Es ist 1998.
Ich stehe vor dem niedlichen roten Haus in einer teuren Bremer Wohngegend und schaue noch mal gewissenhaft auf meinen Zettel mit der Adresse.
Ich trug einen figurbetonten Hosenanzug mit Nadelstreifen, eine elegante Hochsteckfrisur und hatte meine Ledertasche mit Schreibutensilien dabei. Ich war bereit.
Ich atme einmal tief aus und drücke auf den Klingelknopf. Die Tür summt, ich gehe hinein und starre in der Diele auf zwei nackte Frauen.
„Hi! Ich bin Anita!“, lächelt die Blonde. Die mit den kurzen schwarzen Haaren sagt nichts. Sie starrt mich misstrauisch an. „Und das ist Natascha!“, sagt Anita. Ich blinzle. Sie haben immer noch nichts an.
Gibt man nackten Frauen die Hand zur Begrüßung? Ich kannte Knigge, aber das Kapitel muss ich übersprungen haben. Ich stottere etwas unbeholfen meinen Namen und dass ich heute meinen ersten Arbeitstag habe. Ich wäre das neue Mädchen für alles.
Natascha wechselt plötzlich von Mörderblick zu Lächeln und winkt mich heran. „Ah, ich dachte, der Peter hätte unabgesprochen noch eine Nutte eingestellt.“
Ich gebe den nackten Frauen die Hand und außer mir scheint wirklich niemand irgendetwas seltsam zu finden. Ich umfasse meine Ledertasche etwas fester. Sie verschwinden in einem Zimmer, aus dem ich Gespräche höre und lassen mich stehen. Langsam schaue ich mich um. Alter Mosaikfußboden. Holztreppen, in dunkel. Es war schön hier. Es roch allerdings nach einem Geruch, den ich nicht wirklich zuordnen konnte. Ich entschied mich, mich umzusehen. Ich ging einen Flur entlang, das Zimmer, dessen Tür offenstand, sah nach Küche aus. In der Tür prallte ich zurück. Zwei große muskulöse Männer standen in einem plötzlich viel zu kleinen Raum. Enganliegende schwarze Kleidung. Bestimmt zwei Meter groß und genauso breit. Kurzgeschorene Haare. Schwere Stiefel. Einer hielt eine winzige Kaffeetasse in der Hand und hielt inne. Musterte mich von Kopf bis Fuß.
„Wir kaufen nix.“
Mittlerweile zweifelte ich an meinem Verstand, dem Peter überhaupt zugesagt zu haben und sagte mein Sprüchlein auf. Der andere lachte plötzlich laut.
„Oh, was ein Glück! Wir brauchen hier dringend jemanden, der den Überblick behält!!“
Ja. Ja, das kam mir auch so vor.
Der Eine und der Andere zeigten mir meinen Arbeitsplatz. Ein gigantischer Raum mit großer schwarzer Leder-Eckcouch, auf der man gut und gerne 20 Leute unterbringen konnte. Eine kleine Schreibtisch- und Arbeitsecke für mich, eine Fernsehwand.
„Hier empfängst du die Kunden, unterhältst dich, hier entspannen die Mädchen, wenn sie wollen, du kannst fernsehen. Da ist die Getränkebar, Gläser, Kaffeemaschine für die Kunden, kleine Snacks.“
Ich nicke eifrig.
„Die Mädchen kassieren selber ab, du verwaltest aber hinterher das Geld. Schreib alles auf. Danach muss das Zimmer gereinigt und wieder hergerichtet werden, das Telefon muss immer beantwortet werden, die Preisliste ist hier auf deinem Schreibtisch.“
Ich beuge mich darüber und versuche, die handgeschriebene Liste zu entziffern. „Was steht hier, nach Anal?“ – „Fisting.“ – „Oh.“
Plötzlich wird es laut. Ein Tumult. Der Peter platzt in den Raum. „DA ISSE JA!!!“ Er strahlt wie ein Honigkuchenpferd, zwei Reihen strahlendweißer Zähne sind das letzte, was ich sehe, als ich in den Muskelbergen seiner Arme verschwinde. Ich scheine von einer Angestellten zu einer guten Freundin aufgestiegen zu sein.
„KOMMSTE KLAR, WA?“
Ich bin mir nicht sicher, ob das eine besorgte Nachfrage oder eine Aussage war und setze gerade zum Abarbeiten meiner inneren Fragenliste an, die meine Arbeit und meinen Arbeitsplatz betreffen. Der Peter winkt ab. „Kommste klar, wa!“
Ah, okay. Er tippte auf seine goldene Uhr am Handgelenk. „Steckste das Telefon ein, geht los!“ Meine Augen wanderten zum Schreibtisch und suchten die Telefonbuchse. Aber er war schneller. Ein voluminöses Muskelpaket tauchte unter den Schreibtisch und im selben Augenblick fing das Telefon an zu klingeln.
„Los, stöhn ins Telefon!“ Er klappste mir aufmunternd auf den Hintern.
„Ich stöhne nicht in Telefone.“ gab ich etwas pikiert zurück, aber er war mit dem Einen und dem Anderen schon auf dem Weg nach draußen.
Ich war wohl auf mich allein gestellt.