Ich wählte die Nummer.
Es ist 2004. Vor einem Jahr hatte ich auf unschöne Weise, bei der ein Gerichtsvollzieher eine entscheidende Rolle gespielt hatte, herausgefunden, dass mein damaliger Mann meine gesamten Ersparnisse, meine Notreserve, mein Firmenkonto und mein Elterngeld veruntreut hatte und ich war seitdem eigentlich durchgehend damit beschäftigt, irgendetwas zu tun, um mein Kind, meine Tiere und mich durch die Tage zu bringen.
Ich würde auswärts arbeiten müssen. Meine Selbständigkeit hatte ich aufgegeben, ich war froh, dass ich das, was er angerichtet hatte, irgendwie wieder gerade biegen konnte. Aber ich hatte ganz allumfassend keine Lust mehr. Dieser Mann log und betrog und klaute und sabotierte alles, was ich aufbauen wollte. Die Ehe war schon lange keine mehr, aber ich hatte noch keinen Weg gefunden, wie ich würde gehen können.
Meine Tochter war gerade mal 2 Jahre alt. Es zerriss mir das Herz, sie in Betreuung geben zu müssen, damit ich arbeiten gehen konnte. Ich schob die Zettel mit Nummern von Tagesmüttern, die ich vom Jugendamt bekommen hatte, beiseite und wählte die Nummer, die ich in der Zeitung gefunden hatte.
„WINKLER!!!“
Ich zuckte zusammen. Ein Mann brüllte mir mit tiefer und dröhnender Stimme ins Ohr. Ich war müde. Und erschöpft. Ich sagte meinen Namen und dass ich auf die Zeitungsanzeige hin anrufen würde, ich suchte Arbeit. „SIE KÖNNEN SICH MORGEN FRÜH UM 8 UHR VORSTELLEN!“ Er brüllte mir noch eine Adresse ins Ohr und legte dann auf.
Friss oder stirb. Ich kannte den Arbeitsmarkt.
Ich blickte auf meine zweijährige Tochter und hatte keine Ahnung, wie ich das hinbekommen sollte. Ich hatte niemanden für die Betreuung. Ich würde sie mitnehmen müssen. Es war ja nur ein Vorstellungsgespräch, sagte ich mir. Es würde irgendwie gehen müssen.
Am nächsten Morgen scheuchte ich mein Kind auf eine sehr frühe Hunderunde und machte uns dann fertig. Um 7:50 Uhr standen wir vor einem großen Einfamilienhaus, das gut und gerne auch für drei Familien reichen würde. Es war gigantisch. Ich hatte meine Tochter auf dem Arm und suchte nach einem Klingelschild.
Ich war so hochkonzentriert, dass ich die Frauen, die die ganze Zeit an mir vorbeiliefen, erst spät bemerkte. Sie gingen alle an der Seite des Hauses entlang und verschwanden dahinter. Hm.
Vielleicht?
Ich setzte mich in Bewegung. Ich ging am Haus vorbei, meine Tochter klammerte sich müde und skeptisch an mich und ich machte beruhigende Geräusche. Als ich um die Ecke bog, war das erste, das ich sah, gigantische grauglänzende Stahltüren. Im „Garten“ hinter dem Haus stand ein Kühlhaus von den Maßen eines Überseecontainers und ich starrte, wie Frauen die großen Hebel drückten, hineingingen und mit Kisten von Gemüse wieder herauskamen. Wie Ameisen reihten sie sich aneinander, ruhig, miteinander redend, aber extem effizient. Alle trugen weiße Schürzen, Haarhauben, Handschuhe, Mundschutz. Und sie gingen mit dem Gemüse unter einer hohen Pergola, die über und über mit Blauregen bewachsen war, wieder ins Haus. Eine Art Kellereingang, aber mit großen Doppeltüren. Alles gefliest.
„WER STEHT DENN DA RUM? ES GIBT GENUG ZU TUN?!?“ Ich zuckte zusammen und meine Tochter quietschte erschrocken auf. Als ich mich umdrehte, kam gerade ein unfassbar runder großer Mann um die Hausecke gebogen. Glatze, fusselige, feine hellblondgrau abstehende Haare an den Seiten, die aussahen, als würden sie einem Gibbonäffchen gehören. Hosenträger über dem viel zu engen Hemd, das über Bauch und Brust gefährlich auseinanderklaffte und unweigerlich fragte ich mich, wieviel Bewegung diese Knöpfe wohl noch aushalten würden. Sein ebenfalls kugeliger Unterleib steckte in einer Cordhose, die von den Hosenträgern oben gehalten wurde und er wurde von bemerkenswert dünnen Beinchen erstaunlich schnell durch den Garten getragen.
