Der Baby kommt, wenn der Baby soweit ist…

„Ich habe grade mit meine Frau über dich gesprochen.“, sagt der Mann meiner Hebamme in seinem wunderbaren holländischen Akzent, als er beherzt das CTG in Empfang nimmt und skeptisch darauf sieht. „Bist du schon soweit?“
Ich nicke, noch etwas müde, weil ich gerade zu den Herztönen meines Sohnes ein ganz hervorragendes Schläfchen gemacht habe, so mitten in der Arztpraxis.

„Nein, bist du nicht.“ Er zieht seine buschigen Augenbrauen hoch.
„Du bist wieder viel zu nachdenklich. Wenn du soweit bist, ist auch der Baby soweit. Und wenn der Baby noch nicht soweit ist, dann heißt das, dass du auch noch nicht bereit für den Baby bist.“ Ich ergebe mich der in meinem momentanen Zustand zwingenden Logik und hmmme so ein wenig. Keine Wehe, nichts. Tolle Werte für meine Verhältnisse und ein Arzt, der sich weigert, mich zu untersuchen. „Da ist nichts. Der Baby wartet auf dich. Es geht ihm gut.“
Ich sinke noch ein wenig tiefer in den Ledersessel und möchte einfach nur schlafen.
Er greift zum Hörer und ruft seine Frau an.
„Du wirst sie am Sonntag ja sehen. Aber der Baby ist noch nicht so weit. Und vor nächstem Mittwoch machen wir gar nichts. Wir haben Zeit. Hörst du, Liebling?“
Es wäre saukomisch, wenn ich nicht so müde wäre.
Ich schüttel seine Hand und er sagt nur: „Geh schlafen, wenn du kannst. Der Baby wartet auf dich.“

Irgendwie muss ich fast so ein bisschen weinen, aber könnte auch sein, dass da was im Auge war. Ich geh dann mal wieder ins Bett.

Von Nähanleitungen

„Legen Sie einfach beide Halbkreise mit dem Mittelpunkt links auf rechts aufeinander, festnähen. Legen Sie Quadrat A auf den Endpunkt B des Halbkreises links auf links und nähen Sie entlang der Rundung. Markierungen beachten, wenden. Nehmen Sie jetzt die ausgeschnittene Ellipse C und nähen Sie sie von Hand in die verbleibende Öffnung. Ausstopfen, Restöffnung schließen. Knöpfe als Augen aufnähen.“

Ich schwöre, ich habe GENAU das getan.
Danach hatte ich etwas, das aussah wie ein karierter Greifvogel mit Schnabelherpes. Rechts und links staksten piekige Stoffecken heraus, die dem ganzen eine sehr seltsam anmutende Form gaben. Nichts mit rund und niedlich und knuddelig. Eher so außerirdisch monströs mit Auswüchsen.
Nochmal genäht. Das Ergebnis sah schon anders aus. Nämlich noch schlechter.
Der Greifvogel hatte inzwischen einen Buckel bekommen, weil ich dachte, ein Teil falsch eingenäht zu haben und der Schnabel zeigte nach dem Ausstopfen auf die Augen.
Als ich beim dritten Mal Quadrat B auf Ellipse A und mit Halbkreis C nicht links auf rechts sondern links auf links nähte und mir beim wütenden Wenden fast mit dem Nahtauftrenner ein Auge ausstach, zweifelte ich das erste Mal an meinem Verstand.
Bei Versuch Nr. 4 erhielt ich durch Weglassen eines ganzen Nähzuschnitts plötzlich eine Flunder mit Schnabel und Augen, die mich irgendwie berührte.
Beim Versuch, das fehlende Nähteil doch noch zu installieren, brach die Nähmaschinennadel und ich nähte mit der Hand aus Versehen die Beine über dem Kopf zusammen.
Jetzt sieht es aus wie eine Kreuzung aus einer Erdbeere mit Ohren und Kermit dem Frosch.
Und hängt am Krankenhausbeutel für den kleinen Tuk.

Meine Güte, nach Anleitung kann ja jeder…
Aber wir sind vorbereitet.

