffee und ein Stück Torte gebracht. Ich schaute irritiert. „Lassen Sie uns erst einmal gemütlich miteinander Kaffee trinken!“
Ich war unsicher. Das war kein normales Vorstellungsgespräch. Ich legte also meine Mappe zur Seite und nippte an meinem heißen Kaffee. Ich hasste Kaffee. In der folgenden halben Stunde sprachen wir über Gott und die Welt. Es wunderte mich, wie schnell er Themen wechselte, aber ich hielt mühelos mit, das war meine Welt, hier war ich zuhause.
Irgendwann blickte er mich nachdenklich an und stellte nicht unfreundlich fest: „Sie haben keine Ahnung, wer ich bin, oder?“
Ich hatte das Gefühl, ich war gerade durch einen wirklich wichtigen Test gefallen. Nein, ich hatte wirklich keine Ahnung, wer er war. Ich durchforstete mein Gehirn nach seinem Nachnamen, aber der war nun nicht wirklich etwas besonderes. Ich muss verlegen dreingeblickt haben, denn er lachte plötzlich.
„Kommen Sie!“
Ich stolperte unbeholfen hinter ihm her und wir fuhren nach unten, verließen das Gebäude. „Wo gehen wir hin?“ Ich klang atemlos. Nicht sehr souverän. Super. Ich sah mir meinen neuen Job schon entgleiten, obwohl ich nicht mal wusste, was genau dieser Mann eigentlich wollte.
Er blieb stehen. Ich sah ihn irritert an. „So.“ brummte er und nahm meine Hand. Er drehte sie um, dass die Handfläche nach oben zeigte und legte einen Schlüssel hinein. Ich war ein einziges Fragezeichen.
Er zeigte nach links. Und da stand er.
Wir standen direkt neben einem offensichtlich niegelnagelneuen Audi S8. Meine Augen wurden groß. Mein Schwiegervater liebte diese Autos. Und sie waren weit außerhalb meiner eigenen Preisklasse.
„340 PS“ flüsterte er liebevoll.
„Dann zeigen Sie mir mal, was Sie können.“