Ich hatte solche Angst. Ich bin seit 2 Jahren nicht mehr selber Autobahn gefahren. Ich habe mir die kleineren Autofahrten über die letzten Monate nach PostCovid so hart zurück erkämpft. Jeden Tag ein bisschen mehr, ein bisschen weiter, ein bisschen stärkeres Zutrauen in das Leben, nachdem meine Welt so massiv gekippt ist.
Die Schwindelanfälle, die Kreislaufprobleme, die bleierne Müdigkeit. Erst kamen vor zwei Jahren die Nackenprobleme so konsequent wieder wie damals beim Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule. Die chronischen Schmerzen. Das Misstrauen gegenüber meinem eigenen Körper und was er noch halten und leisten kann.
Dann die Diagnose mit katastrophalen Blutwerten im Sommer. Der Blick des Arztes, dass ich bitte sofort ins Krankenhaus soll. Dann die Tumordiagnose. Dann die fatale Covid-Erkrankung und 14 Monate Post-Covid.
Ich bin durch harte Arbeit an mir immer stabiler geworden. Aber vertrauen kann ich meinem Körper nicht mehr.
Also hatte ich Angst. Unsagbar. Ich habe mich entschieden, die Fahrt an die Ostsee zu teilen und heute erst zu Maike zu fahren. 349km.
Ich weiß, wenn ich nicht mehr kann oder die Welt kippt, fahre ich ran und rufe den Mann an. Er kann mit dem Sohn kommen und mich abholen, dann fahren die Zwei beide Autos und uns wieder nach Hause.
Die Kriegerin und ich haben Henriette an Bord und nach den ersten 100km kommt so etwas wie Vorfreude auf.
Vielleicht kann ich ja doch…?
Vielleicht schafft mein Körper das?
Vielleicht kann ich ihm doch ein kleines Stückchen weit vertrauen?
Verantwortung für die Tochter und Henriette geben mir Stabilität, mein ganzes System ist auf Sicherheit ausgerichtet und für Angst und Panik ist nur wenig Platz.
Ich schaffe das. Wir hören mein Lieblingsbuch – BIOS und diskutieren zwischendurch über moralische und ethische Verpflichtungen in Punkto Gentechnik. Die Stunden ziehen an uns vorbei, die Kilometer auch.
Als wir in Bremen sind, wird mein Herz weit. Endlich wieder zuhause.
Bald kommt das Meer.
Die Sonne geht langsam unter und auf den letzten Kilometern zu Maike verfahren wir uns noch so grundlegend, dass wir irgendwann verzweifelt auf einer Wiese stehen und ratlos auf Kühe kucken. Eine halbe Stunde Umweg später haben wir es dann geschafft.
Und Maike wäre nicht Maike, wenn sie auf „Wir wollen noch ans Meer!“ nicht einfach sagen würde: „Alles klar!“, ihren eigenen Hund einpackt und mit uns ans Meer fährt.
Und so stehen wir im fast Dunklen dann am Meer und es ist gar nicht so sehr Sieg über mich selber sondern eher Wiederankommen bei meinem eigentlichen Ich.
Die Tochter und Henriette verschwinden irgendwo im Schilf, ich lasse mir die Seeluft um die Nase wehen und fühle Frieden.