Er schüttelte mir nicht die Hand. Er mache ein Geräusch wie ich es mache, wenn mir der Hund folgen soll und ich setzte mich in Bewegung. Ich wich den Ameisenkolonnen aus weißbeschürzten Frauen aus, während ich im Slalom versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Er verschwand im Haus. Unterwegs brüllte er jeder Frau Anweisungen zu, immer begleitet von einem tösenden „HOPP HOPP!“.
Er stoppte in einer Art Kleiderkammer. Hier hingen Jacken und lagen Taschen wild herum. Er wühlte bereits an einem Schürzenständer herum. „DIE SOLLTE PASSEN! SO GANZ DÜNN SIND SIE JA NICHT!“ Er hängte mir eine schwere Gummischürze um, die mir bis an die Schienbeine reichte und wickelte mich und meine Tochter darin ein, während er hektisch die Bänder einmal in meinem Rücken kreuzte und dann vorne zuband. Mein Kind saß immer noch auf meiner Hüfte und starrte diesen polternden runden Riesen an. „HANDSCHUHE!“ Im selben Augenblick stülpte er meiner Tochter ein Haarnetz über ihre blonden Locken und setzte ihr einen viel zu großen Mundschutz vor die Augen und knotete ihn hinter ihrem Kopf fest. Sie geriet kurz in Panik, ich zog den Mundschutz von ihren Augen und wurde kurzerhand derselben Prozedur unterzogen. „HANDSCHUHE“ brüllte es in mein Ohr und ich fand das erste Mal seit unserer Begegnung meine Stimme wieder. „Ich. Ähm. Also ich bin nur für ein Vorstell…“
„HOPP HOPP!“
Er war schon wieder draußen. Ich stolperte in der schweren Gummischürze, in der meine Tochter nun fest mit mir verknotet saß hinter ihm her, hatte ein paar Gummihandschuhe in der Hand und versuchte, Schritt zu halten.
„DAS IST BETTINA! WENN DU FRAGEN HAST, GEH ZU BETTINA!“
Bettina verarbeitete gerade an einer riesigen Arbeitsbank Salat in einer Geschwindigkeit, in der ich in meinem ganzen Leben noch nie jemanden hab arbeiten sehen. Sie und die anderen Ameisen hielten lange scharfe Messer in den Hände und bewegten sich so synchron, schnell und präzise, dass mir schwindelig wurde. Ich wusste jetzt schon, dass ich hier nicht arbeiten wollen würde. Das war definitiv nichts für mich.
„HOPP HOPP!!!“ brüllte Herr Winkler und ich hoppste ein Stück nach vorne. „HIER IST DIE KÜCHE, HIER SIND DIE GERÄTE! HIER SIND DIE WAAGEN! HIER KOMMST DU NUR HIN, WENN DU RICHTIG GUT BIST!“
Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt immer noch keine Ahnung, was hier eigentlich gemacht wurde. Oder wofür. Aber es schien mir auch wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für Fragen zu sein.
Herr Winkler baute sich wie ein brüllender Mond vor mir auf.
„ICH BEZAHLE GUT UND PÜNKTLICH! ICH ERWARTE DEINE HÖCHSTLEISTUNG, SONST FLIEGST DU. HIER WIRD NICHT GEKLAUT. WIR MACHEN KEINE PAUSEN. WENN DU ANFANGEN WILLST, MUSST DU ZWEI TAGE DURCHHALTEN. WENN DU DANN NICHT WEINST ODER AUFGIBST, BEKOMMST DU EINEN VERTRAG. VERSTANDEN? DU KANNST MORGEN WIEDERKOMMEN!“
Ich starrte ihn an. Es ist ja nicht so, dass ich groß eine Wahl gehabt hätte. Ich nickte.
„STEFANIE!!“ Eine der kleinen Ameisen aus der Küche apparierte sofort vor uns. „BEANTWORTE IHRE FRAGEN! FÜNF MINUTEN! UND DIE HÄNGST DU HINTEN DRAN!“
Er verschwand weiter hinten im Haus. Ich stand da mit schief sitzender Haarhaube, außer Puste und meinem Kind auf dem Arm vor Stefanie und mir fiel keine einzige Frage ein. Also starrte ich sie an.
Sie blickte auf meine Tochter. „Bist du allein mit ihr?“
Ich nickte. Es war einfacher, als jetzt irgendetwas erklären zu müssen. Und im Grunde war ich das ja auch. Wir hatten nur uns beide.
„Wenn du dich anstrengst und durchhältst, bekommst du ab und zu was extra. Hier bleiben nur die Besten und die ganz Harten. Es ist nicht leicht. Wir dürfen nachmittags das mit nach Hause nehmen, was nicht ausgeliefert wurde. Das reicht, um dich und ein Kind zu ernähren, wenn du nicht viele Ansprüche stellst. Kartoffeln, Karotten, Brokkoli, Zwiebeln, Sellerei, Mais, alles frisch, alles kochfertig.“
„STEFANIE!!“
„Ich muss weitermachen. Vielleicht sehn wir uns ja.“
Ich nickte. Welche Wahl hatte ich schon.