Da liege ich Nacht für Nacht in der Dunkelheit und es ziehen Bilder an meinen Augen vorbei. Bilder von Folter, Demütigungen, Vergewaltigungen, Missbrauch, Schändung, Tötung.
Ich zittere und egal, wie sehr ich meine Wärter anflehe, mir den ersehnten Schutz in der Vergessenheit meiner kleinen Truhe zu gewähren – sie ignorieren mich. Seit über einem Jahr nun schon, wenngleich es ein schleichender Prozess war. Es fing an, die einzelnen Splitter meiner Seele nicht mehr spüren zu können. Keinen Zusammenhalt mehr. Keine Gemeinschaft. Aus einer Gemeinschaft wurde eine Einheit. Psychologen würden jubeln ob diesen Erfolges, ich stehe alleingelassen in der Mitte, die keine mehr ist. Ich muss die Bilder ertragen. Aushalten. Weil ich es kann. Benötige ich keinen Schutz mehr? Nicht einmal mehr hier? In meinem Innern? Wo sind sie denn alle hin, die mich durch 30 Jahre Leben getragen haben? Die aus ihrem Schlaf fuhren, wenn ich nicht mehr konnte oder die Erinnerungen so unerträglich wurden, dass ich nur noch schreiend ins innerste Dunkel geleitet wurde, wo ich schlafen durfte? Manchmal für Stunden nur, für Minuten gar, manchmal für Tage oder Wochen.
Bin ich soweit? Endziel, sagte der Psychologe damals. Einigung.
Ich spüre keine Einheit. Nur Einsamkeit. Alleingelassen mit allen Problemen und Erinnerungen, die das Leben mir mit auf den Weg gegeben hat. Alle Trigger funktionieren noch, nur dass sie mich nicht mehr in die Dunkelheit katapultieren, damit ein anderer Seelensplitter aushalten kann, sondern mich allein im gleißenden Licht stehen lassen. Inmitten von Blutlachen und Hilflosigkeit.
Vor einigen Tagen, da war der Drang wieder so groß, in die Haut zu schneiden. Tief. Ich habe gehofft, ich würde sie damit rufen können.
Allein im Badezimmer wurde mir klar, dass das nicht passieren würde. Weil sie schon da sind. In mir. Es würgt mich, wenn ich daran denke, die nächsten Jahrzehnte so verbringen zu müssen. In und mit mir allein. Wie geht das?
Nachts, wenn der Alltag zur Ruhe kommt, ziehen diese Sequenzen an mir vorbei. Zwischen Adrenalin und Panikanfall überlege ich mir wie jeden Tag, wen ich schützen kann. Wen ich zurücklassen muss, wenn jetzt, nun, die Tür aufgebrochen werden würde. Wieviel ich mit dem Bauch und dem Baby verteidigen könnte. Hilflosigkeit, das immerwährende Thema. Nichts tun zu können gegen die Qual und den Schmerz und den Sadismus. Gefesselt zusehen müssen, wie ein Tier angebunden jeden Schmerz ertragen zu müssen. Zur Befriedigung der anderen. Und nun stehe ich wieder vor einer Geburt, die mir abverlangt, zu ebensolchem körperlichen Schmerz Ja sagen zu müssen. Ja. Einfach nur ja. Kein Kampf, keine Abwehr, sich nur in die Hilflosigkeit der Schmerzen zu ergeben, um dem Körper die Möglichkeit zu geben, in vollkommener Entspannung ein Kind zu gebären.
Vertrauen, während jede Zelle meines Körpers die gespeicherten Schmerzerinnerungen abruft und in mein Gehirn damit überflutet. Alle werden sie wieder dastehen. Alle, denen ich den Rücken gekehrt habe.
Und wo ich jeden Tag aufs Neue Nein sagen kann, muss ich Ja sagen zu diesen Bildern, sie einstürmen lassen auf mich, um mein Baby auf diese Welt zu bringen.
Gebären heißt ja sagen, bedingungslos, schrieb mir diese besondere Frau heute Morgen, die schon so viele Türen in meinem Inneren geöffnet hat.
Ja sagen. Nicht nur zur Geburt. Nicht nur zu den Erinnerungen.
Auch zu mir. Vielleicht nur zu mir.