Mit Liebe

Wir singen heute nicht für dich.
Weil.
Weil…
Weil mir vermutlich jede Note im Halse stecken bleiben würde.
Weil du nicht da bist.
Weil du gar nie bei uns warst, außer in diesen blutigen adrenalindurchtränkten und durchweinten Stunden. Einen Tag, eine Nacht haben wir dich bei uns gehabt.
An jenem Morgen vor 5 Jahren hatte ich einen Tag zuvor dein Herz beim Arzt schlagen sehen. Ich fühlte deine Berührungen, diese sachten ersten Flatterbewegungen im Bauch. Doch, da warst du. Du warst da.
Ersehnt, erhofft, geliebt.
Am Mittag war Erntedankgottesdienst im Kindergarten. Ich holte deine große Schwester ab und es war 14 Uhr, als wir begannen, mit unseren Händen den Kreis zu schließen, dort im sonnigen Hof an diesem wunderschönen Tag.
Und ich fühlte, das irgendetwas ganz und gar nicht okay war.
Ich nahm deine große Schwester und deinen großen Bruder, der damals noch so ein kleines Baby war, und fuhr nach Hause.
Eine Stunde später platzte die Fruchtblase und ich rief deinen Vater an.
Mit Wehen und zwei kleinen Kindern auf dem Schoß sang ich Kinderlieder gegen die Verzweiflung.
Gegen die Vernunft.
Gegen die Erkenntnis.
Du hast gewartet, bis dein Vater da war. Bis wir beide fassungslos auf dieses Wesen in unseren Händen starren konnten. Auf dich.
Der Rest des Tages versinkt in Wehen und Blut und Dunkelheit und Verzweiflung. Er gehört nicht hierher.
Auch wenn die darauffolgende Nacht das vielleicht größte stumme Versprechen zwischen deinem Vater und mir beinhaltete.
Der nächste Morgen begann neblig. Mit herbstlichen Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg bahnten. Ich trug deinen Bruder im Tuch, ganz nah bei mir. Mein Körper schrie nach einem Baby und da war eines.
Wir machten uns auf den Weg zum Fluss, auf die Insel. Auf unsere Insel. Deine.
Ihr Anblick ist vielleicht das, was mir am meisten fehlen wird, wenn wir hier wegziehen.
Wir haben sonst nichts von dir.
Einen halb ausgefüllten Mutterpass.
Ein paar Ultraschallbilder.
Erinnerung an wenige Stunden.
Was wäre wenn… die Frage stellt sich nicht.

Es gibt keine Antworten.

Herbstgaben

Und es reiht sich Geschenk an Geschenk heute.
Diese weichen hellen aufgeweckten und alten Augen einer Hebamme, die direkt und ohne Umschweife fragte: „Der Kopf ist wieder im Weg, hm?“ Und mit mir eine Stunde lang alles durchsprach, was in 9 Monaten nicht angesprochen wurde. Ja.

Die männlichen blauen wachen Augen voller Liebe und Begierde, die heute wieder etwas weiter sehen durften als die letzten Monate. Dieses Jahr war eine große Belastung für unsere Beziehung. Sie federt das ab, aber die Erschütterungen sind deutlich spürbar. Dankbar, dass wir uns dem Anfang nähern. Mit der Geburt dieses Kindes. Ja.

Die Nähe zu zwei ganz besonderen Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die auf so verschiedene Art und Weise mein Herz zum Klingen bringen. Ja.

Ja zum Leben.

Ungeschminkt

Nur so wenige Menschen, die sich ohne Maske bewegen.
Und manchmal erhält man von einem von ihnen ein Geschenk. Einen Blumenstrauß oder manchmal auch nur eine Wiesenblume, geformt aus einem Wort, einem Satz…
Jeder andere, der diesen Satz genauso gesagt hätte, wäre nicht bis zum Herzen gekommen.

Kostbarkeiten. Danke. ♥

Ablage

Im Grunde hab ich angefangen, wieder hier zu bloggen, weil ich irgendetwas Bekanntes brauchte, um mich daran entlang zu hangeln. Irgendetwas, das mir durch 9 Monate Schwangerschaft nach den ganzen Fehlgeburten helfen würde. So hoffte ich zumindest, dass es 9 Monate werden würden. Und nun sind sie es.
Ich scheue mich nach wie vor, Blogkategorien anzulegen oder gar zu archivieren. Der erste Eintrag ist der vom Tag des Schwangerschaftstests und es käme mir seltsam vor, vor dem Tag der Geburt die Beiträge zu archivieren, auch wenn es eine arg lange Seite geworden ist.
Absurde Gedankengänge, diese.
Ich bin misstrauisch.
Abergläubisch?
Zutiefst misstrauisch jedenfalls. Als wir uns vor fünf Jahren ein neues Auto kauften, weil ich im vierten Monat schwanger war, kam exakt eine Woche später zur selben Uhrzeit unsere Tochter tot zur Welt. So blöde Dinge, an die man sich erinnert.  Was an Kinderkleidung noch fehlte, habe ich in den letzten Wochen mit Todesverachtung gekauft, gewaschen und in den Schrank gepackt. Hauptsache weg. Ich weiß nicht, ob man so wird. Ich bin so geworden. Und ich weiß nicht, ob es ein guter Weg ist. Ich gehe ihn schon eine ganze Weile und vieles heilt.
Langsam.

