Allein mit mir

Ich habe einen solchen Drang danach, mit mir allein zu sein. Einfach nur zu sein. Nur ich und das Universum all meiner Gedanken, Gefühle, Visionen, Erinnerungen. Ich lasse mich in der nachtschwarzen Kälte unterm Sternenhimmel warm von der Ewigkeit umfangen und bin.

Und dann stehe ich dort in der Stille der Nacht, atme den Wind und lass meine Seele weit werden.

Nichts bleibt, alles bewegt sich. Gedanken ziehen vorbei, kreisen, zögern, fließen, wirbeln. Emotionen wallen, schwappen, dunklelblau, tiefrot, hell, dunkel, strahlend weiß und klebrig schwarz, zerfasern, fluten mich mit Schmerz und Euphorie, alles, immer, gleichzeitig.

In mir kämpfen Fluchtimpuls und Faszination einen ungleichen Kampf, doch das alles hier bin ich. Gut und Böse, Ja und Nein, Leben und Sterben, Hingabe und Führung, Lust und Langeweile, Vergangenheit und Zukunft, Trauer und Freude, Bleiben und Gehen, Sein und Werden.

Satt.

USA

Mit der Kriegerin heute den Umschlag aus dem Stadtarchiv im Norden geöffnet und plötzlich mehrere Abzweigungen mütterlicherseits erschlossen. Da standen sie plötzlich alle – die Namen, mit denen ich meine Kindheit verbracht habe, die ich aber nie offiziell zuordnen konnte, weil Wilhelmine nun mal Tante Minna war, Joseph Onkel Joe aus Texas, Elise das Lieschen war, usw.

Ich weiß, dass 6 der 8 Geschwister meines Großvaters mütterlicherseits direkt nach dem Krieg gemeinsam nach New York übergesiedelt sind und bislang verlor sich dort jede Spur. Nun stehen dort alle Namen, die ihrer Ehepartner und MyHeritage pingt seitdem eigentlich ununterbrochen.

Das war ein erfolgreicher Tag.

Bersten

Ich zähle nicht mehr die gebrochenen Versprechen, ich zähle die Male, die sich die Wunde des Ungeliebtseins Millimeter um Millimeter weiter schließt. Was auf den ersten Blick paradox erscheint, ist eine kompromisslose Rückkehr zu selbstwirksamer Stärke, die nicht am Verhalten eines anderen Menschen hängt, weil sie weiß, dass sie sich selbst genügt.

Und je weiter ich einen Pfad in diese Wildnis schlage, umso weiter wird der Riss in der steinernen Hülle in mir, die den Lavastrom aus Kreativität, Lust, Schaffensdrang und Lebendigkeit bändigt. Ich spüre, wie sie förmlich birst und diese grenzenlose Energie aus mir herausbricht.

Ich habe in diesem Jahr keine einzige Stunde im Garten gearbeitet. Zu schmerzhaft, dem Wachstum beizuwohnen, das ich in mir nur so mühsam unter Kontrolle halten kann, um nicht zu weit vorauszueilen. Um zu warten, dass ein Anderer bereit ist. Ich konnte es schlicht nicht ertragen, ich will das Entfalten von Lebendigkeit nicht bezeugen, wenn ich es in mir beschneiden muss.

Es ruft. Die Kreativität. Das Klavier. Der Garten. Das peitschende Verlangen, etwas Neues auszuprobieren, zu scheitern, zu triumphieren, den Schmerz des Versagens zu fühlen, sich der Lust zu ergeben, die jeder Sieg über sich selber durch den Körper laufen lässt.

Ich bin noch da. Ich stehe. Nach all der Zeit.

Ich stehe noch.

Von der Liebe

Für mich ist Liebe die moralische Verpflichtung zu Wahrheit, Echtheit, Loyalität, Verantwortung, Treue und dem täglichen bewussten Entscheiden füreinander.

Ich messe Liebe daran, ob sie sich in Handlung verkörpert: In Schutz, Fürsorge, Initiative, Aufrichtigkeit, Begehren, Verlässlichkeit und der Bereitschaft, auch unbequeme Wahrheiten auszuhalten.

Liebe darf schwer sein. Ich lebe Liebe als eine radikale Form innerer Beteiligung. Ich bin viel, ich bin intensiv und wenn ich liebe, dann mit ganzer Bindung, bedingungsloser Loyalität, absoluter Wahrheit und dem Anspruch, meinen Gefährten nicht nur zu begleiten, sondern ihm zur Seite zu stehen.

Ehe heißt auch Zumutung. Ich mute mich dir zu. Vollständig. Mit Schuld, Angst, Scham, Begehren, Verletzlichkeit und allen daraus folgenden Konsequenzen.

Das ist mein Maßstab.
Das fülle ich mit Leben.

Ich werde mich für nichts Geringeres mehr entscheiden.

666

Inzwischen 666 Blogeinträge nachgetragen und etwas geschmunzelt, als ich ohne Kenntnis des Zählerstandes heute Nacht um halb 3 mal wieder beschlossen habe, dass es für den Tag reicht.

Zäh tropfen die Gedanken durch das Sieb der Erinnerung.

Jeder Blogeintrag das Tor zu einer alten Welt, die durch Verarbeitung so taub wurde, dass sie eingebettet in den gnädigen Nebel der Vergangenheit in der Gegenwart schon längst nur noch leise puckert, nicht mehr pulsiert.

Und nun muss der Neocortex mit Unbehagen genau dort eintauchen, wo Hippocampus und Amygdala als ungleiche Zwillinge bewahrt haben, was sich heute längst nicht mehr so heiß anfühlt wie es damals in Worte geflossen ist.

