Verführung

So verlockend, einfach zu fliehen. So oder so.

Sucht, Tod, was auch immer. Ist im Grunde vielleicht sogar das Gleiche.
Die Rückkehr ist es, die Probleme bereitet.
Kleines zahnloses Lächeln, das mich in dieser Welt hält.
Dieser Geruch, der mehr als nur fünf Sinne anspricht…
Der Hauch einer Ahnung nur, was noch kommen könnte.
Müde.
Trostlos.
Es muss nicht gut sein, um weiterzugehen.
Ab einem bestimmten Punkt geht es nur noch um die Sache als solche.

Weiter, immer weiter.

Verbittert

Wenn man sich nicht mal mehr traut, einen blöden Wunsch zu äußern, weil alle Katastrophenszenarien der Vergangenheit plötzlich vor dem geistigen Auge auftauchen.

Auszeit zur Erholung, nur um dann heute Abend gestresster zu sein als jetzt – nein danke.

Fortschritte

Drei Wochen und es ist mit viel harter Arbeit Besserung in Sicht. Schön ist das alles nicht. Die Verletzung der Symphyse geht langsam ins Erträgliche. Wobei ich das gar nicht so genau sagen kann, weil ich seit 20 Tagen Schmerzmittel schlucke. Massig.

So ne Blitzgeburt ist wirklich verheerend… wenn man nicht gerade darauf steht, dass ein 4 Kilo Baby mit einer einzigen Presswehe von ganz tief im Bauch mit viel Gewalt auf die Welt katapultiert wird. Das ist so eigentlich nicht vorgesehen und ich erkenne, dass es einen Sinn hat, dass Babys langsam zur Welt kommen. Gewebe ist nur begrenzt belastbar und mein Unterleib ist ein einziger Kollateralschaden.

Banale Erkenntnisse wie die Tatsache, dass Schließmuskeln eine tolle Erfindung sind, so lange sie funktionieren, gibt es jeden Tag wieder aufs Eindrucksvollste vorgeführt. Das Leben ist kein Ponyhof.

Mein Körper und ich schachern um jeden Zentimeter. Es geht einen Schritt vor, einen zurück. Mal sind es auch eineinhalb nach vorne, mal dann wieder zwei zurück. Wer gewinnt, kann ich noch nicht absehen.

Wir halten uns gar nicht erst mit Äußerlichkeiten auf, auch wenn ich den Blick in den Spiegel weitestgehend meide. Meine Bauchdecke ist ohnehin mein geringstes Problem, wenn mein Genitalbereich aussieht, als hätte man eine Handgranate in eine Rinderhälfte geworfen. Auf eine surreale Art und Weise … interessant. Wenn es einen nicht gerade selber betrifft.

Als die Hebamme nach der Geburt hektisch in meinen Bauch drückte und mein Mann sich um das Baby kümmern musste, weil sie meine Gebärmutter daran hindern musste, einfach rauszufallen, war es fast schon humoresk, wie sie ihn durch die Schubladen dirigierte und er wie ein Hebammenpraktikant ihre Aufgaben übernahm, während ich dort lag/hockte/wasauchimmer und meine Organe wieder in den Körper gedrückt bekam.

Nicht so lustig war das Erlebnis einige Tage später, als ich ein Kind hochheben wollte und dann keiner da war, der hätte drücken können.

Immerhin, ich weiß inzwischen, wie sich drei Wochen migräneartige Dauerkopfschmerzen anfühlen. Ich bin einfach umgekippt, als ich mir auf einem Bein stehend einen Socken anziehen wollte. Geht nicht mehr. Beckenverletzung. Entzückend. Stabilität war gestern. Man sollte ja eh mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben… Ist auch bodenständiger. (nicht abheben, kein Ponyhof hier…)

Die Milch ist nach einer feinen kleinen Brustentzündung nun weg, der Kreislauf auch. Die Sehstörungen sind inzwischen jenseits von Gut und Böse. Aber hey, ich kann meine Füße wieder sehen, wenn ich dann mal was sehe.

20kg weniger als vor der Schwangerschaft und es wird täglich weniger. Stress ist super, wenn man abnehmen will. Wenn nicht, eher nicht.

Bauchmuskeln sind bis auf einen Fingerbreit wieder zusammen, beim Bauchmuskeltraining mache ich inzwischen erst nach der vierten Wiederholung schlapp. (das lohnt ja das Hinlegen nicht, Mami, sagt der Kobold)

Ironman, ich komme.

Beckenbodentraining läuft wunderbar, wenn man die Schmerzen nicht beachtet. Aber da ich aus anderen Gründen eh tonnenweise Schmerzmittel konsumiere – auf professionellen Rat hin – ist das vermutlich eh nur das gedämpfte Gefühl. Also wann anfangen, wenn nicht jetzt, wo noch so viel betäubt wird. Und den Rest meines Lebens Windeln tragen lehne ich vorerst mal für mich ab.