Mode

„Die Jacke will ich.“

– Kind, damit sieht man aus wie ein Papagei in der Mauser, den man mit Alufolie umwickelt hat!

„JA! Soooooooo schön!“

[Ist ja nicht so, dass ich nie glänzende Steppjacken getragen hätte]

Seelenqual

Da liege ich Nacht für Nacht in der Dunkelheit und es ziehen Bilder an meinen Augen vorbei. Bilder von Folter, Demütigungen, Vergewaltigungen, Missbrauch, Schändung, Tötung.
Ich zittere und egal, wie sehr ich meine Wärter anflehe, mir den ersehnten Schutz in der Vergessenheit meiner kleinen Truhe zu gewähren – sie ignorieren mich. Seit über einem Jahr nun schon, wenngleich es ein schleichender Prozess war. Es fing an, die einzelnen Splitter meiner Seele nicht mehr spüren zu können. Keinen Zusammenhalt mehr. Keine Gemeinschaft. Aus einer Gemeinschaft wurde eine Einheit. Psychologen würden jubeln ob diesen Erfolges, ich stehe alleingelassen in der Mitte, die keine mehr ist. Ich muss die Bilder ertragen. Aushalten. Weil ich es kann. Benötige ich keinen Schutz mehr? Nicht einmal mehr hier? In meinem Innern? Wo sind sie denn alle hin, die mich durch 30 Jahre Leben getragen haben? Die aus ihrem Schlaf fuhren, wenn ich nicht mehr konnte oder die Erinnerungen so unerträglich wurden, dass ich nur noch schreiend ins innerste Dunkel geleitet wurde, wo ich schlafen durfte? Manchmal für Stunden nur, für Minuten gar, manchmal für Tage oder Wochen.
Bin ich soweit? Endziel, sagte der Psychologe damals. Einigung.
Ich spüre keine Einheit. Nur Einsamkeit. Alleingelassen mit allen Problemen und Erinnerungen, die das Leben mir mit auf den Weg gegeben hat. Alle Trigger funktionieren noch, nur dass sie mich nicht mehr in die Dunkelheit katapultieren, damit ein anderer Seelensplitter aushalten kann, sondern mich allein im gleißenden Licht stehen lassen. Inmitten von Blutlachen und Hilflosigkeit.
Vor einigen Tagen, da war der Drang wieder so groß, in die Haut zu schneiden. Tief. Ich habe gehofft, ich würde sie damit rufen können.
Allein im Badezimmer wurde mir klar, dass das nicht passieren würde. Weil sie schon da sind. In mir. Es würgt mich, wenn ich daran denke, die nächsten Jahrzehnte so verbringen zu müssen. In und mit mir allein. Wie geht das?

Nachts, wenn der Alltag zur Ruhe kommt, ziehen diese Sequenzen an mir vorbei. Zwischen Adrenalin und Panikanfall überlege ich mir wie jeden Tag, wen ich schützen kann. Wen ich zurücklassen muss, wenn jetzt, nun, die Tür aufgebrochen werden würde. Wieviel ich mit dem Bauch und dem Baby verteidigen könnte. Hilflosigkeit, das immerwährende Thema. Nichts tun zu können gegen die Qual und den Schmerz und den Sadismus. Gefesselt zusehen müssen, wie ein Tier angebunden jeden Schmerz ertragen zu müssen. Zur Befriedigung der anderen. Und nun stehe ich wieder vor einer Geburt, die mir abverlangt, zu ebensolchem körperlichen Schmerz Ja sagen zu müssen. Ja. Einfach nur ja. Kein Kampf, keine Abwehr, sich nur in die Hilflosigkeit der Schmerzen zu ergeben, um dem Körper die Möglichkeit zu geben, in vollkommener Entspannung ein Kind zu gebären.
Vertrauen, während jede Zelle meines Körpers die gespeicherten Schmerzerinnerungen abruft und in mein Gehirn damit überflutet. Alle werden sie wieder dastehen. Alle, denen ich den Rücken gekehrt habe.
Und wo ich jeden Tag aufs Neue Nein sagen kann, muss ich Ja sagen zu diesen Bildern, sie einstürmen lassen auf mich, um mein Baby auf diese Welt zu bringen.

Gebären heißt ja sagen, bedingungslos, schrieb mir diese besondere Frau heute Morgen, die schon so viele Türen in meinem Inneren geöffnet hat.

