Gehirnfussel

Die Katze tobt mit den letzten Füllwatteflocken herum, die ich gestern nicht mehr weggeräumt habe. Das große Kind hat freudestrahlend das Haus verlassen, weil heute Mittag ihre Freundin mitkommt, die mich nach Nährwerten beim Mittagessen fragen wird und so Dinge von sich gibt wie: „Ich achte auf meine schlanke Linie.“
Sohnemann freut sich über seine neue Schlange und mein Herz geht auf, wie immer, wenn dieses so anstrengende Kind einen Moment lang seine Wut über Bord werfen kann und sich fallen lässt.
Das Mottenkind ist gutgelaunt wie immer. So ausgeglichen, voller Energie, fröhlich, liebevoll, dass ich mich frage, wie das sein muss mit diesem Gottvertrauen in sich und die Welt.
Ich habe in ihrem Alter mit schnüffeln angefangen.
Erst Klebstoff, später Aceton. Die private elitäre Kindergartengruppe, in die ich ab meinem ersten Lebensjahr gehen musste, nachdem ich seit meiner sechsten Lebenswoche durch wechselnde Kindermädchen betreut wurde, war in vielerlei Hinsicht exklusiv. Ich erinnere mich an Kellerszenen mit größeren Kindern, die Klebstoff auch gegessen haben. Mich hat immer nur der Geruch fasziniert. Und das, was er mit meinem Gehirn macht.

Als Chemikertochter hatte ich in unserer Wohnungsausstattung später auch leicht Zugriff auf alle anderen Arten von krebserregenden Stoffen.

Diese Minuten Traumland und Geborgenheit und Höhenflug haben eine Abhängigkeit hinterlassen, die mich sehr geprägt hat. In der Unschuld einer Dreijährigen fand ich es einfach nur grandios, was sich lange Jahre auch so gehalten hat.
Später erst kam die Angst dazu. Irgendwann, lange nach den Anfängen dort in diesem Kinderaufbewahrungsort.
Erinnerungslücken habe ich viele. Einige pulsieren schwarz, dunkel, blutrot… andere sind einfach nur tief im Grau versunken.
Ich versuche, richtig wach zu werden. Kopfschmerzen, Alpträume und das Gefühl auf den Zähnen, heute Nacht in einen dicht bepelzten Biber gebissen zu haben, hindern mich noch daran, ins Laufrad des Alltags einzusteigen. Ich bekomme zu wenig Schlaf. Bekomme ich ausreichend Schlaf, muss ich diese kostbare Zeit abends mit mir selber und vor allem ohne Kinder wieder aufgeben.

Die Katze hat sich gut an ihren Einzeltierstatus gewöhnt. Fast drei Monate ist der dicke Perser nun nicht mehr da und sie ist nochmal deutlich zugänglicher geworden. Ihre Bisse gegenüber den Kindern entlocken diesen gerade mal ein leises Kichern, weil unsere reißende Bestie von vor drei Jahren ein ziemlicher Sofatiger geworden ist. Blut fließt hier schon lange keines mehr und eine Katze, die inzwischen zu den Kindern ins Bett schleicht um heimlich zu kuscheln und beim Hauen immer die Krallen einzieht, kann man als Feind nicht mehr ernst nehmen.

Natürlich versuchen wir, sie das nicht merken zu lassen.
Natürlich ist sie immer noch die aggressivste gefährlichste Katze des ganzen Landes und wir zittern innerlich ob ihrer Bösartigkeit.
Aber die Zeit, in der ich bei Berührungen Angst um mein Augenlicht hatte – die sind vorbei.

Enorm, was drei Jahre für einen Wandel bewirken können.

Was Zeit bewegt, wenn man sie loslässt…

Schreibe einen Kommentar