Oh, letzte Woche Donnerstag hätte ich fast den ersten Tag seit der Geburt nicht geheult. Fast. Aber immerhin. Ich arbeite dran.

„Ist alles vergessen, wenn das Baby dann erst mal da ist.“

Jaja, du mich auch.

Ankommen

Schnelle Geburt, schnuffeliges Baby, viel Milch, Stillen, Träumereien, Kennenlernen, Ruhe, Muße, im Bett bleiben, sich verwöhnen lassen, ankommen…

Ich habe in nun 5 Tagen gelernt, dass das diesmal nicht klappt.

Mein Körper ist schwer traumatisiert nach der Geburt, ich habe unter den Presswehen einige grausame Flashbacks erlebt, die auch 5 Tage später immer noch meinen Geist in die Knie zwingen, wenn ich mir einen flüchtigen Blick darauf erzwinge, es mischen sich grenzenlose Energie und die körperliche Erschöpfung aus 9 Monaten Schwangerschaft, in der sich Muskeln und Kapazitäten enorm zurückgebildet haben und ich schwanke zwischen Schlafmangel, viel zu viel Blut, Tränen der Verzweiflung und der Freude und körperlichen Schmerzen, die ihresgleichen suchen.

Romantisch ist das alles wohl nicht.

Mitten im Kampf traf ich Sonntagnacht eine Entscheidung, die eine Gute war.

Loslassen.

Immer noch gebären, dies alles.

Ein neues Leben. Seins wie unseres.

Das neue Leben als Familie muss nicht so klappen, wie wir uns das wünschen oder gedacht haben oder wir es kennen.

Es muss für uns funktionieren. Im Hier. Im Jetzt. Jeden Tag und jedes Mal neu. Ich darf mich verwundet fühlen. Ich bin es. Damals wie heute, wo das alles wieder hochgeholt wurde.

Wenn mein Geist von Erinnerungssequenzen überflutet wird, wie ich angebunden und geknebelt dort liege, Geschlechtsteile und Brüste blutig und verletzt, dann muss ich kein Kind stillen.

Dann darf ich auf den Schrank mit den Flaschen zeigen und einfach nur warten. Langsam weitergehen. Allein. Um dann einige Stunden später freiwillig und nur der Liebe geschuldet mein Kind wieder ans Herz zu drücken und es zu ernähren. Weil ich bereit bin. Achtsam. Mir selbst gegenüber. Ich habe diese Wahl.

Und seit ich mich selbst nicht mehr ans Licht zwinge, sondern es ertragen kann, einen Moment in der Dunkelheit zu kauern, wird es wieder heller.

Ein entspannter kleiner Mensch ist er, der kleine Wanderer.

Er macht es mir so leicht, weiterzugehen.
Mit Tränen.
Mit viel Wut und Verzweiflung und Trauer.
Mit viel Liebe.
Immer Hand in Hand.
Seite an Seite.

Ankommen.

Zwischen Traum und Trauma

Seit 26 Stunden wach, davor 2 Stunden geschlafen, seitdem erst Wehen, dann Presswehen, seitdem Nachwehen. Und was für welche.
Ich bin hier die Einzige mit Brüsten, von daher ist meine Rolle klar und nach nun 4 Stunden Dauerstillen („der trinkt heute nix mit dem ganzen Fruchtwasser in der Lunge!“) ist der kleine Tuk kurz eingenickt und ich warte aufs nächste Schreien. Um 6 Uhr hat der große Mann mit einigen Unterbrechungen immerhin 6 Stunden geschlafen und ich werde ins Bett fallen.
Einfach so.
Weil ich es mir verdient habe.
Nach 30 Stunden Marathon.

Angefangen hat alles mit einem Traum.
In diesem Traum kamen viele Sterne vor, viel Frieden, viel Reise, viel Verbundenheit.
Und ich wachte auf und lächelte.
Das war 2 Uhr nachts.
Gestern.
Dann machte es „Poff“ – wie in einem Donald Duck Comic – und das wars mit der Fruchtblase.
Fünf Handtücher später schlug ich dem großen Mann vor, wir schlafen einfach weiter.

Nicht so der kleine Mann in der Fruchtblase.
Wehe folgte auf Wehe, wurde stärker, schneller, heftiger.
Aber von drei vorhergehenden Geburten weiß ich ja – ich habe eine Wehenschwäche.
Egal, wie viele da sind – sie bringen nichts für die Geburt.
Also habe ich die Ruhe weg.
Wir bleiben so lange wie möglich zuhause, bis wir die Hebamme anrufen.
Um 6 Uhr, damit sie ausgeschlafen ist und wir mit dem Tropf im Krankenhaus anfangen können.
Wie jedesmal.
Denn eigene Wehen – kann ich ja nicht.
Ja.