Ja sagen. Nicht nur zur Geburt. Nicht nur zu den Erinnerungen.
Auch zu mir. Vielleicht nur zu mir.

Bah.

Wie kann man sich nur so grauenhaft fühlen?

Großes Kind zu Fuß zur Schule geschickt, unser Zeitplan ist mit meinem 8maligen Ausschalten des Weckers ein wenig in Verzug geraten, würgend vor dem Kühlschrank gestanden, weil Essen so widerwärtig ist und ihr dann doch lieber Geld für den Bäcker mitgegeben.

Muss heute mal so gehen. Ob und wann ich es schaffe, die Kleinen in den Kindergarten zu bringen – keine Ahnung. Ich muss dafür das Auto nehmen und eine viertel Stunde fahren. Und pro Weg sechs Treppen bewältigen. Meine Wöchel sind keine mehr, meine Beine erinnern mich an ein schmerzhaftes  Zwischenstadium aus Elephantiasis und Jabba the Hutt.
Meine Körpermitte auch, aber die wird wohl erst nach der Geburt ihre wahre grässliche Fratze zeigen. Ich könnte zur gedanklichen Erleichterung und Depressionsbekämpfung was Lustiges über unseren Besuch bei Tagesmutter Nr.2 schreiben, aber ich würde dabei sämtliche Vorurteile über Ausländer, dumme Frauen, Hartz IV und kevinistische Namensgebung bei Kindern aus der untersten Schublade meines Gehirns kramen. Und es live zu erleben, hat mir gestern eigentlich auch schon den Rest gegeben.
Immerhin war sie … nett. Und da wir privat zahlen werden, war sie noch mal … netter. Mit Geld kann man eben alles kaufen. Auch die gute Behandlung von Kindern.

Außerdem war das gegrillte Hähnchen vermutlich schlecht, das ich in einer schlimmen Heißhungerattacke gestern eingeatmet habe. Oder es lag an dem halben Kilo Mayonnaise dazu, dass ich mich ein wenig unwohl fühle. Ich würd das Baby gerne einfach hier zuhause bekommen. Am besten nächsten Dienstagmorgen, wenn Kinder in Kindergarten und Schule sind – da haben wir sechs Stunden Zeit. Kein Problem.
Die Verzweiflung ist groß, zur Zeit. Ich kann das nicht. Ich bin nicht bereit, das Restrisiko zu tragen. Und außer mir tut es keiner. Wehenschwäche, 9. Schwangerschaft, Plazenta über der Kaiserschnittnarbe, die Erinnerung daran, wie lila die Motte nach der Geburt war, weil die Nabelschnur um ihren Hals gewickelt war… Nein. Das Herz ist schwer, weil ich mir einen Abschied wünsche. Einen Abschied von dieser Zeit – dem Kinderkriegen. Einen würdigen Abschied. Ich bekomme es nicht hin. Es ist alles furchtbar und grausam und voller Verzweiflung in mir. Ohne Halt.

Ich rudere verzweifelt mit den Armen, möchte festgehalten werden, suche meinen Fels in der Brandung und finde.. nichts. Es muss aus mir heraus kommen. Und ich finde es nicht. Es hat nichts von Selbstbestimmung, beim ersten Anzeichen von Geburtsbeginn an einen Tropf gehängt zu werden und in einen Hochleistungsmarathon der Schmerzen einzusteigen. Ich kenne normalen Wehenschmerz und ich kenne Wehentropf. Auch Dauerwehen. Die Alternative lautet, sich nach mehreren Tagen völliger Entkräftung womöglich wieder einem Kaiserschnitt aussetzen zu müssen. Nein. Nein. Nein. Nein. Dann lieber Augen zu und durch. Ich missbrauche meinen Körper. In vielerlei Hinsicht. Vielleicht ist die zwanghaft herbeigeführte Geburt das schlimmste Verbrechen an ihm. Vielleicht ist es die falsche Entscheidung. Vielleicht werde ich das nie erfahren. Vielleicht ist es einfach nur wie es ist.

Die Entscheidung, diesen Körper kein Baby mehr austragen zu lassen, schenkt mir unglaublich viel inneren Frieden. Mehr, als ich jemals für möglich gehalten habe. Die Sehnsucht – sie bleibt. Wir nehmen sie mit. Vielleicht ist es nicht unser letztes Kind, aber es ist definitiv das letzte Kind, das dieser Körper gebären wird. Diese Tatsache ist das Einzige, das mich noch Schritte vorwärts gehen lässt. Nicht mehr lange, nicht mehr viel, der Weg ist nicht mehr weit.

Ich schaffe das. Ich gehe diese letzten verdammten Schritte jetzt auch noch. Und dann darf es gut sein.