Und doch bin ich da. Unvermögen, mich mir selbst zu entziehen. Ja, da bin ich. Da war ich. Ich sehe mich.

Ich sehe, wie gnadenlos ich die Arbeitshypothese verteidigt habe, ich sei zu viel, verlange zu viel, stelle mich an, sei zu empfindlich, müsse mich nur mehr anstrengen, besser funktionieren…
Und sehe auch so deutlich, in welch körperlicher und seelischer Agonie ich mich damals befand, auf weiter Flur einfach nur allein. Für Dinge dankbar seiend, die niemals etwas anderes als selbstverstänlich hätten sein dürfen.

Ich bin wütend für diese junge Frau. Auf diese junge Frau. Will sie schütteln, will sie tragen, will sie schützen, will ihr versichern, dass sie nie falsch war. Dass die Dinge über jedes Maß der Erträglichkeit hauptsächlich von ihr getragen, organisiert, orchestriert wurden.

Will ihr zurufen, innezuhalten. Will ihr zuflüstern, dass sie ihr Licht nicht kleiner machen muss. Will sie anbrüllen, sich nicht selbst zu verraten. Will ihr die Augen öffnen, will sie zwingen, anzusehen, was sie verleugnet hat und doch wusste.

Weine meine Tränen heute ohne Scham um all den Schmerz, den sie mal laut, mal leiser ertragen hat, aber immer ungehört. Möchte sie behutsam in Geborgenheit für einen Moment die Augen schließen lassen, um Kraft zu sammeln, die sie in den nächsten Jahren bitter nötig haben wird, ohne das nun wissen zu können.

Es wäre so einfach gewesen.

Und wäre ich dann noch, wer ich jetzt bin? Müßig.

Es ist wie es ist.

Schwach.

Einer muss da bleiben.
Einer muss Präsenz zeigen.
Einer muss weitermachen.
Einer muss Kraft aufbringen.
Einer muss über seine Grenzen gehen.
Einer muss für die Kinder da sein.
Einer muss sich selbst verraten.
Einer muss sich kümmern.
Einer muss es tragen.
Einer muss kochen.
Einer muss lächeln.
Einer muss reden.

Einer muss den Preis zahlen.

Zonk

Zonk ist ein einfach gestrickter Mann.

Das meine ich ausdrücklich nicht im Sinne mangelnder intellektueller Fähigkeiten, sondern im Sinne einer beneidenswert monotonen Prioritätensetzung.

Nach Feierabend raucht Zonk schnell eine, macht ein Bier auf und möchte dann bitte Schlüsselsteine laufen. Damit sind dann auch schon sämtliche Bedürfnisse dieses Mannes nach 21 Uhr benannt.

Zonk kommt ins Discord und fragt als erstes, wer in welchem Dungeon ist und ob dort ein Platz für ihn sei. Muss er auf einen Gruppenplatz warten, geht er entweder alleine und wir werden akustische Zeugen eines Schauspiels, das seinesgleichen sucht oder er wartet einfach.

Still. Denn er hört auch nicht zu. Das ist wichtig.

Menschen erzählen Dinge. Menschen haben Namen. Menschen begrüßen sich, Menschen berichten von ihrem Tag und führen Gespräche über Gott und die Welt. Zonk befindet sich währenddessen zwar im selben Discordchannel, geistig aber mehrere Welten entfernt und ignoriert alles, inklusive seines eigenen Namens.

Bis jemand „mythisch“ sagt.
Zonk Zack – da funktioniert das Hörgerät wieder.

WELCHE HÖHE?
[Das ist vermutlich der Moment, in dem Zonks gesamtes Nervensystem hochfährt.]

Zwölfer? Lächerlich. Das ist ja quasi die Stützräderversion von Dungeonruns. Für Menschen, die noch Träume haben und ihre Mitspieler mögen.
Zonk sucht nach Herausforderung!

Genauer: Nach Spielern, die der Herausforderung gewachsen sind, mit ihm zu spielen.

Im Dungeon ist Zonk ein Mitspieler, dessen Fähigkeit zur Fehleranalyse außerordentlich zuverlässig funktioniert, solange diese Fehler von anderen begangen werden.
Das Faszinierende an Zonk ist, dass er sich während jedes Keys 30 Minuten lang über sämtliche Beteiligten beschweren kann. Und kaum ist der Dungeon beendet, egal ob erfolgreich, knapp, komplett eskaliert oder nur deshalb abgeschlossen, weil die vier anderen Spieler in der Gruppe ihren persönlichen Lebenswillen geopfert haben, kommt folgende Frage: „Noch einer?“

Hinter der andauernden Meckerei steckt also ganz offenkundig zu keinem Zeitpunkt der echte Wunsch, aufzuhören, im Gegenteil. Zonk motzt sich durch Azeroth wie andere Menschen Wanderlieder singen würden.

Schimpfen ist keine innere Kündigung.
Schimpfen ist Atmosphäre.

Andere Spieler benötigen Soundtrack oder Hintergrundmusik, Zonk benötigt jemanden, dessen Spielweise er kommentieren kann.

Die Gilde besteht aus 26 Menschen, von denen 19 regelmäßig im Discord sind.
Wie heißen die? Keine Ahnung.
Was spielen die? Keine Ahnung.
Was sind das überhaupt für Menschen? Keine Ahnung.

Zonk arbeitet zwischenmenschlich mit einem sehr viel einfachen Bewertungssystem: Hat dieser Mensch einen Schlüssel?

Und wenn ja – WIE HOCH?