Als der Mann dann gegen kurz nach 7 Uhr mit unserem Auto, in dem sich drei unausgeschlafene Kinder befanden, mit Tempo 80 über rote Ampeln mitten im Berufsverkehr durch die Innenstadt heizte, während ich harmlose Passanten aus dem geöffneten Seitenfenster anbrüllte, weil ich die Wehen nicht mehr veratmen sondern nur noch rausschreien konnte, war der Plan ja eigentlich noch, vorher einen kurzen Abstecher zur Tagesmutter zu machen, um die Kinder rauszuwerfen.
Denn: wir haben ja Zeit. Kurz vor der Kreuzung schreie ich mitten in einer Wehe den Mann also an, ja nicht abzubiegen, sondern zum Krankenhaus weiterzurasen und röhre nach wie vor wie ein brünftiger Hirsch aus dem Fenster und kneife die Beine zusammen. Ist irgendwie anders als sonst, denke ich noch so.
Am Krankenhaus angekommen herrscht der Mann die Kinder aus dem Auto, ich wanke Richtung Fahrstuhl, aus dem eine Schwester hektisch mit weitaufgerissenen Augen zwei wehrlose Rentner wieder herauszieht, nachdem sie mich, den Mann und die Kinder erblickt und uns kommentarlos hineinschiebt, einen Knopf drückt und sowas wie viel Glück wünscht.
Ich schwanke zwischen Schmerzkoma und einem fassungslosen: Ich habe doch eine Wehenschwäche.
Vor dem Kreißsaal meine Hebamme, die mich an den Händen fasst und ein bisschen komisch ansieht, neben mir Schwestern und Ärzte, die die Kinder vor den nächstbesten Fernseher führen und ein Mann, der die Tür zum Kreißsaal hinter uns schließt.

Tropf, denke ich noch, als die Hebamme bei der Untersuchung was von 9 cm murmelt.
Wehenschwäche, denke ich und verlange einen Zugang.
Dann kann die Geburt ja endlich anfangen.
Es ist kurz vor 8 Uhr.
„Ich kann da keinen Zugang legen“, murmelt die Hebamme, als ich zwischen zwei Wehen meine Hand hinstrecke.
Also Armbeuge, nachdem die erste Ader platzte.
Die Wehen kamen gefühlt alle 10 Sekunden und hielten 3 Minuten.
Der Mann hielt meinen Arm, die Hebamme versuchte im Laufen, mit der Nadel eine Ader zu treffen, während ich im Raum umherwankte, Wehen aus mir herausstöhnte und mal dringend auf Klo musste.
Wehentropf, denke ich noch.

Irgendwann ist alles voller Blut, weil die Rahmenbedingungen nun mal eher suboptimal waren, ich bekomme noch ne halbe Binde um den Arm gewickelt, damit die Nadel nicht rausrutscht und soll zum CTG.

Gute Idee, denke ich.
Mal sehen, ob man die Wehen überhaupt aufzeichnen kann oder ob sie zu schwach sind.
Aber alles, was mir an den Bauch geklemmt wird, ist der Herztonkopf für das Baby.
Wehen, denke ich noch.
Da müssen wir doch was aufzeichnen, wenn wir gleich einleiten.
Ich schreie inzwischen ununterbrochen.

Der Mann kommt irgendwie durch die Wand aus Schmerz und teilt mir mit, dass die Tagesmutter am Krankenhaus ist und die Kinder abholt.
Er würde sie jetzt runterbringen und dann wiederkommen.
Wir haben ja Zeit, denke ich.
Und frage mich halb taub, ob ich das überlebe.
Wenn wir erst mal einleiten und die Wehen schlimmer werden.

Es ist 8 Uhr.

Ich schreie mir die Seele aus dem Leib, alles triggert, alles ist furchtbar, ich falle von einem Panikanfall in den nächsten, will Schmerzmittel und höre immer nur, es ist zu spät.
Ich brülle, ich kann nicht mehr, die Hebamme brüllt mich an, ich soll die Luft anhalten und pressen, ich brülle, ich bin noch nicht so weit, der Mann kommt zur Tür reingerannt, brüllt mich auch noch an und da platscht es schon aufs Bett.

08:06 Uhr.

Wehentropf, denke ich noch, als der Mann das Baby hochnimmt.
Und irgendwann lasse ich mir von ihm die Geschichte mal erzählen, wie sie aus seiner Sicht verlaufen ist.
Nicht heute.
Vermutlich auch nicht morgen.
Aber irgendwann sicherlich.

Willkommen auf der Welt, mein närrischer kleiner Tuk.
Es ist so schön, dass es dich gibt.