Nackt

Zu den eher unangenehmen Momenten meines Lebens gehört das Sitzen auf einer Polizeistation um 2 Uhr nachts, in der mir die Jacke abgenommen wird, die wenigstens ein bisschen Wärme spendete. Beweismaterial. Bitte ausziehen und hier in den Sack stecken…

Ich sitze ohne BH in einem dünnen Pullover dort in eisiger Kälte und werde von Beamten befragt, wieviel Unterwäsche ich zum Zeitpunkt des Übergriffs denn überhaupt angehabt hätte.

Ein Traum. Kommt gerne auch mal als Alptraum wieder.

Der einzige Schutz, den ich damals hatte, war mein Hund. Als die Polizisten nachts in meine Wohnung kamen, mehrere Männer – verlangten sie als erstes, den Hund zu sichern.

Die zweite Aussage war ein anklagendes: „Warum haben Sie dem Hund denn das Blut von der Schnauze gewaschen?“

Ich hatte damals weder Kraft noch Mut, etwas zu entgegnen. War nur froh um dieses weiche helle Fellbündel, das endlich auch wieder sauber sein sollte. Das durfte ich leider nicht mitnehmen, als ich in einem großen Polizeiwagen in die Polizeistation gefahren wurde.

Hinten, wo die Verbrecher sitzen. Allein. Vorne die Männer, die sich lustig scherzend über ihren Abend unterhielten. Stunden später wurde ich genauso wieder nach Hause gekarrt.

Um weitere Stunden später am nächsten Morgen aus der Wohnung geklingelt zu werden, weil das BKA vor der Tür stand. Ein schwacher Trost, dass die wenigstens vernünftige Autos hatten, mit denen ich in ein Polizeigebäude gefahren wurde, in dem ich einige Stunden meines Lebens verbracht habe.

Nach zwei Stunden Verhör Protokoll wusste ich allerdings nicht mehr, wer nun der Täter und wer das Opfer war. Es folgten weitere Stunden, in denen jede einzelne Sekunde des Tathergangs immer und immer wieder wiederholt, hinterfragt und aufgeschrieben wurde. Von hinten – eher von hinten links oder eher von hinten rechts? Roch der Atem? Wonach? Roch der Körper? Welche Teile? Wonach? War er gewaschen? Schmutzig? Und alle halbe Stunde der Hinweis, dass eine Falschaussage strafbar sei.

Ich hatte später erschöpft und weinend meine Mutter angerufen. Es war der Punkt, an dem es tiefer nicht mehr ging und die einzige Sehnsucht war die nach einer Mutter. Nach Trost in seiner reinsten Form. Eine Mama. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Hilf mir.

„Du schaffst das schon.“, sagte sie und verabschiedete sich in den Urlaub.

Die folgende Einsamkeit und Stille war ohrenbetäubend. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hörte etwa zwei Wochen lang nichts mehr. Gar nichts. Mein Anker war mein Kater Timon. Er legte sich zu dieser Zeit immer wieder unbeirrbar – egal, wie oft ich ihn runterschubste – auf mein Herz und fing sofort an zu schnurren.

Irgendwann kapitulierte ich dann und schlief hemmungslos weinend vor Erschöpfung ein. Wachte ich auf, sah ich in zwei Katzenaugen, die mich wachsam ansahen. Er hat sich kaum von der Stelle gerührt, wenn ich schlief. War ich sehr unruhig, legte er sich an meine Schulter, hielt aber immer den Körperkontakt.

Der Hund machte es ähnlich. War er damals schon so weit erzogen, dass er eigentlich seinen Platz im Korb kannte, schlich er seit dem Tag immer wieder ins Bett und legte sich neben mich. Er drängte mich an die Wand, so dass er zwischen mir und der Tür liegen konnte. Wann immer ich im Halbschlaf zu ihm sah, lag er dort, majestätisch wie die Sphinx selber mit aufgerichtetem Kopf – die Ohren wachsam zur Tür gestellt. Manchmal knuffte er mich mit der Schnauze zur Beruhigung und nahm dann wieder seine Stellung ein.

Wenn jemand zu dicht an meiner Haustür vorbeiging, kam ein leises tiefes Grollen aus seiner Kehle und ich spürte, wie sich jeder einzelne Muskelstrang anspannte.

Schreibe einen Kommentar